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  • AT-5412 Puch / Urstein
  • 02/2011
  • Ergebnis
  • (ID 2-52999)

Neubau der Justizanstalt Salzburg


  • 1. Rang


    Architekten
    Poos Isensee Architekten, Hannover (DE) Büroprofil

    In Zusammenarbeit mit:
    Tragwerksplaner: Horn & Partner Ziviltechniker GmbH, Klagenfurt (AT)
    TGA-Fachplaner: d/b/d Planungsgruppe Dröge Baade Drescher GmbH & Co. KG, Salzgitter (DE)

    Erläuterungstext
    A. Städtebauliche Aspekte

    Die Justizanstalt wird als Solitär - bewusst in Gegensatz zum Naturraum - in das landschaftlich geprägte Tal der Salzach gestellt. Er ordnet sich in das orthogonale System der benachbarten Gewerbebauten. Die zufällige Umrissform des gegebenen Grundstückszuschnitts wird dadurch überspielt.
    Um einen großen zentralen Innenhof gruppieren sich die Baukörper zu einem exakt konturierten Rechteck. In der Höhe staffeln sie sich in spiralförmiger Abwärtsbewegung und machen die Funktionen, die sie beherbergen deutlich.
    Klar ablesbar ist der viergeschossige Zellentrakt, der den gesamten Schenkel des Rechtecks einnimmt und sehr blockhaft geschlossen wirkt. Im Eckpunkt leitet der dreigeschossige Riegel an der südlichen Erschließungsstraße zu einer Höhenentwicklung über, die Antwort gibt auf die Attikahöhen der gegenüberliegenden Gebäude im Gewerbegebiet. Dieser Eingangsbauteil macht seine Funktionen dadurch deutlich, dass er mit seinen Nutzungen für Eingangszone, Besucherbereich im EG, Verwaltung im 1.OG und Freigänger im 2. OG über die Haftmauer vortritt, was zusätzlich durch die offene Fassadengestaltung nach außen signalisiert wird. Kom-plettiert durch den zweigeschossigen Winkel für Küche, Wäscherei, Arbeitsbetriebe und Sport umschließt anschließend das in seinen Außenkonturen etwa 81 x 96 m messende Karree den introvertierten, abgeschirmten Pausenhof.
    Einem Kreuzgang ähnlich werden durch Loggia, Kolonnade und Dachüberstände witterungsge-schützte Aufenthaltszonen und Verbindungswege geschaffen. Die beinahe klösterliche Atmo-sphäre stärkt die Tatsache, dass alle Gemeinschaftsfunktionen, Mehrzwecksaal, Bibliothek, dazu Schulung sowie Verkaufsladen, Turnsaal und Werkstätten um diese Mitte versammelt sind.
    Nach außen sind Anlieferhof, Freilufthöfe oder der Sportplatz ihren jeweiligen Funktionen im Inneren der Gebäude direkt zugeordnet. Die Freiflächen werden begrenzt durch den Sicher-heitszaun und die Haftmauer, die mit ihrer Außensicherung das Gebäude in ebenso geomet-risch vereinfachter, gut zu kontrollierender Weise umgibt.

    B. Baukünstlerische Aspekte

    Als Hoftypus in kompakter geometrischer Form konzipiert, thematisiert das Gebäude Innenwelt und Außenwelt, Schützen und Abwehren. Der dem Baukörper zugrunde gelegte rechteckige Quader wird den inneren Funktionen und der Ausrichtung seiner Seiten entsprechend plastisch modifiziert - in seiner Kubatur und in seinen Fassaden. Seine Hülle ist formal zweischichtig auf-gebaut. Gegenüber den Kanten und der Schale der äußeren Schicht treten die zu Fassaden-teppichen zusammengefassten Öffnungen zurück.

    Der Entwurf entstand aus drei wesentlichen Anliegen:

    1. dem kompakten Umsetzen des umfangreichen Bauprogramms auf knapp bemessenem
    Grundstück, dabei auch die erforderlichen Freiflächen unterzubringen und dennoch zu einer
    städtebaulich befriedigenden Lösung zu gelangen.

    2. die sensiblen auf Sicherheit und Optimierung konzipierten Zusammenhänge umzusetzen in
    ein Gebäude, das wirtschaftlich erstellt werden kann, das Arbeitsökonomische Aspekte be-
    rücksichtigt, Betriebs- und Unterhaltungsaufwand reduziert, die Kompliziertheit des Details
    vermeidet und dadurch Robustheit ausstrahlt.

    3. dem Anliegen des humanen Strafvollzugs Rechnung zu tragen, den Haftzellen ein karges
    aber zweckmäßiges Ambiente zu verleihen und in den Gemeinschaftsbereichen begrenzte
    Höhepunkte zu setzen und vertretbare Großzügigkeit zu gewähren, um das Leben in der
    Isolation der Haft zu erleichtern und die Wiedereingliederung in die Gesellschaft vorzuberei-
    ten.


