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  • DE-33378 Rheda-Wiedenbrück
  • 12/2007
  • Ergebnis
  • (ID 2-9113)

Neubau der Stadthalle Reethus


  • 4. Preis

    Lageplan

    Landschaftsarchitekten
    arbos Freiraumplanung GmbH, Hamburg (DE) Büroprofil

    Mitarbeit
    Peter Köster

    In Zusammenarbeit mit:
    Architekten: architekten prof. klaus sill, Hamburg (DE)

    Erläuterungstext
    Neubau der Stadthalle Reethus in Rheda-Wiedenbrück
    Dialog mit der Emsaue

    Stadt
    Die neue Stadthalle entsteht in einem städtebaulich heterogenen Umfeld zwischen Rheda und Wiedenbrück. Der Standort erfährt seine Prägungen vor allem durch die engen Bezüge zur Emsaue und die Parkgestaltungen der Landesgartenschau von 1988. Der Dialog mit der Landschaft der Emsaue steht daher im Vordergrund beim Neubau der Stadthalle.
    Analog des im 12. Jahrhundert entstandenen Wasserschlosses Rheda wird die neue Stadthalle Reethus zum kulturellen Anziehungspunkt des 21. Jahrhunderts in Rheda-Wiedenbrück. Vergleichbar zum historischen Erbe ist der starke Bezug zum Element Wasser: ähnlich dem Schlossgraben ist die vorgeschlagene kreisrunde Wasserfläche für die neue Stadthalle ein prägendes Element, in der sich die Eingangsfassade des neuen Gebäudes eindrucksvoll spiegeln wird und die durch die Integration der Freilichtbühne zum imposanten Bestandteil der neuen Situation werden wird.

    Städtebau
    Der starke Bezug zum Landschaftsraum [der Auslober spricht vom `Haus im Grünen` und nennt sein neues Gebäudes weiterhin `Reethus`] definiert die städtebauliche Form unseres Entwurfes.
    Die grosszügige, nach Süden sich in Viertelkreisform öffnende Gesamtform der neuen Stadthalle unterstreicht den Bezug zum Landschaftsraum der Emsaue und die Besucherströme zum neuen Gebäude. Die Form symbolisiert die Offenheit des Gebäudes, und verdeutlicht den formulierten Anspruch, wichtiger Hauptanziehungspunkt für die Bevölkerung zu werden.
    Während das neue Gebäude an der Nord-, Ost- und Westseite mit seinen klaren Kanten dem städtebaulichen Muster der Umgebung folgt, adaptiert der Entwurf an der beschriebenen Südseite bewusst die Formensprache der Landschaft, der Aktionsmulde und des Seilzirkusses, allerdings nicht ohne eine entsprechende Transformation der bestehenden Situation hervorzurufen!
    Die Südfassade beruht nur im ersten Eindruck auf einer Kreisform. Tatsächlich handelt es sich um eine ellipsoide Geometrie und unserer Vorschlag, die Aktionsmulde zu einer Wasserfläche umzuformen, würde die bestehende Situation deutlich verändern und zugunsten des Aussenbezuges der neuen Stadthalle verbessern.
    Während die beschriebene ellipsoide Form des Gebäudes den Bezug zum Aussenraum stärkt und symbolisch eine Achse in die süd-östlich angrenzende Landschaft der Emsaue aufbaut, so schafft sie es andererseits, den für das Erleben der neuen Stadthalle so wichtigen unmittelbaren Aussenbereich des Gebäudes von der emmissionsreichen Haupstrasse und der Rückseite des voluminösen Gewerbebaus abzuschotten. Dies geschieht ohne den eindeutigen Bezug zur geplanten Stellplatzanlage an der Kreuzung Hauptstrasse/
    Feldhüserweg zu verlieren.
    Die städtebauliche Struktur unseres Entwurfes hat eine unmittelbare, hohe Funktionalität zur Folge. Das Gebäude trennt sich in zwei klar ablesbare Zonen: den öffenlichen Bereich für die Besucher im Süden und den internen Bereich für die Mitarbeiter, Künstler, und die Anlieferung im Norden des Grundstücks, direkt und kreuzungsfrei
    über den Emsweg erschlossen. Das Gebäude ist soweit von der nördlichen Grundstückskante abgerückt, dass Anlieferverkehr und interne Stellplätze auf einer befestigten Fläche ihren notwendigen Funktionsraum finden.

