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  • DE-90762 Fürth
  • 07/2008
  • Ergebnis
  • (ID 2-11432)

Neubau Jüdisches Museum Franken


  • Engere Wahl


    Architekten
    architekten prof. klaus sill, Hamburg (DE) Büroprofil

    Erläuterungstext
    Die umfangreiche Auslobung und die darin formulierten ambitionierten Ziele und Erwartungen des Auslobers verdeutlichen die Qualität der Architekturdiskussion in Deutschland wenn es um den Bau eines Museums geht. Auch ein kleines Haus auf kleinem Grundstück mit limitiertem Budget soll zur Ikone zeitgenössischer Architektur werden und gleichwohl mit reduziertem Primärenergiebedarf auskommen.
    Wir haben unser Bestes gegeben, die Auslobung gelesen, den unmittelbaren Kontext studiert und ein Haus entworfen, das neben der Erfüllung der Ansprüche des Wettbewerbstextes hoffentlich auch ein hohes Maß an kontextueller Selbstverständlichkeit besitzt und sich als Baustein in den Stadtkörper Fürths einfügt.

    STADTRAUM

    Neben den in der Auslobung nachzulesenden Parametern, ist das Wettbewerbsgrundstück aus unserer Sicht durch einige Faktoren wesentlich geprägt:
    • Durch seine Lage an der stark befahrenen Bundesstraße 8, die über die Königstraße und den „Königsplatz“ führt und eine deutlich wahrnehmbare, wahrscheinlich auch langfristige Grenze innerhalb der Stadt darstellt.
    >> Auf diese Situation reagiert unser Entwurf in mehrfacher Hinsicht. Defensiv indem einige Raumbereiche durch eine einfache Doppelfassade vor den Emissionen geschützt werden. Allerdings auch offensiv da die Strasse einen hohen Grad an Öffentlichkeit ermöglicht und daher eine Öffnung gerade des Eingangsgeschosses die geforderte einladende Wirkung hat.

    • Durch seine Lage in einer sanierungsbedürftigen, jedoch durch die vielen denkmalgeschützten Gebäude geprägten, bemerkenswerten Umgebung.
    >> Hier kann der Bau des neuen Gebäudes eine rapide Veränderungsdynamik hervorrufen und hoffentlich ähnliche urbane Aufwertungsprozesse wie in Bilbao [Guggenheim] und London [Tate Modern] erzeugen. Zudem fügt die Architektur des Neubaus eine neue Zeitschicht hinzu, die aus dem Kontext entwickelt, eine eindeutig zeitgenössische und moderne Prägung haben soll.

    • Der kleine Platz zwischen dem Wettbewerbsgelände und dem Haus Nr. 95 stellt für den Neubau einen wichtigen Stadtraum dar. Hier kann das Gebäude den öffentlichen Raum in Anspruch nehmen, der an der Königstraße nicht vorhanden ist.
    >> Unser Entwurf reagiert mit seiner Raumordnung auf die wertvolle Interaktion zwischen Stadt und Objekt: Sowohl der Cafe- und Shopbereich wie auch der Veranstaltungssaal des JMF sind auf diesen Platz orientiert und können einen spannungsvollen Übergang vom Aussen- in den Innenbereich des Gebäudes herstellen. Zusammen mit der vorhandenen Platane und einer kleinen temporären Bühne kann ein lebendiger öffentlicher Raum entstehen.

    STADTBILD

    Bemerkenswert ist die unmittelbare bauliche Umgebung des Neubaus. Geprägt ist diese durch die hohe Kontinuität der strassenbegleitenden, blockorientierten Bebauungsstruktur, die ihrerseits aus einer Vielzahl unterschiedlicher Architekturobjekten unterschiedlicher Höhe und Materialität besteht. Bestes Beispiel ist das unmittelbare Gegenüber des Bestandsmuseums Haus Königstraße 89 und des Hauses Königsstrasse 95 mit seiner runden Eckerkern.
    Wichtiges Merkmal der Kontinuität des Stadtraumes in diesem Bereich Fürths ist die durch die Parzellierung immer ähnliche Maßstäblichkeit der Gebäude und die bei vielen Gebäuden vorhandenen geneigten, roten Ziegeldächer.
    >> Unser Entwurf greift den vorhandenen Kontext auf. Der durch die Wettbewerbsparzelle gegebene Maßstab des Gebäudes und die geneigte Dachform des Gebäudes ist unmittelbar aus der Umgebung abgeleitet, während die Wahl der bedruckten Glasfassade eindeutig eine zeitgenössische Architektursprache formuliert.


