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  • DE-78315 Radolfzell
  • 03/2020
  • Ergebnis
  • (ID 2-343878)

Entwicklung des Bahnhofsquartiers in Radolfzell am Bodensee


  • Anerkennung

    Perspektive, © faktorgruen, Thomas Schüler Architekten und Stadtplaner

    Landschaftsarchitekten
    faktorgruen, Freiburg im Breisgau (DE), Rottweil (DE), Heidelberg (DE), Stuttgart (DE) Büroprofil

    Verfasser
    Martin Schedlbauer

    Mitarbeit
    Ricardo Patings, Georgios Grevenaris

    In Zusammenarbeit mit:
    Stadtplaner: Thomas Schüler Architekten und Stadtplaner, Düsseldorf (DE), Stuttgart (DE)

    Preisgeld
    10.000 EUR

    Erläuterungstext
    Das neue Bahnhofsquartier – „Tor zum See“

    Historische Situation

    Der Hauptbahnhof mit seinem Umfeld besaß in seiner Historie stets eine Eigenständigkeit, mit einem zentralen Bahnhofsplatz und den darauf zuführenden städtischen Achsen. Das Bahnhofsgebäude selbst war dabei immer Mittelpunkt im städtischen Gefüge.

    Der neu gestaltete Bahnhofsvorplatz nimmt diese historischen Bezüge auf und definiert einen freien großräumigen und eigenständigen Stadtraum. Der Neubau des Bahnhofs wird als identitätsstiftendes Gebäude verstanden und bildet zusammen mit der neuen Mobilitätsstation das Zentrum des Bahnhofsplatzes. Über den neuen Seezugang
    entsteht eine direkte Verbindung von der Altstadt zum See, zusätzliche Brücken und Stege schaffen weitere Verknüpfungen.

    Konzept

    Der Radolfzeller Innenstadt vorgelagert entsteht eine neue Bebauung welche eine städtische Raumkante zur Bahnanlage hin ausbildet. Als bauliche Spange entsteht eine einprägsame Figur, die zur städtischen Seite eine hohe Widererkennbarkeit und Orientierung gewährleistet und zur Bahnseite ein markantes Entree für Radolfzell darstellt.

    Das städtebauliche Konzept entwickelt sich aus dem mittelalterlichen Gefüge der Radolfzeller Altstadt mit seinen Gassen und Plätzen heraus. Die neue Bebauung bildet eine Abfolge von Baufeldern und Platzräumen die so diese stadträumlichen Qualitäten weiterführen und das neue Quartier zu einem selbstverständlichen Teil Radolfzells werden lassen. Die neuen Gebäude bilden den baulichen Lärmschutz für die dahinterliegende Wohnbebauung der südlichen Altstadt und rahmen gleichzeitig die Blickbeziehungen auf den Bodensee.

    Die Planung wirkt wie eine Perlenkette aus Baufeldern und Plätzen, wodurch spannungsvolle stadträumliche Sequenzen entstehen. Entlang der Friedrich-Weber-Straße betonen zusätzliche Punkthäuser dieses Wechselspiel. Sie bilden hier die Raumkante für die davorliegenden Plätze und rahmen die Sichtachsen. Das bestehende Stellwerk wird hier baulich integriert und kann später durch ein Punkthaus ersetzt werden.

    Der Bahnhofsplatz bildet das zentrale freiräumliche Element, welches durch die angrenzende Bebauung gerahmt wird. Der neue Bahnhof und das angrenzende Mobilitätsgebäude wirken hierbei wie Solitäre die frei auf dem Platz positioniert sind.

    Das neue Bahnquartier

    Durch die Neuordnung des Radolfzeller Bahnhofsumfeldes entsteht eine einmalige Chance ein städtisches Bahnhofsquartier mit neuen Nutzungen und neuen Aufenthaltsqualitäten zu schaffen. Den verdichteten Baustrukturen des Radolfzeller Stadtgefüges steht ein neuer und öffentlicher Stadtraum gegenüber, welcher neue stadträumliche Qualitäten ermöglicht.

    Die Friedrich-Weber-Straße wird als begrünter städtischer Boulevard ausgebildet der bis zum neuen Bahnhofsvorplatz geführt wird. Hier befinden sich großflächigen Einzelhandelsflächen und Gastronomie, welche hier die Nutzungen der Altstadt ergänzen. Unterschiedliche Gewerbegrößen von kleinen Cafes bis zu einem Lebensmittelmarkt können hier flexibel integriert werden. In den Obergeschossen befinden sich Büros und Wohnungen in den Staffelgeschossen. Im östlichen Teil entstehen die Mobilitätsfunktionen, der ZOB und ein öffentliches Parkhaus.

