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  • DE-34119 Kassel
  • 01/2009
  • Ergebnis
  • (ID 2-13953)

Erweiterung Kongress Palais Kassel - Stadthalle


  • 1. Preis


    Architekten
    Reichel Architekten BDA, Kassel (DE) Büroprofil

    Mitarbeit
    Carolin Fels (geb Päckert), Robert Burski, Joana Liese, Gerald Schnell, Linda Wydra

    In Zusammenarbeit mit:
    Tragwerksplaner: TRAGRAUM Ingenieure PartmbB vormals Dr. Kreutz+Partner BERATENDE INGENIEURE mbB, Nürnberg (DE), Oberschleißheim (DE), Bamberg (DE), Münnerstadt (DE), Regensburg (DE)
    TGA-Fachplaner: enco energie-consulting GmbH & Co. KG, Kassel (DE), München (DE), Frankfurt (DE)

    Erläuterungstext
    Die bisher einseitig nach Süden ausgerichtete Stadthalle erhält durch die Erweiterung die Chance Nutzflächen und Funktionszuordnungen zu klären und die Nordseite als eigenständigen Eingang zu stärken.

    Leitidee
    Wir nutzen das vorhandene Gelände und erweitern das bestehende Foyer nach Norden, so dass einen große zusammenhängende Fläche entsteht, welche die vorhandene Geste aufgrund der ansteigenden Topographie fortsetzt, dabei einen eigenen Reiz und ausreichend Licht erhält, und eine zweiseitige Nutzung ermöglicht. Das vorhandene zu kleine Nordfoyer wird dazu abgerissen.
    Der Hang ermöglicht den Anschluß der neuen Saalebene auf gleicher Höhe wie die vorhandenen Festräume im ersten Stockwerk, gleichzeitig aber auch einen ebenerdigen Austritt aus dem neuen Saal.
    Es entsteht ein räumliches Netzwerk aus Foyer, Säalen und Freiraumbezügen, klar strukturiert und kreuzungsfrei erschlossen.

    Städtebau
    Das gesamte Ensemble wird städtebaulich gestärkt, indem die vorhandenen zweigeschossigen Parkdecks an der Friedrich-Ebert-Straße mit einer kombinierten Park- und Wohnnutzung aufgestockt werden und damit die vorgefundene Achse herausgearbeitet wird. Auf der Nordseite setzt sich diese dann durch das neue Foyer hindurch fort.
    Rosengarten und Stadthallenpark werden orthogonal zur Nord-Südachse - über eine neue Passage - durch die offene und öffentliche Loggia der Erweiterung miteinander verbunden. Die Kolonnaden werden zur Nordseite hin geöffnet, der Eingang mit Pollern versehen, die Zufahrt als Vorfahrt ausgebildet und mit einer pointierten Leuchtstele versehen, so dass ein eindeutiger repräsentativer neuer Eingang entsteht. Um diesen Eingang auch die nötige Nachhaltigkeit und Frequenz zu verschaffen sollte – begünstigt durch die vorhandene Topographie- unter dem Rosengarten eine zusätzliche Tiefgarage entstehen, die direkt an das neue Kolonnadenfoyer angeschlossen ist.

    Gebäudeensemble und Funktionen.
    Saal und Foyer sind jeweils den bestehenden Nutzungen zugeordnet. Der neue Saal ist durch bewegliche Trennwände in bis zu sechs kleine Säale zu gliedern, die großen Einheiten sind jeweils durch Flure getrennt. Parallele kleinere Veranstaltungen, aber auch Großveranstaltungen sind damit möglich. Sowohl Saal als auch Foyer lassen die gewünschte Einfahrt und Ausstellung eines Autos zu, die Säale liegen ebenerdig und erhalten damit Tageslicht. Das Foyer wird mit beweglichen Garderoben sowie einem Tagungsbüro ausgestattet, so dass ein vollwertiger zweiter Eingang möglich ist. Die bestehende Lagerfläche wird durch das Catering genutzt und ermöglicht so eine zusätzliche Versorgung bei parallelen Veranstaltungen und für den Aschrottsaal. Die geforderte Küchenfläche kann ohne Einschränkung der Nutzung eingeschränkt werden, eventuell ist auch eine Cateringstation ausreichend. Anlieferung und Müll werden wie bisher über den vorhandenen Lastenaufzug und über den neuen Aufzug versorgt. Durch die neue Anordnung von WC-Anlagen auf der Zugangsseite zum Hotel entsteht ein vollwertiger Zugang zur Versorgung der nördlichen Bereiche, so dass als Summe von allen Maßnahmen kreuzungsfreier Versorgungswege erreicht werden. Die Lagerflächen könnten auch für Backstageflächen der neuen Bühne genutzt werden. Wir schlagen allerdings vor den Aschrottflügel um ein Geschoss aufzustocken, den gesamten Anbau horizontal zu teilen, und dann den oberen Teil einschließlich Rosensaal als hervorragende Backstagefläche für die gesamte Stadthalle zu nutzen. Durch die horizontale konstruktive Trennung kann der Aschrottsaal weiterhin parallel vermietet werden.

