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  • DE-32423 Minden
  • 02/2011
  • Ergebnis
  • (ID 2-51511)

Neugestaltung der Fußgängerzone in Minden


  • 5. Preis

    Blick in den Scharn

    Landschaftsarchitekten
    Kortemeier Brokmann Landschaftsarchitekten GmbH, Herford (DE) Büroprofil

    Verfasser
    Nils Kortemeier , Thomas Kiefer

    In Zusammenarbeit mit:
    Architekten: Schlattmeier Architekten BDA, Herford (DE)
    Verkehrsplaner: Bockermann Fritze IngenieurConsult GmbH, Enger (DE)
    Lichtplaner: licht|raum|stadt planung gmbh, Wuppertal (DE), Karlsruhe (DE)
    Visualisierer: draussen. IDEEN IN SICHT, Bodensee (DE)

    Erläuterungstext
    ERZÄHLENDES BAND

    Straßen erzählen Geschichten von Menschen, die sie bespielt haben; von ehrbaren Kaufleuten, fleißigen Händlern, umtriebigen Gesellen, emsigen Handwerkern, Flaneuren, Einheimischen, Fremden und vielen, vielen anderen.

    Straßen erzählen auch Geschichten von Ereignissen, die sie geprägt haben; von Aufbau, von Zerstörung, von Feierlichkeiten, von Streitigkeiten, von Freude, von Schmerz, und vielem anderen.

    Straßen sind Zeugnisse von Geschichte. Dies gilt insbesondere für die Straßen der Mindener Fußgängerzone, die z.T. schon im 12. Jahrhundert besiedelt wurden und daher auf das Engste mit der geschichtlichen Entwicklung der Stadt verbunden sind. Am Wesertor, der Weserbrücke, befand sich der Einlass für die von der Weser kommenden Händler. In der Bäckerstraße sorgten viele fleißige Hände für die Ernährung der Bevölkerung. Am „Poos“ stand nicht nur die städtische Waage, sondern auch der Schandpfahl. Im „Scharn“ wurde von jeher mit Fisch und Fleisch gehandelt; anfangs auf Tischen, dann in Buden und Häusern. Der Marktplatz, wie auch der „Schiefer Markt“ genannte Obermarkt, dienten ebenfalls dem Handel.

    Diese vielfältigen geschichtlichen Facetten werden jetzt wieder erlebbar gemacht. Ein in der Mitte der Straße liegendes „Erzählendes Band“ führt durch die Bäckerstraße, den „Scharn“ und die Obermarktstraße. Das Band erzählt – mittels eingeprägter Texte – bedeutende Geschichten dieser Straßen, ihrer Häuser, ihrer Menschen und ihrer prägenden Ereignisse. Die bedeutende Geschichte der Stadt Minden wird so in einer zeitgemäßen und einzigartigen Form sowohl den Bürgern als auch Besuchern dargeboten und fordert zu einer Reflexion über Vergangenes auf. Im Bereich der Eingänge bewegt sich das Band in die dritte Dimension, zieht Aufmerksamkeit auf sich und bildet somit markante Auftakt-, bzw. Endpunkte. Das Band ist 30 cm breit und besteht aus Messing, welches analog zur Benutzung, bzw. zum Abrieb glänzt und das Band somit fortwährend ins Auge des Betrachters rückt.

    Das „Erzählende Band“ verbindet Bereiche unterschiedlicher Raumtypologien; Platzbereiche (Wesertor, Poos, Marktplatz und Obermarkt) und Straßenräume (Bäckerstraße, Scharn und Obermarktstraße); offene und beengte, besonnte und beschattete Bereiche. Dieser Rhythmus von Raumtypologien erzeugt eine positive und abwechslungsreiche Spannung zwischen Platz und Straße, zwischen Aufenthalts- und Durchgangsorten.

    Die Plätze dienen als Aufenthaltsbereiche. Hier laden Bänke, stadtgerechte Spielgeräte und Wasserspiele zum Verweilen und Ausruhen wie auch zu kurzer körperlicher Betätigung ein. Zugleich lassen sie aber soviel Raum, dass sie im Rahmen von Stadtfesten oder anderen Veranstaltungen variabel bespielt werden können.

    Die Straßen, die in Teilbereichen nur eine Breite von sechs Meter aufweisen, werden – um sie flexibel nutzen zu können – bewusst von Einbauten freigehalten.

