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  • DE-97990 Weikersheim
  • 07/2012
  • Ergebnis
  • (ID 2-99982)

Neubau Kultur- und Veranstaltungshaus


  • Anerkennung

    Perspektive Blick Richtung Altstadt

    Architekten
    Peter W. Schmidt Architekt BDA, Pforzheim (DE), Berlin (DE) Büroprofil

    Mitarbeit
    Tobias Schmidt

    Preisgeld
    4.000 EUR

    Erläuterungstext
    Mit dem Neubau eines Kultur- und Veranstaltungshauses setzt die Stadt Weikersheim in mehrfacher Hinsicht ein deutliches Zeichen. Strategisch wird der weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannten Musikakademie Schloss Weikersheim eine neue zeitgemäße Spielstätte gebaut, die dem Engagement von Stadt, der Mäzene und der Jeunesses Musicales Deutschland, den gebührenden Rahmen gibt.
    Städtebaulich wird der Altstadt und dem Renaissanceschloss, mit seinem begrünten Vorhof des Tauberlaufes, im Bereich der Tauberwiesen ein Stadtbaustein vorgelagert.
    Die Lage des neuen Hauses, westlich der Tauber im vorgegebenen Baufeld, ist orthogonal zu den bestehenden Freiflächen und der Parkierung ausgerichtet. Diese abstrakte Verortung des Hauses in den Tauberwiesen setzt vor der bewegten, amorphen Stadtsilhouette und dem mächtigen Baumbestand entlang der Tauber eine präzise Horizontale. Der Blick und die Wahrnehmung der Umgebung werden dadurch fokussiert.

    Der Entwurf ist durch eine vornehme Zurückhaltung geprägt. Die Reduzierung der Fassaden auf die primären Elemente Stütze und Balken ist ebenso wie dem Haus keine Rückseite zuzuordnen, ein bewusster Vorgriff auf die Baugestalt. Nicht das schwere, steinerne, selbstgefällige Haus, sondern die Leichtigkeit und die Selbstverständnis der Architektur des Kulturhauses sind die Kriterien mit denen der Entwurf vornehmlich arbeitet.
    Das Haus erinnert mit seiner Erscheinung an ein temporäres, für bestimmte Anlässe errichtetes Gebäude und hat den Charakter einer Orangerie. Es zeigt sein Innenleben, wie es für eine Kultureinrichtung diesen Ranges durchaus wünschenswert ist. Der Prozess der Bewegung und der Annäherung, der Heiterkeit oder Besonnenheit nach den Konzerten wird ablesbar und in die Stadt und Umgebung übertragen. Zudem entwickelt die kristalline Präsenz des Neubaus ihren eigenen Charme, der je nach Jahres- und Tageszeit die Besonderheit des Ortes unterstreicht.

    Der Konzertsaal ist nach dem „Haus im Haus“-Prinzip als rechteckiger Baukörper mit einer Grundfläche von 30 x 42 m und einer Höhe von 9 m in das gläserne Volumen eingestellt. Auf diese Weise ist der Konzertsaal übersichtlich erschlossen und die Besucher können um den Raumkörper herum flanieren. Der Zugang zum Saal erfolgt an den Saallängsseiten. Für Bankettnutzungen oder Kongressbelegungen gibt es weitere Zugänge an der Stirnseite.

    Der Saalbaukörper orientiert sich proportional an den Verhältnissen der Säle des „Wiener Musikvereins“. Die Proportionen dieses einmaligen Klangkörpers sind ins Kulturhaus nach Weikersheim übertragen.

    Die Zuschauerreihen steigen entsprechend der Kurve einer logarithmischen Spirale progressiv an, so dass für jeden Besucher ein optimales Hörerlebnis gewährleistet ist. Die Ausbildung des Rangs ist in das akustische Konzept integriert.
    Der Saalboden ist auf zweidrittel seiner Größe mit Scherenhubtischen ausgebildet, so dass zu der klassischen Konzertreihenbestuhlung weitere räumliche Inszenierungen für unterschiedlichste Veranstaltungen möglich sind.

