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  • CH-9000 St. Gallen
  • 12/2018
  • Ergebnis
  • (ID 2-307641)

Neugestaltung Marktplatz und Bohl in St. Gallen


  • 2. Rang


    Landschaftsarchitekten
    Mettler Landschaftsarchitektur, Gossau (CH), Berlin (DE) Büroprofil

    In Zusammenarbeit mit:
    Architekten: TOM MUNZ ARCHITEKT, St.Gallen (CH)
    Bauingenieure: B+S Ingenieur AG, Bern (CH), Zürich (CH)
    Lichtplaner: conceptlicht at, Mils / Innsbruck (AT)

    Erläuterungstext
    Liegt nicht vor.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Aus einer sorgfältigen Analyse in Text- und Skizzenform werden die Kernelemente des
    Freiraumentwurfs abgeleitet und schlüssig dargelegt. Die historische Funktion des
    Platzraumes als «Schnittstelle zwischen oberer und unter Altstadt» manifestiert sich
    folgerichtig als Transitfläche, welche die «Koexistenz vielfältiger Nutzungsansprüche von
    Bewegung und Aufenthalt» zusammenführt und diese Orte mit differenzierten Charakteristiken einschreibt. In Ableitung der historischen Situation wird der urbanen, offenen
    Platzfläche des Bohls ein baumbestandener Raum mit Marktständen am Marktplatz
    gegenübergestellt: Atmosphärisch unterschiedliche Orte sollen den grossen Gesamtraum gliedern.
    Eine prägnant in die Höhe strebende Brunnenskulptur – auf dem aktuellen Stand in Form
    eines in Bronze gegossenen Holzkistenstapels noch etwas allzu «wörtlich» ausformuliert
    – markiert anstelle der heutigen Rondelle den neuen Schwerpunkt zwischen Markt und
    Bohl und dient der Orientierung im Stadtraum. Unter dem Baumcarré aus Neupflanzungen (Schnur- und Zürgelbäume) installiert sich auf selbstverständliche Weise der Markt
    mit seinen allseitig orientierten Standeinheiten, deren grösste sich als Rondellen-Ersatz
    stirnseitig auf die Kreuzung von Platzraum und Marktgasse ausrichtet. Die auf dem Bohl
    inszenierte «Leere» erweist sich hinsichtlich der Kuratierung dieses Bereichs aber als
    anspruchsvoll.
    Mit grossem Engagement wird die Ausgestaltung der Bodenfläche dargestellt und v. a.
    auch textlich beschrieben: Ein durchgängiger Belag aus Betonplatten, in welche partiell
    Natursteinintarsien eingelassen sind, formt eine Art Teppich, der auch die Fahrbereiche
    ausschlagen kann. Farbzuschläge aus unterschiedlichen Stoffen sollen die ausgedehnte
    Fläche differenzieren; unterschiedliche Gesteinsarten nehmen Bezug auf die weitreichende Handelsgeschichte der Stadt. Die genauen Ausmasse des «Teppichs» sind im
    Hinblick auf die Raumlektüre aber nicht immer ganz verständlich: Seine Ränder wirken
    an verschiedenen Stellen allzu abrupt. Dem Vorteil, dass die Fahrbahn auf diese Weise
    homogen in die Belagsfigur integriert werden kann, steht die Frage entgegen, ob eine
    derart grosse Betonbelagsfläche atmosphärisch wirklich halten kann, was sie auf den
    Bildern verspricht; dies umso mehr, als die vorgeschlagenen Natursteinintarsien unter
    der gegebenen Beanspruchung technisch kaum bewältigbar sein werden.