    Umgang mit dem Bestand
    Unser Anbau versteht sich nicht als kontrastreicher Solitär, sondern als homogene Erweiterung, welche die historische Tektonik reflektiert ohne sie nur zu rekonstruieren. Die bestehenden Strukturen und Materialien werden respektiert und modern – nicht zeitgeistiginterpretiert. Folgerichtig schließen wir auch direkt an den bestehenden Baukörper an, eine Symbiose von Alt und Neu, ohne diese Gegensätze auszuspielen. Die Schnittstelle wird durch lichtdurchlässige Glasdächer unterstützt.

    Anmutung
    Die Tragstruktur des Gebäudes besteht aus schlanken sandsteinpigmentierten Betonstützen und einem ebenso hergestellten Trägerrost. Die Fassade und das Dach bestehen aus gedämmten Sandwichpaneelen, die bronzefarben eloxiert sind. Der Boden des Saales besteht aus Industrieparkett, im Foyer ist ein fugenloser Bitumenterrazzo vorgesehen. Im Aussenbereich wird der Konzertgarten befestigt, und Stufen und ebenerdige Bänder aus pigmentiertem Beton setzen die Materialität bis zum neuen Nordeingang fort. Alle Materialien entwickeln sich aus der Farbigkeit und Haptik des vorhandenen Gebäudes. Vorhandener Freiraum und Architektur sollen miteinander verbunden werden. Die vorhandene über einen Höhenmeter fallende Situation wird zugunsten des Eingangs genutzt, es gibt keine zusätzlichen Erdbewegungen im Hof und die bisherigen Anliefer-, Fahr- und Feuerwehrstrecken bleiben sämtlich erhalten.

    Kostenkonzept, Bauablauf
    Das Ziel sind günstige Herstellungskosten und niedrige Betriebskosten. Um den vorgegebenen Kostenrahmen streng einhalten zu können, haben wir eine Hülle entwickelt, die einerseits mit kostengünstigen Materialien aus dem Industriebau arbeitet, diese aber durch die Überlagerung mit einer klassischen Gebäudestruktur würdevoll in das bestehende Gesamtensemble einbindet.
    Hülle und Dach bestehen aus selbsttragenden Standardsandwichpaneelen, die gleichzeitig Bauteil und Wärmedämmung sind und an der sichtbaren Betontragstruktur nur noch befestigt werden. Das heißt, dass der Saal die Kosten einer Industriehalle hat. Die wärmedämmende Hülle kann energetisch optimiert werden und die teuren Fassadenanteile wie Glas werden minimiert. Die kompakte Form des Gebäudes verkleinert die Verkehrsflächen, durch eine kleinere Ausführung der Cateringküche kann ebenfalls Fläche gespart werden. Der Anschluß an das Gebäude und der Eingriff innerhalb der Substanz sind auf das notwendigste beschränkt. Dadurch kann der Betrieb der Stadthalle zu jedem Zeitpunkt während der Bauphase weiterlaufen. Die Baustelleneinrichtung und Anlieferung kann ohne den laufenden Betrieb der Stadthalle zu unterbrechen im Konzertgarten ausgeführt werden, die Veranstaltungen in der jetzigen Stadthalle können durch feste Staubschutzwände getrennt während der Bauphase weiterbetrieben werden.

