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  • 09/2018
  • Ergebnis
  • (ID 2-369237)

Objektplanung Gebäude / Objektplanung Freianlagen

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  • ein 1. Preis

    Perspektive

    Architekten
    Wacker Zeiger Architekten, Hamburg (DE) Büroprofil

    Mitarbeit
    Linda Gleichmann, Andrej Iwanski, Fritz Geldschläger

    In Zusammenarbeit mit:
    Landschaftsarchitekten: arbos Freiraumplanung GmbH, Hamburg (DE)

    Preisgeld
    15.000 EUR

    Erläuterungstext
    Städtebauliche Einbindung
    Auf den Gewerbegrundstücken am Birkenring werden vermutlich Bauten entstehen, die kaum einen Bezug zueinander haben. Insofern kann von einer städtebaulicher Einbindung eigentlich nicht die Rede sein. Unter diesen Umständen ist es angemessen, selbst einen eigenen Ort zu bilden. Das ist der Ansatz des Wettbewerbsbeitrages.
    Im kirchlichen Verwaltungszentrum sind zwei u-förmige Bauteile übereinander gestapelt. Das unter U (Erdgeschoss) öffnet sich nach Norden zu den Ankommenden (und auch zu den Vorbeifahrenden), das obere U (Obergeschosse) öffnet sich zur Landschaft. Die geschlossene Nordfassade unterstreicht diese Gestik und verleiht der Gesamtanlage einen konzentrierten, fast introvertierten Charakter.

    Architektur-, Gestaltungs- und Funktionskonzept, Materialangaben
    Der Entwurf präsentiert sich in einer ruhigen, unprätentiösen Gestalt. Gleichzeitig wird ein wertiger, langlebiger Eindruck angestrebt. Die nordöstliche Gebäudeecke ist besonders ausformuliert. Der hier überhöht positionierte Raum der Stille sondert sich über tiefe Fugen wie ein Turm von der Gesamtform ab und deutet an, dass es sich um ein etwas anderes "gewerbliches" Gebäude handeln muss. Sein nach innen geknicktes Dach entwässert sich über einen überdimensionalen, corbusierartigen Speier in ein Wasserbecken vor dem Haus.
    Die Bauanlage ist 50 cm unter dem Straßenniveau angeordnet. Vor dem Erreichen des Haupteingangs tritt man unter den Schutz des Gebäudes. Unmittelbar vor der Tür nimmt die Auskragung des Turmdaches diese Geste in einer Höhe von etwa 12 m auf. Vor dem Eintritt öffnet sich also noch einmal der Blick nach oben...
    Dem Foyer sind die geforderten Funktionen (Empfang, Warten, Postfächer) zugeordnet. Direkt zugänglich sind der Konferenzbereich sowie eine offene Treppe nebst Aufzug in die Obergeschosse. Räumliche Blickbezüge gibt es zum Innenhof und, über einen Deckenausschnitt, zu den OGs.
    Der Raum der Stille liegt über dem Foyer. Um ihn aufzusuchen, muss man sich also bewusst zurückziehen.
    Die im Westflügel untergebrachte Tagespflege ist über den Innenhof zugänglich und besitzt eine Terrasse auf der dem Innenhof abgewandten Seite.
    Ein steinernes Haus ist aus Sicht der Verfasser stimmig für die Bauaufgabe und fügt sich gut in die Knicklandschaft. Die Farbe des Steins soll dem örtlich vorgefundenen Lehm entsprechen. Der, vergütet mit Trasskalk, auch für den Bodenbelag des Innenhofes und die Bodenflächen des Erdgeschosses verwendet wird. Vorstellung ist, dass das Haus wie aus dem Boden gewachsen dasteht. Die Fenster erhalten anthrazitfarbene Rahmen und Lüftungslamellen. Die Außentüren sind rostrot.
    Innen dominieren Materialfarben: Sichtbeton für (z.T.) tragende Wände und Stützen, Holz für Deckenuntersichten, mobile Trennwände und Türen, die Farbe von Trasskalk-Lehm für den EG-Fußboden und (z.T.) nichttragende Wände den Raumeindruck. Die übrigen Wände sind weiß, die OG-Fußböden aus Linoleum, farbig den Lehmböden angepasst. Der Raum der Stille ist als besonderer Ort herausgearbeitet. Die räumliche Überhöhung wird durch die Tageslichtführung von oben und einen die Höhe betonenden farbigen Fensterschlitz verstärkt und erlebbar.

