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  • LU Esch-sur-Alzette
  • 02/2005
  • Ergebnis
  • (ID 2-1507)

Stahlhof Belval Ouest


  • 1. Preis

    Ansicht von Norden

    Architekten
    AllesWirdGut, Wien (AT), München (DE) Büroprofil

    Mitarbeit
    DI Jan Schröder, DI Paula Groß

    Erläuterungstext



    "what was has always been,
    what is has always been,
    what will be has always been" Louis I. Kahn

    grundsätzliche Fragestellung

    Wie schafft man es, die stille, nebelverhangene Stonehenge-Atmosphäre des verlassenen Industriehofs mit den Anforderungen eines modernen, lebendigen und repräsentativen Stadtplatzes zu verbinden?

    Wir schlagen ein Konzept vor, das auf den folgenden 5 Grundprinzipien aufbaut:
    - gestalterische Zurückhaltung: → „TEPPICH“
    - dafür aber bestmögliche Ausnutzung des vorhandenen städtebaulichen Potentials: → „FRANSEN“
    - räumliche Konzentration der Gestaltung zugunsten der Weite des Platzes: → „INSELN“
    - die Dauerbaustelle als Chance: nur soviel bauen wie nötig: → „FUGEN“
    - dezente Veredelung der verwendeten industriellen Rohmaterialien: → „NETZ“


    01: TEPPICH (Grundform des Platzes)

    Der Platz wächst während der 15-jährigen Bauzeit zu einem eigenständigen ebenen Objekt heran, das zwischen den Gegensätzen liegt, die ihn umgeben (s. 04: FUGEN).

    Dieses Platzobjekt besteht in seiner Grundsubstanz aus einfachem Beton: es bezieht sich deutlich auf die industrielle Vergangenheit seines Ortes. Die Oberflächen jedoch sind auf verschiedene Weise veredelt und werden so der neuen Funktion dieses Ortes gerecht (s. 05: NETZ).

    Im Norden und Osten grenzt der vorhandene Höhenunterschied den Platz deutlich von den umliegenden Flächen ab. Im Westen an den Treppeneinmündungen wird die Kante des Platzes durch einen deutlichen Belagswechsel kenntlich gemacht. Im Süden übernimmt die große Freitreppe die Pufferfunktion zwischen tieferliegendem Platz und Straße: Ein kleinteiliger Steinbelag setzt sie ab von ihren Nachbarflächen. Großformatige, die Stufen begleitende Wasserbecken aus rostendem Stahl und Grünflächen schaffen eine industrieparkartige Atmosphäre als Eingang zum versunkenen Stadtplatz.


    02: FRANSEN (Einfluss der städtebaulichen Situation)

    Die beiden dominanten Längsseiten des Platzes besitzen stark unterschiedliche Charaktere:

    Die Westseite ist eine glatte gerade Kante gebildet von moderner Bebauung. Hier münden die Zugänge aus Square Mile und Universitätsviertel auf den Platz. Auch der südseitige Hauptzugang vom Bahnhof orientiert sich durch die Position von Hotel und Viadukt II zur Westseite. Hier scheint die Sonne vormittags, die Geschäfte im Erdgeschoss der neuen Gebäude stiften städtische Atmosphäre. Es ist die dynamische, moderne Seite des Platzes.

    Die Ostseite hingegen liegt versteckter hinter Hotel und Viadukt, die kleinteilige Bebauung der Platzkante bildet intime Nischen, die vor allem Nachmittagssonne erhalten. Über allem dominiert hier das an den Platz drängende industrielle Massiv aus alter Stützmauer mit der Seitenwand der Möllerei darüber sowie den alles überragenden Hochöfen. Die Ostseite ist die ruhige der Vergangenheit zugewandte Seite des Platzes.

    Unser Entwurf nutzt diese Eigenschaften des Ortes um mit verstärkenden Akzenten auf einfache Weise differenzierte Bereiche zu schaffen: Der westliche, baufällige Viadukt I wird abgetragen: Seine Linienform wird auf die Punkte der Betonpfeiler reduziert. Auf der schnellen Seite des Platzes gibt es so weniger optische Hindernisse. Durch Aufsatz von großformatigen, leuchtenden Werbewürfeln erhalten die Pfeiler auf der Westseite eine neue, zeitgemäße Funktion. Dieser Umbau der westseitigen Pfeiler sollte sobald wie möglich geschehen, um bereits 2006 ein wegbegleitendes deutliches Zeichen der zukünftigen Veränderungen auf dem Platz zu setzen.

    Im Gegensatz dazu wird der Viadukt II auf der Ostseite des Platzes erhalten. Er erhält die nötige Intimität für die kleinen Plätze und Nischen entlang der alten Stützmauer und kann im Sommer als Schattenspender dienen für im Freien sitzende Cafébesucher. Er ist ein unangetasteter Vorposten des Alten auf dem neuen Platz.

