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  • DE-34117 Kassel
  • 03/2009
  • Ergebnis
  • (ID 2-14022)

Neugestaltung des Entenanger Kassel


  • 2. Preis


    Landschaftsarchitekten
    foundation 5+ architekten landschaftsarchitekten, Kassel (DE) Büroprofil

    Mitarbeit
    Katrin Gärtner, Janine Rincke, Mark Weingart

    In Zusammenarbeit mit:
    Verkehrsplaner: Ingenieurbüro Kühnert, Inh. Dipl.-Ing. Christian Duksa, Bergkamen (DE)
    Visualisierer: draussen. IDEEN IN SICHT, Bodensee (DE)

    Erläuterungstext
    Leinen und Brokat – der Entenanger wird salonfähig

    Der Entenanger ist jahrzehntelang behandelt worden wie die Besenkammer des Altstadtquartiers: Unterschiedliche, schlecht miteinander vereinbare Nutzungen wurden hinein gestopft, Tür zu.
    Der Platz „Entenanger“ spiegelt als Ensemble anschaulich die Prinzipien des Kasseler Städtebaus in den 50er Jahren wider. Die Fassadenstruktur, die kleinteilige Laden- und Gastronomiestruktur, die bewegte Topografie und der raumbildende Baumbestand bilden die markanten Platzmerkmale.
    Der Entenanger weist einerseits eine prominente Lage im Stadtgefüge auf – die wichtige Verbindung Unterneustadt / Königsplatz, die Nähe zur Markthalle und zur Innenstadt – andererseits wirkt sich durch die Randlage zur Innenstadt deutlich auf die Qualität der Laden- und Geschäftsstruktur aus. Das Fehlen von Freiraum- und Aufenthaltsqualitäten und die Dominanz des ruhenden PKW-Verkehrs auf Kosten anderer Verkehrsteilnehmer sind momentan die hervorstechenden Defizite der Platzgestaltung.

    Einbindung in den städtebaulichen Kontext
    Den Entenanger quert die stadträumlich wichtige Fuß- und Radfahrverbindung vom Königsplatz in die Unterneustadt und nach Bettenhausen. Wir ordnen den Entenanger in eine Reihe markanter Plätze und Orte auf dieser Route ein. Neben Königsplatz (Innenstadt) und der Karl-Branner-Brücke (Unterneustadt) wird der umgebaute Entenanger zum Aushängeschild der Altstadt.
    In diesem Zusammenhang ist die Umorientierung der außerhalb der Markthalle gelegenen Marktstände an diese Route ein sinnvoller weiterer Baustein. Über eine großzügige Fußgängertreppe und einen Umbau zur zentralen Erschließung des Parkdecks wird nicht nur die Markthallenfassade inszeniert, der Markt öffnet sich der städtischen Öffentlichkeit, anstatt wie bisher „in der 2. Reihe“ mitten im Quartier zu liegen. Auch der Bereich um die Garnisonskirche erfährt eine Aufwertung. Anstatt des klassischen Straßenprofils (ohne entsprechende Nutzung) soll ein Pflasterbelag von Hauskante zu Hauskante Großzügigkeit vermitteln. Taxistellplätze und Kurzzeitparkplätze sind weiterhin ausgewiesen, integrieren sich aber in die Fläche.

    Städtebauliche Strategie
    Die städtebauliche Strategie greift auf zwei unterschiedlichen Ebenen:
    • den Entenanger zu einem eigenständigen und unverwechselbarem öffentlichen Raum im Stadtgefüge Kassels umzubauen
    • das Altstadtquartier mit einem robusten und gleichzeitig repräsentativen Freiraum auszustatten, der in seiner Gestaltung und Nutzbarkeit auf das gesamte Quartier abstrahlt.

