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  • DE-10707 Berlin, DE-12524 Berlin
  • 03/2019
  • Ergebnis
  • (ID 2-315161)

Begräbnisstätte und Erinnerungsort auf dem Friedhof Altglienicke


  • Engere Wahl


    Landschaftsarchitekten
    LA.BAR Landschaftsarchitekten bdla, Berlin (DE) Büroprofil

    In Zusammenarbeit mit:
    Künstler: AEREA Design, Berlin (DE)

    Erläuterungstext
    Der Friedhof Altglienicke – ein Hof des Friedens. Ein Gedenk- und Erinnerungsort, Auffindungsort, ein Ort der Trauer, Versöhnung und Geschichte.

    Friedhöfe erfüllen wichtige und in vielen Kulturen bestehende individuelle und kollektive Funktionen. Vor allem sind sie dazu bestimmt, den Angehörigen Verstorbener ein ungestörtes Totengedenken in einem Raum zu ermöglichen, der deutlich von dem der Lebenden abgetrennt ist. Somit spielen sie eine wichtige Rolle in der religiösen Praxis und erfüllen öffentliche Interessen.
    Bei dem Friedhof Altglienicke geht es darum, dem Massengrab mit 1 360 Urnenbeisetzungen eine würdige Gestaltung zu geben, die möglichst den Bedürfnissen und Anforderungen aller Beteiligten entspricht. Unser Entwurf bezieht sich auf den traditionellen Bau einer Begräbnisstätte, eines Grabes. Mit einer Grabeinfassung, einem Grabstein und einer schlichten Grünfläche. Die Gestaltung ist modern, zeitlos und respektvoll.
    Wir schlagen vor, die gesamte Fläche zu einem einheitlichen Erinnerungsort zu gestalten, ohne die Bereiche U1 und U2 räumlich oder gestalterisch zu differenzieren. Der 20 Zentimeter hohe Einfassungssockel, das 56 Meter lange Grabsteinband mit den Namen und die 2,2 Meter hohe Informationstafel sind aus einem sandgestrahlten schwarzen Naturstein. Einem zeitlosen, würdevollen Stein, wie er traditionell in der Friedhofskultur verwendet wird.
    Der Besucher kann das Urnenfeld über zwei Eingänge im Norden und Süden betreten und auf einem schmalen Weg aus in den Rasen eingelegtem Kleinsteinpflaster an dem Grabstein entlanggehen. Der lange Grabstein steht frei und selbsttragend vor der Friedhofsmauer. Er setzt sich aus 21 Segmenten zusammen, die sich auf den Rhythmus der Friedhofsmauer beziehen. Bis auf das längere Anfangssegment hat jedes Grund-Segment eine Länge von ca. 2,6 Meter und besteht aus ca. drei etwa 5cm starken und auf einer Metallunterkonstruktion befestigten Platten: der Frontplatte, der schrägen Platte mit den Namen und der ebenen Platte, auf der die Besucher Kerzen aufstellen und Blumen ablegen können. Das Fundament befindet sich außerhalb des Urnenfeldes. Lediglich der Weg reicht etwas in das Feld hinein. Aufgrund seiner geringen Tragschicht wird eine Störung der Urnen aber vermieden.
    In der geneigten Platte des Grabsteins setzen sich die Namen aller Opfer als polierte Natursteinflächen gut leserlich gegenüber dem ansonsten matten Stein ab. Die Namen sind alphabetisch und einzeln angeordnet, nicht in Listen, Tabellen oder in Reihung. Es gibt keine Unterteilungen in Mann, Frau, Kind oder nach Nationalitäten. Durch diese Gestaltung bekommt jedes Opfer etwas Persönliches, Individuelles zurück. Die Namen vermitteln eine differenzierte Bildsprache. Große Lettern in Gold strukturieren das Namensfeld, sodass der Besucher einen schnellen Überblick bekommt und gezielt nach dem Verwandten, Freund, Nachbarn suchen kann.
    Die Informationstafel in den Maßen 220 x 200 cm ist ebenfalls aus schwarzem Naturstein und befindet sich in der nördlichen Ecke der Grabfeldeinfassung. Sie ist zweiseitig beschriftet – Der Text ist vorderseitig in Goldlettern eingelassen, der Vertiefungstext befindet sich auf der Innenseite und ist in hellgrau angelegt, entsprechend der Namen der Opfer.
    Farben und Typographie Die Farbgebung des Begräbnis- und Erinnerungsortes ist
    Anthrazit, Hellgrau und Gold. Die Wahl der Typographie fiel auf die Gill Sans. Sie wird wegen ihrer ruhigen Eleganz und ihrer vielseitigen Verwendbarkeit geschätzt. Eine Besonderheit dieser Schrift ist der leicht geometrische Touch. Die Buchstabenformen und Proportionen bauen auf die Renaissance-Antiqua auf. Die Schriftenfamilie basiert auf 32 verschiedenen Schriftschnitten, die nicht systematisch aufeinander aufbauen, sondern jeweils einen eigenen Charakter haben. Hier ein Beispiel 1:1
    Landschaftsgestaltung
    Bis auf den vorhandenen Gedenkstein, der als zeitgeschichtliches Zeugnis im Urnenfeld verbleibt, werden alle heutigen Einbauten und Pflanzflächen entfernt. Das Urnenfeld wird danach als ebene Rasenfläche neugestaltet. Darin flächig ausgebrachte Engelstränen-Narzissen-Zwiebeln (Narcissus triandrus `Thalia ́) verwandeln das Urnenfeld in jedem Frühjahr in ein duftendes weißes
    Begräbnisstätte und Erinnerungsort Friedhof Altglienicke 121212
    Blütenmeer. Im Bereich der vorhandenen Bäume sind Aussparungen in der Grabeinfassung vorgesehen, um die Wurzeln der Bäume zu schonen. Der Bereich um die Informationstafel wird mit schwarzen Natursteinplatten belegt und ist für Rollstuhlfahrer nutzbar. Am Asphaltweg, dem Urnenfeld gegenüber, sind zwei lange Sitzbänke ebenfalls aus schwarzem Naturstein mit Holzauflagen und Lehnen vorgesehen. Alle Bereiche sind barrierefrei zugänglich. Die Sitzbänke werden mit Rücken- und Armlehnen ausgetattet.

