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  • DE-28329 Bremen, DE-28195 Bremen
  • 09/2018
  • Ergebnis
  • (ID 2-318135)

Neubau eines Fernbusterminals in Bremen


  • 3. Anerkennung

    ENSEMBLE Fernbusterminal, © WESTPHAL ARCHITEKTEN BDA

    Architekten
    WESTPHAL ARCHITEKTEN BDA, Bremen (DE) Büroprofil

    Verfasser
    Jost Westphal

    Mitarbeit
    Manuel Kämmerer, Paul Kern

    In Zusammenarbeit mit:
    Tragwerksplaner: DREWES + SPETH, Beratende Ingenieure im Bauwesen Partnerschaftsgesellschaft mbB, Hannover (DE)

    Preisgeld
    7.000 EUR

    Erläuterungstext
    In Kooperation mit:

    NSP Landschaftsarchitekten, Hannover
    Drewes + Speth, Hannover
    BPR Künne + Partner, Bremen


    1. STÄDTEBAU

    Das Ensemble für das neue Fernbusterminal in Bremen ist erst der Anfang für ein Quartier, welches noch eins werden will. Deshalb wählen wir ein kraftvolles Bild, welches ein impulsgebender Auftakt für die Weiterentwicklung an diesem innenstadtnahen Standort ist. Die baukörperlichen Vorgaben aus der städtebaulichen Studie erscheinen uns sinnvoll, bedürfen aber der Stärkung folgender konzeptioneller Ansätze:

    - Erhöhung des Hotels
    - materiale Verwandtschaft aller drei Gebäudetypologien
    - Stärkung der Erdgeschosszonen durch Ausbildung durchgängiger Arkaden
    - Entwicklung eines starken gestalterischen Leitbildes für alle drei Typologien Hotel,
    Parkhaus und Überdachung

    2. ÖFFENTLICHKEIT UND ERSCHLIESSUNG

    Das Hotel als adressbildender Baukörper vom neuen Quartier am Fernbusterminal bietet seine Zuwegung über ein großzügiges Foyer nach Süden und Osten an. Somit wird der öffentliche Charakter des Quartiersauftaktes gestärkt und setzt sich linear fort in der Arkadenausbildung vom Parkhaus. Eine eingeschossige Arkadenausbildung verbindet Hotel und Parkhaus und verdeutlicht diesen öffentlichen Charakter der an das Terminal angrenzenden Funktionen. Das Parkhaus verdeutlicht die öffentliche Nutzung des Erdgeschosses durch die Arkadenfortsetzung vom Hotel an der Südseite. Als Vorzone zu den dahinter befindlichen Funktions- und Warteräumen der Busgäste bietet es auch hier Wetterschutz für ankommende, wartende oder abfahrende Gäste. Auch die vertikale Erschließung in das Parkhaus entwickelt sich aus diesen Arkadenvorzonen. Ergänzend zur hochöffentlichen Südseite bietet aber auch die Nordseite des Hotelbaukörpers eine Erschließung und Adresse an, um die obersten Geschosse der Appartementwohnungen separat zu erschließen. Die notwendige Hotelvorfahrt ist an dieser Stelle gewährleistet, jegliche Gefahr einer Rückseitenbildung wird unterbunden.

    3. GESTALTERISCHES LEITBILD

    Alle drei Baukörper, Hotel, Parkhaus und Überdachung des Terminals, folgen in ihrem gestalterischen Leitbild dem Thema der Faltung: trotz unterschiedlichster Typologie gliedert die grundrissliche Faltung entsprechend der jeweiligen Achsmasse den baukörperlichen und morphologischen Ausdruck und verleiht ihnen eine ausdrucksstarke Plastizität. Diese wir akzentuiert durch die formale Übersteigerung in der Attika, wodurch die Gestaltungsprinzipien auch in der Horizontalen ablesbar werden. Das Terminaldach entwickelt darüber hinaus aus diesen Prinzipien seine konstruktiv - logische Struktur und zeigt sich als räumliches Faltwerk in drei Dimensionen, formal analog zu den benachbarten Baukörpern.

