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  • DE-21107 Hamburg
  • 04/2008
  • Ergebnis
  • (ID 2-10336)

"Weltquartier" Wilhelmsburg


  • 2. Preis

    Lageplan

    Landschaftsarchitekten
    Rehwaldt Landschaftsarchitekten, Dresden (DE) Büroprofil

    Mitarbeit
    Angela Aurin, Christiane Coers

    In Zusammenarbeit mit:
    Architekten: KNERER UND LANG, Dresden (DE), München (DE)

    Erläuterungstext
    KONZEPT

    Das Hamburger Weltquartier ist ein integrativer Bestandteil des Reiherstiegviertels insgesamt. Um die vorhandene integrierte Struktur des Quartiers nicht aufzulösen, soll das Weltquartier auch künftig nur ganz bestimmte ausgewählte Funktionen aufweisen und so gezielt den aktuellen Bedürfnissen seiner Bewohner entsprechend mass- und qualitätvoll umgestaltet werden.
    Konzeptionell wird das Weltquartier als attraktiver Wohnstandort für die bereits dort ansässigen Bewohner ausgebaut. Einer Gentrifikation wird durch sorgfältig ausgewählte Nutzungsergänzungen einerseits und den Verzicht auf bestimmte Nutzungen im Viertel andererseits vorgebeugt.

    Die Realisierungsvorschläge konzentrieren sich auf verschiedene ergänzende Angebote, die städtebauliche Mißstände beseitigen helfen und institutionell zur Etablierung sozialer Infrastruktur genutzt werden können.

    Wesentliche Punkte des Konzepts sind daher:

    _Masstabskorrekturen: Herstellung städtebaulicher Situationen, die als überschaubare Nachbarschaft erlebt werden können. Es entstehen kleinere Hausgemeinschaften als soziales Gefüge.
    _Differenzierung : Vergrößerung der Angebotsvielfalt in qualitativer Hinsicht, um eine stärkere Durchmischung der Bewohnerschaft zu erzielen.
    _ Integration und Nachbarschaft : Die Schaffung adäquater Wohnungen und der zugehörigen attraktiven Freiflächen und Gemeinschaftseinreichungen fördert die Entwicklung einer intakten Hausgemeinschaft und der harmonischen Nachbarschaft verschiedener Kulturkreise.
    _Identitätsstiftung: Herstellung von Identifikationspunkten und Bereichen, die das Wohngebiet unverwechselbar machen und als zentrale Orte zur Ansiedelung sozialer Infrastruktur geeignet sind.
    _Zonierung: Private und öffentliche Flächen werden in klare Beziehung zueinander gesetzt. Private Flächen sollen durch eindeutige Zuordnung der sozialen Selbstkontrolle durch die Bewohner unterstellt werden. Durch diese positiven Impulse werden die Bewohner angeregt, ihr Viertel „in Besitz“ zu nehmen.

    Folgende Massnahmen werden vorgeschlagen:

    STÄDTEBAULICHES KONZEPT

    Die bestehende städtebauliche Struktur der Wohnbauten in Zeilenform wird weiterentwickelt und prinzipiell fortgeschrieben. Die Strassenräume der Veringstrasse und der Weimarer Strasse werden neu gefasst. Mit Hilfe der geplanten Neubauten verengen sich die Strassen stellenweise, Torsituationen werden hergestellt, der Charakter der Strassen verändert sich hin zur ausgeprägten Anliegerstrasse.
    Die Höhenentwicklung im Bestand wird auch bei Neubauten beibehalten und durch Dacheinschnitte im Bestand stärker belebt und differenziert.
    Die Wohnflächen im Quartier werden weiter qualifiziert und um Flächen für Gewerbe und Handel ergänzt. Den Anwohnern soll sich die Möglichkeit bieten, sich selbstständig und aktiv zu betätigen. Wohnen und Arbeiten bilden die Schwerpunkte der sozialen Aktivität in einem lebendigen Stadtviertel.

    HOCHBAULICHES KONZEPT

    Die Zeilenbauten an der Veringstrasse und an der Weimarer Strasse werden unter wirtschaftlich sinnvoller Einbeziehung der vorhandenen Bausubstanz saniert.
    Nach dem Umbau der Wohnungsgrundrisse wird ein breiteres Wohnungsangebot zur Verfügung stehen, das nicht nur über die unterschiedlichen Wohnungsgrößen, sondern auch durch unterschiedliche Ausstattungen einen breiten Kreis von Interessenten anspricht. Insbesondere soll den besonderen Bedürfnissen von älteren und gesundheitlich eingeschränkten Menschen und kinderreichen Familien entsprochen werden.

