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  • DE-88178 Markt Heimenkirch
  • 03/2019
  • Ergebnis
  • (ID 2-317795)

Umbau des ehemaligen Brauereigasthofes Sonne in Markt Heimenkirch


  • 2. Preis


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    Architekten
    Hagspiel / Stachel / Uhling Architekten Part mbB, Kempten (DE)

    Verfasser
    Alexis Uhlig

    In Zusammenarbeit mit:
    Landschaftsarchitekten: Architekturbüro Huber, Kempten (DE), Betzigau (DE)
    Tragwerksplaner: DR. SCHUETZ INGENIEURE Beratende Ingenieure im Bauwesen PartG mbB, Kempten (DE)
    Brandschutzplaner: Ingenieurbüro Anwander - Arbeitssicherheit & Brandschutz, Sulzberg (DE)
    Modellbauer: Winfried Becker, Kempten (DE)

    Preisgeld
    18.725 EUR

    Erläuterungstext
    Grundidee des Entwurfes ist es, den ortsbild-prägenden Charakter der „Sonne“ herauszuarbeiten und den Ortskern mit dem Charme der alten Zeit zu beleben. Die „Sonne“, wie sie bis 1934 da stand - raumbildend, selbstverständlich, schlicht und harmonisch, soll nicht kopiert, sondern zeitgemäß transformiert werden.

    Dem Ort angemessen soll kein ortsfremder Bautyp das Bild verfälschen, die Anbauten aus dem 20. Jahrhundert werden vollständig zurück gebaut. Es bleibt der Kubus wie vor 1934.
    Ein Neubau „westallgäuer Bauart“ neu interpretiert und angelehnt an bestehende Formen und Kubaturen der Umgebungsbauten füllt die Lücke und ergänzt das flexible Wohnensemble „Sonne“ mit dem Konzept eines Generationenhauses.
    Im Erdgeschoss zum Dorfplatz orientiert, siedeln sich öffentliche Nutzungen an: Physiotherapie nach Raumprogramm, eine Eisdiele und die „Kleine Sonne“ - eine ambitionierte Gastronomie mit ortstypischer Esskultur und altem Stammtischbrauch.

    Der Innenraum in den Ober- und Dachgeschossen wird über einen Dacheinschnitt zum Außenraum. Der über mehrere Geschosse geführte Lichthof bringt Licht und Leben ins Innere des Gebäudes.
    Der Vorschlag des 1. Preisträgers des Wettbewerbs für die Freiflächen wird konzeptionell beibehalten - für den zukünftigen Dorfplatz, die Westseite der „Sonne“ sowie für den nördlichen Kirchplatz und den kleinen Platz vor dem Pfarrhaus.
    Auch der Vorschlag des einheitlichen Belags für die Plätze und Wege wird übernommen um die verschiedenen Bereiche zusammen zu bringen und zu fassen.
    Das Dach der Tiefgarage dient als öffentliche Freifläche, die ganz zurückhaltend gestaltet ist. Sie ist verbindendes Element zwischen dem östlich gelegenen Neubau und dem Bestandsgebäude. Frei in der Fläche liegende Holzdecks dienen zum Teil als öffentliche und als private, den Wohnungen zugehörige Freiflächen.
    Die geforderten Stellplätze werden in der Tiefgarage, auf der Süd- und Ostseite des Grundstücks platziert. Fahrrad-Stellplätze befinden sich im Garagengeschoss, für Besucher im Außenbereich nahe dem Haupteingang als einfache Anlehnbügel. Östlich des neu geplanten Gebäudes soll das Gelände als natürlich gestalteter Hangverlauf angelegt werden, der das Gebäude umschließt.
    So entsteht ein neues Wohnensemble gemischt mit öffentlicher Nutzung, raumbildend, selbstverständlich, schlicht und harmonisch.

    In der „Sonne“ selbst sind (in den oberen Geschossen) verschieden große, flexibel gestaltete Wohnungen untergebracht.
    Begegnungsräume entstehen innerhalb der Bewegungsflächen in den Fluren, neben der Treppe, an den Ausgängen am Schwarzen Brett, auf der Galerie, am Schach-Spieltisch, im Lichthof, draußen auf der Boggia-Spielfläche und auf gemeinsam nutzbaren Terrassendecks.
    Der Außenraum bildet die Brücke zum modernen Familienwohnen in der Nachbarschaft. Hier finden drei Generationen ihr Zuhause. Die oben angesiedelte Familie, entlässt ihr flügge gewordenes Kind in die Einraumwohnung im EG in die Selbständigkeit. Die Großeltern bleiben in der barrierefreien Zweiraumwohnung im selben Haus (EG). Alternativ kann die Wohnung im EG von Pflegepersonal genutzt werden: Abstand und Nähe zugleich.

    Die oberen Geschosse werden entkernt. Die Struktur des unteren Geschosses bleibt erhalten. Statisch notwendige Achsen werden in derselben Lage in Massivbauweise nach oben geführt. Daraus entsteht ein massiver Kern, der die Grundsäulen für Aussteifung, Brandschutz und Schallschutz bildet.