    Gebäudestruktur
    Aus der städtebaulichen Struktur ergibt sich ein klar zoniertes Gebäude, das die im Aussenraum vorhandene Funktionalität in seiner inneren Struktur fortsetzt. Die grosszügigen Foyerflächen im Süden und die U-förmig angeordneten, kompakten Garderoben-,Lager- und Verwaltungszonen vereinen sich im Zentrum des Gebäudes, dem Saal und seiner Bühne.
    Die in der Auslobung festgeschriebenen Vorgaben sind exakt umgesetzt, so dass die angestrebte Multifunktionalität in vollem Umfang gewährleistet ist. Diesbezüglich trifft unser Entwurf zwei Setzungen: Um die Tiefe des Saals zu reduzieren und den räumlich-atmosphärischen Eindruck zu erhöhen, wird der Saal mit einem Ranggeschoss ausgeführt, auf dem 100 Zuschauer Platz finden. Zum anderen wird der Saal im Erdgeschoss über seine Längsseite und nicht über seine Rückseite erschlossen. Dies hat den Vorteil der kurzen Wege und
    eröffnet die Möglichkeit, Saal und Foyer über mobile Wandelemente zu verbinden.

    Foyer
    Das Foyer ist der Empfangsraum für die Besucher und zugleich neben dem Saal das zweite multifunktionale Element des Entwurfs. Die Anordnung dieser langgestreckten Raumzone ermöglicht die funktionsgerechte Anordnung der einzelnen Bereiche vom Informations- und Ticketbereich im Westen über die Besuchergarderoben, den Saalzugängen bis hin zum Restaurant im Osten des Foyers, das mit seiner optimal besonnten Aussenterrasse den wichtigen Übergang zum Landschaftsraum formuliert und auch ausserhalb von Veranstaltungen zum attraktiven Anlaufpunkt werden wird.
    Seinen multifunktionalen Charakter entfaltet das Foyer wenn es selbst zum Performance-Raum wird. Mehrere runde Mobil-Bühnen bieten die Möglichkeit zu überraschenden Inszenierung ausserhalb des Saals und durch die grossflächigen Türen in der Südfassade auch im Aussenbereich des Gebäudes.
    >> Kultur dringt nach Aussen, Landschaftsraum in das Innere des Gebäudes !
    Seinen Abschluss findet dieser Innen-/ Aussenbezug in unserem Vorschlag, die Aktionsmulde zum Wasserbecken umzuformen, die offene Zeltdachkonstruktion wird zur Freilichtbühne.

    Bühne
    Die Bühne folgt in ihrer Disposition, technischen Ausstattung und funktionalen Peripherie den Vorgaben der Auslobung. Die erforderlichen Lagerflächen sind unmittelbar am Bühnenrückraum angeordnet und haben einen direkten Bezug zur Anlieferung. Durch die dort angeordnete Hebebühne können die über die Anlieferrampe eintreffenden Güter auf das Erdgeschossniveau gebracht werden. Zudem ist die Hebebühne überfahrbar, sodass Fahrzeuge auch direkt in das Gebäude fahren können.
    Durch die Anordnung der Anlieferung an der nord-östlichen Gebäudeecke könnnen mehrere Fahrzeuge störungsfrei das Gebäude versorgen. Der 16 m lange Sattelschlepper findet ebenso seinen Platz wie die kleineren Übertragungswagen im östlichen Bereich, die erforderlichen Wenderadien sind eingehalten.

