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  • DE-50374 Erftstadt
  • 12/2008
  • Ergebnis
  • (ID 2-13520)

Archäologischer Landschaftspark Erftstadt


  • Anerkennung


    Landschaftsarchitekten
    Lützow 7 Müller Wehberg Landschaftsarchitekten, Berlin (DE) Büroprofil

    In Zusammenarbeit mit:
    Architekten: magma architecture, Berlin (DE), Berlin (DE), Berlin (DE), Berlin (DE)

    Erläuterungstext
    „Fährten. Wege. Straßen. Bahnen“

    Der Wunsch nach Mobilität in Raum und Zeit ist ein uralter Traum der Menschheit.
    Bewegen und Sehen sind biologische Grundbedürfnisse des Menschen. Die Koordination von Motorik und Sensorik stellen den Beginn menschlicher Tätigkeiten wie Wahrnehmen, Fühlen, Wollen und Nachdenken dar.

    Von den ersten vorgeschichtlichen Spuren/ Fußabdrücken führt die Geschichte der menschlichen Mobilität über Fährten, Pfade und Wege. Daraus entstanden befahrbare Straßen und Autobahnen. Später hob der Mensch ab von der Erde und bewegte sich auf Flugrouten und mit Raketen in Flugbahnen. Eng verwoben mit der Bewegung ist die Rast und die Entstehung von Siedlungen.

    Der mit dieser Arbeit vorgelegte Vorschlag zur Entwicklung und Gestaltung des Archäologischen Landschaftparks Erftstadt erläutert die Themen der Mobilität des Menschen vor dem Hintergrund des vorgefundenen Reliktes von vor 2000 Jahren und bietet Angebote für Freizeit, Erholung und Rast, Information zum Landschaftsraum, Archäologie und Mobilität.
    In einem weiten, an die Agrarflächen angrenzenden Wiesenfeld begeben sich die Besucher auf Spurensuche. Jedes Jahr können hier neue Fährten gelegt werden, die sie gehen und/ oder fortsetzen können. Mit der Nutzung werden sich Hauptrichtungen herauskristallisieren. Es entstehen von ihnen selbst generierte Pfade, die im Rahmen der Unterhaltung in einfacher Art befestigt werden können und somit einen dauerhaften Charakter erhalten.
    Parallel dazu wird ein dauerhaft angelegter und wetterfester Weg angeboten, der mit seiner Länge einschließlich des Bodendenkmals Agrippa einer Römischen Meile entspricht: der Panoramaweg Römische Meile. Unterschiedliche historische und auch zeitgenössische Wegeaufbauten werden als Teil des Weges im Bereich des Parkplatzes in verschiedenen Schauabschnitten dargestellt.

    Die Wissbegierde leitet die Besucher über die Pfade und/ oder den Panoramaweg durch den von Waldparzellen gerahmten Erlebnisraum, vorbei an „Agrarschaufenstern“ und Ruderalflur, zur ersten Rast im Pavillon zwischen Haupteingang und Römerstraße. Die Landmarke ist von weitem sichtbar und zieht den Suchenden an. Der Informationspavillon, der entlang der K44 eine Grenze und einen Anfang der Besucherführung durch den Archäologischen Landschaftspark definiert, tritt deutlich sichtbar über der Erdoberfläche hervor. Der Pavillon besteht aus einem Eingangsbereich und einer Indoor-Ausstellung, die in den Landschaftspark und das Thema Agrippa einführt. Über eine Rampe in der Ausstellung wird der Besucher unter die Erde geleitet. Von dort aus betritt er die Außenausstellung des Archäologischen Landschaftsparks. Seitlich ist als Erweiterungsfläche eine weitere Rampe angefügt, die in Höhe führt und am Ende einen Panoramblick über das Gelände freigibt. Eine auf die Fensterscheiben aufgebrachte Panoramagrafik erläutert den Besucherpfad durch den Park. Ein kleines Café und einige Sitzstufen beim Fenster dienen der Reflexion.

