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  • DE-10707 Berlin, DE-12524 Berlin
  • 03/2019
  • Ergebnis
  • (ID 2-315161)

Begräbnisstätte und Erinnerungsort auf dem Friedhof Altglienicke


  • 3. Preis


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    Künstler
    Ina Geißler, Berlin (DE)

    Verfasser
    Ina Geißler , Jens Betcke

    In Zusammenarbeit mit:
    Landschaftsarchitekten: häfner jiménez betcke jarosch landschaftsarchitektur gmbh, Berlin (DE)
    sonstige Fachplaner: Fabian Lippert l Architekt, Berlin (DE)

    Preisgeld
    2.100 EUR

    Erläuterungstext
    Unser Vorschlag für die Begräbnisstätte und Erinnerungsort Friedhof Altglienicke besteht aus einer neuen Wand, welche parallel zu der bestehenden Friedhofsmauer aufgestellt wird. Die Namenwand hat die Aufgabe, die sehr hohe Anzahl der hier auf engsten Raum ruhenden, ermordeten Menschen sichtbar zu machen und deren Ruherecht zu schützen. Ebenso betont unsere Wand die spezielle Position dieser Urnenfelder, welche sich am äußersten Rand des Friedhofes befinden.

    Jeder hier Ruhende erhält ein eigenes Element. Somit wird die Anzahl der hier unter die Erden gebrachten Urnen emotional erfahrbar und physisch fassbar. 1360 einzelne Betonelemente werden verschränkt übereinander geschichtet, so dass sie gemeinsam ein Flechtwerk ergeben. Trotz seiner Mauerstruktur bleibt die Wand durchlässig und fordert die Betrachter durch seine in sich bewegte Oberfläche zu einem subtilen Perspektivwechsel beim Lesen der Namen auf. Durch das Ineinandergreifen der einzelnen Elemente wird die Tatsache sichtbar, dass eine Trennung von einzelnen Grabstellen nicht möglich ist. Die Namenwand lässt nun Platz für individuelles Gedenken, um Blumen, Kreuze oder Erinnerungsgegenstände in die den Namen zugeordnete Lücken zu stecken. Die Betonelemente bleiben Einzelteile und werden nicht miteinander vermörtelt. Als Stecksystem auf Stahlstäben aufgefädelt lassen sie sich bei Bedarf (z.B. Instandsetzung Bestandsmauer) wieder zu Einzelteilen auseinanderbauen.

    Die in die Mauer eingelassenen Namenszüge sind vom Weg aus gut lesbar. Die Urnenfelder müssen folglich nicht betreten werden. Zwischen U1 und U2 ergibt sich ein schmaler Zugang, auf dem ein Weg zwischen Mauer und Urnenfelder erreicht werden kann. Dieser kann ebenso von den Seiten her erreicht werden.

    Die Behandlung aller Namen geschieht gleichwertig. Die Entscheidung, alle Namen auf einer Wand anzubringen und die Betonelemente gleich groß zu machen, bestimmt die Gestaltung der Wand, welche den unmittelbaren Blickkontakt der Namen als Gesamtheit hinter der Grabstelle zulässt.
    Die Namen erscheinen in alphabetischer Reihenfolge. Die Struktur der Betonelemente ist bewegt, folgt jedoch einer strengen Ordnung. Das Lichtspiel auf ihrer Oberfläche bricht die sich wiederholende Faltstruktur auf. Gesteigert wird diese Wirkung durch den zufälligen Rhythmus, der sich ergibt, indem jeweils die Anfangsbuchstaben der Nachnamen kontrastreich betont werden. Die farbliche Hervorhebung der Initialen dient darüber hinaus ihrer Auffindbarkeit.

    Um dem unbegrenzten Ruherecht der sich hier befindlichen Urnen zu entsprechen, haben wir das Material Beton gewählt. In die einzelnen Betonelemente werden die Namen und die Lebensdaten eingefräst. Neben der unbeschränkten Haltbarkeit der Schrift, bewirkt diese Technik, dass die Schrift kostbarer wirkt als die übrigen Beton-Sichtflächen.