    Den kleinteiligen Fassaden- und Einzelhandelsstrukturen am Platz soll ein vielseitig nutzbarer und offener Raum gegenüber gestellt werden. Die Signifikanz im Stadtraum wird erreicht über großzügige Einbauten in dieser offenen Fläche, den Kissen, die über die Platzfläche „verteilt“ werden. Sie sind Symbol für die Aufbruchstimmung im Altstadtquartier mit dem Ziel der Schaffung einer höheren Wohn- und Lebensqualität. Sie ermöglichen durch ihre nutzungsoffene Ausgestaltung eine dynamische Nutzungsverteilung auf dem Platz, die die unterschiedlichen Nutzer gleichberechtigt behandelt (Radfahrer, Kurzparker, Fußgänger, Kinder, Anwohner uvm.). Die nutzungsoffene Gestaltung ermöglicht auch die Inbesitznahme des Platzes für temporäre Veranstaltungen (Markterweiterung, Flohmarkt, Stadtfestnutzung, Zissel).
    Das Freiraumkonzept verfolgt den Ansatz eines schrittweisen Umbaus im Quartier. Die Platzgestaltung verzichtet bewusst auf Beet- und Rasenflächen auf dem Platz, um die vielfältige Nutzbarkeit auch für Veranstaltungen zu gewährleisten. Stattdessen wird die Gegensätzlichkeit zwischen dem öffentlichen steinernen Platz und den gemeinschaftlich nutzbaren, üppig begrünten Innenhöfen betont. Dies bedeutet eine (schrittweise) Inangriffnahme der Innenhofflächen und der Straßenräume im Quartier.

    Ein Platz
    Grundvoraussetzung für eine Belebung des Platzes sind eine einheitliche Platzoberfläche, wenige, prägnante Ausstattungselemente und die Bündelung der Verkehrsfunktionen an den südlichen Randbereichen. Einzelne erhaltenswerte Bäume des Baumbestandes in Form von Robinien und Bergahorn bilden das erste Vegetationsgerüst des neuen Platzes; es wird ergänzt durch locker gepflanzte hochstämmige Kobushi-Magnolien, die im ausgewachsenen Zustand die erste Vegetationsschicht ablösen und in Habitus und Blüte für die notwendige Prägnanz sorgen.
    Die topografische Besonderheit des Platzes wird durch das Wechselspiel eines durchgehenden, gleichmäßig fallenden Belages und der sich aus der Topografie herausschälenden Kissen inszeniert.
    Die kleinteilige Nutzung der Platzränder wird durch großzügige Vorbereiche gestützt, die Geschäfte erhalten die Möglichkeit, sich auf dem Platz zu präsentieren. Die Gastronomie erhält Außenflächen in der sonnigen Mitte des Platzes.

    Platzbelag und Kissen: „Leinen und Brokat“
    Der Gegensatz zwischen dem robusten und strapazierfähigen Alltagsbelag und den hochwertig materialisierten Kissen bildet das gestalterische „Bonbon“ des Platzes. Der Platzbelag aus Betonstein spannt sich als Reihenverband zwischen der nördlichen und südlichen Platzkante. Er gliedert sich in rhythmische, anthrazitfarbene Streifen und beigefarben changierenden Flächen aus Betonpflaster in drei Farbnuancen. Es entsteht ein lebendiges Muster, das aus der Entfernung die kleinteiligen Fassaden beruhigt, aus der Nähe variiert und nicht monoton wirkt.
    Die Kissen sind Einbauten aus hochwertigem Naturstein, Holz, Kunststoff und Betonwerkstein mit einer Kantenlänge von ca. 9,00m x 13,00m. Sie sind gefasst sind aus einem einheitlichen Rahmen aus Naturstein, der sich aus dem Platzbelag „herausschiebt“. Er fungiert je nach Höhe als Stufe oder Sitzstufe. Innerhalb des Rahmens befinden sich gewölbte Flächen unterschiedlichen Materials: als Wellen aus Holz, eingespannt zwischen dünnen Stahlwänden; als amorphe Kunststoffgebilde auf einer gewölbten Fläche; als Muster verschiedenfarbigen Betonwerksteins in Terrazzooptik, zweiseitig von Sitzstufen flankiert. Alle drei Kissen sind als „Halbzeuge“, die sowohl zum Sitzen, Spielen, Ausruhen, Sonnenbaden u.v.m. geeignet.

