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  • DE-75365 Calw
  • 05/2009
  • Ergebnis
  • (ID 2-17369)

Sanierung und Erweiterung Rathaus Calw


  • 2. Rang

    Perspektive Außenraum

    Architekten
    Kauffmann Theilig & Partner Freie Architekten PartGmbB, Ostfildern/ Kemnat (DE) Büroprofil

    Preisgeld
    16.000 EUR

    Erläuterungstext
    Konzept

    Grundlegender Gedanke bei der Bearbeitung des Entwurfs war die Aufwertung sowohl der städtebaulichen als auch der innenräumlichen Situation des Rathauses in Calw. Unter Erhalt historisch bedeutsamer Substanz wird das Bauwerk baukonstruktiv und bauphysikalisch ertüchtigt. Das Konzept erhält alle Kulturdenkmale, sowohl die Gebäude der Stadtverwaltung als auch den Kindergarten.


    Städtebau

    Die innerstädtische Situation in Calw zeigt eine sehr hohe Bebauungsdichte durchbrochen von vielen Plätzen, Marktplatz, Fruchtmarkt und dem Platz vor dem Kindergarten. Diese Qualitäten werden durch das Konzept gestärkt. Im wesentlichen werden vier Maßnahmen getroffen.

    - Die Gebäude Salzgasse 6, 6/1 und 8/1 werden durch einen Neubau ersetzt.

    - Das Gebäude Schulgasse 5 (Kindergarten) wird durch einen Neubau in süd-westlicher Richtung ergänzt.

    - Das Gebäude Marktplatz 9 (Rathaus) wird im Erdgeschoss wieder an den erbauungszeitlichen Zustand angenähert. Der Einbau des Jahres 2000 wird entfernt und die offenen Arkaden werden bis auf einen neuen Erschließungskern wieder hergestellt. Die 1999 veränderte Treppe vor dem Schäberle’schen Haus wird rückgebaut und dessen Eingangssituation vom Marktplatz aus verbessert.

    - Das Gebäude Schulgasse 4 wird entfernt und das Grundstück wird in eine Grünfläche umgewandelt.

    Durch diese Maßnahmen werden die vorhandenen Potentiale gestärkt und die beengte Situation hinter dem Rathaus aufgeweitet. Das historische bedeutsame Quartier hinter dem Rathaus erhält die gewünschte Aufenthaltsqualität, durch den neuen Quartiersplatz auf dem Dach des neuen Verbindungsgebäudes entsteht eine reizvolle Platzfolge die als innerstädtische Treffpunkt funktioniert, belebt durch die Öffnung des Mehrzweckraumes des Kindergartens auf diesen Platz. Durch die Verbreiterung der Treppe wird die Topographie und der Höhenversprung zwischen Fruchtmarkt und Kindergarten besser erlebbar. Die Treppe zwischen den Niveaus wir heller und freundlicher. Trotz Verdichtung wird mit wenigen Maßnahmen eine wesentlich großzügigere Situation erreicht, die Licht und Platz schafft und Ansichten und Aussichten ermöglicht.


    Funktionen Marktplatz 7/9/11, Salzgasse 4

    Innenräumlich wird das Rathaus vor allem unter dem Gesichtspunkt der besseren Orientierbarkeit überarbeitet. Das Rathaus erhält einen neuen multifunktionalen Erschließungskern, von dem aus alle drei Gebäude am Marktplatz (7, 9 und 11) erschlossen werden. Über diesen Treppenkern mit Aufzug erreicht man 95 Prozent der Rathausnutzflächen barrierefrei. Das Treppenhaus im Gebäude Salzgasse 4 bleibt erhalten, dient aber nur zur internen Erschließung.

    Der Hauptzugang zum Rathaus liegt im Erdgeschoss. Von dort aus gelangt man ebenerdig ins Bürgerbüro, das auch gleichzeitig die barrierefreie Verbindung zum Gebäudekomplex Salzgasse 8 und 10 herstellt. Die Stadtinformation befindet sich erdgeschossig im Gebäude Marktplatz 11, besitzt einen separaten Zugang vom Marktplatz, ist jedoch an das Bürgerbüro angeschlossen. Stadtinformation und Bürgerbüro sind voneinander abtrennbar. Im Gebäude Marktplatz 7 ist erdgeschossig eine Gewerbefläche situiert, die in das 1. Obergeschoss erweitert wird. Vom Fruchtmarkt aus zugänglich befinden sich im Gebäude Salzgasse 4 die Versorgungsräume.

    Der Trausaal befindet sich im ersten Obergeschoss des Rathauses an prominenter Stelle. Im zweiten Obergeschoss bleiben die beiden Sitzungssäle an ihrer ursprünglicher Stelle bestehen – das historische Tragwerk bleibt in Form und Funktion erhalten. Im dritten Obergeschoss werden das Büro des Oberbürgermeisters mit Sekretariat und persönlichem Referent und der Konferenzbereich angeordnet.