    Der Bahnhofsvorplatz - Seetorplatz

    Der neue Bahnhofsplatz bildet als großzügiger Stadtraum eine kommunikative Drehscheibe von dem städtisches Leben ausgeht. Die Straßen- und Wegebeziehung aus der Altstadt münden auf dem Platz und verweben ihn mit der Stadt. Sie betonen die Zentralität des Bahnhofsplatzes und stärken seine Lage im Stadtgrundriss. Als Drehscheibe der Verkehre bildet er einen dichten urbanen Ort als Inkubator des städtischen Lebens aus. Durch seine neue Randbauung entsteht ein gutproportionierter Stadtplatz der die Anforderungen an einen repräsentativen zeitgemäßen Bahnhofsplatz erfüllt. In Verbindung mit der neuen Unterführung bildet er die Hauptwegeachse zwischen Stadt und See aus und funktioniert daher nicht nur Bahnhofsplatz sondern als wichtigster Trittsein zum Bodensee – der neue Seetorplatz

    Der Platz erhält einen einheitlichen und durchgängigen Pflasterbelag, die Verlegung erfolgt in einem Reihenverband, die Formatigkeit kann sich dabei im Großpflasterbereich bis hin zu Pflasterplatten bewegen. Die Oberfläche wird gesägt und feingestockt ausgeführt, wodurch eine optimale Begehbarkeit und Barrierefreiheit auch für ältere Menschen und Rollstuhlfahrer erzielt wird. Zusätzlich kann das Abrollgeräusch im Bereich von Fahrbahnen dadurch auf ein Minimum reduziert werden. Die Farbigkeit nimmt die charakteristischen, vorherrschenden warmen Farbtöne des Sandsteins auf und bewegt sich in einem changierenden Farbspektrum von gelb-beige bis grau.

    Der Platz wird locker mit Bäumen überstellt, diese sorgen für Verschattung und Kühlung in den Sommermonaten. Ein Brunnen mit Wasserspiel trägt mit seinen Verdunstungseffekten zur Verbesserung des Kleinklimas bei.

    Seebalkon

    Als Pendant zum Bahnhofsplatz mündet der neue Seezugang in eine großzügige Terrasse am See, den Seebalkon. Sitzstufen laden zum Sitzen und Verweilen am Wasser ein, die vorhandene Gastronomie wird in den Balkon einbezogen. Ein einheitliches Bodenmaterial schafft einen durchgängigen Stadtraum der wie ein Teppich beide Seiten der Bahn miteinander verbindet.

    Seeboulevard - Boulevard am See

    Das Konzept sieht vor, über einen zusammenhängenden Freibereich eine öffnende Geste zu den Grünräumen am Bodenseeufer zu schaffen und darüber hinaus die Wegeverbindung zu den angrenzenden Stadtgebieten herzustellen.

    Die heutige Friedrich-Werber-Straße wird zu eine städtischen Boulevard umgestaltet. Die neue durchgängige Freiraumgestaltung wirkt als großzügige Visitenkarte und ist als eigenständiger Stadtraum erlebbar. Die Bündelung der öffentlichen Nutzungen von Verkehr und Gastronomie schafft hier einen pulsierenden Stadtraum.

    Die einheitliche und ruhige Gestaltung des Boulevards entwickelt sich aus der Materialität der Altstadt heraus und bildet das Rückrat der städtebaulichen Entwicklung. Großzügige und breite Gehwege zu beiden Seiten der Straßenbahn sind in einem einheitlichen großformatigen Pflasterbelag gehalten. Als Material wird ein Großpflasterbelag aus Beton-Werkstein farblich passend zum Bahnhofsplatz vorgeschlagen. Cafes und Läden verleihen dem Boulevard ein südliches Flair, großzügige Bänke laden zum Sitzen und Verweilen ein. Die Beleuchtung verleiht dem Raum seine Einzigartigkeit und Unverwechselbarkeit.

    Der Bahnhofsvorplatz nimmt die Gestaltung der Oberflächen auf und bildet einen eigenständigen Raum mit ebenfalls hoher Aufenthaltsqualität. Lockere Baumdächer markieren die kleinen Plätze entlang des Boulevards und geben den Blick zum Bodenseeufer frei.

    Stadtgarten und Klostergarten

    Der Stadtgarten wird durch die östliche Verlängerung des Boulevards an den Bahnhofsplatz angebunden. Die offene und transparente Überdachung des ZOB erlaubt mit seinen filigranen Stützen weiterhin die Blickbeziehung zum See. Über eine grüne Fuge wird der Stadtgarten in Form eines Fußgängersteges an das Seeufer angebunden. Unter Einbeziehung des Aufzugs im Parkhaus kann eine barrierefreie Verbindung zum See hergestellt werden.

    Verkehrskonzept

    Die östliche Kante des Bahnhofsplatzes wird durch den neuen Busbahnhof gebildet. Hier werden sämtliche Funktionen unter einer großen, filigranen Dachstruktur gebündelt.

