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  • DE-64289 Darmstadt, DE-64331 Weiterstadt
  • 08/2011
  • Ergebnis
  • (ID 2-65289)

Neubau der Hessenwaldschule sowie dazugehörige Freianlagen


  • 3. Preis

    Perspektive Aussen

    Architekten
    Eller + Eller Architekten, Düsseldorf (DE), Berlin (DE), Moskau (RU) Büroprofil

    Verfasser
    Erasmus Eller

    Mitarbeit
    M.S.Christiane Flasche, Martin Schliefer

    In Zusammenarbeit mit:
    Landschaftsarchitekten: urbanegestalt, Köln (DE)

    Preisgeld
    13.500 EUR

    Erläuterungstext
    Städtebauliches Konzept

    Das von der Hessenwaldschule erarbeitete Lernkonzept sieht eine „fraktale Schule“ vor, bei der räumlich differenzierte Jahrgangsbereiche den Schülern einen eigenständigen Identifikationsraum bieten sollen. Davon ausgehend basiert unser Konzept auf drei Baukörpern, die jeweils zwei Jahrgangsbereiche beherbergen, jeder Jahrgang belegt eine komplette Etage. Diese Baukörper gruppieren sich um einen multifuntkionalen, zweigeschossigen Innenraum, der in verschiedene Bereiche unterteilbar ist und Foyer, Pausenhalle, Aula und Mensa beherbergt. Im Erdgeschoss befinden sich ausserdem alle gemeinsam genutzten Räume wie z.B. Naturwissenschaften, Musik, Bibliothek und die Verwaltung. Die Bereiche Werken und Kunst sind gemeinsam mit den Räumen für den Hausmeister im Bestandsgebäude untergebracht.


    Architektonisches Konzept

    Die zweigeschossigen Baukörper der Jahrgangsbereiche schweben als „Baumhäuser“ über dem gemeinschaftlich genutzten Erdgeschoss. Sie sind für die Schüler als einzelne Einheiten erkennbar und bieten so eine starke Identifikationsmöglichkeit des einzelnen Schülers mit „seinem“ Bereich. In Anlehnung an das Bild des Baumhauses besteht die Fassade aus unterschiedlich breiten Holzstreifen, die ein lebhaftes, dem Ort angemessenes Erscheinungsbild erzeugen. Die Fassade im Erdgeschoss nimmt in seiner Farbigkeit die Umgebung auf und verstärkt den Effekt der „schwebenden Baumhäuser“.


    Räumliche Organisation

    In Anlehnung an die im Lernkonzept postulierte „fraktale Schule“ haben wir für die Grundkonzeption des Neubaus eine fraktale Logik gewählt: Die einzelnen „Jahrgangshäuser“ gruppieren sich um einen „Marktplatz“, welcher die öffentlichen Funktionen enthält. Dieser Aufbau wird auch bei der Gliederung der Jahrgangsbereiche in kleinerem Maßstab angewendet: Die einzelnen Klassenräume gruppieren sich um ein gemeinsames „Forum“, in welchem klassenübergreifendes, offenes Lernen möglich ist.
    Das Forum bildet den Kernbereich eines jeden Jahrgangs und öffnet sich mit einer grossen, geschosshohen Verglasung zum Wald hin. Jedes Jahrgangshaus öffnet sich mit seinem Forum in einer anderen Richtung zum Wald, so dass unterschiedliche, charakteristische Lichtsituationen entstehen.

    Der Schüler bewegt sich in klar abgestuften Bereichen: Aus dem eher privaten Bereich des Klassenzimmers tritt er ins „Forum“, wo er auf andere Schüler seines Jahrgangs trifft. Begibt er sich aus dem „Forum“ auf den „Marktplatz“, begegnet er den Schülern aller anderen Jahrgänge.


    Funktionalität

    Erschliessung
    Das Foyer öffnet sich nach Norden und nach Süden, um der vorhandenen Anfahrtssituation gerecht zu werden: Von Norden kommen die Schüler, welche den Bus nutzen, während im Süden der Elternparkplatz liegt. Der als Multifuntkionsraum gedachte Bereich Foyer/Aula/Mensa öffnet sich grosszügig nach Westen mit Blick auf den Pausenhof und den dahinter liegenden Wald.