    4. FASSADEN

    Zwei Materialien prägen das Ensemble um das neue Fernbusterminal: Backstein und Beton. Die Baukörper vom Hotel und Parkhaus erhalten eine Backsteinfassade, die die gefalteten Baukörper in handwerklicher Ausdruckskraft und Plastizität bekleiden. Ergänzend erhalten die Baukörper eine Erdgeschosszone sowie horizontale Lisenen und Fensterfaschen aus Sichtbeton. Die ungedämmte Fassade des Parkhauses ist offen und natürlich durchlüftet aus versetzt gemauerten Steinen, somit erhält der Innenraum natürliches Tageslicht und die Fassade eine durchlässige Erscheinung.
    Das Faltwerk des Fernbusterminaldaches ist ganzheitlich aus Stahlbeton entwickelt. Somit erhalten alle öffentlichen Erdgeschosszonen die gestalterische Integrität des hochwertig geschalten, hellen Sichtbetons und alle darüber befindlichen Fassadenanteile werden mit Backstein verkleidet.

    Auch in der formalen Ausprägung der Stützen zeigt sich die gestalterische Durchgängigkeit: eine konische Ausprägung bzw. leichte Neigung in den erdgeschossigen, öffentlichen Arkaden sowie den Dachstützen vermittelt das Gestaltungskonzept des Ensembles bei unterschiedlichsten Funktionen. Diese leichte Neigung befolgt gleichermaßen einem idealisierten Kräfteverlauf der Dachkonstruktion, zeigt aber auch morphologische Weiterentwicklungen historischer Zitate in den Arkadengängen.

    5. AUSSENANLAGEN

    Entwickelt aus dem urbanen und landschaftlichen Kontext und im Zusammenspiel mit den hochbaulichen Strukturen entsteht ein robustes, entwicklungsfähiges Freiraumkonzept, ein Ensemble mit prägender Identität und eigener Charakteristik. Der vorgeschlagene durchgängige Belag aus Betonwerkstein in changierenden Grautönen bildet einen einheitlichen „Teppich" für die drei Stadtbausteine Hotel, Parkhaus und Fernbusterminal. Ein in den Belag integriertes taktiles Leitsystem sorgt für eine barrierefreie Durchquerung des Raumes. Hölzerne Sitzpodeste an den jeweiligen Haltestellen bietet Aufenthaltsflächen für die Wartenden.
    Im lichten Schatten der Gehölze zwischen Hotel und Parkhaus mit Ticketschalter entsteht ein Ort, der zum Treffpunkt für alle wird. Hier befinden sich auch Fahrradstellplätze und nördlich davon die Vorfahrt für Taxen.

    6. STATIK VON HOTEL, PARKHAUS UND ÜBERDACHUNG

    6.1 STATIK HOTEL

    Die Konstruktion des Hotelgebäudes kann zeit- und kostensparend mit Stahlbetonhalbfertigteildecken hergestellt werden. Die Deckenstärke ergibt sich bei den Spannweiten zu 200mm. Außenwände, Flur- und Treppenraumwände werden für den vertikalen Lastabtrag in mineralischer Bauweise hergestellt. Die Zimmer werden durch leichte, hoch schallisolierende Wände getrennt. Im EG und 1. OG ersetzen Rundstützen einige der tragenden Flurwände und erlauben damit das großzügige Raumangebot.

    6.2 STATIK PARKHAUS

    Die Konstruktion des Parkhauses ist zur Ausführung in Stahl-Verbundbauweise konzipiert. Überhöht hergestellte Stahlträger bilden zusammen mit Stahlbetonhalbfertigteilplatten ein effizientes Verbundsystem, welches die Fahrgassen und Parkzonen stützenfrei überspannt. Die Treppenkerne werden in Stahlbetonbauart hergestellt, die räumliche Aussteifung erfolgt über Diagonalverbände in den Außenfassaden. Die im Erdgeschoss angeordneten Serviceräume werden in Stahlbetonbauart ausgeführt, die Lasten der Parkdecks werden über die Wände und auskömmlich hoch gestaltete Randträger in den
    Baugrund abgetragen.