    Energiekonzept
    Bereits mit der Materialauswahl wird ein umweltbewußtes Vorgehen angestrebt. Die Beton-Konstruktion des Skelettbaus soll mit Hüttensandzementen (CEM III) erfolgen. Die reduzieren das CO2-Äquivalent der Bauteile um über 50%. Zudem werden Holz-Beton- Verbunddecken eingesetzt, um den Anteil der in der Konstruktion enthaltener grauer Energie, sowie bei der Herstellung entstehenden CO2 zu reduzieren. Mineralische Dämmstoffe anstelle von Kunstschaumdämmstoffen sorgen für eine weitere Verbesserung der Ökobilanz.
    Die charaktergebende Ziegelverblendung steht auch für einen hohen Material- und Energieeinsatz und damit in Spannung zum ökologischen Anspruch. Die konzipierte Verblendschale besteht aus 52 cm breiten und 24 bzw. 17 cm hohen Ziegelplatten (Petersen Tegl, "Cover"), die auf einer Aluminiumunterkonstruktion aufgehängt werden. Sie sind hinterlüftet. Fertigteilstürze und dergleichen entfallen. Die Materialstärke der Vorsatzschale kann somit auf ca. 2 cm zzgl. Stege und UK reduziert werden. Die Ökobilanz der Wandkonstruktion verringert sich um mindestens 10 %.
    Eine hochgedämmte Gebäudehülle (Dämmung 20 cm) sorgt zudem für einen geringen Energiebedarf, der - wie das Energieflussschema zeigt - fast ausschließlich mit erneuerbaren Energien gedeckt wird.
    Für die Wärmeversorgung ist der Einsatz von Erdsonden und zwei Wärmepumpen geplant. Je eine für Heizwärme und eine für Trinkwarmwasser. Da die vorgesehene Fußbodenheizung eine deutlich geringere Vorlauftemperatur benötigt als das Trinkwasser, kann so der effiziente Betrieb der Wärmepumpen sichergestellt werden. Der Strombedarf der Gebäudetechnik soll dabei weitgehend selbst erzeugt werden. Eine großflächige Photovoltaik-Anlage auf dem Dach sowie ergänzende PV-Module auf den Fahrradüberdachungen ergänzen das Anlagenkonzept. Die Leistung ist dabei ausreichend, um auch E-Mobilität durch eine Stromtankstelle als dezentralen Speicher anzudienen und damit den Anteil des selbst genutzten Stroms zu erhöhen.
    Das Lüftungskonzept sieht dezentrale Abluftanlagen vor. Überströmöffnungen und regelbare Lamellenelemente in den Fassaden ermöglichen ein Nachströmen von Frischluft und eine Nachtkühlung zur Vermeidung von Überhitzung im Sommer. Die Option effizienter Wärmerückgewinnung der Lüftungswärme soll in der Folge noch einmal vergleichend überprüft werden. In einem solchen Fall würde nur noch eine auf Erdsonden basierende Wärmepumpe für die Heizung betrieben.
    Der Bau einer Zisterne zum Nutzen von Regenwasser verringert den Ressourcenverbrauch von Wasser zusätzlich.

