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  • DE-10117 Berlin
  • 11/2009
  • Ergebnis
  • (ID 2-30223)

Gutachterverfahren Werderscher Markt


  • 1. Preis


    Landschaftsarchitekten
    Treibhaus Landschaftsarchitektur Berlin/Hamburg, Berlin (DE), Hamburg (DE) Büroprofil

    Mitarbeit
    Susanne Mühlbauer, Martin Joswig

    In Zusammenarbeit mit:
    Architekten: Ines Alkewitz - Büro für Landschaftsarchitektur und Freiraumplanung, Berlin (DE)

    Erläuterungstext
    Zur Historischen Prägung des Freiraumes Werderscher Markt

    Der Platzraum Werderscher Markt hat in seiner annähernd 400 jährigen Geschichte die verschiedensten Entwicklungen überdauert. Immer aber blieb das „Herz“ im Zentrum der Fläche als Freiraum erhalten. Die Flächenausrichtung und die
    Bebauung an den Platzrändern dagegen, wurden immer wieder stark verändert. Einhergehend mit dieser Veränderung wechselte auch die Nutzung des Platzraumes und die Befestigung seiner Oberflächen. Je nach Nutzungsintension und
    städtebaulicher Absicht blieb das „Herz“ des Platzes erkennbar oder wurde vollständig überformt.

    Der Nachbau der Bärenbrunnen-Plastik durch Walter Sutkowski und seine Wiederaufstellung im historischen Platzzentrum im Jahr 1958, war unter den zu dieser Zeit geltenden Vorstellungen für die „Modernisierung“ des Städtebaus im historischen Zentrums der Stadt eine bedeutende baukünstlerische Leistung!
    Der Bärenbrunnen als Symbol des traditionsreichen Marktbrunnens stand und steht „richtig“ am / im historischen Marktkreuz* - im Zentrum des historischen Marktplatzes -.

    *“...Überlebenswichtig für die frühen Städte und ihre Märkte war der Marktbrunnen. In den Wohnhäusern gab es keine Wasserversorgung, auf dem Markt mussten Lasttiere und Schlachtvieh getränkt werden. Die Funktionsfähigkeit des Brunnens war also unbedingt zu sichern, zum Teil mit großem Aufwand -... . In größeren Städten gab es Brunnen auch in anderen Stadtvierteln, der Marktbrunnen hatte jedoch herausgehobene Bedeutung. Hier - oder in etwas späterer Zeit vor
    dem nahe gelegenen Rathaus - befand sich das Marktkreuz als Zeichen des vom König garantierten Marktrechts.“ .. (Gottfried Kiesow, Das verkannte Jahrhundert im Jahrbuch der Deutschen Stiftung für Denkmalschutz, 2005)


    RAUMANALYSE

    Ursprung bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts
    Der Werderscher Marktplatz ist das Zentrum der Neustadt Friedrichswerder. Die Ware wurde auf Booten über den Wasserweg zum Markt transportiert. Im imaginären Marktkreuz stand der Marktbrunnen. Kirche und Rathaus (die spätere Münze) standen sich als Stadtarchitektur der geistigen und der weltlichen Macht gegenüber. Die hauptsächlichen Wege- Beziehungen verliefen in Nord-Süd-Richtung.

    Entwicklung bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts
    Die Marktfläche wurde in Straßen, Verkehrsinseln und Schmuckgrün zergliedert. Mit dem Anschluss der Französischen Straße an den Markt (1850) wurde aus dem Marktplatz die so genannte “Werder Straße“. Marktware wurde nun auch mehr
    auf dem Landweg transportiert. Die Hauptwege-Beziehungen verlaufen in Ost-West Richtung. Die Umorientierung des vorstädtischen Marktzentrums zu einer innerstädtischen Passage zur Stadtmitte (zum Schloss!) war von Schinkel planerisch gewollt und mit seinen Bauten am Markt auch ausgelöst worden. Der Freiraum als Marktort war hier nicht mehr Programm, der Standort des Marktbrunnens nicht mehr notwendig.
    1928 schuf der Bildhauer Hugo Lederer (1871 –1940) aus rotem Porphyr eine Skulptur für einen Bären-Brunnen, sie wurde im historischen Marktzentrum aufgestellt und formulierte fortan wieder die Platzmitte des Marktes.1958 fertigte Walter Sutkowski (1890 –1983) eine Kopie der im Krieg zerstörten Skulptur aus rotem Lavatuff die an gleicher Stelle aufgestellt wurde.

    Maßgaben für den heutigen Freiraum Werderscher Markt ( im Stadtbild des 21. Jahrhunderts )

    Der Bärenbrunnen steht am historischen Marktkreuz. Die räumliche Mitte muss mit der Freiflächenorganisation betont, gestärkt werden. Der Platz Rand, an seiner südlichen Seite ist, vor allem auch unter Einbezug des Verkehrsflusses in Ost-
    Westrichtung offen, durchlässig. Die drei verbleibenden Ränder müssen den auch historisch wichtigen Raumabschluss durch Gebäude erhalten, d.h. sie müssen geschlossen wirken. Die Freiraumgestaltung der Platzfläche muss über- und
    durchschaubar sein.