    Einfassung der Grabfelder und Bepflanzung
    Die Belegungspläne für die Grabstellen sind nicht zuverlässig. Deswegen ist die Kennzeichnung einzelner Grabstellen mit namentlicher Zuordnung nicht möglich. Wir haben uns für folgende Unterteilung entschieden: Die Bereiche, in denen sich Urnen befinden, werden erhöht und mit einer Betonkante eingefasst, so dass deutlich wird, auf wie engem Raum die Ascheurnen in den Boden eingelassen wurden. Dabei wird der Teil von U2 15 cm deutlich angehoben, da sich hier fast alle Ruhenden befinden. U1 wird etwas weniger, um 7,5 cm angehoben, da sich hier nur wenige Gräber befinden. Die Bereiche auf U2, in denen sich keine Urnen mit Dauerruherecht befinden, sollen nach Verlegung der dortig verbleibenden Bestatteten wieder betretbar werden. So ergeben sich Zugänge, um an die Mauer heranzutreten, ohne die Ruhe der hier Bestatteten zu stören.
    Die Erfahrung von Zeitlosigkeit der Betonwand steigert sich gegenüber einem, sich jahreszeitlich verändernden, Blütenrasen und verschiedenen Kräutern auf der Fläche, wo sich die allermeisten Urnenbestattungen konzentrieren. Dieser Bereich hebt sich vom schlichteren Rasen der umgebenden Flächen ab.
    Ein neuer, unbeschrifteter Gedenkstein soll den bisherigen ersetzen. Hier können Kränze zum Gedenken abgelegt werden. Dieser ist auf dem bestehenden Zugang zu erreichen. Laut Bestandsplan verlängert sich dieser Weg ursprünglich über das gesamte Friedhofgelände. Wir schlagen vor, ihn wieder herzustellen, um bei Zeremonien einen feierlichen Gang auf den Gedenkstein mit Blick auf die gesamte Namenwand zu gewähren.

    Schrift
    Die Schrift für die Namenszüge wurde eigens für die Begräbnisstätte und Erinnerungsort Friedhof Altglienicke entworfen. Wir haben uns dafür entschieden, eine eigene Schrift zu gestalten, um ein Höchstmaß an Unvoreingenommenheit zu erreichen. Ebenso sollte die Schrift entgegen der alphabetischen Anordnung weniger technisch wirken. Deswegen wurden eckige und runde Innen- und Außenformen miteinander kombiniert. Somit wirkt das Schriftbild weniger glatt und widersetzt sich einer festen Einordnung in Kategorien.
    Es werden ausschließlich Versalbuchstaben verwendet. Diese wirken kompakt als Schriftzug und stehen somit formal mit den langen Betonziegeln in Beziehung. Die Buchstaben sind aus 10 m Entfernung leicht lesbar sind (originale Schriftgröße siehe Visualisierung). Die Lebensdaten werden im Verhältnis zu den Namen etwas kleiner geschrieben, um eine Konkurrenz zwischen Lettern und Zahlen auszuschließen. Die Schrift eignet sich in ihrer Einfachheit für das Einprägen in Beton.


    Technische Beschreibung
    Größe der Betonelemente 110 x 10 x 25 cm.
    Die Elemente werden auf Stahlstäbe gesteckt, die in Hülsen im Fundament verankert sind. Abstandshalter vermeiden Kapillarwirkung zwischen den Schichten und sichern die Möglichkeit einer zeitweisen Demontage. Die vertikale Lastabtragung wird über ein eigenes Fundament parallel zum Fundament der Friedhofsmauer organisiert. Die Wand wird, nach zu erstellender Statik, mittels Doppel-T-Profilen im Zwischenraum zur Friedhofsmauer ausgesteift. Die Schrift wird mit computergesteuerter Fräse in die Betonelemente geschnitten. Die Versalien der Nachnahmen werden manuell lasiert und damit hervorgehoben. Die Elemente bekommen eine Hydrophobierung.