    Der unmittelbar an das Podium anschließende Backstagebereich ist als eigenständiges Bauteil an den Konzertsaal angedockt. Die Zweigeschössigkeit wird dazu genutzt im Obergeschoss den kleinen Saal und Chorsaal vorzusehen, sie sind ebenso direkt an den Backstagebereich angebunden.

    Die Wand- und Deckenkonstruktion des Haus im Hauses besteht aus einer konventionellen Tragkonstruktion, welche innen und außen mit Holzpaneelen verkleidet sind. Die innere Schale des Saals ist schwerer ausgeführt, sichtbar werden die in entsprechenden Winkeln einzujustierenden Akustikwandpaneele. Decke, Wand und Boden bilden eine Materialeinheit.

    Die äußere Wandverkleidung des Saales und das Saalinlay sind aus Edelkastanienholz. Im Inneren erzeugen die naturbelassenen Holzpaneele sämtlicher Oberflächen eine warme, dem Charakter der Musik angemessene Atmosphäre.

    Die Öffnung des Gebäudes zum Lauf der Tauber und die Hinwendung zu den Bestandgebäuden der Jeunesse erfolgt durch die unterschiedliche Zonierung des Foyers, es lässt sich nach Osten großflächig öffnen, Innen- und Außenraum sind niveaugleich und bilden einen fließenden Übergang, der wesentlich zur Akzeptanz des Hauses beiträgt.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Der Neubau für das Kultur- und Veranstaltungshaus wird als eigenständiges Gebäude ohne städtebauliche Bezüge zur Stadt und dem Schloss, als Haus-im-Haus-Konzept in die Tauberwiesen gestellt.

    Mit der Analogie ‚Orangerie‘ entwickelt der Verfasser ein kompaktes Gebäude, in das alle Funktionen eingestellt sind und das sich durch seine filigran ausgebildete Glasfassade mit vorgestellten hellen Betonstelen, nach allen Seiten in einer gleichmäßigen Qualität zeigt. Der Reiz des Baukörpers entsteht durch die Zweischaligkeit. Der innere, mit Holz verkleidete Saalkörper wird hinter der Glasfassade sichtbar und taucht das Gebäude in eine wohltuend warme Atmosphäre. Die Sichtbarmachung der Säle von außen gibt dem Gebäude die gewünschte Erscheinung als Kulturbau.
    Für die klimatischen Konsequenzen (Aufheizung) der gläsernen Halle werden vom Verfasser ungenügende Lösungsansätze angeboten.

    Das Gebäude steht auf einem allseitig umlaufenden Podest, das an die vorhandene Wegebeziehung anschließt. Die Erschließung der Foyerflächen, die den Saal von zwei Seiten umschließt, wird nicht optimal erachtet.

    Die Proportion des großen Saales wird von der Jury als verbesserungsfähig besprochen. Der Saal muss schmäler und höher werden. Die Höhe kann durch den Entfall des Oberlichtes, welches für die Nutzung problematisch ist, erreicht werden. Die Anordnung des Backstagebereiches mit kleinem Saal im Obergeschoss wird positiv bewertet. Als vorteilhaft wird die mögliche Nutzung der WC Anlage auch von Externen beurteilt. Hubpodien im Saal sind nicht notwendig und die Galerie kann in ihrer Höhenlage reduziert werden oder ganz entfallen.

    Der Verfasser bietet eine klare und elegante Lösung, die in ihrer Kompaktheit und Gestaltung einen ansprechenden Vorschlag für das Kulturhaus darstellt. Abends wird das Gebäude zum leuchtenden Baustein.
    Unterhalt und fehlende klimagerechte Bauweise werden zu erhöhten Bewirtschaftungskosten führen. Hier stellt sich die Frage nach einer zukunftsweisenden Architektur, die auch dem vorhandenen Budget gerecht wird.