    Raumdimension und Raumbezüge

    Mit dem Nachzeichnen der Raumbezüge in historischen Luftbild-Aufnahmen aus den Jahren 1915 und 1928 wird die wechselvolle Veränderung der Raumdimensionen der Platzflächen besonders deutlich.
    1915 : Begrünte Kleinarchitekturen (wie Kiosk, Litfaß-Säule und Pissoir) flankieren die Werder-Straße, wenden sich ihr zu und vom Platz-Raum ab. Es entstanden den Platz-Eindruck zerteilende Vorder- und Rückseiten!
    1928 : mit der Errichtung des Bärenbrunnens als Symbol des Marktbrunnens erfolgte eine räumliche Wiederherstellung des historischen Markt-Raumes. Aufbauten und Schmuck-Bepflanzung wurden entfernt. Lediglich zwei Bäume wurden in der Brunnenflucht (in Richtung Bauakademie) neu gepflanzt.

    ENTWURFSPROGRAMM

    Licht und Schatten
    Die Simulation der Verschattungsflächen bezieht die geplante Neubebauung mit ein. Sie zeigt, dass die Besonnung der Platzflächen ausreichend ist. Je nach Jahreszeit gibt es immer wieder andere Möglichkeiten für den Aufenthalt in besonnten
    oder in verschatteten Bereichen, vor allem in Fassadennähe. Die Außengastronomie als wünschenswerte Form der aufenthaltsorientierten Platznutzung kann und wird sich mit der Neubebauung einstellen.

    Die Topographie
    Sensibel differenziert soll eine neue Topographie der Platzfläche den notwendigen funktionalen Kompromiss zwischen städtebaulicher Maßhaltigkeit und Verkehrsbedarf vorgeben. Die gestalterische Annäherung an den alten zentrierten Stadt- Raum Markt, gibt dabei diese beiden Ansprüche vor.
    Der Stadt-Boden vor der Kirche wird vom Gebäude aus nach Süden bis zur Gehbahn geneigt. Parallel zur Gehbahn “Werderscher-Markt“ ergibt sich ein Höhenunterschied von minus 30 cm. Die Absenkung hebt die Kirche optisch auf ein Podest, was sie im Sinne Schinkels (wieder) zum Monument macht. Die
    notwendige Entfernung der provisorischen Rampe im Eingangsportal der Kirche und die Wiederherstellung der Stufe erklärt sich dabei von selbst. Die Flächen im Verkehrsraum der Straße “Werderscher Markt“ bleiben funktional durchlässig, sie sind begeh- und überrollbar. Für motorisierte Fahrzeuge aber sind sie nicht befahrbar (2 Stufen). Die Platz- Fläche um den Bärenbrunnen wird in nördlicher Richtung aufgefüllt. Parallel zum Gehweg “Werderscher-Markt“ wird der bereits vorhandene Höhenunterschied von plus 30 cm erhalten, die Fläche wird nach Norden geneigt und läuft dort fast bündig in die Platzfläche aus. Der Bärenbrunnen erhält zusammen mit den Standorten der beiden Platz-Bäume ein großzügiges Podest. Der hier denkmal-geschützte Bodenbereich wird durch den Bodenauftrag schonend gesichert.

    Die Raum-Beziehungen und ihr Liniennetz
    Die gestalterische Komposition von Flächen und Linien um das Platz-Zentrum gibt dem Stadtboden an diesem Ort wieder ein Gestalt-Maß, das die historischen Raumbezüge deutlich macht. Die parallele, lineare Ausrichtung von Oberflächen-
    Befestigung und Linierung setzt den Bärenbrunnen auch optisch wieder in die Koordinaten-Kreuzung auf dem Platz - ins Marktkreuz -. Die Linierung / Bänderung des Marktbodens wird mit dem Einbau längsformatiger Steinplatten (Natur- oder
    Kunststein) erreicht, sie ist als Motiv der berlintypischen Gehbahnfassung mit dunklen Basaltpflasterbändern angeglichen.

    Die Kanten und Oberflächen
    Kanten und Stufen aus schmalen Steinblöcken und Steinplatten (Natur oder Kunststein) fassen die topographischen Absätze / Höhenunterschiede am Bärenbrunnen sowie am Vorplatz der Kirche. Die Platzflächen im Norden schließen immer bündig an die Gebäude an. Die gesamten Platzoberflächen sind steinern. Die Pflasterung mit Kleinstein (Granit und Muschelkalk) soll mit einem deutlich diagonal zum Platzrahmen verlegten Fugen-Bild erfolgen. Die Befestigung der Oberflächen ist in drei Einheiten gegliedert:
    Glattes Diagonalpflaster mehrfarbig und weiß (Muschelkalk und wenige Marmorintarsien) im Vorfeld der Kirche Grobe Diagonalpflasterung einfarbig, hellgrau (Granit) im Vorfeld der Gebäude und als Sockelbefestigung der Kirche Gekörnte Deckschicht einfarbig, hellgrau (Kalksplitt) am Bärenbrunnen als wasserdurchlässiger Baum-Sockel.

