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  • DE-63065 Offenbach am Main
  • 10/2019
  • Ergebnis
  • (ID 2-345783)

Entwicklung des Stadtteils Bieber Waldhof West in Offenbach am Main


  • 3. Preis

    © faktorgruen, Thomas Schüler Architekten und Stadtplaner

    Landschaftsarchitekten
    faktorgruen, Freiburg im Breisgau (DE), Rottweil (DE), Heidelberg (DE), Stuttgart (DE) Büroprofil

    Verfasser
    Martin Schedlbauer

    Mitarbeit
    Ricardo Patings, Danilo Meixner

    In Zusammenarbeit mit:
    Architekten, Stadtplaner: Thomas Schüler Architekten und Stadtplaner, Düsseldorf (DE), Stuttgart (DE)

    Preisgeld
    16.000 EUR

    Erläuterungstext
    Das neue Stadtquartier entwickelt sich aus dem bestehenden Siedlungsraum heraus, ergänzt die Bestandssituation und schafft ein neues stadträumliches Gesamtgefüge. Die Planung gliedert sich in drei Teilbereiche die durch breite Grünfugen gegliedert werden. Jedes Teilquartier reagiert auf sein jeweiliges Umfeld und erhält so seine besondere Eigenschaft.

    Das südliche Quartier bildet den Auftakt zum neuen Stadtquartier. Es bindet an die Seligenstädter Straße an und bildet hier mit seinem Entreeplatz einen markanten Quartierszugang aus. Die Bestandsgebäude werden durch weitere Einzelhäuser eingebunden und mit einer klaren Randbebauung zum angrenzenden Grünzug abgeschlossen. Der neue Lebensmittelmarkt vermittelt zum angrenzenden Wohngebiet und orientiert sich über eine kleine Platzsituation zum neuen Quartier hin.

    Das mittlere Quartiersfeld bildet mit seiner Quartiersmitte den zentralen Baustein. Die angrenzenden Baufelder geben dem Platzraum seine Raumkanten und betonen die urbane Mitte. Ein kleines Nachbarschaftscafe, kleine gewerbliche Flächen für Wohnen und Arbeiten, sowie die Kita beleben den Platzbereich und lassen Kommunikationsflächen zwischen den neuen und den alten Bewohnern des Stadtteils entstehen. In den Baufeldern entstehen kompakte Wohnhöfe für Geschoßwohnungsbau und gemeinschaftlichen Wohnformen, wobei die Impulse der Baugruppen genutzt werden um städtische und gemeinschaftliche Leben zu erzeugen.

    Im nördlichen Quartier bilden kleine Wohngruppen einen harmonischen Übergang zur Landschaft. Einfamilienhäuser als Stadthäuser bilden zusammen mit kleineren Geschoßwohnungsbauten ein aufgelockertes naturnahes Wohnumfeld. Das bestehende Biotop wird integriert und Bestandteil des Quartiers.

    Das Konzept schafft einen familienfreundlichen naturbezogenen Stadtteil, der über eine hohe Freiraumqualität Gemeinschaft, Identität und Kommunikation fördert und somit die Voraussetzung für eine hohe Wohn- und Lebensqualität im Quartier schafft.

    Freiraumkonzept

    Zwei breite und markante Ost-West-Grünfugen prägen und gliedern das neue Quartier und binden die vorhandenen Biotopstrukturen wie selbstverständlich in das Gesamtkonzept ein.

    Der kreuzende Nord-Süd-Anger definiert die Zugänge in die Wohnquartiere und verbindet die Platzbereiche miteinander. Der zentrale Quartiersplatz bildet das Herzstück des neuen Quartiers und erhält seine Qualität durch die Lage im Knotenpunkt der Wegachsen und seine Sichtbeziehungen zum Landschaftspark. Die ankommenden Wegeachsen münden in den Platzraum und bilden hier eine kommunikative Mitte aus. Durch die markante Raumbildung des Angers entstehen spannungsvolle Zwischensequenzen und eine attraktive Wegeverbindung zwischen den Quartieren. Innerhalb des Angers befinden sich Felder mit Spiel- und Kommunikationsflächen, die hier Gemeinsamkeit und Identität fördern. So entsteht ein freiräumliches Rückgrat welches als Grüne Wegeachse an den ÖPNV anbindet - die Bushaltestelle an der Seligenstädter Straße und die S-Bahnstationen Waldhof und Bieber.

