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  • DE-88427 Bad Schussenried
  • 07/2009
  • Ergebnis
  • (ID 2-16298)

Neubau Gustav-Mesmer-Haus in Bad Schussenried


  • 3. Preis


    Architekten
    Mühlich, Fink & Partner Architekten BDA und Stadtplaner, Ulm (DE) Büroprofil

    Verfasser
    Peter Fink

    In Zusammenarbeit mit:
    Landschaftsarchitekten: Schegk Landschaftsarchitekten | Stadtplaner, Haimhausen (DE), Memmingen (DE)

    Erläuterungstext
    Auszeit im Ried

    Die orthogonale bauliche Struktur des Klinikgeländes greifen wir auf und definieren mit unserem Eingangsgebäude als zweigeschossiges Pendant zum Mittelresalit des ehemaligen Prämonstratenserklosters eine wahrnehmbare Quartiersmitte, die zukünftige Anlaufstelle im Zentrum. Einerseits unterstreicht das unmittelbare Heranrücken des Kopfbaus an die Pfarrer-Leube-Straße dieses städtebauliche Ziel, andererseits entschleunigt sich die Ost-West-Verbindung durch die neue räumliche Qualität ohne erhobenem Zeigefinger wie von selbst.
    Prägendes Bild der oberschwäbischen Landschaft in Bad Schussenried sind neben Hügeln, Wiesen, Wäldern und einer Vielzahl von Seen und Weihern die Ried- und Moorlandschaften. Und genau dieses einmalig regionaltypische thematisieren wir im Gesamtkonzept und schaffen so einen unverwechselbaren Ort, unser Haus am Ried. Dazu müssen wir das Vorhandene südlich der Zeppelinstraße nur entdecken und in das Klinikquartier über die Pfarrer-Leube-Straße hinweg verlängern, verlängern auch bis ins Innere der Stationen, ein garantiert hoher Wirkungsgrad. Den Mangenweiherbach erwecken wir dabei vom bloßen Entwässerungsgraben zu einem erlebbaren Teil im Ganzen. Den begleitenden Wirtschaftsweg verschwenken wir unkompliziert durchs Ried und vernetzen ihn über die neuen als Holzsteg ausgebildeten Wege mit dem Ruhedeck und dem zentralen Platz am Haus. Auf diese Weise binden wir auch die zukünftigen Parkierungsinseln südlich der Pfarrer-Leube-Straße ein und an.
    Die beiden Bereiche Klinikleitung, Ambulanz, Infozentrale, Konferenzräume auf der Einen und Station 1 und 2, Intensiv-Überwachungsbereich, Gemeinsame Nutzung auf der Anderen differenzieren wir auch baulich. Zur inneren Quartiersmitte – etwas städtischer und zweigeschossig – die Infozentrale mit Blick in alle Richtungen, Ambulanz, Klinikleitung mit Blick aufs Kloster, darüber – räumlich nochmals überhöht – die Konferenzräume ebenfalls mit Blick aufs Kloster und in die Riedlandschaft, gleichzeitig baulicher Kopf mit Signalwirkung. Zur Landschaft, zum Ried die Bereiche Stationen, Intensiv-Überwachung und Gemeinsame Nutzung, jede eigenständig, dennoch baulich gebunden, eingeschossig.
    Alle Bereiche statten wir mit großzügigen inneren Höfen aus um die sich entlang des umlaufenden Weges die einzelnen Räume gruppieren. Das Ried fließt über die gedeckten Terrassen- und Aufenthaltsbereiche bis ins Innere, verankert das Haus unverwechselbar in der Landschaft, wird zum zentralen Mittelpunkt der Stationen, zum einmaligen Ort. Die Stationen sind ganz erheblich geprägt von dieser Qualität, sowohl Patienten, Gäste als auch Personal profitieren. Wir schaffen eine Vielzahl von unterschiedlich differenzierten Aufenthaltsmöglichkeiten, Orte der Begegnung, Orte des Rückzugs, Orte draußen und drinnen, Beschützte und Freie.
    Vom gemeinsamen Dienstzimmer sind nicht nur die erforderlichen Einblicke in alle drei Einheiten gewährleistet – die Pflicht – trotz innerer, zentraler Lage ermöglichen wir vielfältige Ausblicke über die Höfe ins Ried. Kein bloßes Überwachungszimmer, vielmehr eine zentrale Anlaufstelle mit Aufenthaltsqualität, ein herzlicher Mittelpunkt.
    Der Anschluss an die bestehende Infrastruktur über das Versorgungstunnelsystem gelingt baulich unkompliziert an funktional richtiger Stelle. Bei aller konzeptioneller Durchlässigkeit achten wir auf kompakte bauliche Strukturen, auf die wirtschaftliche Realisierbarkeit.
    Wenige naturbelassene Materialien und Oberflächen – einfach gefügt - unterstreichen den Anspruch des Ortes, nichts lenkt ab von der räumlichen Qualität, innen wie außen.
    Ein eigenständiges Konzept das sich in die über Jahre gewachsene Klinikstruktur einfügt, eine Symbiose zwischen baulicher Ergänzung und vorgefundener Landschaft wie wir meinen.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Die Verfasser schliessen mit ihrem Entwurf den Park nach Norden hin ab und schaffen damit
    bewusst einen räumlichen Abschluss der Anlage. Der zweigeschossige Baukörper der
    Klinikleitung rückt (zu) nahe an die Pfarrer- Leube- Strasse und formuliert damit die neue
    Adresse der Einrichtung. Der Abstand zum westlichen Gebäude ist zu gering und führt zu
    Konflikten. Der Vorplatz mit dem Eingangs- und Pfortenbereich springt über die Strasse und
    führt sehr selbstverständlich zu der gewünschten Verkehrsberuhigung. Nördlich davon und zur
    Landschaft orientiert werden zwei, fast identische Baukörper für die Stationen vorgeschlagen die über eine logisch ausformulierte, leicht begreifbare Mittelachse erschlossen werden. Die
    Organisation erlaubt, dass von einem zentralen Dienstzimmer fast sämtliche Bereiche
    kontrolliert werden können und funktioniert, nach kleinen Umorganisationen im Intensivbereich,
    perfekt. Die wohl proportionierten Innenhöfe erlauben eine natürliche Belichtung. Fein
    gegliederte Fassaden wie die Verzahnung des Gebäudes mit der Landschaft werden
    wohlwollend zur Kenntnis genommen. Die Idee, das Gebäude auf Stützen in eine
    nachempfundene Riedlandschaft zu stellen wird anerkannt jedoch aus wirtschaftlichen
    Gesichtspunkten heraus in Frage gestellt, leider wurde kein überzeugender Nachweis erbracht
    wie der Mangenweiherbach auf Geländeniveau gehoben werden kann um die gewünschte
    Wirkung zu erreichen. Die Kennwerte des Entwurfes liegen, bis auf die Hüllfläche
    (Gebäudeuntersicht!) in einem sehr wirtschaftlichen Bereich. Zusammenfassend wird
    festgestellt, dass ein gut organisierter Patientenbereich mit seinem stimmungsvollen Umgang
    mit dem Landschaftsraum zwar überzeugt die Städtebauliche Härte, bezogen auf die nahe
    Gebäudestellung an der Pfarrer- Leube- Strasse sehr kritisch gesehen wird.