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  • DE-65428 Rüsselsheim am Main
  • 01/2019
  • Ergebnis
  • (ID 2-321863)

Neubau Wohn- und Geschäftshaus Karstadt-Areal in Rüsselsheim


  • ein 1. Preis

    Visualisierung Frankfurter Straße / Friedensplatz, © raumwerk GmbH

    Architekten
    raumwerk Gesellschaft für Architektur und Stadtplanung mbH, Frankfurt am Main (DE) Büroprofil

    Verfasser
    Jon Prengel , Sonja Moers , Thorsten Wagner

    Mitarbeit
    Kai Rappold, Daniela Merten, Masina Terella, Lena Ramseier, Daniel Louis Lythgoe

    In Zusammenarbeit mit:
    Landschaftsarchitekten: BIERBAUM. AICHELE. landschaftsarchitekten, Mainz (DE), Frankfurt am Main (DE)
    Visualisierer: rendertaxi architecture.visualisation, Aachen (DE), Barcelona (ES)

    Preisgeld
    16.000 EUR

    Erläuterungstext
    Stadtreparatur_ Städtebauliche Einbindung
    Mit dem Abriss und Neubau des Areals Karstadt besteht die einmalige Chance, der Bedeutung dieses Ortes im Herzen der Stadt wieder gerecht zu werden und die ursprünglich Qualität der städtebaulichen Gesamtkomposition Marktplatz/Frankfurter Straße mit seinen inszenierten Hochpunkten Rathaus und Stadtkirche wiederherzustellen. Das Bauvorhaben nimmt eine exponierte Lage in der Innenstadt ein. Zum einen bildet es den östlichen Auftakt der Frankfurter Straße, welche in den Marktplatz als „gute Stube“ der Stadt mündet, zum anderen fasst es den Friedensplatz und bringt diesen zum Abschluss. Der Entwurf sieht daher eine differenzierte Zonierung des Bauvolumens für diese zwei Bereiche vor.

    Frankfurter Straße
    Die Frankfurter Straße ist geprägt durch eine durchgehend dreigeschossige Bebauung mit einheitlicher Traufkante sowie traufständigen Satteldächern mit Gauben (Nordseite/Marktplatz).
    Diese Gliederungselemente werden übernommen. 4. und 5. OG springen als Dachgeschosse zurück und sind durch vortretende Gauben gegliedert. Hierdurch behält die Stadtkirche ihre herausragende Stellung als Blickpunkt der Straßenachse. Die Fassadenabwicklung gliedert sich in vier ablesbare Hauseinheiten.

    Friedensplatz
    Der Neubau definiert die nordwestliche Platzkante zum Friedensplatz. Dieser Platz ist durch den Wechsel hoher und niedriger Gebäude geprägt. Dies wird in der Zonierung zweier unterschiedlicher Fassadeneinheiten fortgeführt. Das neue sechsgeschossige Eckgebäude übernimmt dabei einerseits Geschossigkeit und Maßstab der Bahnhofstraße 8, vermittelt andererseits zum gegenüberliegenden denkmalgeschützten Seniorenhaus durch seine über Eck symmetrisch zurückspringende Fassade im 3.- 5.OG.

    Stadtreparatur_ Materialität und Wertigkeit
    Die bereits begonnene Aufwertung der Innenstadt (Bahnhofsplatz, Marktplatz, Friedensplatz) soll seine adäquate Fortführung in Materialität und Wertigkeit der neuen Stadtfassaden finden. Hierbei wird der helle Klinker des Hotels Adler zitiert und je Hauseinheit in unterschiedlichen Helligkeitsgraden und Sortierungen variierend eingesetzt.
    Im Kontrast zu den äußeren Stadtfassaden stehen die inneren Fassaden, welche den gemeinsamen grünen Hof umschließen. Prägend sind hierbei der Einsatz „warmer“ Materialien wie die Fassadenbekleidung in Holzwerkstoff von Sockel und Hofhaus sowie die begrünten Rankgerüste als vertikale Fassadengliederungen und Sichtschutz vor den Putzfassaden.