    Das Ziel der Pfade und des Panoramaweges Römische Meile ist die Straße- die 2000 Jahre alte Römerstraße.
    Römerstraßen waren zu ihrer Zeit imperiale, schnurgerade Straßen, die einst keine Hindernisse und Grenzen kannten, die der „wilden“ Landschaft Struktur und Ordnung gaben. Aufgrund der Tatsache, dass das Relikt an dieser Stelle nur noch in drei Abschnitten rudimentär vorhanden ist, es selbst schon Teil der „wilden“ Natur bzw. Agrarlandschaft wird und in das Bodendenkmal im südlichen Abschnitt nicht eingegriffen werden soll, werden in diesem vorgelegten Entwurf Maßnahmen ergriffen, die die Abschnitte stützen und wieder zusammenführen.

    Vegetation
    Römerstraßen waren nicht von Baumreihen oder Alleen begleitet. Diese Mittel hier zu wählen, wäre falsch und geschichtsfälschend. Statt dessen werden dichte Baumpakete entlang der Agrippa erhalten, neu gepflanzt und gegebenenfalls ausgelichtet.


    :erlebnisweg Römerstraße
    Über einen Hindernis überwindenden Weg, der über die Autobahn und die Erft führt, werden die einzelnen drei Abschnitte der Agrippa zusammengefügt; es entsteht der :erlebnisweg Römerstraße. An den Schnittstellen dieser beiden Wegkomponenten entstehen verschiedene Stationen, die mit unterschiedlichen Themen inszeniert und Verknüpfungen zu umgebenden Orten hergestellt werden.

    Wegeaufbau – Abschnitt 1 bis 3 der Agrippa
    1 Der unter Denkmalschutz stehende Abschnitt der Agrippa wird erhalten und gepflegt. Auf dem 6m breiten Weg kann gelaufen werden. Die Seitenflächen des insgesamt 22m breiten Streifens werden als Rasen angelegt.
    2 Der Abschnitt zwischen der Autobahn und Erft steht nicht unter Denkmalschutz und wird möglichst als Interpretation hergestellt. Wiesenstreifen begleiten den Weg. Als Schaustück kann hier der römische Straßenbau nachvollzogen werden.
    3 Der Abschnitt zwischen Erft und Erftstadt- Frauenthal verläuft nahezu parallel zum bestehenden Weg. Dieser sollte auch weiterhin genutzt werden. Die Agrippa wird als Rasen und Wiesenstreifen hervorgehoben. Stellenweise werden vom Bestandsweg „Teppiche ausgerollt“, die die Agrippa erschliessen.

    Leitsystem - Schnittstellen am :erlebnisweg Römerstraße
    Über die Schnittobjekte der Außenausstellung wird dem Besucher ein Leit- und Orientierungssystem an die Hand gegeben, dass leicht verständlich ist, aber nicht die sichtbare Weite der Landschaft stört.
    Die baulichen Eingriffe in den Archäologischen Landschaftspark Erftstadt stellen eine Spurensuche nach den verborgenen Dokumentationen der historischen Römerstraße Agrippa dar. Sie sind archäologische „Schnitte“ in den authentischen Ort, der nur noch mit wenigen Fundstücken auf seine Vergangenheit hinweist. Im Gegensatz zu herkömmlichen Ausgrabungen repräsentieren sie eine „Archäologie der Information“, eine Offenlegung von Zusammenhängen, die die Bedeutungen der Agrippa aufzeigt. Hier werden Bezüge von Vergangenheit und Gegenwart hergestellt, die sich insbesondere mit dem Thema Mobilität beschäftigen. An den Schnittpunkten der Agrippa mit dem modernen Ordnungssystem der Straßen und Autobahn und an den natürlichen Grenzen des Flusslaufes der Erft werden diese Zusammenhänge besonders deutlich.
    Die Architektur der „Schnitte“ wird annähernd unsichtbar in die Topographie des Geländes eingebettet. Statt in die Höhe zu gehen schneiden die „Schnitte“ in den Erdboden und treten hinter der Landschaft - die ein Vorhandensein einer historischen Straße nur vermuten lässt - zurück. Die baulichen Schnitte variieren ent-sprechend ihrer Lage und inhaltlichen Thematik:

