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  • CH-8462 Rheinau
  • 03/2010
  • Ergebnis
  • (ID 2-25470)

Neunutzung Klosterinsel Rheinau


  • 2. Rang


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    Architekten
    Schmid Schärer Architekten, Zürich (CH)

    Mitarbeit
    Roger Schärer, Daniel Deimel, Patrick Schmid

    In Zusammenarbeit mit:
    Landschaftsarchitekten: Andreas Geser Landschaftsarchitekten AG, Zürich (CH)
    Tragwerksplaner: APT Ingenieure GmbH, Zürich (CH)
    TGA-Fachplaner: Waldhauser Haustechnik AG, Basel (CH), St.Gallen (CH)
      Klaus Architekten Innenarchitekten AG, Mettmenstetten (CH)
      Bernhard Irmler, Zürich (CH)

    Erläuterungstext
    Städtebau und Architektur
    Das Kloster Rheinau wurde als befestigte Anlage inmitten des Rheins über Jahrhunderte geplant, gebaut, ergänzt und transformiert. Konstant blieb dabei die Nutzung als Kloster und herrschaftliches Verwaltungszentrum.
    In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert erfolgte mit der Aufhebung des Klosters und der Umwandlung der Anlage in eine Psychiatrische Klinik ein eigentlicher Bruch in der Geschichte der Anlage. Sie wurde von zahlreichen Neben- und Anbauten gesäubert und es entstand an deren Stelle ein Gebäudetrakt der sich in seiner inneren Konzeption der neuen Bauaufgabe verpflichtet und sich äusserlich den vorhandene Fassadenbildern unterordnet.
    Im 20. Jahrhundert wurden durch die Einführung der Sanitär- und Heizungstechnik sowie aufgrund dem Fortschritt und Wandel in der Psychiatrie ein tiefgreifender Umbau der inneren Struktur der gesamten Anlage nötig. Klinikfremde Nutzungen wurden fortwährend aufgehoben und die Aussenräume zu parkähnlichen Anlagen umgestaltet. Durch den Neubau der Brücke mit Trottoir sowie dem Bau einer Strasse mit zugehörigen Parkplätzen verlor die Insel ihren ursprünglich Charakter vollauf.
    Der wysssche Bau zeugt vom Erkennen dieses Umstandes und dem Willen die Anlage wieder stärker als gebaute und von menschenhand gestaltete Struktur auf einer natürlichen Insel spürbar zu machen. Der Versuch sich mit einem Neubau formal an den vor 140 Jahren abgerissenen Zweckbauten anzulehnen um dies zu erreichen, empfinden wir als falsch und empfehlen den Abriss.
    Wir schaffen durch die Verlängerung der Brücke bis zur ehemaligen Pfisterei auf einfachste Weise eine klare Abgrenzung zwischen dem brückenüberspannten Flussraum und der gebauten Inselanlage. Der komplett befestigte Klostervorplatz akzentuiert seine Form mit der durch das bestehende Untergeschoss gebildete Mauerkante und der an die Pfisterei anschliessenden neuen Stützmauer.

    Raumprogramm und Ökonomie
    Oberstes Ziel des Entwurfes war die Minimierung von Neubaumassnahmen, einerseits aus Rücksicht auf das bestehende Ensemble, andererseits in Hinsicht auf einen haushälterischen Umgang mit Ressourcen. Eine kritische Lektüre des Raumprogramms diesbezüglich hat uns dazu bewogen, die drei optionalen Klassenzimmer des Strickhofes und der Berufswahlschule wegzulassen. Wir schlagen für die landwirtschaftliche Ausbildung einen Neubau auf dem Geländer der Sativa vor und hoffen, in den bestehenden Räumlichkeiten für die BWS eine Alternative zu finden.
    So gelingt es uns, durch wenige konzentrierte Eingriffe das geforderte Raumprogramm im Bestand unterzubringen. Einzige Ausnahme bildet der Anbau eines Koch- und Essraumes der Hauswirtschaftsschule als eingeschossiger Pavillon innerhalb der Mauern des ehemaligen Zellenhofs. Die vorgeschlagene Raumstruktur der Hauswirtschaftsschule benötigt keine neuen statischen Massnahmen. Aufgrund der grossen Klassenräumen ist das Entfernen der bestehenden kleinteiligen Raumtrennwände jedoch unumgänglich. Dennoch wird wo immer möglich versucht, kleinräumigere Nutzungen in bestehenden Räumen unterzubringen.
    Die Raumtrennwände des Mühlebaus müssen für die gastronomische Nutzung komplett entfernt werden. Das dritte Obergeschoss wird für die Rekonstruktion des Mühlesaals komplett entfernt. Eingriffe in die Statik sind wahrscheinlich.
    Im Erweiterungsbau von 1905 platzieren wir eine grosszügige vertikale Erschliessung für das Publikum der verschiedenen Gastronomieangebote. Sie soll dem Grad an Repräsentation, welche der Mühlesaal ausstrahlen wird, gerecht werden.