    Verkehr
    Die momentane Verkehrsführung trennt den östlich gelegenen, inneren Platzteil vom Rest des Platzes und erschwert eine Nutzung der Platzfläche durch Anwohner und Besucher. Der Entwurf bündelt den fließenden Verkehr durch die Ausweisung einer zweispurigen Fahrbahn im südlichen Platzteil. Hier sind auch 16 Anwohnerstellplätze , 6 Behindertenstellplätze und 19 Kurzzeitparkplätze als Querparkplätze angeordnet. Ein vier Meter breiter Bürgersteig trennt den Gebäudevorbereich von der Fahrbahn und ermöglicht eine Außenbewerbung durch die Einzelhändler .
    Auch im Westen und Osten des Platzes bilden sich die oberste Gasse und der Graben als asphaltierte Fahrbahn im Platzbelag ab. Hier werden 7 weitere Bewohnerstellplätze vorgehalten.
    Der zentrale und nördliche Platzbereich ist als Mischverkehrsfläche ausgebildet. Die Anlieferung der Einzelhändler und Anwohner ist über eine Fahrgasse möglich, ebenso die Durchfahrt aus der Mittelgasse, die mit einem Rechtsabbieger auf die Oberste Gasse geführt werden.
    Im Bereich der Tränkepforte begleitet auf der Nordseite der Straße ein 2,50m breiter, beidseitig befahrbarer Radweg den breiten Bürgersteig zum Markt, zur Unterneustadt und dem Fuldaradweg. Die Anordnung des Radweges verhindert eine Querung der Tränkepforte im unfallträchtigen Ostteil der Straße. Der südliche Fahrbahnrand wird mit Längsparkplätzen ausgestattet. Die Signalanlage am Steinweg bleibt auf der nördlichen Seite erhalten.
    Das Entwurfskonzept ist auch als shared-space- Modell ohne die Ausweisung von Teilflächen für einzelne Verkehrsteilnehmer denkbar. Aufgrund der Zonierung würde sich wahrscheinlich eine ähnliche Nutzung der Flächen ergeben. Diese Entscheidung kann aber nicht allein aus planerischer Sicht im Rahmen eines Wettbewerbs getroffen werden, sondern muss auf der Ebene der Politik und Bürgerbeteiligung intensiv begleitet werden. Als Bodenbelag bietet sich dann aber eine Pflasterfläche aus Betonpflastersteinen an, die in den stärker befahrenen Bereichen mit einem stärkeren Unterbau und Pflaster ausgestattet werden sollte.

    Beleuchtung
    Das Beleuchtungskonzept sieht eine Beleuchtung der Platzränder über an den Fassaden angebrachte Wandauslegerleuchte (Hess Campo 4500) und eine Beleuchtung der Platzmitte – der Kissen – über 4 Mastleuchten, die mit Flutern (Siteco Sicompact) ausgestattet werden, vor. Während der Platzrand mit Fahrgasse und Anlieferzone gleichmäßig illuminiert ist, liegt der Fokus in der Platzmitte auf einer pointierten Beleuchtung der Kissen. An den Kissen sind zusätzliche Beleuchtungselemente angebracht, die diese inszenieren: die geschwungenen Seiten der Holzwellen, glimmende Bernsteine und geheimnisvolle Linien auf dem Smaragdkissen. Der Brunnen wird an seinem neuen Standort ebenfalls angestrahlt.

    Entwässerung
    Der gesamte zentrale Platzbereich wird über geschlossene Rinnen entwässert, die in den dunklen Belagsstreifen positioniert werden. Am südlichen und östlichen Platzende zwischen Fahrbahn und Bürgersteig wird zur Wasserführung ein Hochbord und mit Abläufen ausgestattet.

    Barrierefreiheit
    Der niveaugleiche Übergang im Bereich der Obersten Gasse / Tränkepforte und der Durchgänge an den Querparkplätzen ermöglicht eine barrierefreie Nutzung des gesamten Platzes, der Längsgefälle von 4 bis 4,5% und Quergefälle zwischen 1,2 und 2,8% aufweist.

    Die Ausstattung
    Die Möblierung des Platzes erfolgt durch wenige und einfache Elemente, die alle in einem Materialduktus gehalten sind: Metallpoller grenzen den Fahrbahnbereich im Westen und Osten des Platzes von der inneren Platzfläche ab. Eine Bankreihe mit einem Banktypus unterschiedlicher Länge zoniert die Anlieferzone und die Hauptbewegungsrichtung über die Längsseite des Platzes. Die Bänke konzentrieren sich an publikumswirksamen Stellen wie der Kinder- und Jugendbibliothek, fungieren aber auch als Wartepunkte vor den Geschäften.
    Die Brunnenanlage verbleibt in der Mitte des Platzes, wird aber nach Südwesten verschoben. Das Leitsystem befindet sich im nordwestlichen Platzteil in der Nähe der Kinder- und Jugendbibliothek.

    Beurteilung durch das Preisgericht
    Liegt nicht vor.