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  • DE-68165 Mannheim
  • 11/2018
  • Ergebnis
  • (ID 2-308426)

Neubau „Grünes Erlebniszentrum im Luisenpark“ in Mannheim


  • 1. Preis

    Gastronomie am Parksee, © Bez + Kock Architekten

    Architekten
    Bez+Kock Architekten Generalplaner GmbH, Stuttgart (DE) Büroprofil

    In Zusammenarbeit mit:
    Landschaftsarchitekten: Koeber Landschaftsarchitektur GmbH, Stuttgart (DE)
    Modellbauer: Architekturmodelle Boris Degen, Esslingen (DE), Stuttgart (DE)
    Bauingenieure: wh-p Ingenieure, Stuttgart (DE), Basel (CH), Berlin (DE)

    Preisgeld
    60.000 EUR

    Erläuterungstext
    LEITBILD – BEWEGTE DÄCHER ALS TEIL DER LANDSCHAFT
    Die große Aufenthaltsqualität des Luisenparks beruht auf der Tatsache, dass die beeindruckenden landschaftlichen Elemente die baulichen Elemente in den Hintergrund treten lassen. Aus diesem Grunde schlagen wir vor, die anstehenden Neubaumaßnahmen nicht als Gebäude im klassischen Sinne, sondern als frei geformte organische Teile der Parklandschaft zu entwickeln.
    Mit großzügigem Schwung fügt sich die leichte Dachkonstruktion in den Luisenpark ein und wird von der umgebenden Landschaft umspielt. Unter dem auf dünnen Stützen ruhenden Dach werden die neu zu schaffenden Räumlichkeiten als geschosshoch verglaste Pavillons platziert. Weit auskragende Vordächer bieten den Besuchern Schutz vor Sonne und Regen.
    Die Gebäude sind in Konstruktion und Grundrisstypologie transparent und durchlässig konzipiert, so dass Haus und Landschaft, Außenraum und Innenraum miteinander verschmelzen können. Es entstehen fließende Wegebeziehungen um die Häuser herum und durch die Häuser hindurch.
    Durch die Beschränkung der gesamten Baumaßnahme auf ein einziges oberirdisches Geschoss sind die bestehenden Bäume zumeist höher als die neuen Dächer, ihre Äste kragen über die Häuser hinweg.
    Der gesamte neugestaltete Bereich rund um das östliche Ende des Kutzerweihers erhält durch die Implementierung der amöbenartigen Gebäudefamilie ein zeitgemäßes und unverwechselbares Gesicht mit identitätsstiftender Ensemblewirkung.

    PHASE 1- ENSEMBLE AM PLATANENHAIN
    In einem ersten Bauabschnitt entstehen das Freizeithaus, die grüne Schule und die Gastronomie, welche sich um den vorhandenen prächtigen Platanenhain herum gruppieren.
    Die grüne Schule wird unmittelbar am Fuß des grünen Hügels errichtet und orientiert sich mit ihren großen Seminar- und Tagungsräumen direkt zum See hin, eine großzügige Sitztreppenlandschaft stellt die räumliche Verbindung von Haus und Wasser her. Durch seine drei Zugänge ist der Neubau optimal mit dem Wegenetz des Parks verknüpft.
    Das vielfältig bespielbare Foyer des Freizeithauses ist vom Platanenhain aus zugänglich. Von einem freistehenden kreisrunden Servicekern aus werden die umgebenden Bereiche mit Spiel- und Bastelmaterial, sowie mit Essen versorgt, so dass hier eine belebte Freizeitlandschaft entsteht. Bewegungs- und Gruppenräume werden direkt aus dem Foyer erschlossen und orientieren sich zur Südseite.
    Der zugehörige Gastronomiebereich ist als unabhängigerer Pavillon unter einem gemeinsamen Dach mit dem Freizeithaus angeordnet. Der zum Platanenhain blickende Speisesaal ist ähnlich einer Orangerie zu drei Seiten hin transparent ausgebildet und kann im Sommerhalbjahr ins Freie erweitert werden. Die zugehörigen Nebenräume bilden einen kompakten Rücken auf der Ostseite des Hauses. Der Grillplatz wird zwischen Freizeithaus und Gastronomie unter einer runden Öffnung in der Dachfläche neu platziert.
    Eine neu erstellte Fussgängerbrücke verbindet die drei Häuser über den Kuznerweiher hinweg mit dem nördlichen und westlichen Teil des Luisenparks.