    Klimaschutz und Klimaanpassung

    Der wesentliche Teil der Wald- und Grünlandflächen bleibt erhalten und kann weiterhin als Entstehungsbereich für Frisch- und Kaltluft dienen. Die Ost-West-gerichteten Grünschneisen sorgen für die notwendige Durchlüftung sowie den Kaltluftaustausch für die benachbarten Quartiere. Durch die aufgelockerte Bauweise wird eine bioklimatische Entlastung und Verbesserung der Durchlüftungsverhältnisse erreicht.

    Vorhandenen Grünstrukturen werden erhalten und durch neue Baumpflanzungen ergänzt. Auch innerhalb der Quartiere sorgen großzügige Baumpflanzungen auf den Plätzen und in den Wohnstraßen für eine ausreichende Verschattung und tragen so zur Verbesserung des Kleinklimas bei. Die Begrünung der Innenhöfe, eine umfangreiche Fassadenbegrünung sowie die Begrünung der Dachflächen sorgen für größtmögliche Kühlungs- und Verdunstungseffekte.

    Wasserspiele in Form eines Brunnens mit bodenbündigen Fontänen auf dem Quartiersplatz bilden ein spielerisches Element und tragen mit ihren zusätzlichen Verdunstungseffekten zur Kühlung und somit Verbesserung des Stadtklimas in den Sommermonaten bei.

    Integration in die bestehenden Landschaftsstrukturen und städtebauliche Strukturen

    Das neue Stadtquartier fügt sich behutsam in die örtliche Situation ein und erhält sowohl die vorhandenen Biotopstrukturen als auch die bestehenden Wegebeziehungen. Diese werden als Fuß- und Radwege ausgebaut und verbinden sich mit dem übergeordneten Wegenetz. Neue Wegebeziehungen binden in Verbindung mit kleinen Eingangssituationen an den bestehenden Siedlungsraum an und schaffen ein Gesamtquartier, das sich in seiner starken Durchgrünung wohltuend abhebt und auch den vorhandenen Siedlungskörper in das Grünkonzept einbezieht.

    Breite Grünfugen bilden Blick- und Wegeachsen in den Landschaftsraum und schaffen so ein Höchstmaß an Orientierung und eine übersichtliche fuß- und radläufige Vernetzung.

    Der vorhandene und sensible Landschaftsraum mit seine abwechslungsreichen Lebensräumen und Habitaten wird in seiner Einzigartigkeit erhalten und durch die Anlage von zusätzlichen Pflanzungen und Offenlandbiotopen als Ausgleichsmaßnahmen aufgewertet. Es entsteht ein naturbelassener Grünraum, der bewusst auf künstliche Gestaltungselemente verzichtet und die naturräumlichen Qualitäten betont.

    Durch die patchwork-artige Mischung verschiedenster Nutzungen, von Kleingärten über Waldflächen und Magerrasen bis hin zu Ackerflächen entsteht ein interessanter und abwechslungsreicher Landschaftspark. Die bereits heute anzutreffende Artenvielfalt durch die Einrichtung von Pufferzonen um die bestehenden Biotopstrukturen sowie die Neuanlage von Lebensräumen erhalten und in seiner Biodiversität noch gesteigert.

    Abschnittsbildung

    Das modulare Konzept bildet das städtebauliche Grundgerüst für eine abschnittsweise Realisierung. Die Entwicklungsabschnitte folgen der Erschließungsplanung und entwickelt sich in drei Abschnitten von Süden nach Norden.

    Der zentrale Teilbereich bildet den zweiten Bauabschnitt, wobei der Quartiersplatz die kommunikative Mitte bildet und frühzeitig realisiert werden sollte. Er dient als Motor für die weiteren Entwicklungsschritte. Die weiteren Entwicklungsabschnitte können schrittweise auf den einzelnen Baufeldern erfolgen und dem Quartiersplatz Stück für Stück seine Raumkante geben.

    Nachhaltigkeit

    Grundsätzlich werden ein möglichst hoher Eigensversorgungsgrad und eine klimaneutrale Versorgung angestrebt, so dass die einzelnen Gebäudetypen in ihren Bauabschnitten für sich errichtet werden können. Als Standard sind Plusenergiehäuser und damit eine CO2-neutrale Versorgung geplant.