    Die Ausstattung der Platzflächen
    Sitzmöbel auf dem Platz sollen sparsam eingesetzt werden, einladend, nicht als Hindernisse! Denkbar sind Standorte im Schatten der Bäume oder an den neuen Gebäuden, dort wo sich vermutlich ohnehin Außengastronomie einstellen wird.
    Vorgeschlagen werden einfache Sitzblöcke (nur in den Schnittansichten als „Platzhalter“ dargestellt) Form, Format und Stückzahl der Sitzmöbel sollen an den tatsächlichen Bedarf angepasst werden, d.h. eine vollständige „Bestuhlung“ erfolgt
    erst nach vollständiger Platzrandbebauung.
    Alle sonstigen Ausstattungen (Poller, Papierkörbe, Fahrradständer, Schilder, Masten etc. ) befinden sich außerhalb der Kernplatzflächen in den bereits durch den Bestand vorgegebenen Ausstattungslinien am Gehwegrand.
    Beleuchtet werden die Platzflächen durch die Straßenbeleuchtung, dabei wird die vorhandene Objektbeleuchtung (vier Bodenstrahler) an der Friedrich-Werderschen-Kirche integriert. Der Bereich um den Bärenbrunnen kann durch Bodenstrahler, die unter die Bäume gerichtet werden, auch bei Dunkelheit als Zentrum erkennbar bleiben.

    Der Bärenbrunnen
    Die heute im Brunnen vorhandene Wassertechnik funktionierte vermutlich als Kreislaufspringbrunnen. Die ursprüngliche Auslegung der Plastik könnte allerdings wegen der vier beckenartigen Vertiefungen als Trinkbrunnen konzipiert gewesen
    sein - Marktbrunnen = Trinkbrunnen -. Ein im Prinzip wünschenswerter Trinkwasser-Betrieb dürfte die Unterhaltungskosten der Anlage überfordern und ist nach heutigen Hygienebestimmungen ohne optisch störende Veränderungen an der Plastik
    vermutlich nicht realisierbar. Es wird daher hier die Auffassung vertreten, das die Symbolkraft des Bärenbrunnens nicht unweigerlich durch „künstliches“ Wasser verniedlicht werden muss.

    ENTWURFSAUSRICHTUNG

    Die Aufgabe, den Markt als Freiraum neu zu definieren und zu überplanen ist ein Auftrag zur Freistellung und Freihaltung von geschichtsintensivem Stadtboden!
    „....Seit Minimal art, Land art und Arte Povera ist der Erdboden, auf dem wir stehen, der Boden der Realität ... - auch für die Kunst -... .“
    (Prof. Marlis Grüterich, Köln 2009 in einem Interview über die Platzierung von Kunst / Skulptur im öffentlichen Raum)
    Der vorhandene freie Platz-Raum erhält mit der bewusst minimalen Gestaltung den aus der Sicht der Stadtgeschichte so wichtigen, Boden zurück!

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Im Hinblick auf die gewählte Materialität / Oberflächengestaltung und dank Berücksichti-gung vorhandener dominierender Gebäude bzw. Vegetation wurde ein ausgewogener, ansprechender Entwurf vorgestellt. Die topografische Besonderheit mit der Absenkung der Fläche vor der Kirche im Kontrast zur Anhebung der Fläche am Werderschen Markt, die Idee des „Pflasterteppichs“ vor der Kirche und die verbindenden Pflasterbänder werden als harmonische und zurückhaltende, dem Ort angemessene Gestaltungsideen empfunden. Der Entwurf erscheint dem Ort sehr angemessen, feinsinnig und dem (Werderschen) Markt gewidmet.

    Jedoch wurde auch festgestellt, dass sich mit Berücksichtigung der im Entwurf nicht dargestellten vorhandenen angrenzenden Einbauten (Verkehrsschilder, Poller, Lichtsignalanlage) ein anderes Bild in der Wirklichkeit ergeben wird.

    Folgende Elemente sollten im Rahmen der weiterführenden Planung diskutiert und ggf. vor Ort überprüft werden:

    - Absenkung vor der Kirche ( Notwendigkeit allgemein und im Hinblick auf Barierrefreiheit),
    - die geplante Anordnung von Schlitzrinnen,
    - Betonmauer mit Natursteinoptik,
    - Farboptionen der zu verwendenden Materialien.
    - Überprüfung der dunklen Pflasterbänder (nördlicher Bereich).


INFO-BOX

Angelegt am 02.12.2009, 16:18
Zuletzt aktualisiert 20.06.2013, 10:12
Beitrags-ID 4-35418
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