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  • ein 3. Preis


    Stadtplaner
    Trojan + Trojan | Architekten + Städtebauer BDA DASL, Darmstadt (DE) Büroprofil

    Verfasser
    Prof. Klaus Trojan , Verena Trojan

    Mitarbeit
    Carl Wilkens, Moritz Mücke, Dr. Michael Christian Müller, Dr. Burkhard Wollenweber

    In Zusammenarbeit mit:
    sonstige Fachplaner, Stadtplaner: Stadtkuratoren – Müller + Wollenweber, Hannover (DE)

    Preisgeld
    16.500 EUR

    Erläuterungstext
    STÄDTEBAULICHER WETTBEWERB ALTSTADT CELLE – LEBEN IN DER MITTE


    PLANUNGSAUFGABE

    Die Entwicklung der letzten Jahrzehnte ist durch die zunehmende Verlagerung ehemals innerstädtischer Funktionen in die Außenbereiche gekennzeichnet, das betrifft insbesondere Sektoren von Gewerbe, Diensten, Verwaltung und natürlich auch das Wohnen.
    Die Folgen des wirtschaftlichen und demografischen Wandels finden insbesondere in Celle ihren Niederschlag, wo der kompakte Altstadtkörper ursprünglich die gesamte Vielfalt, Dichte und Überlagerung des urbanen Lebens aufgenommen hat.

    Um die Altstadt von Celle mit ihrer außergewöhnlichen Denkmalpräsenz als lebendigen Stadtorganismus zu erhalten und ihre Aufgabe neu zu interpretieren, ist das Förderprogramm „Städtebaulicher Denkmalschutz“ ein geeignetes Mittel, mit dem die Leistungsfähigkeit der baulich-räumlichen Strukturen aktiviert und denkmalverträgliche Funktionen weiter entwickelt werden können, die das „Leben in der Mitte“ ausmachen.

    Dabei gilt es, den gewachsenen Bestand als Impulsgeber für Ideen und Strategien zu begreifen, mit denen aktuelle und künftige Herausforderungen in ihrer Wechselwirkung von Raum, Funktion und Nachhaltigkeit angegangen werden.

    Um abschätzen zu können, welche Rolle die Altstadt unter dem Aspekt einer „Erhaltenden und aktivierenden Erneuerung“ einnehmen kann und welche stabilisierenden, zukunftsorientierten Maßnahmen erforderlich sind, muss ihre Entwicklung in einem größeren gesamtstädtischen Zusammenhang und in den regionalen Bezügen betrachtet werden. Erst diese ganzheitliche Herangehensweise ermöglicht ein Konzept, das dem erwarteten Anspruch an Nachhaltigkeit entspricht.

    Im Rahmen des Wettbewerbsgutachtens kann jedoch nicht die gesamte Bandbreite und Komplexität der für Celle anstehenden Entwicklungsanforderungen abgehandelt und ausgearbeitet werden, der Beitrag muss sich vielmehr auf offensichtliche Defizite, Optionen und Potentiale innerhalb und im näheren Umfeld der Altstadt konzentrieren:

    - Innerhalb der Altstadt sind gemäß Aufgabenstellung Vertiefungskonzepte für zwei aufgrund der jüngeren Entwicklung sehr unterschiedlich strukturierte Randquartiere aufzuzeigen.
    - Für das unmittelbare Umfeld der Altstadt stellt sich die Frage, wie und wo zentralörtlich wichtige Nutzungen angesiedelt werden können, die das Funktionieren des Kerns stabilisieren und ergänzen.
    - Im Sinne einer über den Denkmalschutz hinausgehenden Nachhaltigkeitsstrategie für das Selbstverständnis von Celle ist herauszuarbeiten, wie die vorhandenen außergewöhnlichen landschaftlichen Potentiale zu aktivieren und mit dem Altstadtkern besser zu vernetzen sind.
    - Schließlich wird auch auf die aktuelle Frage eingegangen, wie der bereits beschlossene Verkehrsausbau der Ringstraße im Bereich von Nordwall und Neumarkt städtebaulich integriert und die Altstadt darüber hinaus vom Parksuchverkehr entlastet werden kann.


    ENTWICKLUNGSPOTENTIALE AM RANDE DER ALTSTADT

    Zur Einschätzung, welche Rolle die Altstadt künftig einnehmen wird und welche stabilisierenden, die Altstadt stärkenden Entwicklungspotentiale am Rande der Altstadt gegeben sind, muss sie in größerem gesamtstädtischen Zusammenhang und ihren regionalen Bezügen betrachtet werden. Im Rahmen der vorgegebenen Aufstellung kann jedoch nur auf dem unmittelbaren Altstadtrand und den umgebenden Landschaftsraum eingegangen werden.