    Bestandsbauten Veringstrasse / Weimarer Strasse

    Neue Eingangsbereiche gliedern die Fassaden und erleichtern die Zugänglichkeit. Die Häuser werden individualisiert und lassen eine Identifikation Haus / Bewohner zu. Hierzu tragen auch die neu angebauten „Erker“ bei, mit deren Hilfe die lang gestreckten Straßenfassaden rhythmisiert und aufgelockert werden. Zu den Innenhöfen werden statisch selbsttragende Balkonvorbauten errichtet, um kostspielige Eingriffe in die vorhandene Substanz zu vermeiden.
    Die bestehenden Wohnungen werden aufgewertet, das Angebot wird stärker differenziert um die Bandbreite der angesiedelten Einkommensschichten zu vergrößern und dem unterschiedlich ausgeprägten Flächenbedarf der Bewohner in unterschiedlichen Lebensphasen Rechnung tragen zu können. Ein sinnvoller „Wohnungsmix“ wird hergestellt.
    Der vorgesehene Dachgeschossausbau schafft zusätzlichen attraktiven Wohnraum, die Dachflächen der Zeilenhäuser werden unterbrochen, um Platz für Terrassen zu schaffen.
    Grundsätzlich orientieren sich alle Wohnungen zum Innenhof, neue Terrassen und Balkone bilden eine Kontaktschicht zum Freibereich, der den Anwohnern verstärkt zugute kommen soll. Bauliche Verbreiterungen an bestimmten Stellen der Balkone können als Kommunikationskanzeln zur Kontaktaufnahme mit den Nachbarn genutzt werden.

    Neubau Neuhöfer Strasse

    Das 5 geschossige Wohn- und Geschäftshaus schafft den nördlichen Auftakt in das Weltquartier. Die Nordfassade wird über einen offenen Laubengang gegliedert, der gleichzeitig ein sehr wirtschaftliches Erschließungssystem darstellt, eine wirksame Distanz zwischen Wohnräumen und Strasse aufbaut, aber auch eine wichtige Funktion als Begegnungsfläche für die Bewohner übernehmen wird.
    Auf Basis des einfachen Grundrasters lässt der gewünschte Wohnungsschlüssel realisieren.
    Zum Anwohnerpark öffnet sich das Gebäude und beteiligt seine Bewohner über großzügige Balkon- und Terrassenflächen am erholsamen Ausblick ins Grün.
    Das Haus ordnet sich stilistisch in die Umgebungsarchitektur ein und entfaltet durch die eingesetzten Materialien und deren Verarbeitung eine einfache Eleganz, die den Bestandsgebäuden aus den 30er Jahren entspricht, ohne diese nachzuahmen. Durch die Verwendung von Klinker als das Quartier gestalterisch prägendes Material, wird
    die angestrebte Homogenität geschaffen.

    Neubau Gründerzentrum

    Flexibel nutzbare Flächenangebote sollen die Ansiedelung und Entwicklung von stadtteilbezogenen Gewerbebetrieben ermöglichen.
    An der Veringstrasse / Gert Schwämmle Weg ist ein Gründerzentrum zur Ansiedelung von migrantischen Handels- und Gewerbebetrieben geplant. Durch geringe Infrastrukturkosten und gute Erweiterungsmöglichkeiten sollen Neugründungen so gefördert und unterstützt werden.

    Neubaugebiet „Handwerkerhöfe“

    Südlich des Weimarer Platzes sollen sich in einer zweigeschossigen Hofbebauung Handwerksbetriebe ansiedeln können. Die bauliche Struktur soll flexibel genug sein, um auch sehr unterschiedlichen Flächenbedarf abdecken zu können. Auch die Kombination von Wohnen und Arbeiten soll hier ermöglicht werden. Diese gewerbliche Nutzung stellt das „produktive Hinterland“ zur bestehenden Ladenzeile am Südrand des Weimarer Platzes dar.