    Nutzungsverteilung_ Stärkung der Innenstadt als lebendiges Wohnquartier
    Diese Baumaßnahme hat eine zentrale Katalysatorfunktion im Wandlungsprozess der Innenstadt zu einem attraktiven und lebendigen Wohnquartier. Die Etablierung einer belebten Sockelzone sowie Angebote für Rückzug und Erholung und die Beförderung funktionierender nachbarschaftlicher Gemeinschaften sind wichtige Parameter für die qualitätvolle Gestaltung des Wohnraums und wohnungsnahen Freiraums. Die erdgeschossige Teilüberbauung des Innenhofs ermöglicht, neben den funktionalen Vorteilen für die Nutzung der Gewerbeflächen, eine Differenzierung der Freiräume über verschiedene Ebenen.
    Kurzlaubengänge an Ost- und Westseite zum Hof ermöglichen eine effiziente Erschließung, die Sicherung des zweiten Rettungsweges, sowie attraktives „Durchwohnen“ zu beiden Seiten. Durch ihre differenzierte Ausgestaltung und geschützte Lage zum Innenhof sind sie nicht nur funktionale Erschließungszone, sondern auch erweiterter privater Freibereich und nachbarschaftliche Begegnungsfläche. Maximal drei Wohneinheiten teilen sich hierbei einen Erschließungsweg.
    Die zwei nördlichen Wohngebäude sind als Dreispänner mit zentralem Erschließungskern organisiert. Der angestrebte Wohnungsmix kann erreicht werden. Die grundsätzliche Gliederung und Aufteilungsmöglichkeit werden nachgewiesen. Eine detaillierte Ausdifferenzierung und Optimierung der Wohnungszuschnitte bezüglich Förderrichtline und Barrierefreiheit erfolgt in der weiteren Planungsstufe.
    Adresse und Zugang aller Wohnungen befinden sich straßenseitig. Hierdurch kann der Innenhof von Besucher- und Anlieferungsverkehr freigehalten werden. Müllentsorgung und -sammlung ist im Gebäude jeweils erdgeschossig integriert. Diese ist dezentral pro Hauseinheit organisiert und separiert gewerbliche Nutzungen im Sockelbereich vom Wohnen.
    Alle Wohnungen haben über die jeweiligen Erschließungskerne auf Ebene 1. OG einen direkten Zugang zum Gemeinschaftshof

    Freiraum_ Privatheit und Gemeinschaft
    Das Freiraumkonzept zielt darauf ab den hohen nachbarschaftlichen Wert aus dem städtebaulichen Konzept zu stärken und dem Quartier eine starke Identität zu verleihen.
    So wird ein kleiner nutzungsoffener Quartiersplatz im Anschluss an das Bürgercafé als Vermittler zwischen öffentlichem und privatem Raum entwickelt. Dieser soll die vom Friedensplatz aus kommende Passage stärken und so die quartiersbezogenen Freiräume miteinander vernetzen. Hier können sich nicht nur die direkten Anwohner sondern auch die Bürger aus der umgebenden Nachbarschaft begegnen und miteinander austauschen. Von hier aus erreicht man den durch eine Toranlage geschützten Innenhof. Eine großzügige eingehauste Fahrradabstellanlage ermöglicht den Bewohnern als Ergänzung zu den Tiefgaragenstellplätzen ebenerdiges Parken. Der vom Bürgercafé überdachte Bereich ist ein idealer Ort zum Spielen und Toben bei jedem Wetter. Aus dem intimen Innenhof wird ein "Grünes Zimmer“ entwickelt, dass geschickt die Erdgeschossebene mit der Freifläche aus dem 1. Obergeschoss verbindet. In der unteren Ebene finden größere Kinder ein grünes Spielzimmer mit Kletter- und Versteckmöglichkeiten. Eine Rutsche verbindet die beiden Ebenen spielerisch miteinander. Eine Sitz-Tischgruppe lädt auch die älteren Bewohner zur Nutzung und zum Verweilen ein. Auf der Ebene im 1. Obergeschoss wird die Gestaltung fortgeführt und bietet eine ruhigere und eher den jüngsten Bewohnern angepasste Spiel- und Bewegungsmöglichkeiten. Locker gesetzte Großsträucher und Bäume verknüpfen ebenfalls die beiden Ebenen. Geländemodellierungen und Aufkantungen garantieren einen ausreichenden Bodenaufbau für die Gehölze. So wird z.B. die obere Grünfläche entlang des Weges um Sitzhöhe angehoben und kann so gleichzeitig zur indirekten Belichtung der darunterliegenden Büroräume genutzt werden. Der Laubengang mit seinen vorgelagerten privaten Nutzungsbereichen ist durch begrünte Hochbeete leicht geschützt lädt aber trotzdem zum nachbarschaftlichen Miteinander ein. Einen weiteren wertvollen Freiraum finden die Bewohner auf dem Dach des Bürgercafés. Hier werden von den Anwohnern mitzugestaltende Nutzungsangebote wie Urban Gardening, Urban Farming o.ä. vorgeschlagen. Gemeinschaftliche Events, eine große Tafel für Quartiersfeste, spannende Kleinarchitekturen wie Gewächshaus, Geräteschuppen oder Pergolen bilden einen hohen Identifikationsfaktor für die Bewohner des Quartiers.

