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  • DE Berlin
  • 06/2005
  • Ergebnis
  • (ID 2-2430)

Neubau der Justizvollzugsanstalt Düppel


  • 3. Preis


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    Architekten
    AssmannSalomon AS, Berlin (DE)

    Mitarbeit
    Frank Assmann, Peter Salomon Mitarbeiter: Tobias Brockmüller, Andreas Büttner, Nicole Domaing, Johannes Frölich, Hartmut Kortner, Malte Meyer, Marco Neumann

    Preisgeld
    9.100 EUR

    Erläuterungstext


    Städtebau - Grundidee
    Für das städtebauliche Umfeld des Projektes ist eine heterogene Bebauung kennzeichnend. Maßgeblich sind ländliche Behelfsbauten sowie kleine und kleinste Wohnhäuser in - für die Peripherie der Stadt - typischen Siedlungsformen bis hin zu raumgreifenden Universitätsbauten im großflächigen Maßstab. So gesehen vermittelt die städtebauliche Idee des Projektes einerseits zwischen den Bebauungsextrema der unmittelbaren Umgebung, andererseits findet die Verkörperung des Konfliktes von Offen- und Geschlossenheit bzw. öffentlicher Präsens und Introversion statt.

    Das Projekt verfolgt eindeutig das Ziel der behutsamen städtebaulichen Einpassung (z.B. über die Entwicklung der Geschossigkeit) bei gleichzeitigem Höchstmaß an Funktionalität. Diese für eine Haftanlage scheinbar im Widerspruch zu heutigen städtebaulichen Standards stehenden Parameter werden dahingehend gelöst, dass die Justizvollzugsanstalt in einem per se offen bebauten Gebiet auch als Gebäude-Ensemble konzipiert ist. Inhalt und Funktion geschuldet wird mittels homogener Arrondierung der Baukörper und einheitlichem Erscheinungsbild quasi “zwangsweise“ auch eine gewisse Strenge suggeriert und Geschlossenheit hergestellt.

    Einem dualen Prinzip folgend, gliedert sich die Anlage primär in zwei Bereiche: dem bebauten Bereich mit der eigentlichen Haftanstalt und davon klar abgesetzt dem unbebauten Teil mit Arbeitsbereich und Gärtnerei. Dieses Gliederungsprinzip setzt sich ebenfalls in der Bebauungsstruktur und der Gebäudeorganisation fort: der Haftbereich ist in Wohnen und Versorgung aufgeteilt - das Versorgungsgebäude in Verwaltungs- und Werkstatttrakt, die Werkstatt in Arbeiten und Freizeit. Konsequent umgesetzt reicht dieses Prinzip bis zur inneren Erschließung, Wegeführung und Konzeption der Wohngruppen in offen/geschlossen, sicher/unsicher ... etc.

    Es mündet schließlich in der Zweiheit von Teil und Ganzem - analog seiner gesellschaftlichen Bedeutung von Individuum und Gemeinschaft, Ausgrenzung und Integration.

    Erschließung
    Gemäß der Sicherheitsanforderungen ist die gesamte Haftanstalt umzäunt. Sie wird von der Robert-von-Ostertag-Straße aus erschlossen. Vor dem Verwaltungsgebäude liegt im Blickfeld der Pforte der Hauptzugang für Mitarbeiter, Gefangene, Anlieferung und Besucher. Optional kann Unmittelbar vor dem Werkstatttrakt ein zweites Tor geöffnet werden, um größeren Fahrzeugen das Wenden zu ersparen oder bei Bedarf eine zügige Räumung dieses Bereiches zu gewährleisten.

    Eine Nebenzufahrt - überwiegend für den Gärtnereibetrieb - ist über den Weg entlang des Bahndammes geplant. Dieser Weg dient auch der Müllentsorgung sowie der notwendigen Feuerwehrzufahrt zum Inneren des Geländes mit entsprechenden Feuerwehraufstellflächen. Der bestehende Geländeversprung zum Sportplatz wird unter Erhalt des Baumbestandes befahrbar befestigt, so dass die Feuerwehr den gesamten Inneren Bereich umfahren kann und ohne zu wenden über das zweite Tor an der Robert-von-Ostertag-Straße das Gelände wieder verlassen kann.