    FREIRAUM

    Flankiert von zwei großen städtischen Parkanlagen, dem neuen ‚Veringpark’ am Wasser und dem Bunkerpark, bietet das Weltquartier mit den innen liegenden großzügigen Gartenhöfen außerordentlich weitläufige und vielfältige Spiel- und Erholungsorte für alle Nutzergruppen. Die Weitläufigkeit und Offenheit der bestehenden Freiräume soll erhalten bleiben und dezent modifiziert werden.
    Ein abgestuftes Wegenetz mit punktuellen Aufweitungen, den ‚Nachbarschaftsplätzen’ - verbindet öffentliche und halböffentliche Freiräume miteinander und bietet Raum für nachbarschaftliche Kommunikation. Das Wegenetz dient zum einen der komfortablen und sicheren Verbindung in die benachbarten Höfe und Parks und definiert aber auch ganz wesentlich die Orte der alltäglichen Kontakte von Haus zu Haus, von Hof zu Hof.

    Eingangsbereiche Wohnhäuser - Hausgemeinschaften

    Die Vorplätze der Häuser werden im Zusammenspiel mit den erweiterten Eingänge als kleines markantes Entree zum Haus gestaltet. Geschnittene Hecken, Sitzmöglichkeiten und Fahrradparkierung bilden das kleinräumliche Gefüge der Vorplätze und gewährleisten die alltägliche Funktionalität. Die Gartenflächen der Straßenseiten sind Gärten der Hausgemeinschaften und bieten vorrangig Raum für kurzzeitigen Aufenthalt.

    ‚Kleine Heimat’ – multifunktionale Orte der Welt

    Als Zitate typischer Landschaftsformationen der Erde werden die einzelnen Gartenspangen mit individuellen Themen belegt. Wüsten, Meere, Gebirge und Wälder werden in der neuen ‚Kleinen Heimat’ zum thematischen Schwerpunkt und stellen eine kleine Reminiszenz an die Vielfalt der Bewohner des Quartiers dar. Spielflächen für Kinder und Erwachsene, großzügige fest möblierte Sitzplätze, zahlreiche kleine Mieterbeete und eine Grunderschließung mit Elt und Wasser (Regenwasser, Mini-Solarpaneel) lassen die ‚Kleinen Heimaten’ zu den wichtigsten inneren Treffpunkten im Quartier werden. Kinderbetreuung, Kommunikation, Picknick und Gartenarbeit werden spielerisch miteinander verknüpft und fördern das Miteinander mehrerer Generationen. Die gemeinschaftlichen Sitzplätze bieten die alltägliche Möglichkeit für Gartenkaffee und Picknick.

    Weimarer Platz

    Eine großzügige multifunktionale Platzfläche stärkt die Funktion des Weimarer Platzes als Mittelpunkt des Quartiers und ermöglicht die Nutzung als Markt- und Festplatz. Die ‚Grüne Bank’ bietet sonnigen geschützten Aufenthalt oder kann zur Markttheke umfunktioniert werden. Der ruhende Verkehr wird an die westliche Platzseite verlagert.

    Gert-Schwämmle-Markt

    Südlich der neuen Handwerkerhöfe bildet ein kleiner städtisch geprägter Platz, der Gert-Schwämmle-Markt, den Auftakt zu den Handwerkerhöfen. Die nördliche Platzkante wird durch die gewerbliche oder kleingastronomische Nutzung der Umgebung bespielt.

    Erschließung

    Die Weimarer Straße incl. Weimarer Platz wird als verkehrsberuhigte Zone mit einer Mischverkehrsfläche gestaltet. Die Parkierung erfolgt unter einseitig den Bäumen, auf dem zentralen Parkplatz und der Tiefgarage.

    ENERGETISCHES KONZEPT

    Die Sanierung der Bestandsbauten soll ebenfalls erhebliche Energiespareffekte bewirken. Ziel dieser „energetischen Sanierungen“ ist es, einem nachteiligen Effekt auf die langfristige Mietpreisentwicklung durch stark steigende Energiekosten entgegen zu wirken. Dieses Ziel wird natürlich auch bei der Planung der Neubauten umgesetzt.

    Die Bestandsbauten werden im Bereich der Kellerdecken, der Fenster und der Steildächer mit einer hochwertigen Dämmung versehen, die über das Anforderungsniveau der EnEV 2007 hinausgeht. Die Kellerdecken werden an der Unterseite mit 100 mm Dämmung der WLG 040 versehen, die Steildächer erhalten eine 120 mm dicke Zwischensparren-Volldämmung der WLG 035, die aufgrund der begrenzten Bestandssparrenhöhe von 120 mm um eine zusätzliche 50 mm dicke Untersparrendämmung ergänzt wird. Im Bereich der Untersparrendämmung können auch Leitungen verzogen werden. Die Dampfsperre kann in der Ebene der Sparrenunterseite verlegt werden und ist somit vor mechanischen Beschädigungen geschützt. Die Sichtziegel-Außenwände werden nicht gedämmt, um den Charakter der Siedlung zu erhalten. Die Loggiafassade wird aufgrund der erforderlichen baulichen Eingriffe mit einem Wärmedämmverbundsystem versehen. Die Fenster erhalten Fensterfalzlüfter, um eine Grundlüftung zu gewährleisten. Durch die Maßnahmen ist es insgesamt möglich, den Energieverbrauch um 50 % zu reduzieren, obwohl die Außenwände nicht wärmegedämmt werden.