    Funktionen Salzgasse 8 und 10

    In den Gebäuden Salzgasse 8 und 10 bleiben die Verwaltungseinheiten Planen und Bauen bestehen. Diese werden jedoch über ein neues Treppenhaus komplett barrierefrei erschlossen und über den bereits oben erwähnten Anschluss an das Bürgerbüro mit dem Gebäudekomplex Rathaus verknüpft. Ein weiterer Vorteil dieser neuen Verknüpfung ist der barrierefreie Anschluss an die Tiefgarage sowohl aus dem Salzkasten als auch aus dem Rathaus der auch als Fluchtweg aus der Garage funktioniert.


    Funktionen Schulgasse 5

    Der Kindergarten wird um die geforderten Flächen erweitert. Durch den Abriss der Gebäude Salzgasse 6, 6/1 und 8/1 ist es möglich das vorher unbelichtete Untergeschoss des Gebäudes Schulgasse 5 hochwertig zu nutzen. Dort befinden sich der Personalraum und der Mehrzweckraum. Dieser kann sich auf den neue entstandenen Quartiersplatz auf dem Dach des Verbindungsgebäudes öffnen. Der Neubau des Kindergartens beinhaltet die beiden Kindergartengruppen und den neuen, hellen und freundlichen Eingangsbereich. Über diesen wird auch der bestehende Kindergarten erschlossen, in dem sich die beiden Kleinkindergruppen befinden.


    Konstruktion

    Im Rathaus wird ein neues Treppenhaus eingebaut. Zu diesem Zweck werden vier hölzerne Stützen entfernt und durch eine Stahl mit geschossweise angeordneten Riegeln ersetzt.
    An diesem Aussteifungsrahmen werden die Geschoßdecken angeschlossen. Das Gebäude erhält mit dieser Maßnahme die Sicherheit gegen Horizontallasten zurück.


    Umgang mit historischer Bausubstanz

    Für die Sanierung und Erweiterung des Rathauses Calw wird mit diesem Entwurf ein Konzept dargelegt wie eine denkmalgerechter und schonender Umgang mit der Substanz aussehen kann. Alle Aspekte der Auslobung sind berücksichtigt, Anforderungen aus Denkmalschutz, Nutzerwünschen, Brandschutz und Konstruktion werden das Ergebnis jedoch beeinflussen. Die prinzipiellen Spielregeln sind hiermit gegeben.

    - bestehende Substanz wird innen- und aussenräumlich qualitätvoll weiterentwickelt, gegebenenfalls auf historische Vorbilder zurückgebaut. Die Funktionen werden zeitgemäß und übersichtlich angeordnet

    - die wenigen Erweiterungen bleiben gestalterisch reduziert und ergänzen gezielt den Bestand, formal und funktional.

    - Außenräume erhalten eigene Qualität und Identität und erzeugen so einen abwechslungsreichen, gut orientierbaren Weg für Bewohnerund Gäste im historischen Calw.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Die Arbeit besticht durch ihre zurückhaltende Grundhaltung im Umgang mit der vorhandenen Bausubstanz und dem städtebaulichen Kontext. Die innenräumliche fußläufige Verbindung wird dabei auf eine Ebene beschränkt, was jedoch zu Lasten einer weitergehenden und wünschenswerten funktionalen Vernetzung geht. Das Angebot eines Quartierplatzes auf dem Verbindungsbaukörper stellt eine Bereicherung des Freiraumangebots dar.

    Der Ergänzungsbaukörper Kindergarten wird maßstäblich unter Verlängerung des denkmalgeschützten Bestandgebäudes eingefügt. Dies verschlechtert allerdings die vorhandene Qualität des bisher zusammenhängenden Außenraums entscheidend. Der Baumbestand kann nicht erhalten werden.

    Die Anordnung der Erschließung des Kindergartens im Übergang zwischen Alt und Neu ist gut plaziert, allerdings ist die Barrierefreiheit aufgrund des fehlenden Aufzugs nicht gegeben. Die Öffnung der Rathausarkaden in Anlehnung an den erbauungszeitlichen Zustand wird grundsätzlich positiv gesehen, stellt jedoch hohe Anforderungen an die innenräumliche Umgestaltung.

    Funktional wird bemängelt, dass die innenräumlich fußläufige Verbindung ausschließlich über das Bürgerbüro möglich ist. Eine Öffnung der großformatigen Verglasung zum Fruchtmarkt ist wünschenswert. Der Sitzungssaal wird als zu schmal beurteilt, das Angebot eines Ladengeschäfts am Marktplatz 7 wird positiv bewertet. Die Barrierefreiheit der Verwaltungsnutzung ist nicht an allen Stellen gegeben. Die Integration des Tiefgaragenausgangs in das Gebäude
    Salzgasse 8/10 ist gut gelungen.

    Die Qualität der Arbeit liegt insbesondere in einem gleichsam sorgsam und stadträumlich behutsamen Umgang mit der bestehenden Situation. Dies geht allerdings zu Lasten einer Ablesbarkeit des funktionalen Zusammenhangs der einzelnen Verwaltungsbereiche. Eine Stärkung seiner Funktion als Bindeglied im stadträumlichen Zusammenhang wäre wünschenswert.

    Die Arbeit liegt wirtschaftlich im günstigen Bereich und stellt eine angemessene, jedoch nicht gänzlich überzeugende Lösung der Aufgabe dar.