    Zonierung
    Die erläuterte Gesamtzonierung findet im Fokus ihre Fortsetzung: Die Künstergarderoben sind an der Nordseite mit kurzen Wegen zum Bühnenraum angeordnet. Zugang und Erschliessung finden über das östliche der beiden hier angeordneten Treppenhäuser statt.
    Der Verwaltungsbereich ist, mit eigenem Zugang und Treppenhaus, im Westen angeordnet: Mit kurzen Wegen zur Bühne und zu den Künstlergarderoben, direktem Kontakt zum Informations- und Ticketbereich im Foyer und einer guten Belichtung für die Mitarbeiter der zahlreichen Büros im Erd- und Obergeschoss.
    Das Gebäude ist entsprechend den Vorgaben der Versammlungsstätte NRW geplant. Die notwendigen Rettungswege aus dem Saal führen über das Foyer direkt ins Freie und erfüllen die Längenvorgaben der
    Verordnung. Als zusätzliche Rettungswege werden im Fluchtfall sowohl im Erd- wie im Obergeschoss die beiden Treppenräume an der Nordsseite des Gebäudes in Anspruch genommen.

    Konstruktion + Materialität
    Die kompakte Form des Gebäude ermöglicht in vielen Bereichen eine konventionelle Bauweise. Der Saal mit seiner Spannweite von 17,50 Metern wird durch eine Fachwerkträgerkonstruktion im Dach selbstverständlich stützenfrei gehalten. An der Südfassade begleiten runde Stahlbetonstützen den Verlauf der Südfassade und ermöglichen so die weite Auskragung des Daches, das zudem auf der südlichen Saalwand aufgelagert ist.
    Die Südfassade ist als Pfosten-Riegel-Konstruktion vorgesehen und integriert die grossen Aussentüren daher systemimmanent.
    Nord-, Ost- und Westfassade sind als Lochfassade ausgebildet. Die Fassadenstellung erhält eine nach innen gekippte Neigung von 8 Grad. Dies stärkt das autarke Erscheinungsbild des Gebäudes auch an diesen Seiten und unterscheidet es positiv von anderen, grossformatigen Gebäuden der unmittelbaren Umgebung. Die Schrägstellung wird an diesen Seiten von einer einfach zu konstruierenden Gabionen-Konstruktion erzeugt. Das Erscheinungsbild mit den Steineinlagerungen aus der Umgebung Rheda-Wiedenbrücks und die allmähliche Berankung verdeutlicht den Bezug zum Landschaftsraum und erzeugt auch hier die Idee vom `Haus im Grünen`.

    Energie
    Die kompakte Struktur des Gebäudes mit seinem günstigen Verhältnis von Umfang zu Volumen und den grossen Dämmstärken in Wand und Dach werden einen nachhaltigen und energiesparenden Betrieb des Gebäudes gewährleisten. Die städtebauliche Idee der grossflächigen Öffnung nach Süden kommt auch dem Energiehaushalt und dem technischen Detail der neuen Stadthalle Reethuis zugute.

