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  • DE-23564 Lübeck
  • 05/2012
  • Ergebnis
  • (ID 2-111780)

Wohnen an der Wasserkunst


  • ein 1. Preis

    1. Preis czerner göttsch architekten: Harmonische Park- und Wohnlandschaft - Urbaner Naturpark

    Architekten
    czerner göttsch architekten architektur + stadtplanung, Hamburg (DE) Büroprofil

    Verfasser
    Alexandra Czerner

    Mitarbeit
    Sibylle Schmitz, Tim Kalka, Kessy Schnautz

    In Zusammenarbeit mit:
    Landschaftsarchitekten: Wiggenhorn & van den Hövel Landschaftsarchitekten BDLA, Hamburg (DE)
    Verkehrsplaner: ARGUS Stadt- und Verkehrsplanung, Hamburg (DE)

    Erläuterungstext
    Städtebauliche Identität – Urbaner Naturpark
    Harmonie zwischen Mensch und Natur ist das Thema für Städtebau und Architektur. Das Konzept reagiert auf die besondere Lage an der Wakenitz, räumlich individuell mit und durch den Baumbestand gestaltet, geprägt durch das Kulturdenkmal Lübecker Wasserkunst. Der Wasserturm ist als Einzeldenkmal für die örtliche Situation markant und als öffentlicher Profanbau mit Wahrzeichencharakter von städtebaulicher Qualität. Der Entwurf wird dem gerecht und entwickelt Blickbeziehungen zum Bauwerk innerhalb des neuen Quartiers. Die niedrige, flache Neubebauung südlich des Wasserturms, beeinträchtigt dabei dessen Erscheinungsbild und Ausstrahlung nicht im Geringsten. Entlang der Wakenitz bilden die zweigeschossigen Einzelvillen eine Perlenkette am Wasser. Die sonstige ruhige dreigeschossige Bebauung vermittelt zwischen den diversen Dimensionen des heterogenen Umfeldes. Die Baukörper passen sich durch Ihre Maß-stäblichkeit nahtlos in das übrige Quartier ein. Die Erschließungsstraßen für das Gebiet wurden auf ein Minimum reduziert, somit ergeben sich verkehrsberuhigte Wohnbereiche und die Parklandschaft wird nicht gestört.

    Organisch expressiv und Image prägend
    Die straßenbegleitende, organische Bebauung bildet den Auftakt zum neuen Quartier, sie umfließt den erhaltenswerten Baumbestand im östlichen Bereich an der Ratzeburger Allee und dient dem Schallschutz für das ganze Gebiet. Der differenzierte Fassadenaufbau besitzt eine Stadthausstruktur, die dem Lübecker Maßstab gerecht wird. Die Wintergärten der Wohnungen zur Ratzeburger Allee dienen dem Schallschutz und zur Energieoptimierung. Im Erdgeschoss kann optional kleinteiliges Gewerbe im Bereich der Ratzeburger Allee und der Erschließungsstraße vorgesehen werden.
    Flexibilität und Individualität – Wohnungs- und Grundrisstypologien
    Der Kubus, als modularer Grundkörper des Entwurfes, ermöglicht durch Spiegelung und Drehung sowie dem Einsatz von variierbaren Treppenhaustypen eine hohe Flexibilität im Hinblick auf die Anpassung und Orientierung im Gelände. Des Weiteren erhält man eine Vielzahl an Wohnformvarianten - von Townhouse-Typologien, Maisonetten bis hin zu 2 - 5 Zimmer Geschosswohnungen. Im Bedarfsfall können bei den Villen an der Ratzeburger Allee und Richtung Wallbrechtstraße Loggien - vor Schall schützend - als Wintergärten ausgebaut werden. Das Projekt ist absolut flexibel in Bezug auf den Wohnungsmix geplant. Die durch differenziert gesetzte Einzel- und Doppelvillen gebildeten Räume schaffen spannende Blickbeziehungen zum Wasserturm und zur Wakenitz.

