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  • DE-68161 Mannheim, DE-68159 Mannheim
  • 01/2020
  • Ergebnis
  • (ID 2-350876)

Neubau des Zentrallagers für das Nationaltheater Mannheim


  • 2. Preis

    Perspektive 01, © o5 Architekten BDA

    Architekten
    o5 Architekten BDA - Raab Hafke Lang, Frankfurt am Main (DE) Büroprofil

    In Zusammenarbeit mit:
    Tragwerksplaner: TRAGRAUM Ingenieure PartmbB vormals Dr. Kreutz+Partner BERATENDE INGENIEURE mbB, Nürnberg (DE), Oberschleißheim (DE), Bamberg (DE), Münnerstadt (DE), Regensburg (DE)

    Erläuterungstext
    Leitidee I Baumassengliederung I Freiraum
    Die Stadt Mannheim plant als Voraussetzung für die Generalsanierung des Nationaltheaters Mannheim den Neubau eines Zentrallagers als Ersatz für mehrere auf dem Stadtgebiet verteilte Lagerstandorte. Durch den Neubau sollen die vorhandene Lagerlogistik sowie die Bedingungen für das Lagergut (Kulissen, Möbel, Kostüme, Requisiten) optimiert und vereinfacht werden.
    Die geforderten Lager- und Raumbereiche werden in Anlehnung an einen optimierten Testentwurf in einem kompakten Baukörper zusammengefasst, der sich in den höheren eingeschossigen Hallenkörper und den niedrigeren, dreigeschossigen und l-förmigen Vorbau gliedert. Das Gebäude liegt im Nordwestteil des Grundstücks und schafft so ausreichend große Flächen zur Andienung und Entsorgung des Komplexes von Süden aus (Fläche zwischen Zentrallager und Fundus) sowie zur Parkierung der Fahrzeugflotte im Osten. Die Zufahrten funktionieren über die Landzungenstraße und über die Verlängerte Jungbuschstraße.
    Die Umfahrbarkeit durch die Feuerwehr bleibt gewährleistet. Der kompakte Baukörper bietet die Möglichkeit, einen Streifen des Grundstückes zu verpachten.
    Das Gebäude verfügt durch die Lage und Exposition auf dem Grundstück über zwei Schauseiten nach Südosten zur Bahnstrecke hin. An diesen beiden Seiten bestehen wesentlich komplexere funktionale Anforderungen an die Fassaden (Witterungsschutz des Ladebereichs, Andienung und Entsorgungsöffnungen des Lagers, Belichtung und Verschattung der Büros und Werkstätten, Parkierung mit E-Ladestation, Zugänge). Hier entsteht eine eindeutige Beziehung zwischen den Funktionen und den Aktivitäten im und am Depot und der Gestalt des Gebäudes, die dem gerichteten räumlichen Verhältnis von Bühne bzw. Bühnenbild und Publikum gleicht. Die funktionalen Anforderungen an die Abläufe resultieren in der markant auskragenden Fassaden-und Vordachkonstruktion, die gleichzeitig, ähnlich einer Bühnenkulisse, Gestalt prägender räumlicher Hintergrund für die Aktivitäten im Depot sind und die Besonderheit des Zentrallagers als kulturgewidmetem Industriebau verbildlicht.
    Bei Vorbeifahren aus dem Zug heraus entsteht durch die Schrägstellung der Lamellenkonstruktion ein visueller Effekt. Bei der Annäherung und beim Passieren des Gebäudes erscheint beim Blick „hinter die Kulissen“ kurzzeitig die im Hintergrund liegende, schimmernde Fassade aus Kupferblech.