    Eine Besonderheit stellt der Abtransport aus den Gesichterten Hafträumen dar. Diese sind so ausgerichtet, dass sie von außen nicht einsehbar an eine Art Toreinfahrt angrenzen, von wo aus der Häftling auf kürzestem Wege direkt in ein davor stehendes Fahrzeug geführt werden kann.

    Pforte und Zentraler Bereich
    Die Pforte ist zentrale Anlaufstelle für Personal, Mitarbeiter, Häftlinge und Besucher. Sie ist mittig im Versorgungs- und Verwaltungsgebäude plaziert. Von hier aus ist ein direkter Sichtkontakt in den Werkstattbereich, zur Verteilerküche, zum Besucherzentrum, zur Vollzugsgeschäfts-, Zahlstelle und zum Haupttreppenhaus der Verwaltung möglich und eine getrennte Wegeführung entsprechend der verschiedenen Nutzer und Personengruppen konzipiert.

    Das Lagezentrum mit Zentrale und besonders gesicherte Serverraum befindet sich im 1.OG, wie in Hakenfelde unmittelbar neben den Räumen der Leitungsebene, städtebaulich und sicherheitstechnisch am äußersten Punkt des Gebäudekomplexes. Über das hier angrenzende Nebentreppenhaus (optional als separate Erschließung der Verwaltung) kann das Lagezentrum im Krisenfall auch direkt von Außen erreicht werden.

    Verwaltung und Versorgung
    Im Obergeschoß des zweigeschossigen Verwaltungstraktes an der Robert-von-Ostertag-Straße sind ausschließlich Räume der Anstaltsleitung, Hauptgeschäftsstelle, Personalverwaltung bis hin zu Umkleide- und Sozialräumen angeordnet. Alle Räume der Häftlingsaufnahme, -versorgung und Vollzugsbetreung befinden sich im Erdgeschoß mit kontrolliertem Zugang über die Pforte. Der Werkstatt-, Arbeits- und Freizeitbereich ist um einen kleinen Innenhof mit hoher Aufenthaltsqualität gruppiert.

    Wohngruppen
    Entscheidend für die städtebauliche Disposition ist die Unterbringung der sechs Wohngruppen in zwei, jeweils dreigeschossigen Gebäuden. Dadurch wird einerseits die Überbauung des ohnehin schon zu kleinen Grundstücks minimiert, andererseits eine kostengünstige “komprimierte“ bzw. kompakte Bauform möglich. Die Gebäude in L-Form sind um einen Hofgarten gruppiert und bilden im Zentrum der Haftanstalt eine introvertierte Mitte und Raum für verschiedene Freizeitfunktionen.

    Die Eingänge zu den Wohngruppen liegen jeweils in den Gebäudeecken. Über das Haupttreppenhaus gelangt der Häftling zu seiner Wohngruppe. Die offen (mit einfacher Bauausführung) gebauten Treppenhäuser jeweils am Ende der Gebäudeschenkel sind ausschließlich als Fluchttreppen gedacht.

    Im Scheitelpunkt der L´s befinden sich die Räume für Gruppenleitung und Allgemeinen Vollzugsdienstes. Ihre zentrale Anordnung ist allerdings mehr dem Ausdruck nach identitätsstiftender Gruppenbildung und Betreuungsanspruch geschuldet als der Kontrolle und bloßen Erfüllung des panoptischen Prinzips.

    Gewächshaus, Nebenräume und Außenraum
    Die meisten Lager, Archiv- und Nebenräume sind im unterkellerten Teil der Verwaltung untergebracht. Ausnahme bildet das Lager der Hauskammer, das wenigstens teilweise im Erdgeschoß unmittelbar der Hauskammer zugeordnet ist.

    Das bestehende Gewächshaus wird erhalten und entsprechend Auslobung umgenutzt. Der Verkaufsbereich wird neu an die Robert-von-Ostertag-Straße verlegt. Laden, Garagen, Carport und Müllstelle unterscheiden sich von der Anstaltsarchitektur insofern, dass sie als Elemente eher dem Außenraum bzw. der Gärtnerei zugehörig, in einfacher und rationeller Gewächshaustechnik bzw. industrieller Bauweise ausgeführt werden.