    Architektur Identität – Materialien und Farbgebung
    Unter dem Thema ‚Wohnen als urbane Parklandschaft‘ geht das Gebaute einen Dialog mit dem grundstücksbestimmenden Baumbestand ein. Grün und naturnah stellt sich die Architektur dar. Die Bewohner leben in einer Wohn- und Parklandschaft. Die Fassadengestaltung greift als emotionales Leitbild die Merkmale eines Baumes abstrahierend auf: roter, ortstypischer Ziegel für den Sockel als Anlehnung an einen massiven Stamm - die Obergeschosse als lichtdurchflutendes Kronendach, symbolisiert durch eine grüne Materialcollage. Die differenzierte Dachlandschaft verstärkt diesen Eindruck. Die Leichtigkeit und Transparenz der Wohn-Architektur wird entscheidend vom Dialog der bodentiefen Fenster mit den Loggien, Wintergärten und Terrassen geprägt. Das Naturerlebnis des Gebietes zaubert eine stimmungsvolle Atmosphäre in die Wohnräume.

    Emotion, Interaktion und Zuhause - Nutzerorientierte Wohnqualitäten
    Das Konzept basiert darauf, mit freundlicher und sensibler Architektur in anziehenden, nachbarschafts-orientierten Freiräumen optimale Lebensbedingungen für vielfältige Nutzergruppen und deren Bedürfnisse zu schaffen. Sofort sollen sich die Menschen „Zuhause“ fühlen können. Die Erdgeschosswohnungen erhalten alle umfassende eigene Gartenbereiche. Ein quartierseigenes Intranet kann die schnelle Nachbarschafts-bildung und den Informationsaustausch zum Nutzen aller Anwohner unterstützen. Die durchgehende Schwellenfreiheit im Quartier unterstützt die generationenübergreifende Nutzung, was der sozialen Segregation ebenso entgegenwirkt, wie der Entfremdung von Jung und Alt. So wird der Vielfalt der Lebensformen und -perspektiven innerhalb dieses durchmischten Quartiers langfristig Rechnung getragen.

    Umgang mit dem Regenwasser
    Das anfallende Regenwasser wird im Quartier vollständig zu Versickerung gebracht. Der Anschluss an die öffentliche Vorflut/Kanalisation ist nicht erforderlich.
    Die Voraussetzung eines versickerungsfähigen Untergrundes und ausreichender Mindest- Abstand zum Grundwasser ist örtlich gegeben. Weiterhin steht bei Beibehaltung eines Mindestabstandes zu den Gebäuden und Grenzen ausreichender Stauraum für Rigolen und Rückstaumulden zur Verfügung

    Folgende Maßnahmen sind geplant:

    Schritt 1: Reduzierung der abflusswirksamen Flächen um 50 %
    Maßnahmen: Dachflächen mit Begrünung, > 10cm Substrat
    Wege aus durchlässigem Pflaster


    Schritt 2: Regenentwässerung durch Versickerung 100 %
    Maßnahmen: Versickerung RW der Dachflächen über Festkörper-Rigolen
    Versickerung RW der Wege über Kies-Rigolen unter den Verkehrsflächen
    Versickerung RW aus Starkregenereignissen zusätzlich über Mulden im Gelände


    Schritt 3: Regenrückhaltung durch Anstau (Überflutungsnachweis bei 30-, bzw. 100-jährigem
    Regenereignis)
    Maßnahmen: Rückstau in Mulden und Grabensysteme innerhalb der Gemeinschafts-Grünflächen


    Umgang mit der Topografie
    Ziel: uneingeschränkte Nutzungsmöglichkeit, Höhenabwicklung behindertengerecht.
    Die bisher großflächigen Ebenen waren begründet durch die ehemalige Nutzung der Flächen für Wasserspeicherung. Durch eine gleichmäßige Flächenneigung werden alle Gebäude stufenlos erreicht. Geländesprünge werden mit Rampen mit max. 5 % Gefälle überwunden.