    Nutzung I Typologie I Raum
    Das Gebäude liegt global auf 1m Höhe über Geländeoberkante. Der weitgehend stützenfreie Hallenbereich mit 12m lichter Höhe umfasst das Hochregallager, aus verfahrbaren, beidseitig bestückbaren Kragarmregalen, deren Beschickung durch die jeweiligen Schmalgänge mittels Seitenstapler erfolgt. Im hinteren Bereich verfügt die Halle über eine größere Einbringöffnung (Seit- und Spezialstapler) sowie flurweise über Fluchtwege ins Freie.
    Der l-förmige Gebäudebereich ist mehrgeschossig und nimmt alle weiteren Raumbereiche sowie die Vertikalerschließungen (Lastenaufzug(e), Treppenhäuser) auf. Im östlichen Flügel befinden sich erdgeschossig und in direkter räumlicher Verbindung zum Hochregallager Bereitstellungslagerflächen und im südlichen Flügel die Anlieferung mit direkter Verbindung zur Lagerhalle und zum zweigeschossig hohen Werkstattbereich sowie der Eingang mit Büro und Personalbereich. Alle übrigen Raum- bzw. Lagerbereiche befinden sich in den beiden Obergeschossen und sind über den Lastenaufzug mit Gabelstapler anfahrbar.
    Die funktionalen Anforderungen an die Lage und Größe der Räume, an die Raumbeziehungen und Öffnungen, sowie die Erschließung und Andienung dieser Räume mit Lagergut und Fahrzeugen wird erfüllt. Die Entfluchtung aus dem Gebäude wird durch die Ausgänge im Erdgeschoss sowie durch das Haupttreppenhaus und zwei außenliegende Fluchttreppen an den jeweiligen Enden der Seitenflügel gewährleistet.
    Beim Brandschutzkonzept ist aufgrund der zusammenhängenden Größe der Lagerbereiche und der spezifischen Anforderungen an das Zentrallager vom Einsatz einer automatischen Löschanlage (Sprinklerung) mit Wasserreservoir (außerhalb des Gebäudes) und Brandmeldezentrale auszugehen.
    Die Raumwirkung in der Halle wird geprägt von der Materialität der Raum bildenden Elemente: Bodenplatte und Decken sowie Stützen und Wände aus Sichtbeton (transparente Beschichtung der Böden) auf der einen Seite und hell beschichtete Blechkassetten auf der anderen Seite bilden eine helle Farbigkeit und den Hintergrund des vielfältigen Lagerguts. Nach außen hin sind die gedämmten Blechkassetten-Elemente anthrazitfarben beschichtet. Im Bereich der auskragenden Süd- und Ostfassade sind die Zwischenräume der schräg gestellten Schotten mit Kupferblech versehen. Die Fassade funktioniert hier gleichzeitig als Witterungsschutz und Vordach für die Ladezone, den Werkstattbereich und die LKW-Stellplätze. Nachts erzeugt die Beleuchtung der Fassadenzwischenräume eine schimmernde Wirkung des Gebäudes.

