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  • DE-65451 Kelsterbach
  • 08/2012
  • Ergebnis
  • (ID 2-104027)

Quartiersplatz ENKA-Gelände


  • 2. Preis


    Landschaftsarchitekten
    [ f ] landschaftsarchitektur gmbh, Bonn (DE), Solingen (DE) Büroprofil

    Erläuterungstext
    Idee
    Mit den drei verbliebenen Werksgebäuden der ehemaligen Glanzstofffabrik besitzt Kelsterbach ein Ensemble von hohem ideellem Wert. Sie sind Zeugnis der industriellen Vergangenheit, die einst den Standort prägte. Als Keimzelle des zukünftigen Stadtquartiers wird die „Glanzstoff“ und auch das darauf folgende ENKA-Werk auch fortan an dieser Stelle in Erinnerung bleiben.
    Der Entwurf sieht die Aufgabe darin, den räumlichen Zusammenhang des Ensembles zu stärken und die Gebäudesubstanz in ein zeitgemäßes Umfeld zu setzen. Ziel ist die Schaffung eines authentischen, lebendigen Ortes. Ein Quartiersplatz mit Geschichte, ohne diesen auf ein Relikt der Vergangenheit zu beschränken.

    Raumbildung
    Durch die baulichen Ergänzung erhält der zukünftige Quartiersplatz an drei Seiten eineklare Fassung und bauliche Prägung. An der südlichen Seite fehlt eine solche Raumkante. Stattdessen wird die direkt angrenzende Parkplatznutzung die Atmosphäre des Platzes eher beeinträchtigen. Der Entwurf reagiert hierauf mit einer einfachen und starken Geste: Ein Hain aus hoch aufgeasteten Bäumen wird in den Platz gestellt. Auch wenn es der Begriff „Hain“ vermuten lässt, ist die Verortung der einzelnen Bäume dabei keinesfalls zufällig. Gegenüber der ehemaligen Verwaltung stehen sie sehr locker und transparent, während der Hain sich in Richtung Parkplatz zunehmend verdichtet und diese Seite abschirmt. In der Mitte bleibt eine Lichtung ausgespart. Zwischen den Stämmen entsteht so ein feingliedriges Raumgefüge mit ganz unterschiedlichen Nutzungsqualitäten und Angeboten, mit wechselnden Stimmungen je nach Jahreszeit.
    Auf der Ebene der Fußgänger wird der Parkplatz zusätzlich durch eine 1,40 m hohe Mauer zum Quartiersplatz hin abgegrenzt. Die Mauer bleibt in der Höhe überschaubar, während die parkenden Autos aus dem Blickfeld verschwinden. Auf der Platzseite wird die Mauer mit einem linearen Wasserspiel belebt. Das aus Schlitzen entströmende Wasser fällt in das vorgelagerte Bassin, was den Parkplatz auch in akustischer Hinsicht abschirmt. Entlang der Gebäude bleibt ausreichend Platz für funktionale Zwecke der Andienung oder Reinigung, bzw. der Außennutzung. Vor der ehemaligen Kantine fügt sich die Außengastronomie nahtlos ein. Die Bestuhlung kann direkt an der Fassade angeordnet, oder auch in den Schatten der Bäume erweitert werden. Der gesamte Platz bleibt auch bei größeren Veranstaltungen wie Märkte oder Feste flexibel. Die innere Fläche bietet sich für besondere Veranstaltungen, kleine Bühnen oder ähnliches an. Die Randbereiche lassen sich umlaufend mit kleineren Einrichtungen oder Ständen bespielen, sodass sich hier eine multifunktionale Platzfläche ergibt.

    Belag und Faden
    Die Klinkerarchitektur der Fassaden verleihen dem Quartiersplatz eine besondere Prägung, so dass sich Freiraumgestaltung gezielt auf wenige Materialien beschränkt. Die Wahl fällt auf einen durchgehenden, gefärbten, fugenlosen Asphaltbelag, der den Platz und die Gebäude auf einer gemeinsamen, barrierefreien Materialebene verbindet. Die Deckschicht wird mit hellen Zuschlagstoffen versehen und nach dem Einbau mehrfach geschliffen. Die Oberfläche erhält auf diese Weise eine lebendige, glatte und seidig schimmerde Struktur. Einem Terrazzo ähnlich entsteht eine hochwertige und zugleich unprätentiöse Optik eines obendrein robusten Materials.
    Zwischen den Bäumen schlängelt sich ein Band aus hellen, bodengleichen Betonelementen woraus sich in Abschnitten geschwungene Sitzelementen entwickeln. Es ist ein symbolischer Faden – eine spielerische Geste – die auf die Geschichte des Ortes verweist.