    Wir schlagen vor, die Erschliessung der Hochofenterrasse mit den neuen Transmittergebäuden zu verknüpfen. Zwei der Gebäude werden zugunsten eines noch differenzierteren Nutzungsangebotes geteilt und können in den entstehenden Zwischenräumen die geforderten Treppen zur Hochofen-terrasse aufnehmen. Gleichzeitig kann man mithilfe dieser Gebäude die unterirdischen Bereiche der Möllerei ebenfalls vom Stahlhof aus erschliessen, um so noch mehr Funktionen an den Platz zu holen. Die Gestaltung der Zugänge zur Hochofenterrasse als Schluchten und Tunnel dramatisiert ihren Einfluss auf den Platz.

    Die Nischen zwischen den Gebäuden bleiben so als ruhige Plätze erhalten und die alte Stützmauer als atmosphärischer Hintergrund der Ostseite des Platzes wird nicht zusätzlich angetastet. Nur eine durchlaufende Bank am Fuße der Mauer schafft zurückgezogene Sitzplätze in der Westsonne.


    03: INSELN (Sonderzonen auf dem Platz)

    Um die großzügige Leere des Stahlhofs nicht abzuschwächen, konzentieren wir die gestaltenden Elemente auf einige klar definierte Punkte: Inseln, die aus dem Platz emporwachsen, ruhige, abgesetzte Orte des Rückzugs.

    Diese Inseln lagern sich hauptsächlich im ruhigeren nordöstlichen Teil des Platzes an.

    Im Süden hingegen befindet sich die einzige von West nach Ost spannende Fläche des Platzes, die nicht durch die Viadukte von den Platzrändern abgeschirmt wird.

    Mithilfe von gleichmäßig verteilten Versorgungsschächten wird sie, ohne aus dem Gesamtplatz herauszufallen, zu einer multifunktionalen Plattform ausgebildet, die je nach Jahreszeit unterschiedlichste Veranstaltungen wie Messen, Märkte, Feste, Konzerte etc. beherbergen kann.
    Die Inseln im einzelnen von Nord nach Süd:

    01 Sitzwürfel

    Betonblöcke in Sitzhöhe, zusammengefasst und vom Platz abgehoben durch ein gemeinsames Podest, bilden einen intimen Steingarten. In jeden Block eingelassen sind eine hölzerne Sitzbank und eine stählerner Pflanztrog. Als Bepflanzung werden hochwachsende Gräser vorgeschlagen.

    02 Sitzgarten

    Eine breite, niedere Betonmauer umfasst einen Birkenhain. In diese Mauer eingearbeitet sind verschiedene hölzerne Sitzschalen, die je nach Position gesellige oder ruhige, sonnige oder schattige Aufenthaltsorte bieten. Müllbehälter und Fahrradständer sind ebenfalls in die Mauer integriert.

    03 Kanzel

    Die freistehende Betontreppe ermöglicht einen Perspektivwechsel und damit eine zusätzliche Art der Kontaktaufnahme mit den übrigen Platzbenutzern. In ihrem Bauch befindet sich eine wettergeschützte Sitzhöhle.

    04 Sonnendeck mit Tretbecken

    Ein erhöhtes Rechteck aus Holzrosten und Wasserstreifen bildet einen Ort der Entspannung mitten im Zentrum des Platzes. Einzelne Bäume sorgen für Schatten und die nötige räumliche Verankerung.

    05 Catwalk/Bühne

    Entlang des Hauptwegraums schafft eine großflächige Plattform eine vielfältig nutzbare Präsentationsfläche. Hier kann das örtliche Autohaus die neuen Modelle vorstellen, der Kunstverein stellt seine Werke aus, der russische Matrosenchor singt für den Weihnachtsmarkt.

    06 Treffpunkt am Fahrstuhl

    Der Fahrstuhl wird mit einem Podest im Platz verankert, das durch seine Sitzstufen zum Aufenthaltsort wird und damit zu einem natürlichen Treffpunkt am Übergang vom Platz zum Rest der Welt.

    archäologische Fenster: der alte Stahlhof

    An drei Punkten wird die Fläche des neuen Platzes ausgespart, sodass die alte Stahlhof-Oberfläche sichtbar bleibt. Je nach Frequentierung des Platzes können diese Bereiche entweder als Parkflächen benutzt werden (z.B. zum Boulespielen) oder sie bleiben Reservate für die örtliche Natur inmitten des neuen Stadtzentrums.


    04: FUGEN (Bauphasen)

    Ein Netz aus deutlich akzentuierten Fugen setzt durch einfaches Aufnehmen der städtebaulichen Grundlinien die Platzbestandteile mit den Platzrändern in Beziehung. Platz und Umgebung werden so auf ablesbare Weise buchstäblich miteinander verwebt.

