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  • Zuschlag Ausgewählter Entwurf

    Der leere Grundbau

    Projekt
    Siedeln im Grundbau

    Architekten
    BeL Sozietät für Architektur, Köln (DE) Büroprofil

    Verfasser
    Prof. Jörg Leeser , Prof. Anne-Julchen Bernhardt

    Erläuterungstext
    Die Selbstbestimmung spart Kosten und befreit
    Das soziale Gefüge Wilhelmsburgs braucht Angebote zur Eigentumsbildung für breite Teile der Bevölkerung. Die hohen Bau- und Grundstückskosten in einer Metropole wie Hamburg schlie-ßen die finanziell schwachen, doch aufwärts gewandten Gruppen von diesem wichtigen Bestand-teil der bürgerlichen Gesellschaft aus. Bürger mit Migrationshintergrund sind trotz eigener Entwicklungsambitionen dazu gezwungen, ihre Wohnsituation und damit einen wichtigen Teil ihres Lebensentwurfs dem Angebot an Mietwohnungen anzupassen. Das Angebot zwingt zu Passivität. Der Widerspruch zwischen den biografischen und familiären Erfahrungen des selbstbestimmten Wohnens in ihren Herkunftsländern und der deutschen Realität erzeugt soziale Spannungen.

    Grundbau und Siedler senkt durch niedrige Kosten die Einstiegsschwelle zur Eigentumsbildung und weckt Potentiale zum selbstbestimmten Handeln. Die eigene Arbeitskraft spart 40% der Kosten, das eigene Werk macht stolz, der Einfluss auf das eigene Leben befreit.

    Der Grundbau
    Das Domino-Haus Prinzip von Le Corbusier aus dem Jahr 1914 hat sich in den wärmeren Kli-mazonen weltweit als erfolgreiches Bausystem informeller Siedlungen bewährt.
    Aashwa´i in Kairo, Polykatoikia in Athen, Gececondu in Istanbul und Favela in Sao Paulo bele-gen die Überlegenheit des Domino-Bauprinzips nicht nur unter ökonomischen Betrachtungen.
    Als Regal bietet es ideale Vorraussetzungen für eine Funktionsmischung, Reserveflächen schaffen eine aneignungsoffene Grundlage für Weiter-, Um- und Ausbau. Die offene Grundstruktur er-möglicht eine flexible Nutzung über einen langen Zeitraum.
    Die zeitgemäße Anwendung des Domino-Prinzips in Deutschland verlangt hochdämmende Be-tonbaustoffe. Um den in einer hoch entwickelten postindustriellen Gesellschaft herrschenden Bedingungen an Komfort, Ökonomie und Ökologie gerecht zu werden, muss das tragende Stahl-betonskelett wärmedämmende Eigenschaften besitzen.

    Monolithische Wände aus Beton sind seit den sechziger Jahren Gegenstand der Baustofffor-schung. Neuste Forschungen der TU Berlin am bewährten Leichtbeton mit dem Zuschlagsstoff Blähton der Firma Liapor haben einen neuen Baustoff entwickelt: wärmedämmenden Infra-leichtbeton. In Berlin wurde aus diesem Material von Prof. Maik Schlaich ein erstes Gebäude realisiert, das eine Wärmeleitfähigkeit von l 0,2 W/(mK) erreicht.
    Damit kann ein Gebäude nach EnEV mit monolithischer Betonaußenhaut errichtet werden.
    Die Mehrkosten der wärmedämmenden Tragkonstruktion werden durch einfache Ausbaukosten und lange Nutzungsdauer mehr als ausgeglichen.

    Der Städtebau
    Wilhelmsburg ist eine Insel vor der Stadt Hamburg, trotz industrieller Benutzung und intensiver Besiedelung bleibt Wilhelmsburg in großen Teilen Landschaftsraum. Im Gebiet der IBA ent-spricht die bauliche Dichte einer ländlichen Gemeinde. Hier ist die vorherrschende Typologie die Laube. In den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts wurden am Rand große Wohnkomplexe des sozialen Wohnungsbaus hinzugefügt. Obwohl sie als „Urbanität durch Dichte“ geplant wurden, haben sie weder Dichte noch Urbanität erzeugt.