    Verkehrsausbau Nordwall

    Der von der Stadt beschlossene Ausbau der L 214 im Bereich des Nordwalls wird aufgegriffen und ist Option für die Neustrukturierung einer straßenbegleitenden Neubebauung für Dienstleistungen. Analog zum Südwall wird eine offene, durchgrünte, jedoch leistungsfähigere Bauweise vorgeschlagen, die den Stadtgraben freilässt und über kleine Grünplätze die Wegverbindung zur Aller öffnet. (siehe auch Anlage „Städtebaulicher Denkmalschutz“)

    Stadteingang Westceller Tor / Arno-Schmidt-Platz

    Von den drei Stadteingängen und ehemaligen Torsituationen der Altstadt ist heute nur der Arno-Schmidt-Platz an der Westcellertorstraße stadtbildprägend und mit Bibliothek und direktem Zugang zum Schlosspark sowie durch das in die zweite Reihe gesetzte Parkhaus repräsentative und funktional leistungsfähiger Stadteingang und Ankunftsort für die Altstadt. Planungsvorschlag ist, auch den Neumarkt und das ehemalige Altencellerthor am ehemaligen Altencellerthor als stadtbildprägende und zugleich entlastende wie aktivierende Stadteingänge aufzuwerten.

    Stadteingang Neumarkt

    Im Zusammenhang mit der beschlossenen Verkehrsneuordnung am Neumarkt kann der Platzraum und mittelfristig auch die östliche Randbebauung zu einem attraktiven und urbanen Stadteingangsplatz umgestaltet und aufgewertet werden. Als östliche Platzbegrenzung kann eine Neubebauung für Verwaltung, Behörden und Dienste entstehen, die die benachbarten behördlichen Einrichtungen strukturell und als Arbeitsplatzschwerpunkt ergänzen. Die Südseite des Platzes wird zum verkehrsfreien Aufenthaltsbereich und als Vorplatz zur Altstadt neu gestaltet. Eine große öffentliche Tiefgarage unter der Platzfläche dient den Stadtbesuchern und kann auch das Anliegerparken für den nördlichen Altstadtbereich übernehmen.

    Mit dieser infrastrukturellen Neuordnung, den zusätzlichen Arbeitsplätzen und ergänzenden Service- und Aufenthaltsangeboten entsteht ein sowohl repräsentatives wie effizientes Entré zur Altstadt, das auch die Einzelhandelsläufe zur Stadtmitte stärkt (Marktpassage und Hehlentorstraße).

    Stadteingang Altencellerthor und Markthalle

    Im Zuge der räumlich-strukturellen Stadtreparatur kann die historische Wegführung von der Mauernstraße über das ehemalige Altencellerthor zur Blumlage wieder als östlicher Stadteingang verdeutlicht werden.
    Am freigelegten Stadtgraben entsteht mit flankierenden und raumbildenden Neubauten ein die Torsituation zur Altstadt verdeutlichender Eingangsplatz, neben dem der Fahrverkehr wie bisher in den Nordwall geleitet wird. Die bereits vorhandenen Ankernutzungen (C&A, Media Markt, Parkhaus) werden durch weitere Einzelhandels- und Dienstleistungsangebote ergänzt.

    Mit der seitens der Stadt beabsichtigten Verlegung der Feuerwehr kann über das konventionelle gewerbliche Angebot hinaus mit dem Typus einer stadteigenen Markthalle ein in der Nutzung flexibler, attraktiver und zugleich kommunikativer Ort (neuer Ankernutzer) entstehen. Mit Dienstleistungen in den Obergeschossen der Randflügel und mit einer öffentlichen Tiefgarage (die den Stadtgrabenverlauf berücksichtigt) entsteht am Altencellerthor ein urbaner, multifunktionaler Baustein, der als Treffpunkt und neue Adresse Auftakt des Einzelhandelslaufs in die Bergstraße oder Mauernstraße ist.

