loading
  • CH-8462 Rheinau
  • 03/2010
  • Ergebnis
  • (ID 2-25470)

Neunutzung Klosterinsel Rheinau


  • 1. Rang

    Ansicht Zugangssituation Klosterinsel

    Architekten
    Bembé Dellinger Architekten und Stadtplaner GmbH, Greifenberg (DE) Büroprofil

    Mitarbeit
    Carolin Mayer

    In Zusammenarbeit mit:
    Landschaftsarchitekten: Erdmann Kicherer, München (DE), Waiblingen-Bittenfeld (DE)
    Tragwerksplaner: Uwe Türk Statik Ingenieurbüro für Tragwerksplanung, Augsburg (DE)
    TGA-Fachplaner: Ingenieurgemeinschaft Hofer & Hölzl GmbH, Fürstenfeldbruck (DE)

    Preisgeld
    65.000 EUR

    Erläuterungstext
    Setzung

    Alte Stiche belegen die stete historische Präsenz von Klosterbauten an der Uferkante der Klosterinsel. Das Volumen des neuen Eingangsgebäudes zur Klosterinsel Rheinau besetzt die Uferkante westlich der Brücke. Im Wasser des Rheins sich spiegelnd, symbolisiert es selbstbewusst die neue Nutzung der ehemaligen Klosterinsel als sich öffnender Ort der Kultur und Wissenschaft. Klarheit, Ordnung –architektonische Haltungen des barocken Klosterbaus werden zeitgemäß umgesetzt. Der Fluss hinterlässt in seinem Jahreslauf Spuren an der Fassade des aus der Mauer emporwachsenden Gebäudes.

    Neubau

    Was kann man aus der Klosterarchitektur für profane Nachnutzung lernen?
    Die Klarheit des Tagesablaufes der Mönche bedurfte eine Klarheit in der baulichen Struktur des Klosters. Zugang zu Ruhe, Struktur und Orientierung ist ebenso für die neue Nutzung eines Bildungszentrums von Bedeutung. So spiegelt die architektonische Komposition des neuen Zugangsgebäudes wesentliche Prinzipien der Klosterarchitektur wieder. Der Baukörper ist gegliedert in klare Raumschichten. Es enthüllt sich dem herannahenden Besucher kaum. In seiner formalen Abstraktion eines offenen Bautyps ist es präzise verortet und verkörpert gleichzeitig eine zeitlose Ausgewogenheit.
    Den „Kreuzgang“ als linearen Hauptbewegungsraum begleiten Stützen und Rippendecken als rhythmisierendes Element. Dabei verändern sich die Stützen je nach Sichtwinkel zur geschlossenen Wand oder geben den Blick frei in die Raumschicht der Studienräume. Das Spannungsverhältnis von Element und Raum – zusammen mit dem Lauf des Tageslichts addieren dem rohen Gebäude eine Atmosphäre.
    Das Gebäude besetzt in seiner Ansicht die Uferkante und lässt dennoch im Erdgeschoss Freiraum für eine Durchwegung in den westlichen Inselbereich. Der Außenraum bindet unter dem neu gesetzten Bau hindurch. So wird der gesamte ebenerdige Bereich zu einer Art Schwellenraum – eine Vermittlung zwischen Innen- und Außenraum. Der östliche Gebäudeteil des Erdgeschosses dient der Information und ersten Orientierung für den ankommenden Besucher. Bewusst ist hier das Programm nicht für festgelegte Funktionen besetzt und bietet frei bespielbaren Raum.


    Husi

    Die kantonale Hauswirtschaftsschule wird in die Raumschale des Wolffschen Gebäudes integriert. Bestehende Wände werden weitmöglichst in das Konzept übernommen. Der Bewegungsraum findet – klostertypisch- seinen Platz an der zum Hof gerichteten Seite im Osten des Gebäudes. Abgestimmt auf das Husi-Konzept des Kantons, werden die Funktionen in einer sinnvoll zusammenhängenden Raumfolge organisiert. Materialien des Bodens folgen der Nutzung der jeweiligen Räume.


    Alte Mühle

    Die Alte Mühle wird bis auf ihre Außenstruktur und eine Schicht notwendiger Stützen freigestellt und so von der im Laufe der Jahre überformte Innenstruktur befreit. Der Festsaal im 2. Obergeschoss wird in seiner ursprünglichen Größe wiederhergestellt. Dafür sind die im 19. Jhd. für die Kliniknutzung im 2. und 3. Obergeschoss erfolgten Einbauten einschließlich der Decke zwischen 2. und 3. OG rückzubauen. Der Dachstuhl muss hinsichtlich seiner ursprünglichen Funktion, den gesamten Innenraum stützenfrei zu überspannen, untersucht und gegebenenfalls wiederhergestellt bzw. ertüchtigt werden. Die Innentragwände im EG und 1.OG des Gebäudes werden zugunsten einer offenen Raumgestaltung durch eine neu einzubauende Tragstruktur aus Stützen und Riegeln ersetzt, wobei die vorhandenen Decken der Alten Mühle unter Berücksichtigung des Denkmalschutzes, der neuen Nutzung und den sich daraus ergebenden Anforderungen so weit wie möglich erhalten werden sollen.
    Die vertikale Erschließung des Restaurants im 1. Obergeschoss und des rekonstruierten Festsaals im 2. Obergeschoss erfolgt in einer neuen Kernzone- abgerückt von der freigestellten alten Außenwand der alten Mühle.
    Einige gezielte Eingriffe in die Außenhülle der alten Mühle zeugen von der neuen Nutzung. Die neue Raumschale im Festsaal stülpt sich in der oberen Fensterzone nach außen und interpretiert zeitgemäß die ursprünglichen oculi über den Saalfenstern. Neue Türen erlauben einen großzügigen Außenbezug vom Restaurant zu den Uferterrassen im Süden.


