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  • DE-45894 Gelsenkirchen
  • 04/2008
  • Ergebnis
  • (ID 2-9638)

Neues Hans-Sachs-Haus (Rathaus)


  • Anerkennung

    Abgabeplan Konzept

    Architekten
    Kauffmann Theilig & Partner Freie Architekten PartGmbB, Ostfildern/ Kemnat (DE) Büroprofil

    In Zusammenarbeit mit:
    Bauphysiker: Henne & Walter GbR, Reutlingen (DE)
    Bauingenieure: Transsolar Energietechnik GmbH, Stuttgart (DE), München (DE), New York, NY (US), Paris (FR)
    Brandschutzplaner: Halfkann+Kirchner, Erkelenz (DE), Berlin (DE), Stuttgart (DE)
    Tragwerksplaner: Pfefferkorn Ingenieure, Stuttgart (DE)

    Erläuterungstext
    Neues Hans-Sachs-Haus in Gelsenkirchen

    Unser Konzept nutzt die Chance des Neubaus in historischer Hülle: Es entsteht ein offenes und bürgerfreundliches Rathaus mit einer signifikanten und räumlich spannenden Mitte - das Atrium.

    Identitätsstiftende Mitte
    Dieses Atrium ist gläsern überdacht und temperiert. Es entsteht damit ein vollständig nutzbarer Innenraum. Teile der Büros sind dahin orientiert, nehmen Anteil bzw. sind Teil dieser identitätsstiftenden Mitte und werden hervorragend belichtet. Die Querverbindungen durch die Stege sorgen für kurze, überschaubare Wege. Die Erdgeschosszone ist halböffentlicher Raum mit einem vielfältig nutzbaren Veranstaltungsbereich, dem Bürgerforum und dem Ratssaal. Beide Bereiche sind trotz ihrer individuellen gestalterischen Ausprägung flexibel in ihrer Nutzung, d.h. beide Bereiche können mit den restlichen Erdgeschossbereichen zusammengeschaltet werden.

    Historische Hülle
    Die historische Hülle wird in ihrer Qualität belassen. Der Bereich der Erdgeschossfassade zur Ebertstraße wird in der Erdgeschosszone und in der ersten Obergeschosszone komplett in ihren ursprünglichen Zustand rekonstruiert. Der Turm wird an der Nordost-Ecke des Gebäudes zur Vattmannstraße über seine komplette Höhe erlebbar freigestellt.
    Die neue Fassade zur Munkelstraße und zur Dreikronenstraße nimmt die Gliederung der historischen Fassade mit ihrer Bänderung auf und ergänzt damit städtebaulich den Blockrand. Die neue Fassade stellt sich quasi aus der bestehenden Hülle heraus, respektiert die historischen Kanten des Bestandes und lehnt sich in ihrer Körnigkeit und Struktur mit einem modernen zeitgemäßen Erscheinungsbild an diesen Bestand an ohne ihn zu immittieren.
    Durch die Entwicklung der Innenfassade zur Außenfassade gelingt eine behutsame aber dennoch integrierte Hülle, die an den Schnittpunkten alt/neu harmonische Übergänge bildet, und das Gebäude nachvollziehbar als Einheit erscheinen lässt.

    Kompaktes Volumen
    Das neue Gebäude ist hinsichtlich seiner Nachhaltigkeit und vor allem hinsichtlich des Energieverbrauchs vorbildlich: Der überglaste Innenbereich erzeugt ein sehr kompaktes Volumen (AV-Verhältnis) bei gleichzeitig hervorragender Belichtung der dann innen liegenden Arbeitsplätze. Die Be- und Entlüftung ist kontrolliert und ressourcenschonend unter Einbeziehung des Luftvolumens des Atriums. Die Oberlichtverglasungen über dem Atrium ist so gelöst, dass die Oberlichtverglasung so aufklappt, dass nahezu ausschließlich eine Nordbelichtung erfolgen kann und die Struktur des Daches eine Einheit bildet. Die Verglasung über dem Neubauteil liegt tiefer. Eine Bedruckung der Glasfläche sorgt für eine warme, angenehme Atmosphäre und leistet die notwendige Verschattung.

    Programmflächen
    Programmfläche sowie zusätzlich angebotene Erweiterungsfläche auf der Westseite können die geforderten 70 Arbeitsplätze aufnehmen. Dieser Bauteil kann als zweiter Bauabschnitt ergänzt werden. Auch der zweite Bauabschnitt gliedert sich somit in die Gesamtfigur nachvollziehbar ein und ist mit all seinen Funktionen an das zentrale Atrium räumlich angeschlossen.