    PHASE 2 – EIN HAUS AM SEE
    Durch den Abbruch des Betriebshofes ergibt sich die große Chance das Areal östlich der Pflanzenschauhäuser mit starkem Blickbezug zum angrenzenden Kutzerweiher neu zu ordnen.
    Unter Ausnutzung der vorhandenen Topographie entstehen hier zwei gestaffelte Ebenen für die Besucher. Die untere Ebene knüpft an das Niveau des Seeufers an und schafft eine neu gestaltete Uferpromenade entlang der das Aquarium und die Pinguinanlage besucht werden. Die obere Ebene hingegen greift die Höhenlage der Pflanzenschauhäuser auf, hier finden Shop, Gastronomie und die Volieren ihren neuen Ort. Am Höhenversatz der beiden Ebenen ergibt sich eine reizvolle bastionsartige Terrasse für die Außengastronomie mit schönem Blick über den tiefer liegenden Parksee.
    Von der Festhalle im Süden kommend formulieren die Gastronomie und der überdeckte Freibereich ein attraktives und einladendes Gesicht für den Zugang ins Gebäude. Aus dem zentralen Foyer heraus werden die beiden Gastbereiche im Süden und Osten, sowie der Shop im Norden erschlossen, so dass hier vielfältige Synergien möglich sind. Der Shop liegt unmittelbar an der vielfrequentierten Ost-Westachse zwischen Pflanzenschauhäusern und Kutzerweiher. Die dienenden Räume sind auf der Westseite gebündelt. Das weit nach Osten hin auskragende Vordach und die konkave Grundrisskontur schaffen eine vor Wind, Sonne und Wetter geschützte Situation für die Außengastronomie.
    Eine breite Treppenanlage mit Sitzmöglichkeit führt hinunter zum Ufer des Sees. Hier können in einem neu gestalteten Pavillon Fahrscheine für die Bootsfahrt erworben werden.
    Durch einen Schlupf in der Stützmauer hindurch gelangen die Besucher hinab in das Aquarium, welches direkt unterhalb des Restaurants in die Topographie eingelassen ist. Das Aquarium ist als grottenähnlicher Dunkelraum konzipiert, um die leuchtenden Aquarien optimal zu inszenieren. Der Besuch erfolgt als polygonal mäandrierender Rundgang, wobei der südliche Teilbereich als großflächige Eventfläche separierbar ist. Die Nebenräume befinden sich in kompakter Anordnung auf der West- und Nordseite und sind für die Besucher nicht einsehbar. Die Andienung erfolgt auf der Nordseite.
    Die neue Pinguinanlage wird vom Uferweg aus betrachtet, die Stützmauer aus Naturstein bildet einen reizvollen Hintergrund für die Gestaltung des Geheges.
    Die Volieren schließen auf der oberen Ebene nördlich der Ost-West-Wegeverbindung an. Sie sind als filigrane Seilnetzkonstruktionen in zwei großformatige Öffnungen in der Dachfläche eingelassen. Der Besucher kann zwischen einem Weg durch die Volieren und einer Betrachtung der Tiere von der Außenseite der Voliere wählen. Das passepartoutartig um die Volieren umlaufende Dach bietet Wetterschutz.

    PHASE 3 – BEWAHREN UND BEHUTSAMES ERNEUERN
    Die bestehenden Pflanzenschauhäuser werden substanzschonend umgestaltet. Dabei wird vorgeschlagen die Weinstube und die Ruheräume zu den wunderschönen Seerosenbecken auf der Westseite des Hauses zu orientieren. Hier kann ein etwas ruhigerer Rückzugsbereich entstehen, der sich vorwiegend an die etwas älteren Besucher des Gartens richtet.
    An zentraler Stelle wird eine Wegeachse in Ost-West-Richtung geschaffen, die die Pflanzenschauhäuser quert und über eine breite Treppenanlage den Zugang zum tiefer liegenden Kutzerweiher ermöglicht. An diese Querung angelagert wird ein neues Foyer mit Innenhof für die Lisztaffen, welches die Orientierung im Schauhaus erleichtert.
    Die Terrarien am südlichen Ende werden behutsam erneuert, der Südamerikabereich an zentraler Stelle zusammengeführt. Entlang des Rundweges werden den Besuchern Sitzmöglichkeiten zum Verweilen vorgesehen.
    Der bestehende Indoorspielplatz auf der Ostseite des Hauses wird in seiner Bauflucht nach Süden hin verlängert und arrondiert so die bauliche Situation nach dem Abbruch der Wirtschaftsgebäude. Er ist als offene, topographisch geformte Spielelandschaft unter dem Glasdach konzipiert. Der südliche Teil des Hauses ist dabei den älteren Kindern vorbehalten.

    PHASE 4 – DIE WELT DER INSEKTEN
    Als abschließender Baustein wird das neue Insektarium errichtet. In Analogie zu den vorherigen Bauetappen wird das Dach des Gastronomiebaukörpers nach Norden hin erweitert und schafft so Raum für die Welt der Insekten.
    In eine offene Raumsequenz wird eine kreisförmige Multimediabox eingestellt, deren Außenseite mit vielfältigen Informationen zur Geschichte der Insekten bespielt wird, die vom gläsernen Umgang aus betrachtet werden können. An einer Stelle ist der Zugang zur Multimediabox möglich, hier können großformatige 3D-Visualisierungen durchgeführt werden. Die übrige Fläche des Hauses ist als offener Bereich für interaktives Edutainment konzipiert.