    Schnittstelle 1: Einschnitt am Pavillon
    Die historische kulturelle Bedeutung und Nutzung der Agrippa wird hier durch Texte, Bilder und Soundinstallationen mit unterschiedlichen Sprachen und Geräuschen hör- und erlebbar.

    Schnittstelle 2: Oberflächenschnitt
    Am Schnittpunkt Agrippa/ K44 und Panoramaweg wird die oberste Schicht entlang der Agrippa freigelegt. In mit Gitterrosten verkleideten Fensteröffnungen werden Aufbauschichten des römischen Straßenbaus gezeigt. Texte werden in das Plattenmaterial eingraviert.
    Beim Fortschreiten auf der Römerstraße stößt der Besucher urplötzlich, aber akustisch von weitem nicht zu verleugnen, auf die Autobahn. Die Fokussierung auf diesen Bereich verdeutlicht die Entwicklung der Fortbewegung, Geschwindigkeit und Zeit. Auf einer 22m langen Bank an der Autobahn wird der starke Bruch der Agrippa bewußt.

    Schnittstelle 3: Topographischer Schnitt
    Stahlplatten bilden Schnittkanten entlang der Wegekreuzung. Die Topographie der Landschaft ist hier erhöht und macht den Geländeversprung des „Schnitts“ deutlich. In den Stahlplatten sind Fenster mit in Edelstahl geätztem Bildmaterial eingelassen. Texte zu den einzelnen Themen sind in die Bekleidungsoberflächen eingraviert. Durch die Eckausbildung werden die Besucher selbstverständlich auf den Erlebnisweg weitergeleitet.
    Der bestehende Landwirtschaftsweg entlang der Autobahn wird Teil des :erlebnisweges Römerstraße. Er wird direkt über eine Rampe zur Brücke der K44 geführt und zur Orientierung mit einem 0,5 m breiten Seitenstreifen durchgängig markiert.

    Schnittstelle 4: Einschnitt
    Ein Schlitz in der als Schaustelle wiederhergestellten Agrippa legt Informationstafeln oder Öffnungen zum Wegeaufbau frei. Der Besucher wird entlang der Aufbauschichten geleitet, wo die historische kulturelle Bedeutung und Nutzung der Agrippa durch Texte und Bilder erlebbar wird.
    Dem Weg Richtung Auenlandschaft folgend, gelangen die Besucher an die ehemalige Erftquerung. Hier kann im Grün verschnauft werden. Im Überschwemmungsgebiet der Erft werden Erhöhungen angeboten, die bei höheren Wasserständen eine Erschließung erlauben.

    Schnittstelle 5: Topographischer Schnitt- Entsprechend der Ausformulierung des Schnittes 3 fällt der Blick von einer Anhöhe am Waldesrand aus auf die Erft und die Stadt.

    Schnittstelle 6: Sichtschnitt
    Eine Rampe führt den Besucher auf einen erhöhten Standort, von wo die Agrippa in ihrer Gradlinigkeit erlebbar wird. In die Rampe sind Inhalte eingraviert. Edelstahlschwerter, die sich aus der Rampe ziehen lassen, enthalten zusätzliche Informationen zu dem Thema Mobilität in römischen Kriegen und regen zum aktiven Forschen an.
    Von hier aus werden die Besucher zum Schnitt 7 geführt.