    Freiflächengestaltung

    Klostervorhof oder Kirchenvorplatz und der Klausurinnenhof bilden in der architektonischen Komposition einer Klosteranlage unterschiedliche Elemente. Die verschiedenen Charaktere der beiden Freiflächen werden neu betont und bewusst konträrer ausformuliert.

    1. Klosterhof
    Auf die zahlreichen bestehenden Rasenflächen, kranken Bäumen und Pflanztröge, wird im Klosterhof zugunsten eines großzügigeren Gesamteindrucks verzichtet.
    Die Platzfläche wird durchgehend gepflastert, was den Platz als zusammenhängendes Ganzes markiert - der Kirchenbau rückt in den Platz hinein.
    Um der Bedeutung des Klosterhofs gerecht zu werden, wird sein Erscheinungsbild unter Verwendung der örtlich vorhandenen Stoffe entwickelt. Belebt wird der Platz durch die neue Außenbestuhlung der Restauration des neuen Mühlesaalbaus und dem bestehende Brunnen. Dieser wird in seiner Bedeutung aufgewertet und in eine große bodengleiche Brunnenschale eingebettet. Die beiden wesentlichen Elemente des Klosterhofes – das Wasser und die vorhandenen Gebäudevolumina kommen so neu zur Geltung.
    Die Klosterinsel selbst, sowie die meisten historischen Klosterbauten liegen zumeist in mitten üppiger grüner Landschaften. Im Gegensatz dazu bildet der Klosterhof einen Kontrast und wird von jeder Bepflanzung freigehalten.

    2. Kreuzgarten
    Anders als der Klostervorhof bildet der Kreuzgarten eine Art umschlossene Oase im Herzen des Klosters – den „hortus conclusus“.
    Mit ihrem Lebensrythmus stehen die Mönche im Einklang mit der Natur und ihrem jahreszeitlichen Rhythmus, der „viriditas“. In Verbindung mit dem Bewegungsrythmus des Kreuzgangs schweift der Blick ins freie zu den grünen Rasenflächen des Kreuzgartens. Die Spannung zwischen Ruhe und Bewegung prägt das monastische Leben – und somit auch die wesentlichen Bestandteilen der Architektur der Klöster.
    Auch in der weltlichen Nachnutzung eines Klosters kann der Kreuzgarten als in sich ruhende und Ruhe spendende Oase fungieren und wahrgenommen werden.
    Zwei Hauptelemente prägen die Freiflächengestaltung des Kreuzgartens.
    1. In Anlehnung an den ursprünglich offenen Kreuzgang des Klosters Rheinau wird der momentan unterbrochene Kreuzgang in seinem Verlauf fortgeführt und in seiner Struktur geschlossen.
    Das landschaftsarchitektonische Element einer Pergola bildet den Bewegungsraum und begleitet durch ihren Rhythmus die Bewegung der Besucher. Die Fläche unterhalb der neuen Pergola sowie der Bereich des kleinen Museumshofs erhalten durch das Steck -Kiespflaster mit Rasenfugen eine ornamentale Oberflächenbeschaffenheit.
    2. Die Grünfläche des „hortus conclusus“ wird – gemäß der persischen Tradition der Paradiesgärten – in eine Grundteilung untergliedert. In der Mitte der vier rechteckigen Elemente kommt ein rundes Wasserbecken zum liegen- die allegorische „Quelle des Lebens“.
    Auf eine manigfaltige Auswahl an Pflanzen wird bewusst verzichtet. Die vier Elemente werden als schlichte Raseninseln konzipiert und geschnittene Buchshecken werden als Begrenzung der Kanten vorgeschlagen. Die Wege werden - wie bisher - als Kiesflächen gesehen, definiert durch eine Einfassung aus Spaltkiespflaster.
    Einer der beiden Bestandsbäume wird erhalten und durch einen weitern ergänzt.