    Mit Mauern erzeugte Terrassenebenen gliedern die Landschaft und schaffen harmonische Übergänge zwischen privaten Gartenzonen (Sondernutzungsbereiche) und der umfließenden Park- und Naturlandschaft.
    Wege im Uferbereich werden unter Beibehaltung der vorhandenen Topografie und besonderer Vegetationsbereiche vorsichtig eingefügt. (Vor-Kopf-Einbau).

    Zur Reduzierung einer ökologischen Belastung wird der vor Ort anfallende Aushubboden beim Hochbau für Auffüllzwecke zwischen den Gebäuden und oberhalb der TG wiederverwendet.

    Umgang mit der Vegetation
    Die vorhandenen Bäume werden soweit möglich und im Sinne eines einheitlichen Gesamteindrucks erhalten. Bäume mit geringerer Lebenserwartung und diejenigen Nadelbäume die nicht standortgerecht sind entfernt.
    Vorrangig werden Kiefern und Birken freigestellt und durch entfernen des Totholzes ausgelichtet.
    Einzelne Exemplare insbesondere im Areal der Wasserkunst werden zu Freistellung des Denkmals und besonderer Baumcharaktere entfernt.
    Innerhalb des neuen Quartiers werden zur Stärkung des Bestandes und zur gestalterischen Verknüpfung und Bildung von Kulissen zwischen den Häusern Waldkiefern und Birken ergänzt.
    Private Gartenzonen erhalten mit Gräserinseln auf den Gemeinschaftsflächen einen eigenen Rahmen.
    Die vorhandene Vegetation im Uferbereich bleibt erhalten, Feuchtwiesenbereiche bleiben unangetastet.

    Umgang mit den Belägen
    Der im Quartier vorhandene Natursteinbelag aus Granit-Reihenpflaster ist hochwertig und wird auf den Flächen an der Wasserkunst, bei den Quartiersplätzen und bei dem Fuß- und Radweg zur Wasserkunst wiederverwendet. Funktionsbedingt werden Natursteinbeläge in Teilbereichen mit Splitt- und Rasenfuge hergestellt.
    Die Wege entlang des Ufers sind aus einem wassergebunden Belag.
    Die öffentlichen Straßen werden gemäß dem Ausbaustandard der Stadt Lübeck aus Asphaltbelag und die Gehwege aus Betonwerksteinen hergestellt.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Die Jury diskutiert würdigend die Leitidee des Entwurfes, das Grundstück an der Wakenitz bis in die Tiefe an der Hohelandstraße als kontinuierliche Parkfläche zu definieren. Die städtebauliche Setzung der würfelförmigen Gebäude auf dem Gelände generiert die gleichmäßige Vernetzung von Grünraum und den Siedlungsbausteinen. Diese lockere und großzügige Verteilung der Baumassen kann jedoch nur in Teilen aus der Sicht des Fußgängers erlebt werden, da nur wenige Sichtachsen den Blick in die Tiefe erlauben.
    Am Übergang zur Ratzeburger Allee verdichten sich diese Wohnwürfel zu einer lärmschützenden Riegelkette. Am südlichen Randbereich ist der Übergang zum Bestand allerdings nicht überzeugend formuliert.
    Die freie Setzung der Würfelbaukörper verzichtet bewusst auf die Rahmung des Straßenraumes entlang der querenden Erschließungsstraße. Diese Entscheidung wird von der Jury diskutiert. Nicht vollständig überzeugen kann das sorgfältige Einarbeiten des Baumbestandes zwischen den kleinteiligen Tiefgaragen.
    Die Ausbildung der Grundtypologien, die in den gewählten Baukörpern realisiert werden können, reflektieren bisher nur zum Teil die standortspezifischen Bedingungen. Damit könnte sich auch eine lebendige Varianz im architektonischen Ausdruck entwickeln. Der besondere Vorteil der Arbeit liegt in dem Versuch, die Lagegunst an der Wakenitz möglichst weit in das Gebiet wirken zu lassen.