    Technische Einbauten und Energetisches Konzept
    Auch das energetische Konzept minimiert die Betriebskosten, um die wirtschaftliche Nachhaltigkeit des Betriebes zu stärken. Dabei geht es nicht um die Darstellung des technisch Machbaren, sondern um eine moderne und optimierte Ergänzung des schon bestehenden Systems.
    Kosteneffizienz durch Planung, die unnötige Technik vermeidet. Installationsebenen unter den Decken und auf dem Boden Heizung: Die Wärmeversorgung erfolgt über den bestehenden Fernwärmeanschluss der Kasseler Fernwärme GmbH. Da die Wärme bei der Erzeugung von Strom und als Abfallprodukt aus der thermischen Behandlung von Müll erzeugt wird beträgt der Primärenergie-Faktor 0,3 und ist somit als regenerativ zu betrachten. Andere Wärmeerzeugungssysteme wurden unter Berücksichtigung der Nutzeranforderungen untersucht, führen jedoch bei höheren Investitionskosten nicht zu einem besseren Ergebnis hinsichtlich des Klimaschutzes.
    Die Grundbeheizung von 10°C Raumtemperatur wird über eine Fußbodenheizung sichergestellt. Aufgrund der geringen Gebäudemasse ist ein kurzfristiges aufheizen mit der Lüftungsanlage möglich. Die Luftverteilung wird so ausgeführt, dass im Aufheizbetrieb die Hälfte der Luftauslässe abgeschaltet wird, um die Wurfweite der Warmluft zu erhöhen und die Aufheizphase zu verkürzen.
    Lüftung: Es werden zwei Lüftungsgeräte mit effektiver Wärmerückgewinnung auf dem Dach aufgestellt, die Luftführung erfolgt sichtbar unter der Saal- und Foyerdecke. Für die kleinteilige Saalaufteilung werden jeweils eigene Zonen mit Nacherhitzern eingerichtet. Im Objekt ist eine Absorptionskältemaschine der Städtischen Werke aufgestellt, die aus Fernwärme Kälte erzeugt und somit ein Optimum für den Klimaschutz darstellt. Es ist vorgesehen an das vorhandene System anzuschließen.
    Intensiv wurde der Einfluß von Oberlichtern im Dach auf den Energieverbrauch des Anbaus sowie die gestalterische Wirkung untersucht. Um Betriebs- und Investitionskosten zu senken wurde auf Oberlichter verzichtet. Damit lassen sich Wärmekosten im Winter, jedoch vor allem Kühlkosten im Sommer senken. 100 m² Oberlichtfläche führen an klaren Sommertagen zu einer Verdoppelung der Kühllast bei Vollbelegung der Veranstaltungshalle und somit zu doppelten Invest- und Betriebskosten. Die Horizontalverdunklungsanlagen führen bei großen Oberlichtflächen zu erheblichen Folgekosten für Erhaltung und Reparatur.
    Elektrotechnik: Eine Lichtdecke aus einfachen textilen Segeln erhellt die Decke. Zusätzliche Strahler werden am Trägerrost zum Erreichen der erforderlichen Leuchtstärke befestigt. Bühnentechnik, Akustik: Auch kann die Bühnentechnik einfach an Traversen und Rohrgestängen unter dem Trägerrost, modular und jederzeit erweiterbar, abgehängt werden. Lichtsegel und Dämmung in den Randbereichen sowie die Ausbildung der Wandpaneele als Akustikpaneele sorgen für das richtige Maß an Dämpfung. Die leicht rechteckige Form des Saales führt zu guten Nachhallzeiten. In den Säalen wird wenig Verdunkelung nötig, dadurch können hier ebenfalls die Kosten gesenkt werden.

    Zusammenfassung
    Ziel unseres Entwurfes ist es eine bauliche Erweiterung der Stadthalle vorzuschlagen, die nicht als Appendix wahrgenommen wird, sondern den historischen Baukörper homogen und harmonisch ergänzt, und damit vielfältige zukünftige Nutzungen des Kongresspalais Kassel zulässt. Eine Erweiterung die nicht durch eigene Zeichenhaftigkeit dominiert, sondern durch den respektvollen Umgang mit der Substanz und dem Interpretieren der vorhandenen Tektonik eine zurückhaltende Hülle bildet, in der sich alle Aktivitäten – von der Architekturmesse bis zur Zootagung - wieder finden können und alle Teilnehmer neben den funktionalen Voraussetzungen den sinnlichen Charme des historischen Kongresspalais Kassel genießen können.

    Beurteilung durch das Preisgericht
    Liegt nicht vor.