    Die Mobilitätszentrale integriert alle Einrichtungen der „sanften Mobilität“ und alle geforderten Servicefunktionen. Die Fahrräder werden im UG über eine Fahrradrampe angebunden, zusätzlich befindet sich ein automatisches Parksystem im Obergeschoß, welches über die Rückseite beladen werden kann. Die Mobilitätszentrale nimmt die Gestaltung des neuen Bahnhofsgebäudes auf und wird zusammen mit der Überdachung des Busbahnhofs zum „Eyecatcher“ für Einwohner und Besucher der Stadt.

    Die Stellplätze für Kurzzeitparken, Behindertenstellplätze, Kiss&Ride werden entlang der Fahrbahn angeordnet, so dass der Bahnhofsvorplatz weitgehend frei von Verkehr bleibt. Der gesamte Bereich des Bahnhofsplatzes wird als verkehrsberuhigter Geschäftsbereich mit Tempo 20 ausgewiesen, die Fahrbahn wird in die Gestaltung einbezogen.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Der städtebauliche Entwurfsansatz wird darin formuliert, den Stadtraum bis an die Bahn heranzuführen. In einer zweiten Schicht wird die historische Stadt nach Süden erweitert.
    Die, für die Stadt wichtigen Sichtbezüge zwischen historischer Altstadt und See werden in den Entwurfsansätzen aufgenommen, in der stadträumlichen Antwort jedoch nicht nachvollziehbar umgesetzt und rein städtebaulich akzentuiert.

    Die IV-V-geschossige Bebauung wirkt in ihrer Durchgängigkeit von West nach Ost fast riegelförmig. Die heutige Stadtsilhouette tritt in die zweite Reihe. Ein ausgewogener Dialog von Altstadt, Stadterweiterung und See wird daher leider eingeschränkt. Die angedachte Rhythmisierung der Friedrich-Werber-Straße durch Platzräume wird anerkannt, wirkt in der gewählten Umsetzung, durch Einstellung von V-geschossigen Punktbaukörpern leider stark beeinträchtigt.

    Die Konzentration des öffentlichen Nahverkehrs, des Mobilitätszentrums, des ZOBs und des Bahnhofs an der Schnittstelle von Innenstadt, Seetorstraße und See überzeugt. Es entstehen die gewünschten kurzen Wege, eine hohe Funktionalität wird aufgezeigt.

    Dimension und Konstruktion des neuen Bahnhofumfeldes werden in der Jury kritisch diskutiert und in ihrer Angemessenheit hinterfragt.

    Die Entscheidung, die geforderten öffentlichen Stellplätze in einem oberirdischen Parkhaus umzusetzen wird als Idee und Alternative zu großflächigen Tiefgaragen positiv anerkannt.

    Auch hier werden Höhe, Geschossigkeit und Proportion kritisch diskutiert. Die durch die vorgeschlagene Dimension des Parkhauses abriegelnde, zugestellte Situation des Klostergartens nach Süden und bedarf einer Weiterentwicklung. Der deutlich fehlende optische Bezug zum See ist ein Mangel.

    Der durchgängig geplante Boulevard von West nach Ost führt mit einer Baumallee auf den Bahnhofsvorplatz, lässt aber eine nachvollziehbare Weiterführung bis zum Stadtgarten nach Osten vermissen. Die Nachverdichtung des Stadtgartens durch ergänzende Baumstandorte im Bereich des heutigen Rosengartens überzeugt nicht.

    Die, im Bereich des neuen Boulevards fast durchgängig angeordneten Längsparker beeinträchtigen die Qualität dieses Raumes für Fußgänger und Besucher. Der Entwurf trifft die richtigen Entscheidungen in Hinblick auf die Lage und Verortung der gewünschten Nutzungen.

    Die die Gewerbe- und Dienstleistungsflächen ergänzenden Wohnnutzungen sind in den Dachgeschoss-Situationen und im Bereich der westlichen Bebauungszeile der Klostergasse gut geplant.

    Eine städtebauliche Idee für das Bahnhofsquartier in Radolfzell, die in ihrer Funktionalität und Lage der zukünftigen Nutzungen einen guten Beitrag leistet. Die Umsetzung als durchgängige, die heutige Altstadt abriegelnde Bebauungsstruktur schafft leider nicht den gewünschten Bezug von Altstadt, Neubebauung und See.

    Der Entwurf zeigt die Grenzen der baulichen Dichte an diesem sensiblen Ort, dem Schnittpunkt von Stadt und See auf. Weniger wäre hier mehr gewesen. Ein Ideenansatz der hohe Potentiale in sich trägt, in Teilbereichen aber leider die falschen Prioritäten setzt.