    Außenraum
    Auf der West-, Süd- und Oststeite gibt die Knicklandschaft dem Verwaltungszentrum nebst Parkplatz den Rahmen. Gegenüber dem Birkenring bilden Einzelbäume (Weißdorn, Ulme, Goldesche, Apfeldorn) einen durchlässigeren Filter. Zwischen Knick und Bauwerk und zwischen den Einzelbäumen auf der Nordseite verbleibt die Wiese. Um das Oberflächen-Regenwasser aufzunehmen und zu versickern wird sie auf allen vier Seiten des Grundstücks leicht gemuldet ausgeführt.
    Die 65 PKW-Stellplätze sind mit Weißdorn- und Rosenhecken gefasst. Sechs Feldahorne bieten Schatten auf dem Parkplatz. Die Zufahrt zum Parkplatz und zur Anlieferung ist auf der Nordseite etwa mittig angeordnet. Zusammen mit der Stufen-/Rampenanlage ergibt sich ein kleiner Vorplatz.
    Die befestigten Wege- und Platzflächen sind außerhalb des Gebäudes mit Klinkern belegt. Unter dem Gebäude und im Innenhof ändert sich das Material. Hier kommt der bereits erwähnte, mit Trasskalk befestigte anstehende Boden zum Einsatz. Farblich bilden Klinker- und Trassbelag aber eine Einheit.
    Im Innenhof, so die Vorstellung, befindet man sich in einer "geschützten Welt". Das Motiv des Klosterhofs stand den Verfassern vor Augen. Eine ruhige Bodenfläche, einige Gräserstreifen, ein Baum, plätscherndes Wasser, das die Geräusche der Umgebung relativiert und ein Sitzplatz unter einer Pergola sind die Bausteine. Hinten führt wie beiläufig eine Treppe in die Landschaft. Als Ort für Begegnungen kann dieser Hof dienen, aber vor allem als Mitte und "Wirkraum" für die ihm zugewandten Innenräume und Flure.
    Erweiterungsmöglichkeit
    Eine mögliche Erweiterung ist auf dem Parkplatz im östlichen Teil des Grundstücks angedeutet. Entweder ist bis zu deren Realisierung die Mobilitätsfrage anders gelöst und es werden weniger Stellplätze benötigt oder der Erweiterungsbau wird aufgeständert.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Die Arbeit überzeugt durch ein klares und einprägsames Konzept. Durch die Stapelung von zwei U-förmigen Baukörpern, von denen sich der untere nach Norden öffnet und der obere nach Süden, entsteht ein gut proportionierter, geschützter Innenhof. Dieser Hof steht allen Nutzern des Gebäudes offen. Der Konferenzbereich und die Mitarbeiterküche sind dem Hof direkt zugeordnet.
    Die offene Gestaltung des Eingangsbereiches und die Anordnung der Eingänge für Tagespflege und Verwaltung unter einem gemeinsamen Dach wirken als einladende Geste des Willkommens.
    Die Gestaltung des Vorbereiches ermöglicht eine gute Orientierung und eine fein justierte stufenweise Annäherung an das Gebäude vom öffentlichen Straßenraum bis zu den Eingängen.
    Durch seine skulpturale Ausformung wird der Raum der Stille in der Fassade ablesbar, auch das Archiv als „Gedächtnis des Kirchenkreises“ bildet sich hier ab und erzeugt eine spannungsvolle Fassade. Das Gebäude wird hierdurch als kirchliches Gebäude mit besonderer Prägnanz erkennbar.
    Die Außenanlagen folgen der Strenge des Gebäudes. Gemeinsam mit Baumpflanzungen im Norden erhält das Grundstück durch die vorhandene Knicklandschaft einen klaren Rahmen, der Innenhof ist sorgsam gestaltet.
    Das Gebäude ist kompakt und sparsam im Flächenverbrauch und hat eine klare Grundrissgliederung, allerdings entstehen auf dem Geschoss relativ weite Wege für die Mitarbeiter. Die Funktionen sind wie erwünscht als Kombibüro angeordnet und überzeugend ausgearbeitet. Die Meeting Points in den Ecken wirken allerdings etwas lieblos und sollten zur Verbesserung der räumlichen Qualität der Wege stärker beitragen. Die Anordnung des Archivs auf zwei Ebenen im Obergeschoss ist grundsätzlich ein guter Lösungsansatz. Die Funktions- und Arbeitsabläufe sind allerdings noch nicht optimal. Die Ausbildung des Raums der Stille über mehr als zwei Geschosse erzeugt zusammen mit der Lichtführung eine sehr schöne Raumatmosphäre, wirkt allerdings etwas überhöht.
    Insgesamt bietet der Entwurf eine sehr gute Lösung für die gestellte Aufgabe und wird dem Anspruch, einen „eigenen Ort“ im gewerblich geprägten Umfeld zu bilden gerecht. Den Verfassern gelingt es in überzeugender Weise, dem Verwaltungsgebäude mit dem überlegt platzierten und inszenierten Raum der Stille und dem Archiv eine angemessene kirchliche Ausstrahlung zu geben.


INFO-BOX

Angelegt am 10.02.2020, 13:58
Zuletzt aktualisiert 12.02.2020, 14:45
Beitrags-ID 4-187025
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