    GEBÄUDESTRUKTUR

    Die Kubatur des neuen Gebäudes leitet sich konsequent aus den Parametern der unmittelbaren Umgebung ab:
    Es sucht den unmittelbaren Anschluss an das Bestandsgebäude Königstrasse 89, definiert aber eine deutliche, trapezförmige FUGE, die den Eingang in das JMF markiert und die gemeinsame Erschliessung für beide Gebäude beinhaltet.
    Auf der Südseite nimmt das Gebäude die vorgegeben Bebauungslinie auf und adaptiert die ortsübliche dreiteilige Schichtung der Fassaden in Sockel-, Mittel- und Dachzone:
    • Der Eingangsbereich im Erdgeschoss öffnet sich mit seiner transparenten Pfosten-Riegel-Fassade einladend in den Stadtraum.
    • Im 1. und 2. Obergeschoss, in der Mittelzone des Gebäudes, befinden sich hinter den Lochfenstern der bedruckten Glasfassade die Räume der Ausstellung und der Bibliothek.
    Im 3. und 4. Obergeschoss bildet das neue Museum, ähnlich wie es alle Gebäude der Umgebung zeigen, eine geneigte Dachflächen aus. Die bedruckte Glasfassade läuft durch und passt sich an die Dachneigung an. Die hier angeordneten Räume der Verwaltung werden durch die Dachneigung in interessanter Art und Weise geprägt sein.

    Der FORMGEBUNG des Baukörpers ist stark durch die unmittelbare Verknüpfung des geforderten Raumprogramms und den Bedingungen des Grundstücks geprägt. Dies führt auf seiner Südseite zu der erwähnten geneigten Form des 3. und 4. Obergeschosses, während sich auf der Nordseite ein Gebäudeversprung ab dem 2. Obergeschoss entwickelt. Dieser ermöglicht die Einhaltung der notwendigen Abstandsflächen zu dem nördlich anschliessenden Gebäude und erzeugt eine grosszügige Leseterrasse für die Bibliothek im 2. Obergeschoss.
    Als weitere positive Konseqenz dieser Massnahem entsteht für die Bibliothek im 2. OG. und die Büroräume im 3. und 4. OG. eine schräg geneigte nach Norden ausgerichtetet `Atelierfassade`. Diese ermöglicht eine optimale Belichtung und einem interessanten Ausblick in die Stadt.

    Die horizontale SCHICHTUNG des Gebäudes und seiner Funktionen reflektiert die Anforderungen des Raumprogramms und die Möglichkeiten des Wettbewerbgrundstücks gleichermassen:
    • Die beschriebene Fuge trennt und verbindet das Bestandsgebäude mit und von dem Neubau gleichzeitig. Die hier angeordnete Erschliessung erzeugt eine eindeutige Orientierung im Gesamtgebäude und einen spannungsvollen Raumeindruck auf dem Weg durch das JMF.

    • Im Erdgeschoss sind elementare Funktionen wie Kasse, Info, Café und Shop untergebracht. Weiterhin der auch für externe Ereignisse vorgesehene Veranstaltungsraum. Sein Raumzuschnitt und seine Erschliessung lassen sowohl Bezüge zum Foyer in der `Fuge` wie zum Aussenraum am Platz zur Königstrasse 95 zu. Wenn die Nutzer es wollen, entsteht zeitweise ein öffentliches Forum für das JMF.
    Die Fassade von Kasse, Café und Shop zur Königstrasse ist bewusst als transparente Pfosten-Riegel-Fassade ausgebildet. Dies erzeugt eine einladende und offene Geste zur Öffentlichkeit der Stadt und soll zum Besuch inspirieren.
    Die kleine nördlich des Bestandsgebäudes wird nicht bebaut, dort wird als Erweiterung des Foyers ein Skulputurengarten für das Museum angeboten.