    Die Erschliessung der einzelnen Jahrgangsbereiche erfolgt in zwei Stufen: Im ersten Obergeschoss über eine breite Galerie, die von allen Schülern genutzt wird; von dort aus führen einzelne Treppen ins zweite Obergeschoss.
    Die Galerie dient als Verbindung zwischen den einzelnen Jahrgangshäusern und belebt gleichzeitig den öffentlichen, zweigeschossigen Multifunktionsraum. Die dargestellten Aufzüge dienen allein der behindertengerechten Erschliessung und werden jeweils nach Bedarf aktiviert.

    Bestand
    Das bestehende Gebäude eignet sich optimal für die Unterbringung der Bereiche Werken, Kunst und der Räume für den Hausmeister. Die im Raumprogramm geforderten Raumgrössen dieser Bereiche lassen sich ohne grosse Umbaumassnahmen im Bestand verwirklichen, ausserdem ist es sinnvoll, die Bereiche mit grosser Lärmentwicklung (Werkstätten, Maschinenraum) abseits des regulären Schulbetriebs unterzubringen. Die Verbindung zum Neubau erfolgt über den Bereich der Naturwissenschaften, um einen wetterfesten Übergang zu ermöglichen ist ein überdachter Weg denkbar.
    In einem Anbau an das Bestandgebäude wir die neue Heizzentrale untergebracht, die Erschliessung für die Pelletanlieferung erfolgt über die Busschleife an der Nordseite des Gebäudes und ist somit optimal vom Schulbetrieb entkoppelt.
    Bauabschnitte

    Der Neubau wird im östlichen Teil des Grundstücks platziert, um eine Errichtung während des laufenden Schulbetriebs zu ermöglichen. Im Bereich des Verbindungsbaus (Altbau) kommt es zu einer leichten Überlappung von Alt- und Neubau, die prinzipiell auf zwei Arten gelöst werden kann:

    Variante A: Teilabriss des Verbindungsbaus (Altbau), temporäre Unterbringung dieser Räume in Containern, Errichtung des Neubaus in einer Phase, Komplettabriss Altbau.

    Variante B: Teilerrichtung des Neubaus, Teilabriss des Altbaus, Fertigstellung des Neubaus, Komplettabriss Altbau.

    Die Variante A ist aus Kostengründen zu empfehlen, Variante B erfüllt die Forderung der Auslobung nach einer Umsetzung ohne Interimslösung.


    Nachhaltigkeitskonzept

    Integrales Energie- und Klimakonzept

    Der sparsame Umgang mit begrenzten Ressourcen, wie fossilen Brennstoffen und Wasser, ist Maßgabe für jede nachhaltige Gebäudeentwicklung zur Optimierung der Life-Cycle-Costs und Reduzierung der Emission bis hin zum Nullemissionsgebäude. Der Gebäudeentwurf realisiert den hohen energetischen Passivhaus-Standard. Der Heizwärme-bedarf < 15 kWh/m²a liegt somit um über 70% unter den aktuellen EnEV-Anforderungen. Über die hohe energetische Qualität der Fassade, die hygienische Lüftung, das behagliche Heizsystem und eine hohe Tageslichtausnutzung wird ein behagliches Lernumfeld geschaffen.

    Raumbezogenes Klimakonzept

    Bedarforientierte hygienische Lüftung
    Zur Gewährleistung einer gleich bleibenden Luftqualität und Reduzierung des Energieverbrau-ches wird eine bedarfsorientierte hygienische Lüftung eingerichtet. Die Bemessung erfolgt über einen personenbezogenen Frischluftbedarf mit 20 m³/h pro Schüler. Hierdurch wird eine CO2-Konzentration von 800 ppm erreicht (Arbeitsstättenrichtlinie < 1.500 ppm). Die Zuluft wird über speziell für Klassenräume entwickelte Düsenauslässe in die Räume geführt. Somit kann der gesamte Klassenraum gleichmäßig durchströmt werden. Über eine passivhauszertifizierte Lüftungsanlage mit hocheffizienter Wärmerückgewinnung wírd über 90% der Wärme aus der Abluft rückgewonnen.