    Das Ziel „100% Regenerative Energien“ wird durch energieoptimierte, effiziente Gebäude mit dichten, gut gedämmten Gebäudehüllen, Lüftungen mit Wärmerückgewinnung, Solarenergiesystemen als PV-Dach- und Fassadenintegration, in Verbindung mit Wärmepumpen und Frischwasser- und Speichersystemen erzielt.
    Für die Energiegewinnung wird ein „Kaltes Nahwärmenetz“ vorgeschlagen. Zusätzlich kann über Erdwärmesonde, Grundwasser, Regenwasser, Abwasser oder Abwärme eine
    Wärmeerzeugung erfolgen.
    Jedes Teilquartier kann bei Bedarf ein eigenes BHKW erhalten das die Wärme- und Stromversorgung ergänzt.

    Der kompakte städtebauliche Entwurf, der energetische Gebäudestandard KfW-40-plus, die integrierten Solarsysteme und das Kalte Nahwärmenetz mit den Wärmepumpen bilden die zukunftsweisenden Voraussetzungen für die wirtschaftliche Realisierbarkeit des klimaneutralen Innovationsquartiers.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Der Entwurf ist in drei klar ablesbare Quartiere gegliedert, die durch eine angerartige Erschließungsachse an die Seligenstädter Straße abgebunden sind. Die Quartiere wiederum sind in mehrere Baufelder unterteilt, die eine gute Abstufung von privaten und halböffentlichen Räumen aufweisen. Hier sind verschiedene Bautypologien denkbar, die flexibel angepasst werden können, wobei die grundsätzliche Verteilung von höheren Baukörpern im Innenbereich der Quartiere ein wichtiges Wesensmerkmal des Entwurfs ist. Die Dimensionierung der Höfe ist angemessen, eine stärkere gestalterische Differenzierung wäre jedoch wünschenswert. Die Unterbringung des ruhenden Verkehrs in den Höfen (beispielsweise vor den Reihenhäusern / vor den Köpfen der Mehrfamilienhäuser) erscheint kontraproduktiv.

    Das nördliche Quartier ist in der angebotenen Form fragwürdig. Insbesondere die Abtrennung des Wäldchens vom Landschaftsraum durch die beiden nördlichsten Baufelder sieht das Preisgericht kritisch. Der ökologische Wert des Wäldchens wird durch diese Umklammerung eingeschränkt. Positiv bewertet wird, dass in die Grünflächen der Angerstraße Spielflächen, Treffpunkte und andere Nutzungen integriert sind. Von der Seligenstädter Straße aus öffnet sich die Angerstraße trichterförmig mit einer einladenden Geste zum neuen Baugebiet. Der zentrale Platz im mittleren Quartier liegt richtig und ist angemessen dimensioniert. Im Bestand hat dieser öffentliche Raum zwar ein Gegenüber. Allerdings müssten die städtebaulichen Qualitäten an diesem Ort noch weiterentwickelt werden.

    Die Erschließung wird als insgesamt aufwändig eingeschätzt. Die vorgeschlagene Parkierung erfordert zahlreiche Tiefgaragen. Auch der zentrale Platz ist von MIV belastet. Dies gilt auch für den Bereich direkt vor der Kita, deren knapp bemessene Außenfläche zudem im Innern eines Baufeldes liegt. Die Einbindung des Supermarktes in das Fußwegenetz wird gewürdigt; auf eine weitergehende Anreicherung mit Nutzungen wird jedoch leider verzichtet. Die Erschließung des angrenzenden Wohnhofes über den Parkplatz des Supermarktes erscheint unnötig. Die Unterscheidung der landschaftlichen Zwischenräume in »naturbelassen« und »Biotope« ist nicht nachvollziehbar. Die textlich genannte Nutzung für Ausgleichsflächen ist aufgrund der begrenzten Größe und der Zerschneidung durch Wege nicht plausibel. Das Wegenetz im Landschaftsraum wird weitgehend erhalten, insbesondere die Verbindung von der Goldbergstraße zum Ortszentrum Bieber ändert sich nicht und wird auch nicht durch motorisierten Verkehr beeinträchtigt.

    Insgesamt ist der Entwurf klar strukturiert und weist eine übersichtliche Erschließung auf. Die potenziell hohe Wohnqualität wird durch die Dominanz des MIV erheblich eingeschränkt.