    Unser Gebäude reagiert auf die Anziehungskraft dieses zwischenstädtischen Raumes, der weder Stadt noch Natur ist. Wir erzeugen Dichte in Undichte und bauen aus Laube und Geschoßwoh-nungsbau eine neue Typologie.
    Der Grundbau bietet in fünf Obergeschossen acht gestapelte Parzellen zum Siedeln. Die oberen vier Geschosse enthalten je zwei Einheiten, das Gebäude ist ein Zweispänner.

    Der Außenraum zwischen den Grundbauten ist halböffentlich. Die Flächen vor und neben dem Haus verbinden sich mit den Flächen unter dem Haus, sie stehen zur Aneignung bereit. Hier befinden sich die privaten Werkstatträume der Siedler, die Stellplätze für Fahrzeuge, der Hausan-schlussraum und die Erschließung des offenen Treppenhauses. Ähnlich eines Winterquartiers eines Wanderzirkus sind die Flächen zwar befahrbar doch nicht versiegelt, die Vegetation und die Siedler erobern diesen Raum und verhandeln eine zwischenmenschliche Nachbarschaft selbst.

    Das Siedeln
    Siedeln ist kein Jahrmarkt der Individualitäten, sondern Selbstbestimmung auf der eigenen Par-zelle. Es bedarf keiner Moderation, Nachbarn verhandeln ihre Angelegenheiten untereinander, da jede Parzelle autark ist und die Belange des anderen durch die baulichen Entwicklungen auf den einzelnen Parzellen nicht tangiert werden. Es herrscht Einvernehmen über das Verständnis eines dauernden Bauprozesses, alle Siedler sind Selberbauer.
    Der Grundbau enthält alles was man zum Bau und Betrieb einer Einheit braucht, die Siedler können vom ersten Tag an ihre Werkstatträume benutzen und von dort aus die eigene Baustelle betreiben. Der Grundbau ist mit einem Geländer versehen, ein Gerüst ist nicht notwendig, alle Arbeiten der Siedlers können auf dem 70cm breiten Balkonstreifen ausgeführt werden.

    Der Siedel-Bausatz
    Die Siedler erwerben einen kompletten Bausatz zur Herstellung eines typischen Siedlerhauses. Im Bausatz ist das gesamte Baumaterial enthalten. Ein detailliertes Handbuch beschreibt alle Arbeitsschritte, die selbst ausgeführt werden können und weist auf Arbeiten hin, die einer Abnahme durch einen Spezialisten bedürfen.
    Die beiden Varianten des typischen Grundrisses des Siedel-Bausatzes schaffen Freiheit durch Festlegung. Die Grundrisse sind Raumsystem, die östliche Einheit enthält acht unterschiedlich große Räume, die westliche sieben. Die Räume sind nutzungsneutral, sie sind nicht funktionali-siert. Alle Räume sind untereinander verbunden, jeder Raum hat Öffnungen zu den benachbarten Räumen. Diese können Türen ein oder durch Trockenbauwände geschlossen werden. Es gibt keinen Flur, ein Raum kann ein Arbeitszimmer, Durchgangsbad, Küche oder Schlafzimmer wer-den. Die Belegung der Räume mit Nutzungen wird vom Siedler festgelegt.
    Flexibilität entsteht durch Benutzung und nicht durch Umbau. Nutzungsoffene Räume innerhalb einer flurlosen Grundrissstruktur verlangen vom Siedler den eigenen Raum interpretierend selbst zu erobern. Im Konfigurationsmodell im Maßstab 1:50 (im Bausatz enthalten) erprobt der Siedler, welche Benutzungsvarianten sinnvoll für ihn sind.

    Wer möchte, kann die Empfehlungen und die Ausstattung des Bausatzes ignorieren und improvi-sieren. Siedler können sich innerhalb der eigenen Parzelle widersetzen, jeder hat das Recht auf eigene Fehler und Verbesserungen.

    Beurteilung durch das Preisgericht
    Liegt nicht vor.

INFO-BOX

Angelegt am 23.04.2010, 12:45
Zuletzt aktualisiert 22.03.2019, 23:32
Beitrags-ID 4-32489
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