    Konstruktion I Tragwerk I Wirtschaftlichkeit
    Das Tragwerk für den Neubau des Zentrallagers für das Nationaltheater gliedert sich im Wesentlichen in zwei Bereiche. Das zentrale Hochregallager in Stahlleichtbauweise und den an zwei Seiten umlaufenden Gebäudeteil mit Anlieferung, Nebenräumen, Werkstätten und weiteren Lagerbereichen als Stahlbetonmassivkonstruktion. Das Hochregallager wird von zweifeldrigen Fachwerkträgern überspannt, die auf schlanken Fassadenstützen aus Walzprofilen und in der Mittelachse auf dem Hauptfachwerk aufliegen. Die Stützen des Hauptfachwerkträgers sind Stahlbetonfertigteilstützen. Die Eindeckung der Dachfläche erfolgt mit Stahltrapezblechen, die Wandverkleidung mit ausgedämmten Stahlkassetten. Zur räumlichen Aussteifung und Stabilisierung der Fachwerke sind in der Dachfläche Verbände angeordnet.
    Der massive Gebäudeteil besteht in den Lagerbereichen und Nebenräumen aus Stahlbetonflachdecken, die auf den massiven Trennwänden und innenseitig punktförmig auf Stahlbetonstützen aufliegen. Die großräumigen Werkstattbereiche werden von Stahlbetonrippendecken überspannt, die auf der Flurachse auf den Massivwänden und in der Fassadenachse auf einem Randunterzug aufliegen. Die Rippendecken können als Halbfertigteilkonstruktion mit Ortbetonergänzung in Form von -Platten vorgefertigt werden. Die Aussteifung des Gesamtgebäudes erfolgt über die massiven Deckenscheiben in Verbindung mit den tragenden Wänden und dem Gebäudekern. Gegründet wird das Gebäude über Streifen- und Einzelfundamente, die in die über der Gründungsebene liegende Schottertragschicht einbinden. Die Industriebodenplatte mit
    Verbundestrich und Epoxidharzbeschichtung ist auf der Tragschicht, die auch den Höhenausgleich zwischen Bodenplatte und Straßenniveau herstellt, gebettet.
    Die an den Fassaden des massiven Gebäudeteils liegenden Lamellen sind Stahlrahmenkonstruktionen aus Hohlprofilen 80/80/4 mit einer Trapezblechbeplankung und Blechverkleidung, die über thermisch getrennte Einbauteile an die Stahlbetondeckenebenen angeschlossen sind.
    Die Kompaktheit des Gesamtentwurfes und das klar strukturierte Tragwerk mit einem hohen Vorfertigungsgrad durch den Einsatz von elementierten Stahlbauteilen und den Halbfertigteildecken gewährleistet einen zeitlich und wirtschaftlich optimierten Bauablauf. Gleichzeitig bieten die gewählten Baustoffe und die Bauweise die geforderte Robustheit und Nachhaltigkeit mit Speichermassen für ein ausgeglichenes Raumklima in den häufig genutzten Zonen.

