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  • Preisgruppe 1. Wettbewerbsstufe


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    Architekten
    OCTAGON Architekturkollektiv, Leipzig (DE)

    In Zusammenarbeit mit:
    Architekten: ISSS research | architecture | urbanism, Berlin (DE)
    Landschaftsarchitekten: STUDIO RW | Landschaftsarchitektur, Berlin (DE)

    Erläuterungstext
    Leitbild und Vision
    Das neue Stadtquartier Haunstetten Süd-West basiert auf einer symbiotischen Beziehung von Stadt
    und Landschaft als gleichwertige Partner eines resilienten Systems. Ihren räumlichen Ausdruck findet
    diese wechselwirkende Beziehung in der Verzahnung in einem produktiven Rand. Hier fließen nicht nur
    Stoffkreisläufe zusammen, sondern hier wird auch die Grundlage für neue lokale Wertschöpfungsketten gelegt. Nachwachsende Rohstoffe, Wasserrecycling, erneuerbare
    Energieproduktion, Nahwärmeerzeugung, Lebensmittelproduktion, Naherholung, Sport, Bildung,
    Wohnen und Arbeiten begegnen sich und schaffen einen vielfältigen, gemischt genutzten,
    energieautarken, resilienten und somit zukunftsfähigen Lebensraum. So entsteht ein PLUS für
    Haunstetten.

    Städtebau und Freiraum
    Grundstruktur
    Die städtebauliche Struktur des neuen Quartiers besteht aus drei Grundelementen. Gemischt genutzte
    Nachbarschaften, ein übergeordnetes Zentrum und die Kante zur Landschaft als produktiver Rand. Die
    räumliche Verknüpfung dieser Elemente folgt den Prinzipien von Verzahnung und Verknüpfung auf
    unterschiedlichen Ebenen. Die Teilquartiere sind ineinander verzahnt, mit dem bestehenden Ortsteil
    verknüpft und das Gesamtquartier verzahnt sich mit der Landschaft. So entsteht ein dichtes Netz von
    Wegeverbindungen mit einem räumlich abwechslungsreichen System aneignungsfähiger Stadträume
    unterschiedlicher Qualitäten. Die darin enthaltenen Baufelder folgen dem Primat der
    Nutzungsmischung und bilden durch ihre Größen eine hohe Flexibilität für ihre zukünftige Entwicklung
    durch vielfältige Akteure.

    Kante / Produktiver Rand
    Die Kante zur Landschaft wird als produktiver Rand zu einem funktional und räumlich eng verzahntem Raum zwischen Stadt und Landschaft. Hier fließen die Fäden der symbiotischen Beziehung zusammen und bilden diese räumlich ab. In diesem produktiven Landschaftspark werden sonst meist unsichtbare Prozesse des städtischen Metabolismus wie Energieproduktion und Wasserreinigung sichtbar und somit zum erlebbaren Bestandteil des städtischen Lebensraums.

    Verzahnung
    Durch das Prinzip der Verzahnung existieren die verschiedenen Elemente und Nachbarschaften nicht
    als gesonderte Teile nebeneinander sondern greifen räumlich, funktional und inhaltlich ineinander.
    Sie ergänzen sich, bereichern sich gegenseitig und schaffen ein PLUS für den gesamten Stadtteil
    Haunstetten. Insbesondere die Verzahnung des Siedlungskörpers mit der Landschaft wird zum
    vorrangigen Thema des Quartiers.

    Zentrum
    Das Herzstück des neuen Stadtteils im Südwesten von Haunstetten ist das neu geschaffene Zentrum
    an der Schnittstelle der Verlängerung der Tramlinie 3 mit dem neuen Bildungs- und Begegnungsboulevard. Mit seinen öffentlichen Einrichtungen verknüpft dieser das neue mit dem
    bestehenden Haunstetten und bindet den zentralen Stadtplatz als kleinteiliges Versorgungszentrum
    mit großer Aufenthaltsqualität für ganz Haunstetten optimal an.


