loading
  • DE-23554 Lübeck
  • 11/2018
  • Ergebnis
  • (ID 2-321600)

Nördliche Wallhalbinsel in der Hansestadt Lübeck


  • 3. Rang

    Entrée und Südlicher Wallplatz, © ter Balk Landschaftsarchitekt BDLA + kfs Architekten BDA

    Landschaftsarchitekten
    ter Balk Landschaftsarchitekt BDLA, Lübeck (DE) Büroprofil

    Verfasser
    Gunnar ter Balk

    Mitarbeit
    Johann Laudan

    In Zusammenarbeit mit:
    Architekten: kfs Architekten BDA Feyerabend Sippel Partnerschaft, Lübeck (DE)

    Erläuterungstext
    Die Nördliche Wallhalbinsel gehört zum engsten Pufferzonenbereich des UNESCO-Welterbes „Lübecker Altstadt“. Dies verlangt eine besondere Sensibilität von den Entwurfsverfassern. Die Leitidee des Konzeptes basiert auf der bereits vor 125 Jahren erfolgten Ausformung des Geländes mit den Hafenschuppen, den Gleisen sowie dem Granitpflaster in den ursprünglichen Mischverkehrsflächen. Dies wird sowohl mit den beiden neuen Gebäuden als auch in der Freiraumplanung konsequent aufgegriffen und weiterentwickelt.

    An der neuen Zufahrt zur Halbinsel entsteht ein Eingangsplatz, der an zwei Seiten von Neubauten gefasst wird. Das neue Hotel bildet mit einer großen Giebelseite und einem dreigeschossigen „Stadtfenster“ eine kräftige Platzfassade aus. Das Medienhaus nimmt den diagonalen Anschnitt des Platzes durch die Marienstraße/Willy-Brandt-Allee auf und wendet sich dem Platz zu.

    Die historischen Schuppen und Speicher sind wirtschaftlich rechtwinklig organisiert und nur an wenigen Stellen der Schienenkrümmung angepasst. Die Neubauten nehmen diese Ansätze auf und interpretieren sie der neuen Nutzung gemäß neu. Dadurch bekommen die Baukörper besonders im Erdgeschoss ihre markante unverwechselbare Figur. Zum einen durch die Ausrundung der Außenwände, den Gleisen folgend, zum anderen durch den Gleisfächer, der mitten durch’s Foyer des Medienhauses hindurch läuft.

    Das Hotel erhält ein rechteckiges Sockelgeschoss, das an einer Seite durch den Schienenbogen begrenzt wird. Darauf lagert ein L-förmiger Baukörper mit 3 Geschossen Hotelzimmer, die zum Platz hin eine Schaufassade ausbilden. Durch den Rücksprung zu den Mediadocks entsteht eine differenzierte Reaktion auf die umgebenden Gebäude. Auf der Gebäudeseite zum Entrée-Platz weitet sich die zum Hotel gehörige Gastronomie ebenerdig auf den Platz aus, um diesen zu beleben.

    Das Medienhaus greift die Gebäudefluchten des Schuppens A auf und wird im Süden durch den Schienen- und den Straßenverlauf angeschnitten. Die eine Seite wird schräg in den Platz gedreht, somit entsteht ein polygonaler Baukörper, der zu jeder Seite eine klare Aussage macht.

    Die Gebäude stellen im Entrée-Bereich der Nördlichen Wallhalbinsel im Sinne der Adressbildung den gewünschten städtebaulichen Akzent dar. Beide Baukörper verbinden dabei auf ideale Art und Weise die historische Situation der Hafenschuppen mit einer modernen, zeitgemäßen Formensprache.

    In den Freiflächen werden in dem überlieferten Pflasterbelag lediglich Fehlstellen ergänzt und behutsame Ergänzungen vorgenommen. Für die erforderliche barrierefreie Begehbarkeit werden die Köpfe des historischen Granitpflasters in ausgewählten Bereichen geschnitten. Dazu zählen der „Entrée-Platz“ am Eingang zur Wallhalbinsel wie insbesondere auch die Querungsmöglichkeiten in der Mittelgasse. An den Kaikanten wird ein Weg zwischen den Gleisen als Ortbetonweg ausgebaut, um so einen barrierefreien Rundweg zu ermöglichen.