    Diese Fugen fassen die Betonierabschnitte des Platzes in Stahlkanten ein und grenzen sie durch Bewegungsfugen voneinander ab. Ein Patchwork aus unterschiedlich großen Platten entsteht.

    Mit diesem System ist es möglich, den Platz zusammen mit der sukzessiv entstehenden Bebauung Schritt für Schritt weiterzubauen: Nach jeder Bauphase (s. Blatt 4) entsteht so ein in sich fertiger, den derzeitigen Bedingungen angepasster Platz.

    In das Fugenmuster sind die nötigen linearen Entwässerungen (ACO E 150 K, Gussrost D400) integriert.

    Fast zwei Jahrzehnte werden Baustellen Teil des Stahlhofs sein. Daher sehen wir die notwendigen temporären Einrichtungen wie Bauzäune und Überfahrschutz von bereits fertiggestellten Platz-abschnitten als Teil der Platzgestaltung an. Wir schlagen dafür wiederverwendbare Metallplatten vor, die zusammen mit den Baustellen als horizontale und vertikale Abschirmungen über den Platz wandern.


    05: NETZ (Materialien, Möblierung, Beleuchtung)

    Ein zweites, feineres Linienmuster aus Dehnungs- und Zierfugen, das gleichmäßig über den gesamten Platz gezogen wird, fasst die einzelnen Betonierabschnitte wieder zusammen und gliedert gleichzeitig die Platzoberfläche in großformatige Betontafeln. Die Dehnungsfugen werden nachträglich geschnitten, so dass die entstehenden Tafeln wie sorgfältig verlegte, große Bodenplatten erscheinen.

    Auf verschiedene Weise werden nun die sichtbaren Oberflächen veredelt: Der Beton zieht einen stadttauglichen Smoking über seine Arbeitskluft.

    Materialien

    Das Grundmaterial ist ein einem Industrieboden ähnlicher Monolithbeton mit pigmentierter Hartkorneinstreuung, dessen Oberfläche mit einem Besenstrich versehen wird.

    Jede der verschiedenen Bauphasen des Platzes allerdings erhält ihre eigene Betonfarbe. Der erste Abschnitt 2006 ist noch verhältnismäßig dunkel. Im Laufe der Zeit hellt sich der Platz dann immer mehr auf. Über diese mehrfarbige Grundlage legt sich zusammen mit dem Dehnungsfugennetz ein Streifenmuster aus lackierten, imprägnierten und naturbelassenen Oberflächen. Der Beton der Inseln wird allseitig sandgestrahlt, was ihnen eine monolithische Wirkung verschafft.

    Durch diese Maßnahmen entsteht eine subtile Differenzierung der Platzoberfläche, die den Platz einheitlich und abwechslungsreich zugleich erscheinen läßt.

    Möblierung

    Aus dem Dehnungsfugenraster wächst zugleich die Möblierung des Platzes empor. Einfache lineare Möblierungsgruppen aus Müllbehälter, Radständern und Sitzbank verteilen sich in Beziehung zu den Betonpfeilern gleichmäßig über den Platz. Auch hier ergeben sich auf West- und Ostseite des Platzes dem jeweiligen Charakter der Platzseite entsprechende Möbelpositionen.

    Alle verwendeteten Materialien existieren bereits am Ort: Sitzflächen bestehen aus unbehandelten Holzbohlen (FINNFOREST Thermowood, Kiefer), Müllbehälter-Einsätze, Radständer und Pflanztröge sind aus vorgerostetem Stahl.

    Beleuchtung

    Da direkte Lichtstrahlung von oben nach unten erstens einen drückenden, schwarzen Himmel erzeugt, und zweitens Mastleuchten den Betonpfeilern unnötig Konkurrenz machten, schlagen wir ein horizontal entlang der Bodenfläche geführtes Beleuchtungssystem vor. Auf diese Weise nimmt die Lichtintensität nach oben hin ab und geht in den Abendhimmel über.

    Die für eine gleichmäßige Ausleuchtung des Platzes nötigen Bodenfluter (ERCO Visor HIT-CRI 35W) lassen sich außerdem in die Möblierungsgruppen integrieren. Unnötige Objektansammlungen auf dem Platz können so vermieden werden.

    Zusätzliche Akzentbeleuchtungen heben nachts die Sonderbereiche des Platzes hervor: Lichtbänder am Fußpunkt der Inseln, Bodenfluter unterhalb der Bäume, die leuchtenden Werbewürfel der Westseite, sowie in die Sitzbank integrierte Wandfluter entlang der alten Stützmauer im Osten schaffen atmosphärische Beleuchtungsschwerpunkte.

    Mit dem Stahlhof wird nach und nach urbanes und städtisches Leben in den Standort Belval-Quest einziehen und somit ein aussergewöhnliches Ambiente zwischen Vergangenheit und Zukunft geschaffen.

    Beurteilung durch das Preisgericht
    Liegt nicht vor.