    Quartiere
    Das Gesamtquartier gliedert sich in verschiedene gemischt genutzte Nachbarschaften, die sich jeweils
    um einen Nachbarschaftspark mit angrenzendem Quartiersanker bestehend aus Nachbarschaftstreff,
    Kita, Mobility Hub, Quartiersgarage, Gemeinschaftsdachgarten, etc. ausbilden. Jede dieser
    Nachbarschaften ist optimal an den ÖPNV angeschlossen und beinhaltet einen vielfältigen
    Nutzungsmix mit unterschiedlichen baulichen Dichten.


    Nutzungsverteilung
    Die Nutzungsverteilung im Quartier folgt dem Grundsatz maximaler Nutzungsmischung weist aber
    Bereiche mit unterschiedlichen Nutzungsschwerpunkten, Intensitäten und Dichten auf. So bilden die
    zukünftigen Tramhaltestellen wichtige Anknüpfungspunkte und sind geprägt durch intensiver
    gewerblich genutzte Teilräume. Die Nachbarschaftsparks sind räumlich klar gefasst und weisen
    mittlere Dichten mit gemischt genutzten Erdgeschoßzonen auf. Am Übergang zum Grünraum nehmen
    Höhe und Dichte der Bebauung ab und der Schwerpunkt liegt auf Wohnnutzungen. Die größte Dichte
    sowie übergeordnete Versorgungsfunktionen befinden sich im zentralen Zentrumsbereich des Quartiers an der Schnittstelle mit dem Bildungs- und Begegnungsboulevard. Dieser bündelt
    öffentliche Einrichtungen um Nutzungssynergien zwischen denselben zu ermöglichen und
    gewährleistet durch seine hohe stadträumliche Aufenthaltsqualität eine optimale Anbindung mit an
    den bestehenden Stadtteil Haunstetten.

    Erschließung und Mobilität
    Durch die gute ÖPNV Anbindung und die hohe Nutzungsmischung im Sinne einer Stadt der kurzen
    Wege sowie die gute Anbindung an das übergeordnete Fahrradwegenetz kann von einem verminderten Verkehrsaufkommen durch den MIV ausgegangen werden. In den jeweiligen Nachbarschaftszentren befinden sich Quartiersgaragen die durch die nötige Infrastruktur für E-Mobilität und Sharing Angebote das Nutzen derselben erleichtern. Diese Quartiersanker sind durch Erschließungsschlaufen an das übergeordnete Verkehrsnetz angebunden und ermöglichen es durch ihre Anbindung eine Mehrbelastung der bestehenden Quartiere weitgehend zu vermeiden. Diese Quartiersanker übernehmen zudem die Funktion lokaler Verteilerstationen für den letzten Kilometer in den Nachbarschaften um den entsprechenden Lieferverkehr zu reduzieren. Das Stadtbild im neuen
    Quartier ist geprägt durch öffentliche Räume für Menschen mit vielfältigen Aneignungsmöglichkeiten
    in dem das Auto eine untergeordnete Rolle einnimmt.

    Freiraum
    Die Prämisse „landscape first“ findet sich nicht nur im Leitbild des produktiven Randes wieder sondern
    prägt den neuen Stadtteil auf unterschiedlichen Ebenen. Das größte Freiraumelement bildet der
    Energiewald, der die obere Landschaftsterrasse überhöht, somit den Kesselpark räumlich fasst und
    einen wichtigen Beitrag zur symbiotischen Beziehung von Stadt und Landschaft leistet. Der Kesselpark
    ist das Kernelement des produktiven Miteinanders und bildet die räumliche Schnittstelle für Freizeitaktivitäten, Wasserrecycling, Landwirtschaft, Energieproduktion an der urbane Stoffkreisläufe
    erfahrbar werden. An der Verzahnung von Stadt und Landschaft entstehen grüne Taschen die durch
    ihre Nutzungen als Streuobstwiese, Grundwassersee und Erlebnisspielplatz geprägt sind. In den
    Quartieren finden sich differenzierte Freiräume in abgestuften Raumöffentlichkeiten.