    DIE AUSSEN-/INNENANLAGEN
    Ist bei konventionellen Gebäuden die Trennlinie zwischen den Außen- und Innenräumen scharf an der Fassade vollzogen, so ist das beim grünen Erlebniszentrum nicht so einfach nachzuvollziehen. Aus dem Duktus des Luisenpark wird eine artifizielle Landschaft entwickelt, die durch die Gebäude hindurchfließt. Die organischen Formen sind eine harmonische Aneinanderreihung von Kreisabschnitten unterschiedlicher Radien. Der Kreis als Grundobjekt der euklidischen Geometrie ist zugleich Symbol für Lebensgemeinschaften und Wirkungskreisläufe der Ökologie und eignet sich demnach gut zur Darstellung von Lebensräumen der präsentierten Fauna. Die Möblierung, die Belagsgestaltung und die Form der Stufen und Treppen folgen dem Gestaltungsprinzip. Die Vegetation ist locker und naturnah gehalten. Stauden- und Gräserteppiche, Solitärbäume und Baumhaine spielen um und durch die Architektur. Einzig die zwei Baumdächer aus Schnittplatanen stellen grüne Orientierungspunkte her.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Die Verfasser schlagen für den 1. bis 4. Bauabschnitt leichte, geschwungene
    Dächer vor, die von der Landschaft des Luisenparks umspielt werden. Unter
    diesen Dächern werden 1-geschoßige, amöbenformige Gebäude angeordnet.
    Die Dächer bilden das durchgängige Gestaltungsthema und bieten gleichzeitig
    überdachte Übergänge zwischen den verschiedenen Baukörpern sowie sonnen-
    und regengeschützte Außenräume im Freien.
    Durch die flexiblen, beweglichen Formen gelingt es dem Verfasser, die Baukörper
    sensibel und topografisch geschickt in die Parklandschaft einzubetten.
    Vorhandene Sichtachsen werden aufgegriffen. Die Parklandschaft fließt in die
    Zwischenbereiche ein bzw. durch sie hindurch.
    Durch die Auflösung der geforderten Baumasse in mehrere Baukörper entstehen
    helle Innenräume, die der amorphen Form zufolge in einigen Fällen jedoch
    schwierige Zuschnitte erhalten.
    Der 1. Bauabschnitt ist komplett 1-geschoßig und erstreckt sich auf der Parkebene.
    Die Gastronomie des 1. Bauabschnitts wird nicht am Wasser, sondern
    der Spielwiese zugewandt angeordnet. Der Platz am Wasser wird der grünen
    Schule zugesprochen. Diese Anordnung der Funktionen wird von den Nutzern
    begrüßt.
    Das östliche Ufer des Kutzerweihers bleibt naturbelassen.
    Für den 2. Bauabschnitt wird ein sich der gleichen Formensprache bedienendes
    Pendant zum 1. BA gebildet, das später auch bis zum 4. Bauabschnitt
    fortgeführt wird.
    Auf der Parkebene befinden sich Restaurant und Shop, die Aquarien werden
    im Untergeschoß auf der Seeebene vorgeschlagen. Der direkte Zugang zu
    den Aquarien von der Seepromenade aus wird begrüßt, ist aber in seiner Ausgestaltung
    verbesserungsfähig. Das Dach und die Baukörper rücken zu nahe
    ans Wasser heran, die westliche Uferzone wird als zu schmal empfunden.
    Die Phase 3 sieht eine Erweiterung des Bestands vor, die die vorhandene
    Baustruktur aufgreift und baulich unauffällig fortführt. Phase 4, das Insektenhaus,
    wird durch das fortgeführte geschwungene Dach, das auch die Voliere
    beinhaltet, mit der Phase 2 verbunden.
    Der hohe Versiegelungsgrad des Geländes, der nur teilweise durch die Dachbegrünung
    kompensiert werden kann, wird diskutiert. Dagegen stehen aber
    die Vorteile der Überdachungen in Sinne eines ‚Ganzjahresparks‘.
    Die Flächenbilanz des Entwurfs befindet sich für den 1. BA im unteren Bereich,
    für die weiteren Bauabschnitte werden zu viele Flächen angeboten. Bei
    einer möglichen Weiterbearbeitung ist dies zu überprüfen und zu korrigieren.
    Die Arbeit leistet einen spannenden und eleganten Beitrag und bietet eine
    Formensprache an, die in weiteren Bereichen des Luisenparks Verwendung
    finden könnte.