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  • DE-45127 Essen
  • 06/2008
  • Ergebnis
  • (ID 2-11997)

Hauptbahnhof Essen | Gestaltung des Umfeldes


  • 1. Preis

    Übersichtsplan

    Landschaftsarchitekten
    wbp Landschaftsarchitekten GmbH, Bochum (DE) Büroprofil

    In Zusammenarbeit mit:
    Architekten: Scheidt Kasprusch Gesellschaft von Architekten mbH, Berlin (DE)

    Erläuterungstext

    Idee
    Die historische stadträumliche Situation des nördlichen Bahnhofsvorplatzes wurde durch die Inanspruchnahme der Flächen für den Straßenbau grundlegend verändert. Mit der Verlagerung der Fußgänger und der Strassenbahn in die Ebene -1 verlor der städtische Raum weiter an Bedeutung. Die unwirtlichen Restflächen sind das Ergebnis dieser Entwicklung.
    Mit einem neuen raumgreifenden Platzband, das sich zwischen City und Südviertel erstreckt werden die Flächen wieder in ein städtisches Gefüge eingebunden, so dass ein repräsentativer, aber auch gut nutzbarer Ort entsteht. Die Ost-West-Achsen der Stadt entlang der Verkehrsadern erhalten mit der Ergänzung der bereits vorhandenen Baumstrukturen eine neue Wertigkeit.

    Raumstruktur
    Die städtischen Freiflächen rings um den Handelshof werden als zusammenhängend zu entwickelnde Platzflächen gesehen. Der Willy-Brandt-Platz, der mit einem neuen Lichtband definiert wird, der Kettwiger Platz mit einem neuen Wasserspielplatz und der Baumplatz am Haus der Technik liegen wie Intarsien in diesem Raum. Das neue Platzband ragt ebenfalls in diesen Platzraum und bindet damit den Bahnhofsplatz in eine städtische Platzabfolge rund um den Handelshof ein.
    Quer zu dem neuen, breiten Platzband werden beidseitig parallel zu den Bahnhofsgebäuden und Gleisen lang gestreckte Bahnhofsvorplätze vorgeschlagen. Das neue Platzband überlagert diese beiden Bereiche.
    Die lang gestreckten Plätze nehmen überwiegend die Verkehrsfunktionen wie Taxivorfahrt, PKW- Stellplätze, Andienung und Radstellplätze auf. Sie sind mit Baumreihen überstellt und fügen sich damit in die Grünstruktur der Ost-West-Achsen ein.
    Das Platzband hingegen wird zum offenen, neuen, repräsentativen und dennoch im Alltag gut nutzbaren Ort in der Stadt.
    Die Ausrichtung des Platzbandes orientiert sich im Norden an der historischen Form des Bahnhofsplatzes, im Süden an der Bebauung. Die Form des Belags nimmt hingegen die Hauptwegerichtung zur Innenstadt auf. Rautenförmige, großformatige Platten spiegeln diese unterschiedlichen Richtungen wieder. Es wird vorgeschlagen, die Bahnhofspassage und die östliche Seite der Bahnunterquerung mit in diese Belagsstruktur einzubinden.

    Der nördliche Bahnhofsplatz
    Mit der rautenförmigen Belagsstruktur wird, der Bahnhof diagonal mit dem Hauptzugang zur Innenstadt verbunden. Über einen breiteren Übergang über die Strasse Richtung Handelshof sollte nachgedacht werden. Das Platzband schafft die Öffnung und visuelle Verbindung auch nach Nordosten in Richtung Haus der Technik und bindet diesen Ort mit ein. Auch hier wäre ein zusätzlicher oberirdischer Übergang wünschenswert. Ein Wasser-Lichtband und einzelne Sitzelemente leiten eindeutig zum Übergang zum Willy-Brandt-Platz und damit zur Innenstadt. Der Vorplatz wird ansonsten freigehalten, nur die vorhandenen Platanen werden mit einem weiteren Solitärbaum ergänzt. Die überdachte Taxivorfahrt ist in das Platzband eingebunden, östlich davon werden die Stellplätze, die für die Andienung erforderliche Umfahrt und Radstellplätze angeordnet. Für diesen Bereich wird Pflaster im Reihenverband mit unterschiedlichen Längen und Breiten vorgesehen.