    Zugänge
    Der Hauptzugang erfolgt, wie bisher auch, von der Eberhardtstraße (Fußgängerzone) und bildet zur Nordwestecke Vattmannstra0e/Dreikronenstraße eine halb öffentliche Achse/Durchwegung. Das Haus bietet an dieser Ecke eine weitere Zugangsmöglichkeit und somit eine kurze Erschließung zum benachbarten Parkdeck. Nebeneingänge werden wie bisher in der vorhandenen historischen Struktur angeboten. Die Ver- und Entsorgung erfolgt über die Munkelstraße. Die Fluchttreppenhäuser reagieren in ihrer Grundrissanordnung auf die Struktur der Fassade und binden durchgängig alle Geschosse an.

    Innenfassade
    Die Innenfassade ist gestalterisch in Pakete a 2 Geschosse (0+1; 2+3; 4+5) gegliedert. Sie ist vollständig als Einfachverglasung ausgebildet. Die Öffnungsflügel sind als raumhohe Türen mit Absturzsicherungen (französische Balkons) ausgebildet. Die durch die Geschossvorsätze entstehenden Terrassen sind als Pausen- und Kommunikationsflächen nutzbar. Die witterungsgeschützte und temperierte Innenfassade ist als kostengünstige Holzpfosten/Riegelkonstruktion mit Ein-scheibenverglasung ausgebildet.

    Individuelle Hinweise
    Auf die Fassaden der Erweiterung wurde im Text bereits eingegangen. Die „freie“ Gestaltung des Innenraums reagiert in ihrer formalen Ausbildung auf die Funktionen im Erdgeschoss und auf die vertikal angeordneten Fluchttreppenhäuser. Die Flächen reagieren weiter als Vorbereitung auf die Übergänge der beiden im Luftraum angeordneten Brücken. Damit ergibt die innere Struktur eine disziplinierte Logik. Die vorgeschlagenen Reserveflächen werden in einem funktional ein-deutig abtrennbaren zweiten Bauabschnitt angeboten. Die denkmalpflegerischen Vorgaben zur Eberhardtstraße werden über die Rekonstruktion zu 100% erfüllt. Die ursprüngliche Lage der Treppenhäuser und ihrer Ausprägung in ihrer Fassade wird wieder hergestellt. Der Turm an der Nordwestecke wird über seine gesamte Höhe freigestellt und ist in dem Stadtraum erlebbar. Die Westfassade des Turms wird rekonstruiert.

    Fassadensanierung
    Die komplette historische Fassade wird durch eine außen liegende Stahlkonstruktion als Regalfachwerk statisch gesichert. Die horizontale Anbindung erfolgt im Wesentlichen in der Höhenlage der alten bzw. neuen Geschossdecken. Die gesamten Verglasungsbereiche werden auf den neuesten Stand der Technik gebracht. Die Ausbildung der Fensterprofile sowie die Glaseinfärbung erfolgt in Abstimmung mit dem Denkmalschutz.
    Eine innen liegende Dämmung entsprechend den bauphysikalischen Vorgaben leistet den notwendigen Wärme- und Kälteschutz.
    Die Klinkerfassade kann z.B. auf Basis des Jost-Verfahrens (keine Sandstrahltechnik wegen Mörtelfugen) saniert werden. Es erfolgt eine Grundreinigung der Fassade, danach Reprofilierungen bzw. Ersatz von Klinkersteinen mit nachfolgender Mörtelfugenausbesserung. Den Abschluss bildet eine Hydrophobierung der gesamten Klinkerfassade.

    Baustelleneinrichtung
    Wir schlagen vor, die regalhaftausgebildete Fassadensicherung für das Einbringen von Baucontainern zu nutzen. Das Regalsystem kann je nach Bedarf mit der notwendigen Containerzahl bestückt werden. Zwischen dem Erschließungsbereich und der historischen Fassade wird ein Raum von ca. 1,5 m freigehalten, um das Gerüst auch gleichzeitig für die Sanierung der Fassade zu nutzen. Der erdgeschossige Bereich unter der Sicherung kann für Materiallagerungen genutzt werden.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Die Verfasser schlagen ein Gebäude mit zwei Bauabschnitten vor. Der historischen Fassade werden im Innenraum aus dem orthogonalen Grundriss gedrehte Begrenzungsflächen für Veranstaltungsraum und Büros gegenübergestellt, die sich in Richtung Dreikronenstraße auch in den Außenraum fortsetzen. Ohne den 2. Bauabschnitt entsteht so ein durch eine Glashalle abgeschlossener Baukörper zur Dreikronenstraße. Diese Grundidee wird als interessanter Beitrag zum Wettbewerb gewürdigt. Sie erzeugt einen spannungsvollen Innenraum und setzt mit dem gläsernen Neubauteil einen spannungsreichen Kontrast zur historischen Fassade. Als besonderen Akzent hat die freigestellte Fassadenecke zur Ebertstraße und Verbindung mit der freien Platzierung des Ratssaales eine gewisse Logik; die Einfügung eines akustisch optimierten Veranstaltungsbereiches gelingt gut. Dennoch begegnet das Konzept grundlegenden Bedenken.