    Durch die Anordnung der Stellplätze in der Mitte der zentralen Achse gelingt es, optimal nutzbare Flächen für die verschiedenen Verkehrsarten innerhalb des gewünschten „sharde space“ zu gewinnen. Damit wird die historisch überlieferte Situation der Mischverkehrsflächen vor den Rampen der Schuppen schlüssig in die heutige Zeit und die veränderten Nutzungsbedingungen übertragen. Vor den langgezogenen Schuppenbauten bleibt ausreichend Platz für die Gehwegfunktion, für das Abstellen der Fahrräder, die Aufgänge zu den Rampen usw. Hüfthohe Wandelemente aus Cortenstahl schaffen geschützte Querungsbereiche in der Mittelachse zwischen den Stellplätzen hindurch und knüpfen in ihrer Materialität an das Hafenthema an. Zentrales Element der Möblierung des öffentlichen Raums sind verschiebbare Bankelemente auf Eisenbahnrädern, die auf den Gleisen stehen. Diese in Anlehnung an die überlieferte Hafennutzung gestalteten Sitzelemente sind dem historischen Kontext verbunden und werden zugleich den neuen Nutzungsanforderungen im Plangebiet gerecht.

    Die Erlebbarkeit der historischen Oberflächen, bestehend aus Gleisen und Granitpflasterung, bleibt insgesamt das bestimmende Element in den Freianlagen, das auch in Zukunft noch Bestand haben wird.

    Die Verwendung von Grünelementen ist an diesem Ort mit der historischen Hafennutzung nicht überliefert. Zukünftig bestimmen Wohnen, Kultur, Hotel und Medien den Nutzungsmix auf der Nördlichen Wallhalbinsel. Da erscheint es folgerichtig, auch Grünelemente behutsam in den historischen Kontext zu integrieren. Mit blühenden Kirschbäumen wird bewusst ein Kontrast gesetzt zu den Alleereihen, die in der Umgebung die Situation an den Straßen und Wasserläufen prägen. Die Bäume sind am südlichen Platzrand des Entrée locker verteilt und folgen auf zwei weiteren Plätzen zwischen den Schuppen der strengen geometrischen Grundform der Wallhalbinsel. Die Wallanlagen, die als historische Schicht unter der Wallhalbinsel liegen, werden bei der Gestaltung zweier Plätze artifiziell nachempfunden: durch terrassenförmig modellierte, vielfältig nutzbare Rasenflächen. Als grüne Oasen inmitten der steinernen Umgebung.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Im Rahmen des Zwischenkolloquiums hatte das Beurteilungsgremium angeregt, die Ableitung des städtebaulichen Entwurfs aus den Besonderheiten des Orts weiter zu konkretisieren, aber auch zu überprüfen. Für das Medienhaus wurde angeregt, die teils offene Erdgeschossfläche als Parkplatz mit aufgeständerter Überbauung zu überdenken und von einem Staffelgeschoss in der fünften Ebene abzusehen. Für das Hotel sollte geprüft werden, ob auf ein viertes Geschoss verzichtet und der Platz im Eingangsbereich zur Nördlichen Wallhalbinsel durch eine in voller Breite ausgebildete Stirnseite besser gefasst werden kann.

