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  • DE-85049 Ingolstadt
  • 12/2018
  • Ergebnis
  • (ID 2-307253)

Neubau von Kammerspielen und Theaterwerkstätten in Ingolstadt


  • Anerkennung


    Architekten
    Waechter + Waechter Architekten BDA, Darmstadt (DE) Büroprofil

    Mitarbeit
    Patrick Schürmann, Lea Josefine Leist, Christian Michael Renner

    In Zusammenarbeit mit:
    Landschaftsarchitekten: terra.nova Landschaftsarchitektur, München (DE)

    Preisgeld
    8.000 EUR

    Erläuterungstext
    Wie hätten Hardt-Waltherr Hämer und Marie Brigitte Hämer-Buro ihr Theater erweitert? Bewusst wird versucht den Geist des Entwurfs aufzunehmen und im Sinne eines Weiterbauens fortzuführen. Durch geringstmögliche Ergänzung des Bestands im Süden in Richtung Donau bleibt die so sorgsam in die einzigartige städtebauliche Lage eingeschmiegte Stadtkrone ungestört. Die charakteristische Anmutung zur Stadt hin bleibt unverändert, das Neue ist zunächst von der Stadt kaum sichtbar. Zur Donau hin öffnet sich jedoch das ergänzte Haus nun so wie es die Verfasser ursprünglich wünschten mit einer horizontalen Schichtung, die die Tiefe und Plastizität des Bestands als Gestaltungsprinzip zitiert und qualitativ fortschreibt, ohne die Silhouette zu verändern. Weiterbauen als Konzept.

    Durch die Erweiterung der Foyerlandschaft wird die ursprünglich auch gewünschte, dann aber nicht realisierte Verbindung von der Stadt zur Donau hergestellt und der neue Spielort der Kammerspiele sowie die neuen, nun öffentlich zugänglichen Probebühnen an die bestehenden Spielorte angebunden. Für den Theaterbetrieb entstehen durch die Verzahnung mit dem Bestand durch kurze Wege maximale Synergien. Zur Vereinfachung der Transportwege werden die neue Bühne und die großformatig arbeitenden Werkstätten (Schlosserei, Schreinerei), der Montageraum sowie zwei der Probebühnen schwellenlos auf dem bestehenden Niveau 0,00, d.h. auf der Höhe der bestehenden Bühne und der Anlieferung angeordnet. Eine Probebühne sowie der Malsaal sind über einen für liegende Transporte dimensionierten großen Lastenaufzug angebunden, beide sind über geschosshohe Oberlichter ideal belichtet. Alle anderen Räume sind sowohl mit liegenden als auch mit stehendem Kulissentransport erreichbar. Die Transportwege, Kurvenradien sowie die Zugänge sind entsprechend den Vorgaben ausgelegt und ermöglichen eine einfache Beschickung, ohne Kreuzung mit anderen Verkehrsflächen. Die Funktionsanordnung bzw. die Transporterschließung ermöglicht so kurze Auf- und Abbauzeiten auf den verschiedenen Bühnen und damit einen wirtschaftlichen Betrieb.

    Mit dem kulissenartigen Blick in die Theaterwelt öffnet sich das Foyer den aus verschiedenen Richtungen ankommenden Besuchern. Die einzigartige räumliche Kombination mit einer abwechslungsreichen Wegeführung und unterschiedlichen Ausblicken nach außen sowie Einblicken über Lufträume nach innen bietet den Besuchern einen eindrucksvollen Auftakt für das ‘Sehen und Gesehen werden‘ vor und nach der Aufführung. Die terrassenförmige Foyerlandschaft wird entweder über den bestehenden Haupteingang oder durch den neuen Platz mit dem Eingang der Kammerspiele betreten und ist für vielfältige, ganztägige Aktivitäten, Aufführungen, Ausstellungen etc. bestens geeignet. Wie an eine Perlenkette sind die Spielstätten (Großes Haus, Festsaal, Kammerspiele, Probebühnen) an dem Foyer aufgereiht, so dass die Orientierung einfach und übersichtlich ist. Am neuen Eingang liegen die Garderobenbereiche ergänzt mit Schließfächern. Die großzügige Treppe mit beeindruckenden Blick auf die Donau und das gegenüberliegende Reduit Tilly führt direkt in das lichtdurchflutete Foyer mit der davorliegenden Theaterterrasse.