    Auf klare Weise deklarieren die Verfassenden die Transformation des heute vom Autoverkehr dominierten Ortes zu einer «fussgängerfreundlichen Raumfolge», die in ihrer
    Vielschichtigkeit erlebbar gemacht werden soll. Die Calatravahalle, die als identitätsstiftendes und autarkes Element am Bohl erhalten bleibt, wird durch eine neue Bushaltestelle auf der Höhe des Marktplatzes ergänzt, die in der Visualisierung allerdings
    noch etwas fremd und allzu nostalgisch anmutet. Insgesamt sehen die Verfasser im
    Separieren der beiden Haltestellen aber zurecht einen grossen Mehrwert: Sie führt in
    positivem Sinne zu einer Entflechtung des engen Verkehrsknotens. Im Weiteren sind alle
    verkehrsmässigen und funktionalen Aspekte der Umsetzung schon sehr detailliert dargelegt und beschrieben: Taxi-Parkplätze dezentral entlang der Fahrgassen und am Rande
    der Platzfläche, Fahrradabstellplätze verteilt in Gruppen an strategisch wichtigen Stellen,
    Unterflur-Medienanschlüsse, Leitsystem für Geh- und Sehbehinderte u. v. m. Auch das
    Lichtkonzept – mit einem den Raum quer überspannenden Beleuchtungssystem, das
    aber punktuell auf die unterschiedlichen Gegebenheiten reagiert – ist bereits detailliert
    beschrieben und passgenau auf das Gesamtkonzept abgestimmt

    In vielerlei Hinsicht überzeugend ist der Vorschlag für die neuen Marktstände, sowohl
    auf nutzungsmässiger als auch auf architektonischer Ebene: Als intelligent arrangierte
    Einheiten aus Stahlelementskeletten erzeugen sie ein einfaches, für den Markt aber sehr
    identitätsstiftendes Bild. Einerseits ermöglichen sie eine vielseitige Bespielung, andererseits verweisen sie – etwa durch die raffinierte Anordnung von Scherengittertoren – auf
    vertraute Vorstellungen von traditionellen Marktsituationen in anderen Städten. Ihre
    Demontierbarkeit bleibt aber fraglich.
    Der ständige Markt erhält eine klar definierte «Nische», in die er sich einnisten kann,
    wenngleich die Positionierung der Wochenmarktstände durch die neue Baumreihe erschwert wird. Die Nutzungen der Rondelle werden sinnfällig in diesen integriert. Weitere
    Synergien können mit der Anordnung der temporären Marktstände in unmittelbarer
    Nachbarschaft gefördert werden. An der Seite der Marktgasse entsteht eine zusammenhängende Fläche für Veranstaltungen, die im Alltag vielfältige Aufenthaltsmöglichkeiten bietet; ihre Aufenthaltsqualität wird durch ein Wasserspiel erhöht. Hinsichtlich Ökologie und Nachhaltigkeit verspricht das Projekt aufgrund seiner umsichtigen Verschränkung vielfältiger Aspekte gute Werte. Die deklarierte Robustheit der
    Betonbelagsfläche gerät durch die darin eingelassenen Natursteinintarsien allerdings
    etwas in Bedrängnis.
    Zusammenfassend überzeugt der Vorschlag durch seine klare Setzung, abgeleitet aus
    der Geschichte sowie den räumlichen und nutzungsmässigen Bedingungen des Ortes.
    Sie bildet eine gute Ausgangslage für eine stimmige neue Raumdisposition. Ihre einzelnen Teile und Elemente wirken aber noch etwas beliebig, streckenweise gar episodisch.
    Zu wenig sind sie (noch) in der Lage, Marktplatz und Bohl als Teil eines «grossen Ganzen» in eine weit ausstrahlende, städtische Identität überführen zu können. Negativ wirken sich auch die Tatsache der eingeschränkten Flexibilität des ständigen Marktes durch dessen fixe Konstruktion sowie die Lage der neuen Baumreihe hinsichtlich einer freien Bespielung des Wochenmarktes aus, auch wenn der neu gestaltete Markt als gefasster Ort vertraute Bilder in eine neue, stimmige Sprache zu übersetzen vermag.