    Nachtkühlung

    Als natürliche Kältequelle wird die sommerliche Nachtluft zur Kühlung der massiven Bauteile genutzt. Durch die Kühle der Nachtluft werden die am Tag aufgeheizten Flächen abgekühlt, womit eine spürbare Reduktion der maximalen sommerlichen Raumlufttemperaturen erreicht wird. Zur optimalen Nutzung der Speicherfähigkeit der Betondecken werden diese nicht abgehängt.

    Option „Natürliche Klimatisierung“

    In Verbindung mit der Nachtkühlung kann als Option eine Erdwärmenutzung über eine Erdson-denanlage eingesetzt werden, die im Sommer über „Natural Cooling die Kühlung des Gebäudes über Kombiregister der Lüftungsanlagen gewährleistet. Im Winter kann die Erdwärme über eine Wärmepumpe als Ergänzung zur Holzpelletanlage ein hocheffizientes System zur Beheizung des Gebäudes bieten.

    Tageslichtnutzung

    Die Fassadengestaltung in Verbindung mit einer intelligenten Außenverschattung sorgt für eine weitgehende Nutzung der natürlichen Belichtung für die Klassen- und Fachräume. So entsteht über den Außenbezug ein natürliches Arbeitsklima bei gleichzeitiger Reduktion der äußeren Wärmelasten.
    Die Verschattung erfüllt dabei die zwei Funktionen Tageslichtlenkung und Blendschutz. Dies bewerkstelligt eine zweiteilige Jalousie, die im oberen Bereich über flachere Lamellenwinkel das Tageslicht blendfrei über die Decke in den Raum leitet, während die Lamellen im unteren Be-reich bei starker Sonneneinstrahlung weitgehend geschlossen sind.
    Die künstliche Beleuchtung wird zur Gewährleistung der erforderlichen Beleuchtungsstärken in den Klassenräumen tageslichtabhängig zugeschaltet. Bei hohem Tageslichtanteil wird die Be-leuchtung ganz abgeschaltet.
    Die Grundbeleuchtung der Räume wird über Anwesenheitsmelder geschaltet, so dass sich überflüssige Beleuchtung automatisch abschaltet.
    CO2-neutrale Energieerzeugung

    Holzpelletanlage

    Der minimal erforderliche Restwärmebedarf der Passivhausschule wird regenerativ über eine Holzpelletanlage gedeckt. In Verbindung mit der optional einzusetzenden Wärmepumpenanlage kann hier eine nahezu emissionsfreie Heizwärmeversorgung realisiert werden.

    Fotovoltaik für eine CO2-neutrales Gebäude

    Durch den hohen Standard der Gebäudehülle, die effiziente Gebäudetechnik und die energiespa-rende Wärmeerzeugung wird der Energiebedarf maximal minimiert, so dass über eine Fotovol-taikanlage, die auf dem Dach des Gebäudes aufgestellt wird, die Emissionen weiter in Richtung Nullemissionsgebäude reduziert werden können.


    Freiflächenkonzept

    Das Motiv einer Lichtung im Wald dominiert den die Schule umgebenden Freiraum.
    Ein befestigter Bereich mit unterschiedlichen Oberflächen um das Schulgebäude liefert den Jahrgangshäusern zugeordnete Spielflächen für die verschiedenen Altersgruppen.
    Den Ansprüchen der Ganztagsschule entsprechend bietet der Schulhof eine Vielfalt unterschiedlicher Atmosphären und nutzbarer Räume an. Hier finden sich überdachte Pausenorte, Aufenthaltsorte, der Außenbereich für Mensa, Aktivitätszonen mit verschiedenen Spiel- und Sportangeboten. Gärten im Westen des Schulgeländes vermitteln zwischen Lichtung und Waldrand, geben den Schülern und Schülerinnen Raum für eigene gärtnerische Experimente und sorgen für atmosphärische Rückzugsorte und Ruhezonen. Die zwischen Schule und Gärten gelegene Lichtungswiese schafft Weite und Platz für Spiel und Bewegung.
    Im Osten des Schulhofgeländes zieht sich eine durchgehende Erschließungszone von der Buszufahrt im Norden zum Parkplatz bei der Sporthalle im Süden. Sie greift bestehende Wegeverbindungen auf und verknüpft sie mit dem zentralen Ort des Schulfoyers. Diese durchgehende befestigte Fläche wird an drei Stellen für Flächen zur Regenwasserversicker-ung durchbrochen. Hier kann das Wasser auf kurzen Wegen sichtbar in der Oberfläche versickert werden. Die Flächen stehen in Beziehung mit den Bereichen für das offene Lernen in den Jahrgangshäusern und weiten deren Ausblicke ins Grün.
    Großbäume an der Haupterschließungsachse geleiten den Besucher zum Foyer der Schule, kleine fruchtende Laubgehölze gliedern die Gartenbereiche im Westen, auf der großen Wiese wird der Baumbestand so weit wie möglich erhalten. Die Schule in der Lichtung wird zum erlebbaren Bild für alle Nutzer der Hessenwaldschule.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Städtebauliche Leitidee