    Wassermanagement
    Die Nachbarschaftsparks haben eine wichtige Funktion im lokalen System des
    Regenwassermanagements als Verdunstung- und Retentionsflächen. Sie leisten einen aktiven Beitrag
    zu einem guten Stadtklima. Sie sind Teil einer in die Straßenräume integrierten blaugrünen
    Infrastruktur die sämtliches Regenwasser sammelt, zurückhält und weiterleitet um es vor Ort zu
    versickern. Durch die zusätzlichen Versickerungsflächen im Kesselpark als Notüberlauf ist keine
    Einleitung des Regenwassers in das städtische Kanalsystem notwendig. Grauwasser aus den
    Quartieren wird durch Pflanzenfilter gereinigt und im Kesselpark versickert. In den dezentralen
    Energiestationen wird neben der Biomasse aus Energiewald und Gräserwall auch Schwarzwasser aus
    den Quartieren in Energie und Wärme umgewandelt. So entstehen lokale Wertschöpfungsketten die
    einen Mehrwert für das neue Stadtquartier und die bestehenden Nachbarschaften bilden.

    Lokale Kreisläufe
    Der Kesselpark ist die räumliche Schnittstelle der lokalen Kreisläufe und Wertschöpfungsketten. Hier
    werden mit der Energie- und Wärmeproduktion aus lokal angebauter Biomasse und Schwarzwasser
    aus dem Quartier sowie der Reinigung in Pflanzenfilteranlagen und späteren Versickerung von
    Grauwasser urbane Metabolismen erlebbar und zum Teil des neuen urbanen Alltags.


    Entwicklungsphasen

    Phase 1
    Die Entwicklung des neuen Stadtquartiers beginnt in seinem Zentrum und schafft mit dem Bildungs- und Begegnungsboulevard von Beginn an einen aktiven Link hin zum bestehenden Stadtteil
    Haunstetten. Die Bildungseinrichtungen an diesem können schrittweise realisiert werden, wodurch die
    bestehenden sozialen Einrichtungen auch erstmals an ihren Standorten erhalten werden können.

    Phase 2
    In einem zweiten Schritt wird der nördliche Bereich bis zur Inninger Straße entwickelt. Durch den
    Nutzungsmix in allen Teilquartieren können diese auch stark unabhängig von der Gesamtentwicklung
    funktionieren. Aus dem produktiven Rand können lokale Wertschöpfungsketten generiert werden, die
    an der Inninger Straße einen geeigneten Standort finden.

    Phase 3
    Der letzte Entwicklungsschritt ist das teilquartier im Süden. Die bauliche Dichte in den einzelnen
    Quartieren kann im Zuge der Entwicklung innerhalb der robusten Grundstruktur angepasst werden um
    auf mögliche neue Herausforderungen zu reagieren. In den Bereichen der hybriden Typologien ist
    zudem eine hohe Flexibilität bezüglich der nötigen Flächen für einen guten Nutzungsmix gegeben.


    Atmosphären:

    Nachbarschaftsplatz
    Die Nachbarschaftsplätze mit den Quartiersankern bieten Angebote für den Alltag aller
    Bewohner*innen im Quartier. Hier gehen die Kleinsten zur Kita, hier geht man noch mal schnell zum
    Bäcker, hier gibt es Verweilmöglichkeiten für die Älteren und die, die gleich ums Eck arbeiten machen
    hier Mittagspause. Zum Feierabend treffen sich die Nachbarn entweder auf dem Weg nach Hause auf
    dem Rad oder man läuft noch mal ein Stück zusammen.

    Campus Boulevard
    An der Königsbrunner Straße bildet ein Eingangsplatz den Auftakt des Campus Boulevards der das
    bestehende Quartier mit dem neuen Zentrumsplatz und den Freizeitangeboten im Kesselpark
    verbindet. Der Campus-Boulevard verbindet als öffentlicher Raum mit hoher Aufenthaltsqualität
    Schulen, Sport- und Schwimmhallen und weitere soziale Einrichtungen miteinander. So können
    mögliche Synergieeffekte zwischen diesen genützt werden.


    Zentrum + für Haunstetten
    Der neue Zentrumsplatz ist das urbane Herzstück des neuen Quartiers und ein neues Angebot für ganz Haunstetten. An der Schnittstelle von Tram und Campus Boulevard gelegen, ist dieser Ort für alle
    bestens erreichbar. Durch die Mischung der angrenzenden Nutzungen wird der Platz belebt und bietet
    den nötigen Platz für Märkte, Straßenfeste, Konzerte, Kundgebungen. Durch seine hohe
    Aufenthaltsqualität lädt er im Alltag all seine Nutzer*innen zum Verweilen ein.