    C. Funktionale Aspekte

    Von der Erschließungsstraße werden im Vorbereich die Parkplätze für Bedienstete und Besu-cher erreicht. Die Zufahrtsschleuse liegt unter Einhaltung der Sicherheitsvorschriften seitlich versetzt zur Geradläufigkeit der Straße an der süd- östlichen Ecke des Grundstücks. Hier befin-det sich der einzige Eingang für Personen und Lieferverkehr in die Justizanstalt. Ausschließlich von hier erfolgen die getrennten Zuwegungen für Gefangene auf der einen, für Bedienstete und Besucher auf der anderen Seite der Torwache. Im weiteren Verlauf, bis hin zum Gesperre, er-folgt die Einweisung in den geschlossenen Vollzug oder, in umgekehrter Richtung, der Kontakt mit Besuchern und, nach Vollendung der Haft, der Weg in die Freiheit.

    Kennzeichen des Entwurfs ist die Dreibündigkeit von Eingangs- Verwaltungs- und Freigänger-trakt und Zellentrakt des Strafvollzugs. Dadurch ist eine gute Funktionstrennung und Abgren-zung der Bereiche gegeben. Die Mittelbundzone nimmt dabei Gemeinschaftsräume an Lichthö-fen im Wechsel mit Nebenräumen und Stiegenhäusern sowie das Dienstzimmer des Wach-dienstes auf, wodurch die Flure durch Sichtbezüge und Lichteinfall akzentuiert werden und die gleichzeitige Überwachung der drei Strafhaft- Module auf einer Ebene möglich ist.
    Damit bleibt die gesamte Länge der Außenfassaden den Haftzellen vorbehalten.

    Diese Orientierung der Zellen verhindert einerseits Kontaktaufnahme der Häftlinge von Zellen-fenster zu Zellenfenster, andererseits ermöglicht sie die Wahrnehmung der Außenwelt, wie z.B. der Landschaft an der Salzach im Westen bzw. den Lauf des Seitenbachs im Osten aufgrund der Höhenlage des Zellentraktes über den Hof hinweg.

    Eine Folge der städtebaulichen Entscheidung ist darüber hinaus die weit abgerückte Lage von der Lärm- intensiven Verkehrsstraße östlich des Grundstücks.

    D. Ökonomische, Ökologische Aspekte

    Aufgrund der klaren und kompakten Gebäudestruktur, der einfachen Baukonstruktionen, der geringen Hüllfläche und der Vorfertigung von Regelbauteilen und Installationsblöcken ist eine kurze Bauzeit und die Einhaltung des Kostenrahmens zu erwarten. Die kompakte Bauweise ermöglicht zusammen mit der ressourcenschonend konzipierten technischen Versorgung (unter 3. beschrieben) einen angemessen niedrigen Betriebs- und Unterhaltungsaufwand.

    Die zweihüftige Erschließung des Hauptgebäudes unterstützt die kontaktfreie Führung der In-sassen und eindeutige Trennung der Funktionsbereiche und ermöglicht eine flexible Gliederung der Abteilungen. Dabei erfahren die übersichtlichen Gänge durch die Innenhöfe wirksame Ab-schnittsbildung und Differenzierung.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Der Entwurf baut auf einer klaren Typologie in einem orthogonalem System auf und bettet das Projekt mit einer mäßigen Höhenentwicklung unaufgeregt in die umgebende Topografie ein. Der Hoftypus stellt im Übergang zum bewaldeten Grünland einen selbstverständlichen Baustein ohne aufgeregte Attitüden dar. Der Zuschnitt des zentralen Hofes ist hinsichtlich Belichtung/Besonnung sehr qualitativ und in einem harmonischen Längen-Breiten-Verhältnis optimal gelöst. Um diesen Hof gruppieren sich die Baukörper in einer spiralförmigen Höhenstaffelung und machen die Funktionen lesbar. Das Projekt zeichnet sich durch eine sinnvolle Verteilung der Funktionsbereiche mit kurzen Wegen aus. Die Erschließung ist klar und bietet eine gute Orientierung. Die Außensicherung ist durch das Fehlen einspringender Ecken optimal übersichtlich. Durch die Kompaktheit der Baukörper verbleiben gut nutzbare Freiflächen. Die ausgestanzten Lichthöfe verstärken die Qualität und Nutzbarkeit der dreihüftigen Anlage durch die atmosphärische Gestaltung der Innenzonen. Das Projekt ist in seiner Gesamtfigur, im Verhältnis der Teile zueinander und in deren jeweiligen Proportionen im Verhältnis zum Ganzen ausgewogen. Die klare Trennung von Wohnen und Arbeiten fördert die Anpassung an reale Lebensstrukturen und die Wiedereingliederung nach der Haftentlassung. Die Verteilmöglichkeit in Hinblick auf das Verbringen der Insassen ist gelungen, ebenso die zwei Auslademöglichkeiten für die Insassen unmittelbar in der Schleuse. Die geplante Freigänger-Abteilung ist im Falle einer Umwidmung wieder integrierbar.