    Brandschutz_
    Die geplanten Gebäude sind über die öffentlichen Straßenflächen direkt zu erreichen. Der rückwärtige Gebäudeteil wird über eine Feuerwehrzufahrt erschlossen. Auf dem Grundstück werden Flächen für die Feuerwehr entsprechend hergestellt. Aufgrund des Nutzungsmixes ist sichergestellt, dass die nicht zu den öffentlichen Straßenflächen durchgesteckten Wohnungen bzw. die zu weit entfernt liegenden Wohnungen entweder über 2 bauliche Rettungswege verfügen (Laubengangerschließung mit einem Treppenraum und einer Außentreppe) oder mit tragbaren Leitern der Feuerwehr angeleitert werden können. Das Hubrettungsfahrzeug muss im Innenhofbereich nicht für die Personenrettung angesetzt werden. Eine Durchfahrtsmöglichkeit für die Feuerwehr ist berücksichtigt.
    Die geplanten Maisonette-Wohnungen sind so organisiert, dass sie in jeder Ebene einen Zugang zum notwendigen Treppenraum haben und der 2.Rettungsweg aus der oberen Ebene der Maisonette über die interne Treppe in die untere Ebene und von dort ins Freie geführt wird („umgedrehte Maisonette“). Somit sind für diese Wohnungen keine tragbaren Leitern für die Feuerwehr als Rettungsgerät erforderlich.
    Die gewerblichen Flächen im Erdgeschoss erhalten jeweils 2 bauliche Rettungswege.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Die Entwurfsverfasser*innen schlagen eine durchgängige Blockrandbebauung vor, die im Wesentlichen dem Ergebnis des städtebaulichen Ideenwettbewerbs folgt. Darüber hinaus aber sehr präzise Setzungen einführt, um das Gebäude an die umgebende Bebauung anzupassen. Etwa die Einführung einer stringenten Trauflinie auf Höhe der Traufe der Stadtkirche, die Übernahme der Gauben entlang der Frankfurter Straße und die deutliche Überhöhung der Blockrandecke am Friedensplatz. Einzig der Anschluss an die viergeschossige Traufe der Bahnhofsstraße wird kontrovers diskutiert und erscheint überarbeitungswürdig.

    Die dreigeschossige Hofbebauung schafft eine passende Gliederung des Innenhofs mit einer überzeugenden Zonierung des privaten Außenraums auf verschiedenen Ebenen. Dazu werden eine ganze Reihe von attraktiven Angeboten mit Aufforderungscharakter vorgeschlagen, die eine hohe Identifikation der Bewohner*innen erwarten lässt. Der kurze Weg aus den Wohnungen über die zweite rückwärtige Erschließung bereichert diesen Gedanken zusätzlich. Bemerkenswert sind in diesem Zusammenhang auch die außenliegenden und überdachten Fahrradabstellplätze, beinahe ein Alleinstellungsmerkmal im Wettbewerb. Allerdings sollte die Öffnung des Nachbarschaftscafé zum privaten Innenhof hin im weiteren Verlauf geprüft werden, da eine öffentliche Cafénutzung im südlichen Innenhofbereich unglaubwürdig erscheint.

    Die Nutzungsanordnung ist städtebaulich gut gewählt, das Stadtbüro liegt als eine zusammenhängende Einheit an der richtigen Position und mit einer eindeutigen Adressbildung. Die Handelsflächen sind kombinierbar, die Gastronomie ist zusammenschaltbar. Auch gelingt es mit nur 4 Erschließungskernen eine erstaunliche Vielfalt an gut zugeschnittenen Wohnungen zu entwickeln, die meisten davon zweiseitig belichtet.

    Die Fassadengestaltung entspricht dem innerstädtischen Maßstab, die raumhohen Fenster versprechen großzügige und qualitätsvolle Wohnräume. In Hinblick auf die Fassadenmaterialität und den Dachbelag erscheint die präzise Kubatur robust genug, um ohne bedeutende Qualitätsverluste Anpassungen an den weiteren Planungsfortschritt mit eventuellen wirtschaftlichen Anforderungen zuzulassen.

    Insgesamt ist hier ein Entwurf entstanden mit einem souveränen Mix aus zeitgemäßer Anmutung und angemessener Einbindung in den Kontext, der eine außerordentlich hohe Nutzungsqualität verspricht.