    Parktasche mit Grundwassersee
    Jede Parktasche erhält durch ein eigenes Freiraumelement ihre besondere Identität. Am Übergang
    des Campus Boulevards zum Kesselpark befindet sich der Grundwassersee. Hier wird Wasser zum
    erlebbaren wohnungsnahen Naturelement mit hohem Naherholungswert für Bewohner*innen und die
    angrenzende Grundschule. Die Parktasche bietet zudem vielfältige Wegeverbindungen in den
    Kesselpark mit seinen Freizeitangeboten.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Das Projekt besticht durch eine rhythmische und gut organisierte Verzahnung zwischen Park und Bebauung. Dadurch entstehen ablesbare Quartiere, die die Auslobungsidee der kompakten Nachbarschaften erkennen lässt. Jedes dieser Zentren bekommt eine grüne Mitte, an der auch die Parkhäuser liegen. Diese Kombination verspricht interessante Wechselwirkungen an Nutzungen und kann eine Art infrastrukturelles, aber auch soziales Zentrum werden. Ein klares neues Zentrum entsteht, richtig platziert, um die Straßenbahnhaltestelle. Dadurch gelingt es, auch die Anbindung nach Haunstetten über eine Allee und die Anordnung der sozialen Infrastrukturen in diesem Ost-West-
    Band herzustellen. Um das Zentrum selbst sind die wesentlichen Mischnutzungen platziert, was diesem autofreien Raum eine hohe Aufenthaltsqualität geben kann. Gelungen ist auch die Verortung der Gewerbegebiete, zum einen im Norden, zum anderen zwischen den zwei Wohnclustern im Süden. Auch hier gelingt eine Antwort auf die Frage nach der Nähe von Wohnen und Arbeiten, ebenfalls ein Anspruch aus der Auslobung. Unterschiedlich wurde der Übergang der Siedlung in den Park diskutiert, hier erscheint ein Auslaufen der Bebauung in immer kleinere Wohnformen zu indifferent.

    Zudem ist insgesamt die Wohndichte zu erhöhen, die im Vergleich zu anderen Arbeiten mit am
    niedrigsten liegt.

    Der Landschaftspark arbeitet mit den richtigen Mitteln und mit einer logischen Zonierung. Die
    Niederterrasse im Anschluss an die Bebauung wird als intensiv genutzter Park gesehen, der viele traditionelle Parknutzungen (Erholung, Bewegung, etc.), aber auch neue produktive Ansätze wie Regenwassermanagement, Grauwasserreinigung oder Nahrungsmittelproduktion aufnimmt. Die Böschung in Form eines Gräserbandes zu pointieren ist interessant, in der weiteren Bearbeitung jedoch auszudifferenzieren. Ebenso sollte die Hochterrasse stärker differenziert werden, um Potential für Ausgleichsflächen/Habitate zu ermöglichen.
    Das Regenwasserkonzept ist durchgängig und nachvollziehbar, interessant ist auch das angedeutete Konzept zu Stoffkreisläufen (Wasser, Abwasser, Biomasse zu Energie).

    Die Erschließungen der Cluster sind jeweils Insellösungen. Das schafft Orientierungsprobleme. Problematisch wird dies u.a. auch im südlichen Cluster, der nur über die Föllstraße erreichbar ist. Hier muss eine Anbindung nach Osten z.B. über die Brahmsstraße ergänzt werden. Von der Anbindung an die B17 über die Föllstraße profitiert deshalb auch nur der südliche Cluster, zudem ist diese Anbindung voraussichtlich nicht realisierbar. Auch die Erschließung des Quartiers südlich des Zentrums erfolgt ausschließlich über die Bürgermeister-Rieger-Straße und wird dadurch zum Nadelöhr. Die Sportflächen auf der Hochterrasse sind nur über Radwege erschlossen, das ist konsequent und aufgrund der nahen Quartiersgaragen denkbar.
    Positiv ist der Umgang mit dem ruhenden Verkehr zu bewerten. Ausreichend dimensionierte
    Parkgaragen sind jeweils an den Erschließungsstraßen platziert und multifunktional ausgelegt.


INFO-BOX

Angelegt am 16.07.2019, 17:39
Zuletzt aktualisiert 17.02.2020, 12:38
Beitrags-ID 4-177187
Seitenaufrufe 52

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