    Der Baumplatz am Haus der Technik
    Der Platz wird als großzügige Freitreppe mit Sitzstufen ausgebildet. Damit kann die ungünstige Lage der Treppe nach Norden etwas ausgeglichen werden. Der Platz nimmt die Richtung zum Hotel „Essener Hof“ auf. Der Zugang zur Passarelle wird erhalten, lediglich die Einfassungsmauern nehmen die neue Richtung des Platzes auf. Entlang dem Handelshof könnte eine Rampe (7% Neigung) angeordnet werden. Alternativ ist hier aber auch eine schmale Treppe möglich. Der Platz wird locker mit Bäumen überstellt und bietet damit eine neue Qualität.


    Der südliche Bahnhofsplatz
    Der Platz am Südausgang wird geprägt durch die neuen Pavillons. Wir schlagen vor, die parallele Ausrichtung der beiden Pavillons zugunsten einer sich dem Platz öffnenden Lage zu ändern. Der im Vergleich zur Strasse tiefer liegende Bahnhofsvorplatz wird über eine Stufenanlage erreicht, am östlichen Rand der Treppe ist eine barrierefreie Erschliessung vorgesehen. Zusätzlich wird neben der Treppe zwischen EVAG-Pavillon und Bahnhof eine weitere Rampe vorgesehen. Kurze direkte Wege werden damit für alle Nutzer ermöglicht.
    Die beiden Solitärbäume sollten, auch wenn das Dach gebaut wird, möglichst erhalten bleiben.
    Die östlich angrenzende Bahnhofsvorfahrt mit Taxenvorfahrt (dreireihig), PKW-Stellplätzen und Kiss+Ride-Stellplätzen wird ergänzt durch eine kompakte Radabstellanlage. An weiteren Stellen sind kleinere Radabstellmöglichkeiten vorgesehen, um auch hier kurze und direkte Wege zu ermöglichen.
    Auch hier werden die Stellplätze mit Baumreihen überstellt, die sich in die Grünen Achsen einfügen. Es wird wie im nördlichen Teil ein Pflasterbelag vorgesehen.
    Der westliche Umsteigepunkt fügt sich ebenfalls als Grüner Platz in die Struktur ein. Die Stufenanlage wird großzügiger und von den U-Bahnzugängen abgerückt, um eine bessere Durchlässigkeit zu erreichen.

    Das Platzband nach Süden
    Der Platz über der A40 soll seinen durch den Baumbestand vorhandenen grünen Charakter beibehalten. Einzelne Bäume werden ergänzt. Dennoch soll die Extreme des Ortes nicht versteckt werden.
    Durch eine offen und urban gestaltete Struktur wird dieser Ort in das Platzband eingebunden. Die lineare Anordnung von Rasenflächen und einem Wasserband leitet klar zum Bürostandort. Sitzelemente, zur Kreuzung Freiheit mit niedrigen Heckenbändern abgegrenzt, schaffen Aufenthaltsqualitäten. Der tiefer liegende Bereich wird zugunsten einer großzügigen Fläche aufgegeben. Denkbar wäre, die im neuen Pavillon untergebrachte DBLounge an diesem Ort mit einem Aussenbereich zu ergänzen. Eine weitere Nutzung könnte als ‚a40bühne’ erfolgen.

    Die Unterführung
    Die Unterführung mit den Bushaltestellen wird in die Belagsstruktur mit eingebunden. Die Haltestellen werden mit neuen Infoschildern ausgestattet.
    Die vorhandene Lichtöffnung nach oben könnte an weiteren Stellen ergänzt werden. Ein spannendes Lichtspiel könnte damit am Tag erreicht werden.

    Fernbusbahnhof
    Hier wird eine zweireihige Aufstellung der Busse vorgeschlagen. Jede Reihe wird mit einer ausreichend großen Aus- und Einstiegsfläche versehen. Die Busse der südlichen Reihe können über die mittige Fahrspur unabhängig voneinander aus- und einfahren. Die nördliche Reihe kann über die vorhandene Fahrbahn abfahren. Die Notausfahrt aus der A40 wird freigehalten. Der Kiosk wird als lang gestreckter, transparenter Glaskubus vorgesehen.