    Infotafeln
    Infotafel und Gedenkstätte sollen voneinander getrennt werden. Geht es vor der Mauer und speziell am Gedenkstein um die emotionale Erfahrung der Gedenkstätte, sollen die Infotafeln weder direkt am Eingang den ersten Eindruck versperren, noch das Gedenken untermalen. Deswegen schlagen wir vor, die Tafeln am linken äußeren Rand des Weges aufzustellen.
    Der Gedenkort stellt im Zusammenhang mit der Gesamtanlage des Friedhofes einen besonderen Baustein des Landschaftsparks Rudow-Altglienicke mit seinen vielen geschichtlichen Verweisen dar. Die Informationstafeln des Gedenkortes beziehen sich auf die Gestaltung der Tafeln im Park. Im Park sollten in angemessener Form Hinweise auf den Gedenkort errichtet werden.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Der Entwurf zeichnet sich durch die Konzentration auf die Gestaltung der Namensgebung aus. Eine Vielzahl an Betonelementen bildet eine Mauer entlang der gesamten Rückwand der Entwurfsfläche. Die Elemente sind jeweils mit einem Namen versehen, dessen Schrift groß genug ist um von der Wegefläche lesbar zu sein. Auf schmalen, begehbaren Rasenstreifen ist ein Herantreten an die Mauer möglich. Der Rasenstreifen entlang der Mauer erscheint jedoch zu schmal. Durch die leicht schräge und versetzte Anordnung der Elemente ergibt sich ein eindrucksvolles, texturiertes Gesamtgewebe. Die entstehenden Nischen können für das Ablegen von Blumen und Kerzen durch die Angehörigen und Besuchern genutzt werden. Nachteilig ist, dass zu den oben angeordneten Personen das Angebot schwierig wahrzunehmen ist.

    Die großzügige Geste der Mauer setzt ein sichtbares und würdevolles Zeichen mit großem Wiedererkennungswert und bildet einen angemessenen Ort der Erinnerung. Zugleich erweckt die Dimension in Kombination mit der gewählten Materialität ggf. der Eindruck zu großer Monumentalität. Der Vorschlag überschreitet den Kostenrahmen und erfordert Einsparungen oder Einwerbung von Drittmitteln oder Spenden.

    Die Namenswand wird vor die Friedhofsmauer gestellt und tangiert diese nicht. Die Friedhofsumfassung wird an dieser Stelle von innen nicht zu sehen sein, was aus denkmalschutzrechtlicher Sicht nachteilig bewertet wird. Gleichzeitig veranschaulicht dies den zivilisatorischen Bruch, den die Ermordung darstellte.

    Die eigentlichen Grabflächen sind zurückhaltend gestaltet und werden als leicht erhöhte, eingefasste Wiesenflächen nachgezeichnet und heben sich so von den umliegenden Rasenflächen ab. Ein neutraler Gedenkstein tritt an die Stelle des bisherigen, mit unzutreffenden Beschriftung versehenen Steines. Hier können z.B. Kränze abgelegt werden. Der Gedenkstein nimmt in seiner Platzierung Bezug auf einen wieder hergestellten gegenüberliegenden Weg und bindet somit die mögliche Veranstaltungsfläche ein. Die Informationstafeln befinden sich im Eingangsbereich und sind sofort erkennbar.

    Hervorzuheben ist die Flexibilität der Konstruktionsweise die Korrekturen zulässt, ohne die Gesamtanlage zu zerstören. Die klare Geste der Mauer im Zusammenspiel mit der ruhigen Gestaltung der Fläche bietet einen überzeugenden Gesamteindruck.

    Die folgenden kritischen Punkte und Nachteile wurden angesprochen:
    - das Materialität der Mauersteine und die Monumentalität
    - Möglichkeit der Feuchtigkeitsbildung an der bestehenden Mauer
    - Die Breite des Rasenweges entlang der Mauer soll überprüft werden.


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