    Die Inszenierung und Dramatisierung des Zugangs zur Dreikronenstraße wird dem Ort nicht gerecht. Insbesondere tritt der Neubau in Konkurrenz zum Turm. Das Glasgebäude ist nur für Büros vorgesehen - der akzentuierten Form entspricht die eher banale Nutzung nicht. Da der 2. Bauabschnitt absehbar nicht errichtet werden wird, bleibt der Gebäudeabschluss letztlich unbefriedigend. Der Außenraum bietet keine angemessene Entsprechung für den ambitionierten Eingangsbereich; er erscheint ohne den vorgeschlagenen 2. Bauabschnitt sogar entwicklungsfähiger und stadträumlich verträglicher. Auch wird das Raumkonzept mit einigen Problemen erkauft. Hierzu gehören u. a. ein sehr hoher Verkehrsflächenanteil, vergleichsweise hohe Bau- und Betriebskosten und eine problematische Akustik im Forum mit eingeschränkten Nutzungsmöglichkeiten.

    Insgesamt hat der Entwurf einen hohen Verkehrsflächenanteil, jedoch fehlt ein Teil der Raumprogrammflächen. Die Parallelnutzung des Ratssaales und Forum ist eingeschränkt möglich. Die Frage zur Funktionalität des Formusbereichs im Tagesbetrieb ist nicht gelöst. Der Ratssaal verfügt über keine natürliche Belichtung, was negativ bewertet wird.

    Denkmalpflege: Die denkmalpflegerischen Vorgaben für die Fassaden an der Ebertstraße sind erfüllt, auch die Treppenhäuser entsprechen nun in Bezug auf die Lage den Vorgaben. Zwar ist der Hotelturm an der Westfassade freigestellt, der neue Baukörper an der Südwestecke sowie die Öffnung der Halle nehmen aber ebenso keinen Bezug zum Bestand wie die Gestaltung des Inneren auf das ursprüngliche Konzept.

    Tragwerksplanung: Das statische Konzept ist im Hinblick auf die technische Funktionsfähigkeit zu optimieren, die Konstruktion wäre bezüglich der Wirtschaftlichkeit deutlich zu überarbeiten. Das Konzept zur Anbindung der Fassaden an den Neubau fehlt. Die Aussteifung ist aufgrund der fehlenden durchgehenden Wände aufwändig, die Lastabtragung verbesserungsbedürftig. Die geplanten Brücken erscheinen schwer umsetzbar.

    Technische Gebäudeausrüstung: Das Versorgungskonzept beinhaltet Geothermie und Fernwärme. Mit Kälteerzeugung aus Geothermie und einen Erdkanal sowie Betonkerntemperierung und HK wird ein sinnvolles Konzept vorgeschlagen. Die Lüftung der Büros mit Luftführung über einen Hohlboden erscheint dagegen wenig plausibel und umsetzbar. Die Frischluftführung ins Atrium ist für Veranstaltungen nicht ausreichend. Die sonstigen planerischen Aussagen sind vage und entziehen sich einer abschließenden Beurteilung. Die Wirtschaftlichkeit ist daher nicht nachvollziehbar. Die ungünstige Kubatur, ein großer Verkehrsflächenanteil und Technikräume, die nicht zentral angeordnet sind, werden wahrscheinlich hohe Kosten bedingen.

    Kosten: Den Hinweis des Preisgerichts zu den Kostenansätzen der 1. Bearbeitungsphase wurden aufgegriffen und diese insgesamt höher angesetzt. Auch aufgrund der ungünstigen Flächenkennwerte werden die angegebenen Investitionskosten weiterhin als nicht auskömmlich angesehen.

    Insgesamt ein interessanter und qualitätvoller Entwurfansatz, der jedoch nicht unerhebliche funktionale und gestalterische Mängel aufweist.


INFO-BOX

Angelegt am
Zuletzt aktualisiert 25.10.2008, 23:19
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