    Der Verfasser schlägt drei präzise gut proportionierte Schulkuben vor, die um ein zentrales Foyer angeordnet sind. Die Baukörper, obwohl kompakt organisiert, verzahnen sich wohltuend mit dem umgebenden Außenbereich.
    Das neue Schulgebäude wird selbstverständlich mit Busparkplatz und dem südlichen Hauptzugang verknüpft. Die Erschließung ist selbsterklärend und eindeutig erkennbar.
    Die Freiflächenplanung wirkt etwas verkünstelt. Negativ zu sehen ist der breite versiegelte Kranz aus Betonpflaster, der rund um sämtliche Erdgeschossräume gelegt wird. Statt der gewünschten Verzahnung zwischen Innen und Außen wird ohne Not eine künstliche Barriere zwischen Schulgebäude und dem Freibereich vorgeschlagen.

    Das Raumprogramm wird sinnvoll und funktional vernünftig organisiert. Die Anordnung des Bereiches für den Lehrkörper in der Nähe des südlichen Eingangsbereiches ist funktional richtig. Die innere Erschließung dieses Baukörpers über einen lichtfreien, mehrfach geknickten Flur ist hingegen nicht akzeptabel. Besser gelöst erscheint der Baukörper, in dem die Fachräume untergebracht sind. Die Lage dieser Räume ist im Gesamtgrundriss logisch angeordnet. Weniger zufriedenstellend ist im
    östlichen Bereich auch hier die dunkle Innenerschließung.
    Intelligent und großzügig ist die Anordnung der Aula und des Mensabereiches: Durch die direkte Anbindung an das zentrale Foyer erhält die Schule eine hohe Flexibilität, da die Räume sich je nach Erfordernis dem Foyerbereich zuordnen lassen.
    Die in den Obergeschossen untergebrachten Lernbereiche weisen angenehme Proportionen auf, die die gewünschte integrative Nutzung ermöglichen. Zwischen den Unterrichtsräumen und dem zentralen Forum lassen sich gut visuelle und funktionale Beziehungen herstellen. Allerdings befürchtet der Nutzer ob der hohen Raumtiefe einen Mangel an Tageslicht.

    Im Bestandsbau wird konsequent der Werkbereich angeordnet. Die Entscheidung erscheint stimmig, da das zwangsläufig mit Werkstätten verbundene Lärmproblem auf diese Weise elegant minimiert wird. Die Aufteilung in Einzelbaukörper gliedert die Gesamtbaumasse geschickt. Dem Entstehen einer voluminösen Großform, die aufgrund des großen Raumprogramms leicht entsteht, wird durch die Aufteilung in Einzelbaukörper in den Obergeschossen entgegengewirkt. Die Fassadengestaltung mit
    einer Holzverschalung wirkt sympathisch und der Lage am Waldesrand angemessen.
    Aufgrund der kompakten Bauform und der statisch vernünftigen Spannweiten, ist diese Lösung als wirtschaftlich einzuschätzen. Die Flächenkennwerte wie BGF BRI und VF, weisen ebenfalls in die gleiche Richtung.

    Der Beitrag stellt eine ausgewogene und angemessene Lösung der Aufgabe dar.