    Innen und Aussen wird der Bestand ohne Brüche weitergebaut indem die wesentlichen Gestaltungsmerkmale aufgenommen und neu interpretiert fortgesetzt werden, so dass ‚Alt‘ und ‚Neu‘ nahtlos ineinander überfließen. Und doch bleibt der Übergang räumlich und im Detail sichtbar. Ein großzügig langgezogener Lichthof trennt Alt und Neu, so dass die mit Fensterbändern strukturierte Betonfassade weiterhin erlebbar ist. Der Eingriff in den schützenswerten Bestand sind minimal und nur an den beiden kurzen Kontaktstellen vorgesehen. Materialien und Farbe werden aufgenommen, jedoch im Detail transformiert und die Nahtstellen (wie am Beton durch Wechsel der Schalrichtung) so sichtbar.

    Im neuen Saal ist eine Podienanlage vorgesehen, der Saal kann ebenengleich oder ansteigend bestuhlt werden. Der Saal kann zudem über die volle Bühnenbreite zum Montageraum wie auch seitlich in die Probebühne geöffnet werden. Es sind damit vielfältigste Spielformen, Bühnenlagen, Raumzuordnungen und Auftrittsmöglichkeiten während der Sanierung des Bestands, wie auch im Betrieb möglich.

    Das Portal und die Bühnentechnik selbst ist flexibel und die Trennung Saal/Bühne bei Bedarf aufzuheben (kein Guckkasten!). Der zweireihige Rang wird aus dem Rangfoyer betreten. Die Saalwände sind mit vertikal drehbaren reflektierenden/absorbierenden Lamellen ausgeführt, so dass der Saal je nach Nutzung und Art der Öffnung variabel gestimmt und eine sehr gute Diffusität im Raum erzeugt wird. Zusätzliche, präzise abgestimmte Tiefenabsorber werden in den strukturierten Holzakustikverkleidungen integriert. Damit ist sichergestellt, dass die Zuschauer ideal mit frühen Reflexionen versorgt und die erforderlichen Nachhallzeiten für eine sehr gute Sprachverständlichkeit im Sprechtheater bzw. Durchmischung des Klangs bei musikalischer Nutzung erreicht werden.

    Das Konzept des offenen Theaters mit den Probebühnen und Werkstätten als Schaufenster ermöglicht nicht nur das Leben und die Aktivitäten sichtbar zu machen, sondern auch tagesbelichtete, das Spiel inspirierende Räume. Durch die inneren Blendschutz- bzw. Verdunklungsvorhänge sind vielfältige Raumstimmungen je nach Bedarf möglich. Die weitestgehend ebenengleiche Anordnung vereinfacht die Beschickung und fördert zugleich den Austausch zwischen den Künstlern wie auch zwischen den weiteren Mitarbeitern. Oberhalb der Werkstätten und Probebühnen liegen die kleinteiligeren Räume. Zwei Innenhöfe dienen der Belichtung der Erschließungsflächen und als Pausenatrium. Über die zugeordneten Lagerräume ist ein direkter Zugang auf die Beleuchtergalerien im Bühnenturm und der Brücke im Zuschauerraum möglich.

    Realisierung
    Die Umsetzung ist im Ablauf einfach und durch die kompakte Bauform sowie die Synergien in der Konstruktion und der Technik mit dem Bestand auch wirtschaftlich. Nach Erstellen des Neubaus kann der Bestand auch in Abschnitte saniert werden. Dabei dient der vielfach nutzbespielbare Neubau als Ersatzspielstätte. Auch in der Zeit ist die direkte Anbindung vorteilhaft. Die konsequenteräumliche Trennung der lärmintensiven Bereiche wie Werkstätten von den Spielstätten bzw. sicher dass keine Schallübertragungen die künstlerischen Nutzungen stören ohne dass wiederum aufwändige bauakustische Konstruktionen erforderlich sind. Die Anordnung der wesentlichen Technikzentralen im Unter-geschoss unterbindet störende Geräuschübertragungen aus haustechnischen Anlagen.

    Freiflächen
    Die Freiflächen der Kammerspiele bilden einen Rahmen um die neu entstehende Spielstätte und verknüpfen Stadttheater, Kammerspiele und die Donau. Es werden direkte Blickbeziehungen zur Donau hergestellt, deren Wahrnehmung hierdurch hervorgehoben und stadtprägend wird.