    6.3 STATIK ÜBERDACHUNG FERNBUSTERMINAL

    Der Fernbusterminal wird von einem Stahlbetondach mit integrierten Oberlichtern überdacht. Die Formgebung der Struktur folgt dem Prinzip eines Faltwerks, welches sich aus zehn geometrisch gleichen Modulen zusammensetzt. Jedes Modul wird von zwei Stahlbetonstützen mit veränderlicher viereckiger Querschnittsform getragen. Während die äußeren Module vollständig geschlossen sind, werden bei den acht Innenmodulen die Mittelflächen durch feine Lichtschlitze gegliedert.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Der städtebaulich und architektonisch konsequent durchgearbeitete Beitrag überzeugt durch seine kraftvolle Ensemblewirkung. Das Thema der Faltung ist entwurfsprägend. Dieses findet sich in vertikaler Form in den gefalteten Backsteinfassaden, die den Expressionismus der 1920er Jahre in zeitgemäßer Form zitieren. In dem Dach des Fernbusterminals wird das gestalterische Prinzip durch die Ausprägung einer in der Horizontalen gefalteten Raumstruktur aus Beton überzeugend aufgegriffen.
    Die Ensemblewirkung wird durch die materielle Verwandtschaft der drei Baukörper noch gestärkt. Vorherrschend ist Torfbrandklinker, der in den Fassaden des Hotels und der Hochgarage Anwendung finden soll. Die Ausformulierung der Fassaden der unteren Ge-schosse, also der wahrnehmbaren Eingangsebenen, in Beton entfaltet im Zusammenspiel mit dem Betondach des Terminals eine gleichzeitig einladende und kraftvolle Geste.
    Durch die Abschrägung des Daches wird sowohl in Richtung Hugo-Schauinslandplatz als auch in Richtung Breitenweg eine räumlich überzeugende und einladende Geste formuliert. Kontrovers diskutiert wird das architektonische Zusammenspiel des Daches mit den dahinterliegenden Fassaden. Während der Ausblick aus dem im 1. OG situierten Früh-stücksraums weiterhin möglich ist, schiebt sich das Dach von außen nicht ganz überzeugend vor die Hotelfassade. Mit Blick auf die Funktionalität ist anzumerken, dass das Dach zu hoch ist, um auch in den Randbereichen einen ausreichenden Witterungsschutz zu gewährleisten. Diskutiert wird, ob die für die Hochgarage vorgeschlagene hochwertige Materialität die angemessene Antwort ist.
    Positiv wird die Ausbildung der Fuge im Erdgeschoss beurteilt. Die sehr großzügigen, unter-schiedlich tiefen Arkaden machen den Reisenden ein interessantes räumliches Angebot zum Verweilen. Die sich daran anschließenden Funktionseinheiten sind funktional gut dimensioniert. Während die separate Zufahrt zu den sehr zahlreichen Kiss+Ride Stellplätze überzeugt, ist die Organisation, d.h. die fehlende Wendemöglichkeit ein funktionaler, aber ggf. behebbarer Mangel.
    Die Jury stellt insbesondere die städtebauliche Herleitung des in sich logisch komponierten und funktional gut entwickelten Ensembles in Frage. Nach Auffassung der Jury finden sich weder in den benachbarten Gebäuden noch in der stadträumlichen Verortung überzeugende Anknüpfungspunkte für die auch ein wenig manieristische Haltung.
    Insgesamt würdigt die Jury die Arbeit als einen engagierten, architektonisch konsequent durchgearbeiteten Beitrag, der den Stadtraum jedoch nicht überzeugend besetzen kann.