    Landschaftsarchitektur
    Mit einem weit gespannten Bogen öffnet sich das neue Reethus zur parkartig verdichteten Landschaft der Emsaue. Die Gestaltungen der ehemaligen Landesgartenschau werden aufgegriffen und im Zusammenspiel mit dem Neubau weiterentwickelt. Das nahezu kreisrunde Rasenfeld im heutigen Park wird im Rahmen der
    vorgeschlagenen Umgestaltung zu einem großzügigen Wasserbecken, in dem sich die beleuchtete Abendfassade spiegelt. Über flache Sitzstufen können die Besucher der Stadthalle an Sommerabenden direkt ans Wasser treten oder sich auf den radial angeordneten Sitzbänken auf die Veranstaltungen des Abends einstimmen. Eine Brücke führt auf die exzentrisch angeordnete Bühneninsel, die für Freilichtkonzerte genutzt werden kann. Die flachen Sitzstufen des Spiegelsees werden dann zu einem aussergewöhnlichen Auditorium.
    Die atmosphärische Wirkung des Spiegelsees und seine funktionale Einbindung mit der Bühneninsel ist ein wichtiger Bestandteil des neu gestalteten Erlebnisortes Reethus.
    Gleichzeitig verweist die parkartige Gestaltung des unmittelbaren Umfeldes auf die Nähe der Emsauenlandschaft.
    In einem S-förmigen Bogen wird die Eingangsfassade des Neubaus in die Flusslandschaft erweitert. Wege stellen die unmittelbare Verbindung durch die Emsaue sowohl nach Rheda als auch nach Wiedenbrück her. Wie die Besucher der Veranstaltungen scheinen sich die Bäume aus der Emsaue auf das neue Reethus zuzubewegen. Dem genauen Beobachter wird dabei auffallen, dass die Materialien der Ausstattungselemente sich von Aussen nach Innen von groben zu feinen Texturen wandeln. Die Pflanzungen werden, je näher man dem neuen Reethus kommt, in ihrer Textur immer feiner. Fast unmerklich wandelt sich so die naturnahe Emsauenlandschaft zu einer grazilen Parklandschaft. Dieser spannungsvolle Dialog zwischen Mensch und Natur, zwischen Reethus und Emsaue bildet die eigentliche Grundlage des landschaftsarchitektonischen Konzeptes für die neue Stadthalle.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    6024 (4. Preis) Beurteilung durch das Preisgericht

    Die Verfasser entwickeln ihr Leitbild aus der Auseinandersetzung mit dem Thema Wasser und der umgebenden Emsaue.
    Das dreiseitig orthogonal begrenzte Gebäude öffnet sich mit seiner Südfassade mit einem eleganten kreisähnlichen Schwung zur ehemaligen Aktionsmulde. Diese wird durch ein Wasserbecken und
    einen neue eingestellte Bühne umgestaltet. Die Notwendigkeit und Angemessenheit dieser Umgestaltung wird unterschiedlich beurteilt.
    Gleichwohl entsteht eine große, sich dem Grünraum hin öffnende Geste. Die zweigeschossig verglaste und gekrümmte Fassade bietet die Möglichkeit einer besonderen Inszenierung des Eingangs und der öffentlich genutzten Flächen im Inneren. Innen- und Außenraum treten in einen gewünschten Dialog.
    Die Konzeption bedingt die Ausbildung von Vorder- und Rückseiten. Folgerichtig sind die andienenden Räume, die Verwaltung und Künstlergarderoben auf der Nord- bzw. Ost- und Westseite des Gebäudes. Der Restaurantbereich liegt richtig in Verlängerung des Foyers mit Ausblick in die Emsaue.
    Der Saal ist nur über seine Längsseite zu betreten, über eine großzügige Öffnung aber zum Foyer hin zu erweitern. Die geforderte Multifunktionalität erscheint im Vergleich zu anderen Arbeiten nicht in allen Teilen vollständig gewährleistet. Die eingestellte Ebene erschließt sinnfällig den oberen Rang und eröffnet reizvolle Blickbeziehungen nach innen und außen.
    Der verglasten Pfosten-Riegel-Konstruktion auf der Südseite stehen die eher geschlossenen und mit Gabionenwänden verkleideten Rückseiten gegenüber. Besonders durch die Schrägstellung erscheinen die nur durch Fensterbänder gegliederten Wandflächen etwas trutzig und wehrhaft und wirken dadurch etwas überinstrumentalisiert. Die Gebäudekennwerte liegen im wirtschaftlichen Rahmen. Sitzplätze und Bühnengröße liegen unter dem Durchschnitt.

    Insgesamt stellt die Arbeit einen eigenständigen und angemessenen Beitrag für die gestellte Aufgabe dar, die einen hohen Wiedererkennungswert erwarten lässt.