    Energie I Ressourcen I Nachhaltigkeit
    Das Energiekonzept sieht eine Kombination von Bedarfsminimierung und Versorgung mittels erneuerbarer Energieträger unter Berücksichtigung der Investitions- und Unterhaltskosten vor. Zur Minimierung des Heizwärmebedarfs im Betrieb werden alle Außenbauteile hochgedämmt ausgeführt. Um Verluste im Winter zu reduzieren und Überhitzung im Sommer zu vermeiden ist der Fensterflächenanteil der Fassade im Bereich der Funktionsräume optimiert, das eigentliche Lager verfügt über keine Fenster.
    Die Raumwärme wird über eine Sole-Wasser-Wärmepumpe bereitet, die als Umweltwärmequelle Erdsonden (in die Gründung integriert) unter der Bodenplatte nutzt. Die Länge der Erdsonden ist standortbedingt auf 27m begrenzt. Die Erdsonden könnten durch die Nutzung des Grundwassers mittels Saug-Schluck-Brunnen ergänzt oder, bei ausreichendem Potenzial, sogar ersetzt werden. Dies hätte Vorteile hinsichtlich eines nachhaltigen Rückbaus. Die Übergabe an den Raum erfolgt über Betonkernaktivierung in der massiven Bodenplatte bzw. den Stahlbetondecken, die die Effizienz der Wärmepumpe über die geringe Temperatur im Verteilkreis (Vorlauf-/Rücklauftemperatur: 35°C/28°C) steigert und zudem gleichzeitig als Pufferspeicher fungiert und somit Lastspitzen abfängt. Im Sommer kann das Gebäude über das gleiche System passiv gekühlt und so ganzjährig ein gleichbleibendes Temperaturniveau gewährleistet werden. Eine Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung versorgt die Werkstätten und Büros tagsüber mit frischer Luft. Nachts wird die gleiche Anlage genutzt, um einen geringen Luftaustausch in den Lagerbereichen zu gewährleisten. Zusätzlich kann das Lager über die RWA-Öffnungen bei Bedarf gelüftet werden. Der Einsatz von effizienten Geräten und Leuchtmitteln (≤ 2,5 W/m² und 100 lux mit Tageslicht-/ Präsenzkontrolle) kann die internen Wärmelasten reduzieren. Der feste, konstruktive Sonnenschutz an der Südfassade reduziert den Einlass der direkten Solarstrahlung, ermöglicht jedoch den Einfall von natürlichem Tageslicht in den Funktionsbereichen.
    Das Gebäude hat auf Grund seiner Nutzung nur einen geringen Warmwasserbedarf. Der Bau und Betrieb einer Zirkulationsleitung ist daher ökonomisch nicht sinnvoll. Das benötigte Trinkwarmwasser wird dezentral mit Durchlauferhitzern in unmittelbarer Nähe der Zapfstellen erzeugt. Die Gebäudenutzung bietet ein hohes Potenzial zur Eigennutzung von selbst erzeugtem, regenerativem Strom. Daher soll ein Großteil der Dachfläche mit niedrig geneigten, monokristallinen Photovoltaik-Modulen belegt werden (bis zu 850 kWp), deren Solarangebot in etwa deckungsgleich mit dem Strombedarf ist. Selbst an einem Wintertag mit nur 10% der Leistung würde die Stromproduktion noch für einen Betrieb der Wärmepumpe reichen, so dass sich das Gebäude voraussichtlich vollständig selbst versorgen kann und zu dem die Elektro-LKW laden kann.
    Bei der Konzeption und Planung wird im Sinne der Materialwahl und Fügung der Bauteile besonderes Augenmerk auf die Aspekte des Re-use/Recycle der Bauteile mit lösbaren Verbindungen im Sinne einer ganzheitlichen Kreislaufbetrachtung gelegt.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Die Verfasser schlagen einen quadratischen und kompakten Baukörper vor, welcher aufgrund der Verdrehung zu den Gleiskörpern zwei gleichwertige und markante Schauseiten ausbildet. Diese scheinen über einem stark zurückspringenden Sockel zu schweben, und bilden über schräg gestellte, tiefe Fassadenschotten eine starke Reliefwirkung aus. Gerade in Bezug auf die Fernwirkung und dynamische Interaktion erscheint dieser Effekt interessant und verspricht eine spannende Tag-/Nacht-Wirkung. Die Dachstaffelung, welche das Hochregallager im Nordwesten abbildet, lässt das Gebäude ruhig und leicht wirken. Ganz anders ist der Umgang mit der Nord-West-Fassade, welche sehr monolithisch und undifferenziert den eigentlichen Zweck des Gebäudes, Lagerhalle, darstellt. Die hohe Repräsentanz der Schauseite wird durch die Verglasung des Sockels, welcher Foyer Charakter erhält, noch gestärkt. So entsteht ein starker Bruch der Gesamtwahrnehmung des Baukörpers, zudem muss diese Repräsentation sich der Frage der Angemessenheit stellen. Die Flächen für die Andienung und Zufahrt erscheinen großzügig und erlauben eine gute Nutzung. Vorteilhaft wirkt sich die über 2 Seiten gezogene Auskragung aus. Insgesamt ist das Gebäude funktional und klar gegliedert und bis auf wenige Flächen ist das Raumprogramm erfüllt. Die Kompaktheit und Konstruktion lässt eine gute Wirtschaftlichkeit erwarten. Auch der Umgang mit der Materialität lässt das Gebäude gut altern und robust erscheinen. Die Fragen des Brandschutzes sind nicht umfassend geklärt. Das betrifft vor allem die Trennung zwischen den Geschossen. Es werden gute Ansätze geliefert, ein angemessenes Energiekonzept, basierend auf gut gedämmten Bauteilen, wenig Öffnungsanteilen und der Nutzung der Dachfläche für Photovoltaikelemente. Zusammenfassend überzeugt
    die Arbeit durch eine hohe Signalwirkung und Wiedererkennbarkeit, wenngleich diese mit hohem Aufwand erkauft wird.