    Aus der Schutterstraße kommend, eröffnet ein Fontänenwasserspiel den Blick auf die westliche Treppenanlage des Stadttheaters und bildet somit einen ‚fließenden’ Übergang in das Wettbewerbsgebiet und die Kammerspiele. Dies weist bereits auf das Prinzip ‚Stadt am Fluss’ hin. Die Eingangsfläche vor den Kammerspielen wird als von Bäumen bespielter, barrierefreier Raum gestaltet, der Ort für Begegnungen und Blickachsen zur Donau bietet. Auf diesem Donauplatz greift eine weite Sitzbank in ihrer Formensprache die Architektur des Theaters und der Kammerspiele auf. Ihr Gegenstück schmiegt sich in den Straßenverlauf Schutterstraße und Schlosslände ein. Das Prinzip Bühne wird aus den Kammerspielen in den Außenraum transformiert. Die Schutterstraße wird in ihrer Fläche gemäß des beigelegten Vorschlags reduziert und schafft dadurch mehr Raum für diesen Vorplatz. Straße und Platz sind in der gleichen Belagsoberfläche gestaltet. Übergeordnet betrachtet reiht sich der Donauplatz in eine Platzabfolge bestehend aus Viktualienmarkt und Theaterplatz ein, die bis zu den Donautreppen reicht.

    Die stark befahrene Schloßlände wird auf zwei Fahrbahnspuren reduziert und schmälert dadurch die aktuelle räumliche Trennung zwischen Stadt und Fluss. Durch den Entfall der Fußgängerunterführung und die Querung der Schloßlände oberhalb wird der Bezug zur Donau aus Fußgängerperspektive intensiviert.

    Die neue obere Donaupromenade gibt den Blick frei auf das Wasser und das gegenüberliegende Ufer. Den Zugang zum Fluss bereiten Ufertreppen, die das Sitzen am Wasser ermöglichen. Hier spendet der mächtige Baumbestand Schatten. In Verlängerung des Donauplatzes entsteht ein Freilufttheater in Form einer schwimmenden Bühne auf dem Wasser. Die Ufertreppen fungieren als Zuschauerränge. Dies definiert die Ufertreppen als multifunktionalen Raum, in dem Theateraufführungen im Freien stattfinden können. Das gegenüber liegende Reduit Tilly bildet eine Kulisse und schafft dadurch eine Verbindung zur anderen Flussseite.

    Ein einheitlicher Oberflächenbelag verbindet die Freiflächen, sowie die Architektur der Kammerspiele und eint sie bis ans Ufer der Donau. Dadurch entsteht die ‚Stadt an der Donau’. Weite Stufenan-lagen an der Ostseite des Stadttheaters und der Kammerspiele überwinden den Höhenversprung, an der Funktionen wie Anlieferung und -Logistik möglich sind. An dieser Stelle entsteht ein Übergang in die Bestandsoberfläche.

    Die Formensprache des Entwurfs greift zwei wichtige Achsen auf: die westliche äußere Achse entsteht als Verlängerung aus der Altstadt bis an das Donauufer; die östliche äußere Achse versteht sich als gedankliche Verlängerung zum Schlosspark. Der dazwischen entstehende Bereich mündet schließlich in den Ufertreppen an der Donau.
    An der Stelle des westlichen Skulpturenparks entsteht eine großzügige Wiesenfläche, die Donauwiese, auf der Liegen und Sitzgelegenheiten ein Verweilen ermöglichen. Die östliche Parkplatzfläche wird durch Grünflächen ergänzt und bildet dadurch einen grünen Rahmen um das Theater.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    'Städtebaulich wird mit diesem Entwurfsansatz der Versuch unternommen, die bauliche Struktur des Hämer'schen Theaters für die ausgelobten Belange der Kammerspiele und Werkstätten mittels eines homogenen Gesamtvolumens weiterzubauen. Durch diesen Neubauteil wird das Theater künftig zur Donau bauplastisch geöffnet. Der angebotene freiraumplanerische Rahmen aus der Folge mehrerer Plätze unterstützt in Kombination mit der neuen Ufergestaltung die Idee des Solitärs. ...

    Mit dem Anbauen an den Bestand schreiben die Verfasser konsequent die sich zur Stadt hin orientiertenden Foyers von Hämer zur Donauseite hin und verbinden die vorhandenen Raumsequenzen mit dem neuen Erweiterungsbau. In der inneren Raumorganisation zeigt sich für die Kammerspiele und die Werkstätten eine logische und funktionale Raumfolge, die auch in der funktionalen Verbindung zum Bestand überzeugt.
    Diese räumliche und funktionale Nähe ist für die künftige Nutzung begrüßenswert. Alle neuen Räume haben gut nutzbare Raumzuschnitte und sind auch bei den natürlich zu belichteten Räumen gut proportioniert. ...'