    Spiel
    Den Spielmöglichkeiten für Kinder aller Altersklassen kommt in dem Entwurf eine wichtige Rolle zu. Wie schon beim Faden im Platzbelag wird auch hier der historische Kontext aufgegriffen und frei interpretiert. Der Spielschwerpunkt wird dabei im südwestlichen Platzbereich vis a vis der Gastronomie- und Cafénutzung verortet. Zwischen den Bäumen erhebt sich eine überdimensionale Garnspule – Skulptur und Spielobjekt in einem. Die einzelnen Ebenen der Spule lassen sich auf vielfache Art mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden erklimmen. Wer es bis nach oben schafft, hat den Ausblick in das Kronendach. Kleinere Spulen und Garnrollen finden sich im Umfeld. Sie werden zu Wippen, Kreiseln, Röhren, Rutschen und vielem mehr. Der Untergrund ist aus fugenlosem Fallschutzmaterial, welcher sich nahtlos in den Platzbelag einbindet.

    Licht
    Tagsüber lebt der Platz durch das Spiel von Licht und Schatten unter dem Blätterdach. Bei Dunkelheit werden die Bäume durch Bodenstrahler in Szene gesetzt. In der Mitte des Platzes entsteht so eine besondere, festliche Atmosphäre. In den Randbereichen sorgen schlichte Lichtstelen für die funktional erforderliche Ausstrahlung. Die Stehlen stehen nah an den Fassaden und treten tagsüber optisch in den Hintergrund. Die Fassaden der alten Werksgebäude werden nicht gesondert illuminiert. Bei abendlicher Nutzung leuchten die Gebäude von innen heraus. So lässt sich unschwer erkennen: Sie sind erneut in Betreib.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Städtebauliche Qualität
    Insgesamt ist das Raumkonzept schlüssig. Die Abgrenzung nach Süden durch die Wasserwand gibt dieser schwierigen Platzseite eine attraktive Begrenzung. Die Verdichtung des Baumhains nach Süden ist schlüssig, auch wenn der Hain insgesamt sehr dicht erscheint, insbesondere wegen der gewählten Baumarten. Positiv ist, dass der Baumhain über die Gebäudekanten hinausragt und schon von den Zugängen zum Platz sichtbar ist. Die Nordost-Ecke / Vorbereich Sozialgebäude lässt der Verfasser folgerichtig offen. Die Verbindung zum Mainufer ist zu schwach ausgeprägt. Unverständlich ist hier auch, warum die Begrenzung des Parkplatzes durch die Wasserwand im Bereich des Vollsortimenters durch eine Sitzmauer abgelöst wird.

    Freiraumqualität
    Der Baumhain mit seinen Lichtungen erzeugt ein gutes Raumgefühl. Das weiße, eingelegte Band stellt auf angemessene Weise eine Verbindung zur Geschichte des Ortes her. Die Nutzung als Bank ist gut. Das Beleuchtungskonzept ist zu unspezifisch und bezieht beispielsweise das Band oder die Skulpturen nicht ein. Die flächendeckende Verwendung von geschliffenem Asphalt ist zu undifferenziert.

    Historie
    Neben dem weißen Band sind die Spielskulpturen eine sehr gute Möglichkeit an die Geschichte des Ortes zu erinnern und gleichzeitig nicht nur reine Dekoration zu sein.

    Nutzungsqualität
    Der Platz ist flexibel nutzbar und macht Angebote für verschiedene Gruppen. Bewegung und Verweilen sind gleichermaßen möglich. Es entstehen unterschiedlich besonnte und verschattete Bereiche, die eine gute Aufenthaltsqualität haben. Die Wasserwand trägt zu einer angenehmen Atmosphäre bei.