    Die Neubauten erreichen den Dämmstandard von KfW 40 Häusern, indem die Außenwände mit 200 mm Dämmung der WLG 035 gedämmt werden. Mit 175 mm dicken tragenden Wänden und einer 115 mm dicken Klinkerschale können eine für die Siedlung typische Fassade und ein wirtschaftlicher Wandaufbau gewährleistet werden. Die Flachdächer der Neubauten erhalten eine 300 mm dicke Dämmung der WLG 040. Die Kellerdecken werden innerhalb des Estrichs mit 130 mm dicken Dämmplatten aus Polyurethan-Hartschaum der WLG 025 gedämmt. Die Außenwände werden in der untersten Steinlage mit Kim-Steinen ausgeführt, um die Wärmebrückenwirkung zum Keller zu reduzieren. Die Fenster erfüllen den Passivhaus-Standard mit Dreifachverglasungen und hoch wärmegedämmten Profilen.

    Wesentliches Merkmal der Neubauten ist die kontrollierte Wohnungslüftungsanlage, die so konzipiert ist, dass sie je Wohnung auch optional ausgeführt werden kann. In der Küche wird das zentrale Lüftungsgerät angeordnet, das über eine im Flur angeordnete abgehängte Decke die anschließenden Räume erschließt. Durch die zentrale Lüftung kann eine effektive Wärmerückgewinnung gewährleistet werden. Die zentrale Lüftungsanlage gewährleistet die Möglichkeit der Reduzierung der Lüftungswärmeverluste bei gleichzeitiger Erhöhung der Luftqualität infolge der kontinuierlich vorhandenen Lüftung. Die damit verbundene Wärmerückgewinnung reduziert den Energieverbrauch zusätzlich.
    Aus energetischer Sicht ist die zentrale Nahwärmeversorgung zu favorisieren, weil sie die geringsten Bereitstellungsverluste bewirkt. Durch eine Ringleitung können alle Häuser versorgt werden.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    In allen ihren Entscheidungen zum Städtebau, Außenräumen, Körnung der Bausubstanz und Architekturen beweisen die Verfasser eine durchgängige und immer qualitätvolle Haltung.
    Die Selbstverständlichkeit der städtebaulichen Arrondierung mit dem nördlichen Abschluss an der Neuhöfer Straße und dem südlichen Abschluss am Gert-Schwämmle-Weg sind gleichermaßen überzeugend, wie die neue Außenrandbebauung entlang der Veringstraße. Mit einer erfreulichen Selbstverständlichkeit werden auch die „Handwerkshöfe“ entwickelt. In den Außenraumstrukturen, mit den Ost-West Durchwegungen, mit der Bildung von „kleinen Heimaten“, aber auch mit den Vorgärten entlang der Veringstraße mit Gartenterrassen für die EG-Wohnungen zum Grünzug hin beweisen die Verfasser eine Fähigkeit zur angemessenen Maßstabsfindung.

    Im Umgang mit der vorhandenen Bebauung entscheiden sich die Verfasser für die Erhaltung des Charakters der „roten“ Siedlung – was zweifelsohne architektonisch wie in den Grundrissdispositionen gelingt. Sie entscheiden sich dabei gegen die Dämmung der straßenseitigen Klinkerfassade, erreichen aber durch eine Fülle anderer Energiesparmaßnahmen eine beachtliche Ersparnis.

    Mit dem Neubau an der Neuhöfer Straße soll die architektonische, der städtebaulichen Haltung kongruente Verwandtschaft mit den modernisierten Häusern erreicht werden, was aber nicht unbedingt gelungen ist. Weder die Laubengangerschließung noch die Grundrissorganisation können als optimal bezeichnet werden.

    Dennoch haben die Verfasser ein bemerkenswertes Gesamtniveau bewiesen und - zumal für eine schwierige Aufgabenstellung - bewiesen und gezeigt, dass das Unspektakuläre das Richtige sein kann.