    Zum städtebaulichen Konzept von kfs Architekten:

    Der städtebauliche Entwurf sieht durch die Anordnung der beiden Neubauten vor, für den Platz 1 einen geschlosseneren Raum zu schaffen. Dieser soll nun durch Teile von Schuppen A, dem Drehbrückenhaus, dem südlichen Kopf des Hotelneubaus und dem auf polygonaler Grundfigur errichteten Medienhaus gefasst werden. Das Medienhaus tritt dabei mit einer fünften Fassade aus der Flucht der Schuppenreihe A bis D heraus und schmiegt sich nach Süden an die Verkehrsachse Drehbrücke- Marienbrücke an. Diese Fassaden bzw. Gebäudeflanken reagieren auf die vorgesehene Verkehrsführung von der Anbindung des Plangebiets an den Knotenpunkt der Kreisstraße über eine 45°-Kurve. Der Platz 1 wird so als Eingangsraum neu definiert und bildet ein neu gefasstes Entrée zu den freien Flächen auf der Mittleren Wallhalbinsel. Damit das Medienhaus diese raumbildende Wirkung erzielen kann, bedarf es einer in allen Richtungen sehr tiefen überbauten Grundfläche. Dadurch werden wesentliche Flächen der historischen Oberflächengestaltung aus Pflasterungen und Gleisen zwingend überbaut, auch wenn diese im Inneren des Gebäudes sichtbar bleiben sollen.

    Der vorgeschlagene viergeschossige Hotelneubau am Behnkai hält sich dagegen an die zwischen dem historischen Gleisfächer verfügbare Grundfläche. Das Erdgeschoss verjüngt sich dem Verlauf der östlich gelegenen Gleise folgend nach Süden. Erst die oberen Geschosse füllen die rechteckige Grundform des Baukörpers aus. Den Nutzungsanforderungen als Hotel entsprechend wird ab dem Erdgeschoss die Gebäudetiefe landseitig zurückgenommen, aber nach Süden L-förmig zu einer breiten Stirnseite auf die Gesamttiefe ausgedehnt. Die Planung hält an der Viergeschossigkeit fest — zugunsten eines weniger langen Baukörpers, der dadurch ein gutes Stück vor dem Drehbrückenhaus nach Süden endet und so erst den Verweilraumcharakter des so neu gefassten Platzes herstellen kann.

    Die Überprüfung einer solchen Lösung mit ihrer neuen raumbildenden Wirkung aus südlicher Perspektive wird ausdrücklich begrüßt. Im Hinblick auf Veränderungen in der Schnittstelle zur Mittleren Wallhalbinsel, insbesondere einer möglichen Neuordnung der Verkehrsachse Drehbrücke-Marienbrücke und der S-förmigen Rampe, läuft die vorliegende Planung jedoch Gefahr, nicht robust zu sein, da sie sich nicht aus dem städtebaulichen Kontext innerhalb des eigenen Plangebiets allein erklärt. Ferner werden die bewussten Setzungen und zugleich aber auch Überformungen des zuvor linear geprägten und ohne Störungen beidseitig frei auslaufenden Raums als Eingriff in die zuvor freie Sichtachse durchaus kritisch betrachtet. Die neue Fassung des Platzes 1 stößt konzeptionell an ihre Grenzen, wo sie auf die städtebauliche Ordnung und den vorherrschenden Gebäudetypus von Schuppen und Speichern aus der Industrialisierungszeit trifft. Auch wird die Maßstäblichkeit der Hochbauten und ihre sehr großen Öffnungen in diesen Eingangsraum der Wallhalbinsel hinein hinsichtlich der Frage, ob sie geeignet sind, die Identität des Ortes mit diesem Entwurf zu stärken, kritisch gesehen. In der Abwägung der neu gewonnenen Qualität eines jedoch zwingend als stark frequentierte Verkehrsfläche genutzten Eingangsplatzes mit den Nachteilen, die sich durch ein viertes Hotelgeschoss und einen bautypologischen Bruch zum historischen Gebäudebestand am Wallhafen ergeben, wurde daher diese Lösung verworfen, auch wenn die eigenständige Weiterentwicklung der vor Ort abzulesenden räumlichen Struktur im Einklang mit dem baulichen Bestand der Nördlichen Wallhalbinsel positiv bewertet wird.