    Materialien
    Es wird ein nachhaltiges und höherwertiges Material (Naturstein) für das Platzband vorgeschlagen, die Pflasterflächen der seitlichen Funktionsplätze werden als Betonwerksteinpflaster vorgesehen. Für beide Flächen wird der gleiche warmgrau bis beige Farbton gewählt. Die Einfassungs- und Wasserbänder sowie die kubischen Bänke werden auch aus Naturstein, jedoch einen Ton dunkler, vorgesehen.
    Die Ausstattungselemente sind aus Stahl verzinkt und warmgrau beschichtet hergestellt. Eine klare, durchgängige Gestaltlinie ist vorgesehen.

    Lichtkonzept
    Das Lichtkonzept soll nachts das Platzband nachzeichnen. Dafür werden in dem umlaufenden Einfassungsband Lichtlinien vorgesehen (LED). Mit Lichtstelen, die die Diagonale des Platzes aufnehmen, bilden die Grundausleuchtung des Platzes. Mit einer Lichtlinie entlang den Sitzelementen und dem Wasserband sowie Bodenstrahlern unter den Bäumen wird eine warme Atmosphäre erreicht. Die Unterführung wird ebenfalls in das Konzept mit eingebunden, die Gestaltung mit blauem Licht kann integriert werden.


    Beurteilung durch das Preisgericht

    Mit einem Nord-Süd-gerichteten Platzband soll die wesentliche stadträumliche Aufgabe bewältigt werden, die City und das Südviertel über das Gelenk des Bahnhofs prägnant miteinander zu verknüpfen. Dabei konzentriert sich das Platzband weitgehend auf den Raum der Nord-Süd-Passagen. Die auf der Nord- wie Südseite des Bahnhofs gelegenen Funktionsflächen für Parken, Vorfahrt usw. werden zwar neu gestaltet, sind aber nicht Teil des Platzbandes. Damit gelingt der Arbeit sehr elegant eine selbstverständlich wirkende Konzentration auf den Teil des Stadtraums, der tatsächlich die notwendige Verknüpfung gewährleistet. Geschickt ist auch die in Nuancen unterschiedliche Ausrichtung und Ausweitung des Platzbandes im Norden und im Süden, was ein gutes Eingehen auf die verschiedenen stadträumlichen Anbindungen zulässt. Dies zeigt sich beispielhaft sehr gut in der straßenübergreifenden Gestaltung des Übergangs vom Bahnhof zum Willi-Brandt-Platz wie auch im Umgang mit dem Platz über der A 40, der gut stadträumlich integriert ist.

    Die stadträumliche Ambition erfährt vielfältige Bekräftigung durch gestalterische Details. Die rautenförmigen Plattenformate ergeben ein Fugenbild, das eindeutige Richtungen gibt. Auch hierfür sei insbesondere auf die Verbindung zum Willi-Brandt-Platz hingewiesen. Ergänzt um die Lage von Bänken, Licht-Wasser-Bändern, dezent eingebundenen Pflanzbeeten, die Stellung von Lichtstelen und LED-Einfassung des Platzbandes wird so die stadträumliche Idee gestaltwirksam unterstützt. Ob dafür auch der geplante Pavillon auf der Südseite des Bahnhofs aus seinen derzeitigen Koordinaten gedreht werden muss, stellt das Preisgericht allerdings sehr infrage. Dass durch den Einsatz der Gestaltelemente und Materialien diese beabsichtigte Verknüpfung zwischen der Nord- und der Südseite des Bahnhofs auch wirkungsvoll erreicht werden kann und nicht nur eine stadträumliche Idee bleibt, setzt allerdings voraus, auch das Innere des Bahnhofs adäquat zu gestalten.

    Auch die Baumstellungen unterstreichen im Wesentlichen das Konzept, denn sie überstellen die Funktionsflächen für Parken, Vorfahrt usw. . Sie lenken und öffnen die Blicke in die zu verknüpfenden Stadträume.

    Insgesamt werden mit einfachen Handgriffen und anspruchsvollen Gesten stadträumliche Klarheit und gute Orientierungsmöglichkeiten bewirkt. Die Arbeit erfüllt alle geforderten Rahmenbedingungen, schafft kluge Akzentsetzungen und bedient sich eines Repertoires von hochwertigen, gut eingesetzten Gestaltungsmitteln. Darüber hinaus bietet die Arbeit auch Perspektiven für die Weiterentwicklung angrenzender Stadträume, ohne davon die Umsetzung abhängig zu machen.