    Die moderne Klosterzelle

    Die Konzeption einer Kartäuserzelle dient als Grundlage für die Integration der Sanitärzelle in den Zimmern.
    Alle nötigen Funktionen des Zimmers werden in einem eingestellten Möbel integriert. Die ausgebildete Raumschale nimmt als eine Art Etui alle Funktionen wie Schrank, Sanitärzelle und Betten in einem Element auf. Es kann respektvoll auf die alten Fachwerkwände des Bestands und unterschiedliche Türpositionen des Bestands reagieren. Notwendige Leitungen werden in der Rückwand der hölzernen Raumschale geführt. Fallleitungen können so möglichst nahe dem Korridor positioniert werden. Kurze, gedämmte Wege der Leitungsführung minimieren Energieverluste. Dusche und WC verfügen über einen kontinuierlichen Luftaustausch über eine Abluftanlage. Alle Leitungen - sowie notwendige Elektroleitungen für den Schreibtisch- können in dem eingestellten Möbel geführt werden und beschädigen keine bestehenden Wände und Decken im Raum. Die verwendeten Materialen beschränken sich auf weiß lasiertes MDF für das Möbel und Corian als Auskleidung der Duschnische. Den Bodenbelegen die alten Holzdielen.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Der Abbruch des Wyssschen Gebäudes und die Platzierung eines neuen Eingangsgebäudes längs zum Fluss bewirken auf mehreren Betrachtungsebenen überraschende Klärungen an diesem neuralgischen Ort. Die Legitimität des Bauens an die Uferkante wird mit einem Stich aus dem Jahre 1754 belegt; dieselbe Art des Anfügens eines Gebäudes als Kopf zeigt sich auch im Nordosten der Klosteranlage beim Bibliotheksbau. Für den Ankommenden ist der stattliche Neubau nicht lediglich eine räumlich-funktionale Erweiterung, sondern ein selbstbewusstes Zeichen der Öffnung der Klosteranlage zu einem Ort der Kultur, des Lernens und des Lehrens.
    Durch diese veränderte Eingangssituation erscheint das Pförtnerhaus etwas zurückversetzt und ist nun richtigerweise das kleinere Gebäude im Zugangsbereich. Am Brückenkopf ergibt sich ein kleiner Empfangsplatz, der im Zusammenspiel mit dem offenen Erdgeschoss des Neubaus einen spannungsvollen Ort zwischen Innen und Aussen der Klosteranlage bildet. Das offene Erdgeschoss des Neubaus verbindet den westlichen und südlichen Bereich der Anlage mit dem Klostervorhof. Dieser ganze Bereich wird durch die neuen Setzungen deutlich aufgewertet. Der architektonische Ausdruck des Neubaus datiert unmissverständlich aus der heutigen Zeit, übernimmt aber die gestalterische Grundhaltung der Klosterbauten wie Klarheit, Strenge, repetitive Fassadenstrukturierung und kubische Einfachheit. Diese gestalterische Grundhaltung wird im Ansatz positiv gewertet, in der dargestellten Form wirken die Fassaden jedoch noch zu beliebig und erreichen nicht dieselbe Qualität wie der städtebauliche Ansatz. Mit seinem Flachdach und der Überstellung der Gewässerabstandslinie kann der Neubau allerdings
    nur über einen Gestaltungsplan realisiert werden. Die Grundrisse des Neubaus und des neu gestalteten Wolffschen Gebäudes lehnen sich an die einfache Typologie der Klosterbauten an. Die Korridore laufen längs den Fassaden zum Hof hin und erschliessen einseitig angeordnete Schulräume, welche attraktiv und effizient gestaltet sind. Im Mühlesaalgebäude werden alle Geschosse von Einbauten befreit und damit grosszügige Räume mit Quertransparenz geschaffen. Leider werden hier durch den Einbau von Küche und Treppenhaus die Gastronomieflächen zu klein, und die Zusammenlegung der Anlieferung mit dem Haupteingang ist betrieblich unerwünscht. Im Bereich der Gästezimmer sind die Nasszelleneinbauten funktional, gestalterisch und technisch präzise und überzeugen als räumliche Einbauten in die Zimmer. Ob damit auch eine angenehme Raumstimmung entsteht, ist jedoch noch nicht nachgewiesen. Nicht zu überzeugen vermag die vorgeschlagene Umgebungsgestaltung. Zwar ist die Freihaltung des Klosterhofes von Einbauten und die einheitliche Gestaltung des Bodenbelags hier sicher richtig, das Entfernen der mächtigen Bäume jedoch unverständlich. Auch die Gestaltung des Kreuzhofes mit der neu eingefügten Pergola irritiert.
    Das Projekt ist konsistent und von hoher Qualität. Mit der präzisen und überraschenden Setzung des Eingangsgebäudes werden neue Qualitäten geschaffen, welche das Klosterensemble aufwerten und ausgezeichnete Voraussetzungen für den geplanten Kultur- und Lernbetrieb schaffen. Dem Projekt gelingt es als einem von wenigen, mit einem zeitgemäss gestalteten und wirtschaftlich vertretbaren Neubau die Eingangssituation aufzuwerten.


INFO-BOX

Angelegt am 08.04.2010, 12:31
Zuletzt aktualisiert 25.04.2017, 16:29
Beitrags-ID 4-34314
Seitenaufrufe 944