    Mitarbeit: Julian Engmann, Robert Bernhardt
    F217 ausstellung DESIGNgraphik, Berlin
    Helga Lieser
    AREA design, Berlin
    Peter Francis Lewis

    Sonderfachleute
    H. ALBRECHT Steinmetzbetrieb
    Frank und Bodo Rüdiger oHG

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Der Leitgedanke einer in gleichem Material gehaltenen Rahmung der Grabanlage ist kraftvoll. Dass die bekannten Elemente der Grabgestaltung wie niedrige Einfassung, schlichte Grabbepflanzung und beschrifteter Grabstein zitiert werden und in modifizierter Form einen würdevollen Rahmen des Grabfeldes inszenieren, ist bestechend. Jedoch wirft dieser minimalistische Gestaltungsvorschlag in seiner Umsetzung einige Fragen auf.

    Das zentrale Motiv der Namensnennung wird entlang der Friedhofsmauer auf einem zweifach zu einem Pult gefaltetem Natursteinband angeordnet. Der Lesende steht dadurch mit dem Rücken zum Urnenfeld und hat die ungestaltete Rückseite der Friedhofsmauer direkt vor sich. Diese Ausrichtung des Betrachtens wird von der Jury als ein entscheidender Nachteil angesehen. Die Positionierung des 56 Meter langen Grabsteinbandes erzwingt die Anlage eines zusätzlichen Erschließungsweges. Seine vorgeschlagene Ausgestaltung wird der zugedachten Bedeutung nicht gerecht. Außerdem sind Dimensionierung und Oberflächengestaltung weder barrierefrei noch für Begegnungsfälle geeignet. Die Überlappung des Wegeverlaufs mit dem Grabfeld wird von der Jury kritisch diskutiert. Die vorgeschlagene Anordnung der Infotafel an exponierter Stelle ist plausibel, jedoch erschließt sich die beidseitige Beschriftung nicht auf Anhieb und die dreieckige Wegefläche auf der Rückseite wirkt additiv und ist nicht der Funktion entsprechend bemessen. Durch die vorhandene Lindenreihe wird eine Unterbrechung der vorderen niedrigen Einfassungskante erzwungen. Zwei Bänke im gleichen dunklen Natursteinmaterial wie die Gesamtanlage springen auf die andere Wegeseite über. Durch diese beiden Maßnahmen wird die Kohärenz und Klarheit des Entwurfsansatzes geschwächt. Die südliche Anbindung der Anlage mit angefügtem Asphaltstreifen kann nicht überzeugen. Die vorgeschlagene Ausführung der Beschriftung als polierte Oberfläche auf mattem Naturstein und zusätzlicher hellgrauer Einfärbung ist kritisch zu hinterfragen und scheint in Lesbarkeit und Nachhaltigkeit eingeschränkt. Die Anordnung des Alphabets in großen goldenen Buchstaben zur leichteren Auffindung der Namen wird gewürdigt.

    Insgesamt offeriert die Arbeit einen klaren und würdevollen Gestaltungsansatz. In einigen Bestandteilen werden jedoch Fragen aufgeworfen, die eine Umsetzung des künstlerischen Leitgedankens schwächen.