    • Im 1.Obergeschoss ist der Raum für Sonderausstellungen angeordnet. Es entsteht ein flexibel nutzbarer und stützenfreier Raum. Die Option, diesen Raum als Dunkelraum auszubilden, haben wir nicht genutzt. Zu interessant sind die Möglichkeiten des Bezuges zur umgebenden Stadt. Sollte doch ein tageslichtloser Raum erforderlich sein, kann dieser durch den in die Fassade integrierten Sonnenschutz und durch die ebenfalls vorhandenen Verdunkelungsrollos gewährleistet werden.
    • Im 2. Obergeschoss, sehr gut durch die zentrale Treppe angebunden, befindet sich die Bibliothek. Diese ist so strukturiert, dass die Buchaufstellflächen sich im Zentrum des Geschosse befinden und die Lesplätze an der gut belichteten Nordfassade angeordnet sind. Eine davor gelagerte, durch den Gebäudeversprung an der Nordeite entstehende Leseterrasse bietet ein besonderes Angebot für die Benutzer der Bibliothek.
    • Im 3. und 4. Obergeschoss, durch eine interne Treppe als direkte Verlängerung der Haupterschliessung erreichbar, befinden sich die notwendigen Räume der Verwaltung. Durch diese Anordnung ergibt sich für die Mitarebieter eine ruhige, dem unmittelbaren Museumsbetrieb etwas entzogene Arbeitsatmosphäre. Gleichzeitig können sind sie durch Treppe und Aufzug schnell die anderen Geschosse erreichen.
    • Im Kellergeschoss befinden sich die Serviceräume für den Eingangsbereich [Garderobe und WC´s] sowie die Lager und Depoträume der Funktionen in den Obergeschossen. Durch die unmittelbare Anbindung an der Aufzug ist eine direkte und schnelle Anbindung sämtlicher Flächen an die Obergeschosse gewährleistet.

    • Die unmittelbare Verbindung aller Geschosse des Neubaus sowie die funktionale Anbindung an den Altbau ist stellt die Treppe in der `Fuge` zwischen den Gebäuden her, während der Aufzug dies im Inneren des Gebäudes ebenfalls schnell und reibungslos für gehbehinderte Besucher und den Trandport von Museumsgütern gewährleistet.


    FASSADE

    Die wesentlichen Elemente der historischen Fassaden der umgebenden Häuser werden aufgenommen und in eine neue, zeitgemäße Form tranformiert. Dies sind:
    • Horizontale Gliederung der Fassaden
    • Sockelbereich im Ergeschoss
    • 2+3 OG. als Hauptgeschosse
    • Geneigte Dachgeschosse
    • Lochfassade

    GLASFASSADE
    Die neue Glasfassade an der Süd- und Ostseite des Gebäudes reflektiert die oben beschriebene architektonische Haltung und will die Gebäude aus unterschiedlichen Epochen in einen spannungsvollen, zeitgemässen Dialog versetzen.
    Das Glas in seiner jetzigen Form und Konstruktion ist Zeugnis unserer Zeit und reagiert durch seine Dimensionierung und durch seine Bedruckung jedoch auf die Gestaltungsqualitäten der historischen Häuser.
    Die Horizontaltät der Fassadenmaterialien Sandstein, Mauerwerk, Putzflächen und Dachziegel werden in der horizontalen Gliederung der Glasfassade aufgenommen. Ebenso werden wichtige Gliederungselemente der Fassaden im Detail wie etwa Dachüberstände, Fensterbrüstungen und horizontale Kanten als betonenden Elemente durch die horizontal geschuppte Struktur der neuen Fassade gestalterisch und funktional weiterinterpretiert.
    Die Fassade wird als nicht-tragende, farbig bedruckte Glasfassade, aufgeteilt in horizontale Schichten, ausgeführt. Die Unterkomstruktion besteht aus handelsüblichen Aluminumprofilen, die Scheiben werden als 10 mm starke ESG-Scheiben ausgeführt. Innenseitig sind diese siebbedruckt. Trotz seiner Komplexität ist die Fassade zu einem vergleichsweise günstigen Preis ausführbar, da sie im Detail einfach und technisch sinnfällig entwickelt wurde
    FARBE
    Die Siebbedruckung soll in hellen, teilweise weissen Farbtönen erfolgen. Damit fügt sich das neue Gebäude in den Farbraum der vorhandenen Gebäude an dieser Stelle, die sich zwischen weissen Putz- und hellen Sandsteinfassaden bewegt. [Königstrasse 85 - Königstrasse 95]
    KOMPLEXITÄT
    Den Ansprüchen nach natürlicher Belüftung Sonnenschutz, Schallschutz, Transparenz, Speicherfähigkeit und Wandlungsfähigkeit entsprechend, wird die Fassade vielschichtiger und mit zeitgenössischen Konstruktionen und Materialien realisiert. Die Funktionen Tragen, Dichten, Schützen, Speichern und Zeigen werden in unterschiedliche Ebenen aufgelöst und kreieren dadurch die angesprochenen Funktionen und das Erscheinungsbild der Fassade.