    Um die neuen Lasten gering zu halten und die bestehenden Fundamente nicht zu überlasten, werden die Decken in Kreuzlagenholz ausgeführt; Zimmer- Trennwände dagegen in Leichtbauweise, der obere Dachspitz als herkömmliches Sparrendach.
    Durch das sichtbarlassen der Holzstruktur gewinnt der Innenraum an Charme, verweist auf die ursprüngliche Bauweise und die Nutzung lokaler Ressourcen.

    Durch das Prinzip des „Berliner Treppenraumes light“ werden auch die wenigen nicht anleiterbaren Dachgeschosswohnungen dem Brandschutz gerecht. Wegen der Höhe des obersten begehbaren Fussboden < 13 m wird das Gebäude in Gebäudeklasse 4 eingestuft, die Anforderungen an die Tragkonstruktion ist F60.

    Der Charme der „Sonne“ von damals soll durch die Wiedergabe einzelner Details sichtbar werden: Die alten Ornamente werden im Geländer der französische Balkone in neuem Material übernommen.
    Die Fensterteilung nähert sich der ursprünglichen massiven Lochfassade auch im Erdgeschoss an.
    Das ursprüngliche ruhige Satteldach wird wieder hergestellt – Belichtung im Dachgeschoss erfolgt über Einschnitte, die das Ortsbild von außen nicht stören. Auf Aufbauten wird bewusst verzichtet.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Der Entwurf bezieht klar Stellung auf den historischen baulichen Zustand, wie er bis 1934 das Ortsbild geprägt hat. In seiner Einfachheit und Selbstverständlichkeit gleicht er dem ursprünglichen Gebäude, auch wenn die Konstruktionen bis auf das Erdgeschoss und die Außenwände neu erstellt werden. Dem Hauptbau wird ein kleines Gartenhaus zur Seite gestellt, das in hervorragender Weise den Übergang zur kleinteiligen Umgebung formuliert. Gleichzeitig wird durch die Positionierung des kleinen Hauses die Zufahrt zur Tiefgarage hinter dem Haupthaus eindeutig definiert.
    Die Gestaltung der Außenanlagen entspricht in ihrer Einfachheit und Zurückhaltung der Grundhaltung des Haupthauses, die Vorgaben aus dem Freiflächenwettbewerb wurden umgesetzt. In den Fassaden spiegelt sich das historische Gebäude wider, alte Schmuckelemente werden neu interpretiert und sinnvoll eingegliedert. Während die Wohnungen zur Kemptener Straße hin im ersten Obergeschoss über bodengleiche Fenstertüren zu öffnen sind, weisen diese im zweiten Obergeschoss keine eigenen Freiflächen auf. Den rückwärtigen Wohnungen sind Balkone vorgelagert. Interessant,
    auch unter dem Gesichtspunkt des sozialen Miteinanders, ist die Ausgestaltung des Treppenraumes. Während er im ersten Obergeschoss noch relativ im Dunkeln bleibt, öffnet er sich in der darüber liegenden Ebene zu einem begrünten Innenhof hin, der über einen großzügigen Dachausschnitt an das Freie angebunden ist. Ganz oben befindet sich eine gemeinsam zu nutzende Loggia. Nicht näher dargelegt in Detail, Material und Funktion sind die diesen Bereich überdeckenden, drehbaren Lamellen, die trotz des großen Einschnitts für eine ruhige Dachfläche sorgen sollen. Ob das gelingt, geht aus den vorliegenden Angaben nicht zweifelsfrei hervor.

    Die bestehenden konstruktiven Strukturen wurden im Erdgeschoss weitgehend beibehalten. Die Funktionsbereiche sind hier sinnfällig zugeordnet. Auch die gewünschte Belebung des öffentlichen Raums durch die dargestellten Nutzungen ist gegeben.

    Die Grundrisse sind im Großen und Ganzen funktional organisiert und ermöglichen ein vielfältiges Angebot. Die gewünschte Wohnungsmischung wird nur zum Teil eingehalten. Ob die Anforderungen an die Rettungswege genügen, kann nicht abschließend bewertet werden. Ein zweiter Treppenraum ist nicht angeboten. Die vorgeschlagene Holzkonstruktion für die neuen Geschoßdecken ist in Anbetracht der dargestellten Spannweiten und Geschoßhöhen zu hinterfragen. Bis auf die erhöhten Aufwendungen im Zusammenhang mit dem Lichthof zum Treppenraum sollten die dargestellten konstruktiven Strukturen im Rahmen des Üblichen zu erstellen sein.

    Die Aufgabenstellung, unter Wahrung des ortsbildenden Charakters des Brauereigasthofes „Sonne“ neue Wohnungen zu errichten, die ein soziales Miteinander anregen und heutigen Anforderungen an zeitgemäßes Wohnen gerecht werden, hat diese Arbeit sehr gut gelöst. Insbesondere die Anknüpfung an den historischen Bestand vor 1934 ist überzeugend geglückt.


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