    Durchwegung und Vernetzung der Altstadt mit ihren grünen Randbereichen

    Ergänzend zum vorhandenen Straßengefüge wird eine durchgehende Ost-West-Vernetzung vom Schlossgarten über die Mauernstraße zum Fischerdeich an der Aller und in Nord-Süd-Richtung vom Französischen Garten über den Brandplatz zu neuen Uferplätzen an der Aller aufgezeigt. Parkanlagen, Landschafts- und Wasserräume sind somit über größtenteils verkehrsfreie Fußwege und gesicherte Straßenübergänge erreichbar.
    Beiden Wegführungen werden kleinere Spiel- und Aufenthaltsplätze zugeordnet, die das innerstädtische Freiraumangebot ergänzen und das Wohnen in der Altstadt für alle Generationen attraktiver machen.

    Wasserlandschaft Celle

    Topografische Besonderheit von Celle ist die Einbindung von Kernstadt und Schloss in eine umlaufende und abwechslungsreiche Wasserlandschaft, die heute nur zum Teil erschlossen ist. Diese lässt sich als zusammenhängendes Freiraumsystem zu einer außergewöhnlichen Standortqualität für Bewohner, Berufstätige, Einkaufsbesucher und nicht zuletzt für den Tourismus entwickeln.

    Mit relativ wenigen Maßnahmen kann ein umlaufendes Netz von Fußwegen und Grünzügen entlang der naturräumlichen und gebauten Wasserflächen entstehen, das auch die technischen Wasserbauwerke wie Kanäle, Staustufen und Häfen mit der Innenstadt verknüpft. Die durchgehende Erschließung und Inszenierung der Wasserlandschaft mit besonderen Orten und ergänzenden Freizeit- und Wassersportangeboten kann für die Stadt Celle nicht nur weit über die regionalen Grenzen hinaus für den Tourismus, sondern im Hinblick auf die zu stärkenden Stadtfunktionen von Wohnen und Arbeiten sowie für die Ansiedlung neuer gewerblicher und öffentlicher Institutionen aktivierender Standortfaktor sein.

    Der Ausbau der Wasserlandschaft zu einem zusammenhängenden, abwechslungsreichen und die Kernstadt integrierenden Biotop von Wasserräumen, Grün- und Parkanlagen, in das auch die baukulturellen Besonderheiten integriert sind, könnte im Rahmen einer künftigen Landesgartenschau (Eröffnung 2018) geplant, gefördert und realisiert werden.


    ENTWICKLUNGSKOZEPT FÜR DIE ALTSTADT

    Unter der Prämisse, dass die aufgezeigte Entwicklung am Rande der Altstadt deren zentralörtliche Funktionen stabilisiert und stärkt, ist es möglich, den historisch gewachsen Stadtkörper mit seiner spezifischen Struktur für unterschiedliche Nutzergruppen (Bewohner, Berufstätige, Besucher) zu erhalten und im weiteren Sinne als Lebensraum zu aktivieren. Dabei sollen die identitätsbildenden Grundstrukturen der Stadt lesbar und lebendig bleiben: der Stadtgrundriss, die Baufelder mit ihren überwiegend langgestreckten Parzellen, die Bautypologien mit Haupt- und Nebengebäuden und das gestalterische Erscheinungsbild. Lebendig bleiben soll aber auch die über einen langen Zeitraum gewachsene heterogene Vielfalt einschließlich ihrer für das Funktionieren erforderlichen baulichen Veränderungen. Diese sollen nicht durch standardisierte oder die Geschichte verleugnende Planungen überformt und ergänzt werden.


    BAUFELD SCHUHSTRASSE / NORDWALL

    Das Baufeld ist mit einer Länge von 275 m und einer Tiefe bis zu 90 m außergewöhnlich groß und hat eine sehr charakteristische, von Straße zu Straße durchgehende Parzellierung. Mit der überwiegend erhaltenden historischen Bautypologie von Hauptgebäude, Seitengebäude und ggf. einem weiteren Rückgebäude ist die Baustruktur überwiegend als Einzeldenkmal geschützt und hat auch heute eine funktionsfähige Mischnutzung von Einzelhandel, Gastronomie, Dienstleistungen, Kleingewerbe sowie Wohnen als Obergeschossnutzung. Entsprechend steht hier eine „erhaltende Entwicklung“ an mit dem Ziel, die denkmalgeschützte Baustruktur für die genannten Funktionen zu stabilisieren, wobei insbesondere eine Aufwertung für das Wohnen durch Wohnumfeldverbesserungen und wohnungsnahe Folgeeinrichtungen (Kinderspielangebote, Anliegerparken) Priorität hat.

    Beurteilung durch das Preisgericht
    Liegt nicht vor.