    Schnittstelle 7: Topographischer Schnitt
    Im Übergang zum Garten der Villa Frauenthal wird die Geschichte der villa rustica und mansiones verdeutlicht. Entsprechend Schnittstelle 3 und 5 bilden hier Stahlplatten Schnittkanten entlang der Wegekreuzung. Diese leiten weiter zum Schnitt 8.

    Schnittstelle 8: Panorama im Obstgarten der Villa Frauenthal
    Das Besetzen, Rasten, Besiedeln tritt hier nun verstärkt in das Bewußtsein. Das Bodendenkmal war zu seiner Zeit höchstwahrscheinlich ein stattliches Ensemble, von dem heute nur noch aus der Luft etwas zu ahnen ist. Das Bodendenkmal selbst wird als „Leerer Raum“, Rasenfläche in einer Mohnwiesenlandschaft begriffen. Ein kleines Rundpanorama in mitten eines im Raster angelegten Gartens der Villa Frauenthal läßt beim Besucher die Phantasie spielen. Das Raster als Technik der Naturaneignung. Die Römer nutzten das Raster geschickt als Orientierungssystem und errichteten darauf Städte. Die Wege des Gartens der Villa Frauenthal werden im Raster nachgezeichnet. Unter blühenden Obstbäumen kann gewandelt und gerastet werden.

    Für die Oberfläche der Fassade des Informationspavillons als auch für die Archäologischen Schnitte werden wetterfeste Stahlpaneele verwendet. Die Paneele sind auf einer Stahlbetonkonstruktion befestigt, die teilweise als Stützwände im Erdreich ausgebildet sind. Die Schnittstellen als Ausstellung sind in folgende mögliche Themen unterteilt:

    1.) Einführung in das Gebiet und die Agrippa
    2.) Agrippa – römischer Straßenbau und die Beschleunigung der Mobilität
    3.) Geschichte der römischen Transportmittel im Vergleich zu modernen Transportmitteln
    4.) Mobilität und Kulturenaustausch, der über das große römische Wegenetz möglich war.
    5.) Mobilität in römischen Kriegen und die Bedeutung der Agrippa für militärische Ziele.
    6.) Landwirtschaft und Handel
    7.) Geschichte der Mansiones
    8.) Panorama mit der Villa Frauenthal und historischer Umgebung


    Über die überregionale, touristische Route können die Besucher im Naturraum der Erftauenlandschaft zurück zum Startpunkt gelangen. Parkplätze werden am Hauptzugang an der K44 (60 Stück) und dem zweiten Zugang an der Carl- Schürz- Straße (20 Stück) eingerichtet. Diese unterschieden sich im Kontext der Geschichte der Mobilität in der Anordnung und Materialität. Am Haupteingang werden Schotterrasenflächen eingefügt in naturnahe und baumbestandene „Grüne Inseln“. Im Norden hingegen werden sie streng geometrisch angeordnet und asphaltiert.


    Resumée
    Im Besonderen wird hier die Prägung des Raumes durch die Mobilität als Leitidee aufgegriffen, ohne ihr insgesamt eine dominante Rolle zuzuweisen; vielmehr wird ein Landschaftspark geschaffen als verbindendes Naherholungsgebiet der umliegenden Siedlungsbereiche wie auch als überregionaler Magnet, der für die unterschiedlichen Bewegungsarten genutzt werden kann. Die Nutzung der Flächen verbleibt weiterhin überwiegend in der Hand der Landwirtschaft. „Agrarschaufenster“ erlauben den fokussierten Blick auf die Ackerflächen. Die agrarische Nutzung sollte unter der Maßgabe des Landwirtes als Landschaftspfleger erfolgen. Mit Bezug auf das Thema des Parkes „Mobilität“ ist es denkbar, Anpflanzungen von bioenergetisch nutzbaren Kulturpflanzen anzustreben.


    Mitarbeit
    Prof. Cornelia Müller
    Maria Pegelow
    Laura Doderer
    Jan Wehberg
    Stefan Cichoz

    Beurteilung durch das Preisgericht
    Liegt nicht vor.