    Der Scharn bildet einen Sonderfall: Weder Platz noch Straße, wird er dennoch platzartig gestaltet. Ein Baumdach bildet die in der Vergangenheit dort befindliche Bebauung mit einer Trennung zwischen den Straßen „Hochstraße“ und „Im Scharn“ nach. Unter diesem Baumdach werden zusätzlich zu Sitzmöglichkeiten auch Spielangebote für Kinder errichtet. Zudem erhält der Weserspucker hier einen prominenten Ort, an welchem er deutlich besser wahrgenommen wird.

    Baumneupflanzungen und Baumergänzungspflanzungen erfolgen im Bereich des Platzes am Wesertor, dem Obermarkt wie auch auf dem „Scharn“. Die engen, mittelalterlichen Straßen werden hingegen baumfrei gehalten.

    Beleuchtung
    Die engen Straßenräume der „Bäckerstraße“ und „Obermarktstraße“ werden mit, die Straße überspannenden, Pendelleuchten bestückt. So sind diese Räume zum einen flexibel und hindernisfrei nutzbar und zum anderen werden auch die Konturen der Fassaden auf beiden Seiten hervorgehoben.

    Die Plätze „Wesertor“, „Poos“, „Scharn“ und „Obermarkt“ werden – ebenso wie markante Gebäude – mittels Leuchtstelen illuminiert.

    Die Sitzmöbel erhalten zudem eine Akzentbeleuchtung im Sockelbereich, die sie scheinbar schweben lässt.

    Mobiliar
    Die Straßen der Mindener Fußgängerzone sind seit jeher Orte des Handels. Sitzmöbel in Form von Holzkisten bilden eine Reminiszenz an diese, den Ort so prägenden Tätigkeiten. Die Sitzmöbel unter den Bäumen im „Scharn“ können sowohl zur Aufstellung von Verkaufshütten (z.B. im Rahmen des Weihnachtsmarktes) als auch zur Errichtung eines Laufsteges (z.B. für Modenschauen des Kaufhauses Hagemeyer) temporär entfernt, bzw. in anderer Weise arrondiert werden.

    Im Bereich des Baumhains auf dem „Scharn“ werden „Tanzglockenspiele“, deren Klänge den Stadtraum spielerisch beleben, installiert. Zusätzlich werden hier – ebenfalls aus dem Modul „Holzkiste“ entwickelte – Spielgeräte für Kinder aufgestellt.

    Im Vorfeld der Geschäfte können von den Händlern – ebenfalls in Form von Holzkisten gestaltete – Pflanzkübel einheitlich bepflanzt und aufgestellt werden.

    Belag
    Alle Straßen- und Platzbereiche erhalten einen identischen Belag aus hellem, gesägtem Naturstein. Dieser bildet die ruhige Grundlage, bzw. das einheitliche Passepartout für die angrenzende heterogene Bebauung und zieht somit die Bereiche der Fußgängerzone gestalterisch zusammen. Die Steine erhalten zwei leicht verschiedenartig bearbeitete Oberflächen; glatt und angeraut. Steine mit glätterer Oberfläche lassen den Belag nach Regenfällen oder im Schein der Straßenbeleuchtung subtil glitzern und sorgen somit für eine weitere, subtile Akzentuierung. Zur Hierarchisierung von Nutzungen werden die Plätze – im Gegensatz zu Straßen – mit größeren Natursteinplatten befestigt. Der Belag unterscheidet zudem äußerst subtil – ausschließlich durch die Anordnung von beidseitigen Muldenrinnen – zwischen freizuhaltenden Geh- und Fahrbereichen sowie den Bereichen, in denen die Händler temporär ihre Reiter und Auslagen präsentieren dürfen.

    Der Belag ist vollständig barrierefrei verlegt. Die Entwässerung erfolgt über die zuvor erwähnten, beidseitig angeordneten, ebenfalls aus demselben Naturwerkstein hergestellten Muldenrinnen.

    Als Leitsystem für blinde und sehbehinderte Menschen dienen sowohl die durchgängigen Muldenrinnen als auch das „Erzählende Band“. Erstgenannte heben sich durch eine leichte Kante wie auch die konvexe Wölbung, letztgenanntes durch seine deutlich haptische Oberflächenbearbeitung wie auch den Farbkontrast von dem sich anschließenden Pflaster ab.

    Beurteilung durch das Preisgericht
    Liegt nicht vor.