    ENERGIE

    Unter den Gesichtspunkten der Nachverdichtung innerstädtischer Gebäudestrukturen sowie eines ganzheitlichen, passiven Klima- und Energiekonzepts handelt es sich beim Neubau des JMF um ein Projekt, das im besten Sinne des Agenda 21 Prozesses den Grundsätzen der Nachhaltigkeit entspricht.
    Dabei steht das Grundprinzip der technischen Gebäudeausrüstung unter der Maxime: „Vermeidung steht vor Nutzung“. Ansatzpunkt dieses Konzepts ist die Schaffung komfortabler Klimazustände mit minimalem anlagentechnischem und energetischem Aufwand. Keine teuren Hightech-technologien sondern intelligenter Einsatz passiver Rnergiesysteme.
    Durch die kompakte Gebäudestruktur mit seinem minimierten A / V Verhältnis, sowie die Nutzung der tragenden Betonkonstruktion als unverkleidete Massebauteile werden allein die strukturellen Bedingungen des Gebäudes zu optimierten Energieverbräuchen führen. Bei den Geschossdecken werden mittels Betonkernaktivierung die thermischen Speichermassen der Betonkonstruktion genutzt.

    Sämtliche Bereiche des neuen Gebäudes können mit natürlicher Belüftung und Belichtung versorgt werden. Durch einen Verzicht auf abgehängte Decken können die Betonflächen als Speicherflächen aktiviert werden, sodass auch im Sommer durch eine gesteuerte Klappenlüftung eine energieoptimierende Nachtauskühlung erreicht werden kann.
    Die nach Westen und Süden orientierte Doppelfassade ist polyvalent, dh. sie erfüllt mehrere Funktionen gleichzeitig. Zur lärmintensiven Königstrasse bildet sie einen effizienter Schallschutz, sodass die in den Zwischenraum der Fassade orientierten Fenster jederzeit geöffnet werden können ohne dass mit Lärmemissionen in den Innenräumen zu rechnen ist.
    Zusätzlich ist in der Doppelfassade ein effizienter, windunempfindlicher Sonnenschutz installiert, der zusammen mit den in den Fensterleibungen angebrachten Blendschutz eine optimale Belichtung der Innenräume garantiert ohne dass mit einer Überhitzung zu rechnen ist.
    Um auch im Veranstaltungsraum im EG und im Ausstellungsraum eine natürliche Querlüftung ermöglichen zu können, sind auf der Dachterrasse im 2.OG. Oberlichter vorgesehen, die an die Abluftkamine der Nördlichen Rückwand angeschlossen sind. Durch eine geregelte Klappenlüftung können kann auch hier eine steuerbare natürliche Belüftung zwischen Fenster und Abluftlkamin erfolgen

    KONSTRUKTION

    `Baukultur mit einfachen Mitteln` die Idee unseres Entwurfs: der kompakte Baukörper wird als Beton-konstruktion ausgeführt, der durch den zentralen Aufzugskern und durch die tragenden Aussenwände ausgsteift wird. Dies garantiert eine Wandlungsfähigkeit des Gebäude für seine gesamte Lebensdauer.
    Um eine stütztenfreie und damit möglichst flexible Ausstellungsfläche im 1. Obergeschoss zu ermöglichen, ist die Decke über dem 1. OG. als unterzugslose Flachdecke aus hochfestem Leichtbeton mit einer Dicke von 35 cm vorgesehen. Die tragenden Bauteile diese Geschosse sind der Aufzugskern, die massiven Aussenwände sowie eine Stütze in der Trennwand zum Vorbereitungsraum.
    In den anderen Geschossen sind die Decken [d= 20 cm] durch Unterzüge gestützt da die Raumstruktur dies problemlos ermöglicht.

    BRANDSCHUTZ

    Die zentrale Treppe in der `Fuge` wird als notwendige Treppe ausgefürhrt. Sie fungiert als solche sowohl für den Bestand- wie für den Neubau. Die notwendige Brandschutztechnische Abschottung der Fenster und Türen ist in den Plänen dargestellt. Um wichitige Raumbereiche wie Info, Kasse, die Sonderaausstellung und den Veranstaltungsraum möglichst offen und einladend auszubilden, sind an diesen Stellen Schiebeschottkonstruktionen in entsprechenden Wandtaschen vorgesehen.
    Der jeweils 2. Fluchtweg in den Geschossen ist an der Ostseite des Neubaus gewährleistet. Hier kann die Rettung von Personen und der Brandangriff der Feuerwehr durch eine Anleiterung erfolgen. Entsprechende Fensteröffnungen werden in der Fassade vorgesehen.


    Beurteilung durch das Preisgericht
    Liegt nicht vor.