    Der Außenraum ist bis auf wenige Ausnahmen weitestgehend unversiegelt belegt. wassergebundene Tennenbeläge als befahrbares Wegesystem ausgeführt und wenige in Kleinsteinpflaster ausgeführte “harte“ Flächen unmittelbar an den Gebäuden bilden gemeinsam das Erschließungssystem. Die Grünflächen zwischen den Gebäuden und der Hofgarten sind mit einfachen, anstaltseigenen Mitteln ausführbar. Ebenso das in diesem Bereich liegende Mulden-Rigolen-System zur Regenwasser-Versickerung. Die jetzigen Grabelandflächen werden zu Zwecken der Gärtnerei umgenutzt. Alle erhaltenswerten Bäume bzw. “Grün-Strukturen“ bleiben wie auch der Sportplatz bestehen.

    Konstruktion, Kosten und kurze Bauzeit
    Neben baulichen Standards zur kostengünstigen Konstruktion, wie die Verwendung von seriell hergestellten Bauteilen zum Beispiel Filigranwände und -decken oder Kosteneinsparungen über die Minimierung von Glas- bzw. Fensterflächen sind nachstehende Kriterien entscheidend für eine Kosten- und Bauzeit senkende Planungs- bzw. Bauweise:

    - Minimalisierung der Erdbewegungen durch weitestgehenden Erhalt der Topographie
    - Erhalt des Sportplatzes
    - Kompakte Gebäudekonzeption und dichte Ausnutzung des Baufeldes
    - Kleinstmögliche Unterkellerung in Abwägung zu oberirdischen Lagerflächen
    - Einfache und solide Bauweise generiert kurze Bauzeit und geringe Folgekosten
    - Realisierung in Abschnitten unter zunächst temporärer Nutzung des Bestandes
    - Erstbezug nur eines Hafthauses mit ggf. “Mehrfachbelegung“ der Hafträume bis zur endgültigen Fertigstellung des zweiten Hafthauses.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Diese Arbeit überzeugt auf den ersten Blick durch eine eindeutige Aufteilung der unterschiedlichen Nutzungen auf die verschiedenen Baukörper. Die Erschließungssituation an der Robert-von-Ostertag-Straße wird durch einen kleinen Vorhof angenehm akzentuiert.
    Die unterschiedlichen Nutzungen wie Versorgung, Verwaltung und die Wohnbereiche sind durch differenzierte Gebäudehöhen und verschiedene Gebäudetypen deutlich ablesbar.
    Gleichzeitig wird mit dieser strikten Trennung der Nutzung auf separate Baukörper auf die Kleinteiligkeit der Bebauung in der näheren Umgebung Rücksicht genommen. Kontrovers diskutiert wurde im Preisgericht, dass die dreigeschossigen Wohngebäude im rückwärtigen Grundstücksbereich liegen, während in der eher städtischen Situation der Robert-von-Ostertag-Straße das Verwaltungsgebäude und der Verwaltungstrakt lediglich zwei- und eingeschossig ausgebildet sind.
    Die Lage der hochfrequentierten Bereiche wie Besucherraum und Verteilerküche an zentraler Stelle mit Bezug zum Freiraum erscheint funktional plausibel. Die Freiflächen zwischen den einzelnen Baukörpern laden in ihrer Dimension sowie in Bezug auf ihre jeweilige Lage zum Verweilen ein. Das Preisgericht kritisiert jedoch ausdrücklich die Lage der Eingänge zu den Wohngruppen. Die Größe und Aufteilung der Wohngruppe sowie ihre Zuordnung zu den kleinteiligen Gemeinschaftsbereichen wird als gelungen betrachtet. Als günstig werden auch die Aufsichtsmöglicheiten durch das Personal angesehen.
    Kritisch betrachtet wird die Tatsache, dass es sich um eine relativ schlecht belichtete Mittelgangserschließung handelt. Die Einfriedung des gesamten Grundstücks mit einem niedrigen Mauersockel und einem sehr transparenten Stahlzaun ist zwar aufwändig wird jedoch durch das Preisgericht gewürdigt. Die Fassade im Verblendmauerwerk ist durch horizontale Gesimsbänder und die vertikale Strukturierung durch Fensterpaare ansprechend gegliedert. Nicht überzeugend ist die Dimensionierung und die Lage Fenster im jeweiligen Wohnraum.
    Insgesamt liefert dieser Entwurf einen städtebaulich sowie funktional angemessenen Beitrag für die hier gestellte Aufgabe und lässt auch langfristig einen kostengünstigen Betrieb erwarten.


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