    Zur Freiraumplanung von Landschaftsarchitekt Gunnar ter Balk:

    Die Planung sieht vor, die historischen Großsteinpflasterungen wiederzuverwenden. Großzügige barrierefreie Flächen werden entlang bzw. zwischen allen Gebäuden und mit geschnittenem Pflaster hergestellt, an den Uferpromenaden zwischen den Schienen einzelner Gleise mittels Verfüllung aus Beton. Als Begrünung werden locker verteilte Kirschbäume auf allen Plätzen und im Bereich der möglichen Brückenschläge zwischen Altstadt, Wallhalbinsel und Roddenkoppel vorgesehen. Rollende Sitzbänke, die im Gleisfächer aufgestellt werden, akzentuieren diesen historischen Befund.

    Der Platz 1 am südlichen Zugang zur Nördlichen Wallhalbinsel, aufgrund des städtebaulichen Konzepts großzügig und architektonisch gefasst angelegt, erscheint als homogene Fläche, in dem die verkehrliche Anbindung nur mittels Metallnägeln im historischen Pflaster kenntlich gemacht wird. Das historische Waagenhaus wird mit einer Kiosknutzung in die Platzgestaltung integriert.

    Der Platz 2 und der neue Platz zwischen Schuppen C und D werden in Anlehnung an die ehemaligen Wallanlagen mit mehrfach gestuften, begrünten und bepflanzten Plateaus innerhalb breiter Sitzmauern und Stahleinfassungen besetzt.

    Innerhalb der inneren Erschließungsachse wird die Verkehrsführung im Einbahnstraßensystem mit mittig zweireihig und quer zur Fahrtrichtung angeordneten Parkplätzen vorgesehen. Hier werden Querungsbereiche für Fußgänger und Radfahrer, Kassenautomaten und Sitzbänke mit 1 m hohen Stahlwänden abgegrenzt.

    Für den Platz 3 und den Strandsalon ist die Neuverteilung der Funktionen vorgesehen. Als Restaurantgebäude werden teils übereinandergestellte Standardcontainer vorgeschlagen, ein Schiffbauplatz mit Lagerungsmöglichkeiten für die Gesellschaft Weltkulturgut und die Jugendbauhütte wird am Behnkai ebenfalls mit Standardcontainern hergestellt.

    Das Bewertungsgremium würdigt die freiraumplanerischen Vorschläge insgesamt als wohlüberlegt und bis ins Detail durchgearbeitet. Entsprechend umfangreich sind die Eingriffe in die vorhandene Oberflächengestaltung, auch wenn das historische Pflaster in geschnittener Form weiterverwendet wird. Kritisch gesehen werden die großflächig durch gestaffelte Plateaus belegten, so genannten Wallplätze, die dadurch zwar gestaltet, aber in ihrer Verwendbarkeit und Durchlässigkeit eingeschränkt werden. Die Kirschbaumpflanzungen als verbindendes Motiv werden diskutiert und für den Ort mit seinem industriellen Charakter als widersprüchlich gesehen. Die dezidiert gezeichneten „Fußgängerüberquerungen“ in dem mittigen Erschließungsbereich mit hohen Stahlumfassungswänden, Kassenautomaten und Sitzbänken ausgestatteten Bereichen wirken ortsfremd. Sie schränken zudem das Erlebnis der inneren Erschließungsachse als größte zusammenhängend gestaltete Pflasterfläche unnötig ein.

    Gleichfalls kritisch wird der zweigeschossige Containerbau für den Strandsalon an der Inselspitze gesehen, der zwar die Perspektive nach Norden auf den historischen Bockdrehkran verengt, jedoch ebenso den wünschenswerten freien Ausblick auf den Zusammenfluss von Wall- und Hansahafen und den weiteren Traveverlauf behindert. Die in der Mittelachse mittig angeordneten Parkplätze finden schließlich keinen großen Zuspruch, da sie die bereits vorhandene und im historischen Pflaster gestaltete Ordnung der Fahrspuren für Straßenfahrzeuge und der Bereiche des Schienenverkehrs missachtet. Zudem sollte dem möglichst freien Blick durch die innere Erschließungsachse bis zum Inselkopf Vorrang eingeräumt werden, wenngleich dieser in der Planung am Inselkopf gleichfalls durch die dort vorgeschlagenen Seecontainer künstlich verengt wird.