    Denkmalpflegerische und energetische Gebäudesanierung
    Die Aussenhülle kann nur in enger Zusammenarbeit mit der Denkmalpflege energetisch verbessert werden. Fenster lassen sich ersetzen, zu Isolierglas-Fenstern umbauen oder mit inneren Vorfenstern ergänzen. Wände können mit Dämmputzen behandelt werden.
    Eine einfache und wirkungsvolle Massnahme sehen wir in der Ausbildung des Dachraumes als unbeheizten Pufferraum, indem sowohl das Dach als auch die Decke des 2. Obergeschosses zusätzlich isoliert werden.
    Haustechnik
    Die Hauswirtschaftsschule biete in ihrem Untergeschoss genügend Platz für allfällige Haustechnikanlagen. Die Zu- und Abluft der Gastronomiebereiche erfolgt über partiell abgehängte Decken. Der zugehörige Kombiblock wird auf dem Dachboden des Erschliessungstraktes situiert.

    Gästezimmer
    Die Zimmer sollen ihren (vermeintlich) ursprünglichen kargen Charakter wbeibehalten. Mit der Konstruktion eines „Sanitärmöbels“ mit Dusche und WC wird das Zimmer nur möbliert und nicht verbaut. Das Möbel wird vorgefertigt und vor Ort mit den vertikal durchlaufenden Sanitär- und Abluftleitungen verbunden. Die neuen Lavabos werden offen im Zimmer platziert und benutzen die bestehenden Anschlüsse. Strom- und Medienversorgung werden Aufputz geführt.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Die Projektverfassenden entfernen das Wysssche Gebäude bis auf das Untergerschoss komplett. Im Wolffschen Gebäude wird die Hauswirtschaftsschule untergebracht, die sich zudem in den rückwärtigen, von hohen Mauern um schlossenen Hof ausdehnt. Interessant an diesem Vorschlag, welcher durch
    das ersatzlose Entfernen des Wyssschen Gebäudes eine deutliche Lücke schlägt, ist die präzise Klärung der Zugangssituation. Der Brückenkopf wird bis ans Pförtnerhaus verlängert, die Begrenzung des Klosterhofs wird durch Brüstungs- mauern neu definiert. Man gelangt nun von der Brücke direkt auf den offenen Klosterhof, vorbei am Pförtnerhaus, welches nun als Element der Platzbegrenzung das Ende der Brücke markiert. Auch das bestehende Untergeschoss des Wyssschen Gebäudes ist Teil der Gesamtanlage und bekommt seine Bedeutung als Stützmauer mit Fenstern zur neu gestalteten Uferböschung. Durch all diese Eingriffe wird die Gesamtsituation räumlich geklärt, aufgewertet und die Einbet- tung in die Natur verstärkt.
    Die Fassaden von Wolff- und Mühlesaalgebäude bleiben weitgehend erhalten, einzig beim Mühlesaal sind nach historischem Vor- bild gestaltete zusätzliche Fensteröffnungen geplant. Das eingeschossige Neubauvolumen, welches im Hof des Wolffschen Gebäudes aus der Umfassungsmauer herauswächst, definiert und belebt den neuen Schulhof, um den sich die Schulküchen gruppieren. Allerdings erscheint hier der Aussenraum in seiner Gesamtheit nicht mehr so ausgewogen wie bisher.
    Das recht sorgfältig teilentkernte Wolffsche Gebäude wird mit dem vorgegebenen Raumprogramm für die Hauswirtschaftsschule bespielt, wobei das Angebot an Nebenräumen zu knapp ist. Gravierender jedoch ist, dass das Projekt die ver- langten Schulräume für BWS und Strickhof gar nicht einplant und zugunsten der städtebaulichen Klärung auslagern möchte. Im abgewinkelten Ende des Wolffschen Baus befinden sich Lift und Treppenanlage für Mensa und Festsaal. Hier befindet sich auch der eher ungeschickt platzierte Zugang zu diesen wichtigen Räumen. Das vollständig entkernte Mühlesaalgebäude wird mit einem Warenlift bestückt, der zwar alle drei Ebenen bedient und gut mit der separaten Anlieferung im Erdgeschoss funktioniert, den historischen Mühlesaal jedoch in seiner räumlichen Wirkung stark beeinträchtigt. Die Eingriffstiefe im Mühlesaal- bau entspricht einer Vollauskernung, während im Wolffschen Gebäude sehr bewusst mit der bestehenden Struktur gearbeitet wird.
    Der Vorschlag für den Nasszelleneinbau in die Gästezimmer ist sehr pragmatisch. Ein minimales WC / Duschmöbel wird in die Ecke gestellt, das Waschbecken steht frei an der gegenüberliegenden Wand. Somit ist zwar viel möblierbarer Raum freigespielt, die dargestellte Einrichtung schafft jedoch nicht das ge- wünschte Ambiente. Wegen der fehlenden Identität und architektonischen Idee vermag der Vorschlag der Raumzellen nicht zu überzeugen.
    Generell ist bei diesem Vorschlag ein sehr sorgfältiger und bewusster Umgang mit den vorhandenen Strukturen erkennbar, was sich auch in der recht guten Wirtschaftlichkeit des Projekts niederschlägt. Überhaupt besticht der Entwurf durch seine Sensibilität und Zurückhaltung, was zu einer wohltuenden Klärung der Anlage führt. Dieselbe klare und differenzierte Haltung ist auch in der Umgebungsgestaltung spürbar, was zu unterschiedlichen Stimmungen der einzelnen Höfe führt. Allerdings ist zu hinterfragen, ob das Entfernen des Wyssschen Gebäudes und damit das Aufbrechen der Gebäudekette auch im historischen Kontext richtig ist.


INFO-BOX

Angelegt am 08.04.2010, 12:53
Zuletzt aktualisiert 22.03.2012, 12:09
Beitrags-ID 4-34318
Seitenaufrufe 158

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