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  • DE-07703 Jena
  • 10/2012
  • Ergebnis
  • (ID 2-108004)

Neugestaltung Ernst-Abbe-Platz


  • 2. Preis


    Landschaftsarchitekten
    lohrer.hochrein landschaftsarchitekten und stadtplaner gmbh, München (DE) Büroprofil

    Verfasser
    Ursula Hochrein , Axel Lohrer

    Mitarbeit
    Till Kwiotek

    In Zusammenarbeit mit:
    Lichtplaner: DAY & LIGHT LICHTPLANUNG, München (DE)

    Preisgeld
    10.200 EUR

    Erläuterungstext
    Konzept | Der Ernst-Abbe-Platz wird als Gegenwelt zu den umgebenden öffentlichen Straßen und Plätzen verstanden. So bildet nicht der klassische Stadtplatz sondern der industrielle Werkhof das Ausgangsbild des Konzeptes. Dessen Grundgedanken sind:
    ein offener, flexibel nutzbarer Raum ohne Zuviel an Einbauten und Ausstattung, ein ruhiges, ausgleichendes Pendant zur umgebenden Heterogenität von Raum und Nutzung
    ein Belag von Fassade zu Fassade ohne brechende Baumtröge
    ein lichter, schattenspendender Hain als transparenter Filter gegenüber den aufragenden Bauten
    eine durchgehend einheitliche, schlichte, robuste Materialität

    “Flachrelief” | Ein Belag von Fassade zu Fassade ohne Baumtröge – Um diesen Anspruch zu erreichen wird das geringe, fast lineare Gefälle der Tiefgarage mit einem neuen Belag in Form eines Flachrelief überlagert. In sich ebene Platten spielen mit dem gesamten Gefällespielraum von Feuerwehr-DIN und Behindertengerechtigkeit wechselnd zwischen 1 und 8 % und bilden so ein kristalin anmutendes Flachrelief.
    In der Überlagerung mit der linearen TG Decke entstehen ausreichende “Taschen” die mit durchwurzelungsfähiger Tragschicht gefüllt werden. Offene Baumroste sowie die durchgehende Dräinschicht mit gestuftem Material und ausreichend Kapilarität sichern eine vegetationsfähige Grundfeuchte der Baumstandorte.

    Stella - Skulpturen | Nicht Museum sondern Werkstadt – ‘Dieser Gedanke bildet die Grundlage des Konzeptes. So stehen die Skulpturen nicht mahnend erhaben auf einem Sockel sondern präsentieren sich zukünftig wie zufällig abgestellt auf ihren eigenen Bodenplatten direkt auf dem Betonboden des Hofs. Unebenheiten durch das Flachrelief des Bodens werden durch Unterlegscheiben aus Stahl sichtbar überbrückt.
    Die für den Endausbau mit Serra abgestimmten Standorte werden weitgehend übernommen und durch die Faltungen des Flachrelieffs und die Baumstellungen besonders herausgearbeit.

    Ausstattung | Auch die Ausstattung unterstreicht den industriellen Charakter des “Hofs”. Sie beschränkt sich auf großzügig dimensionierte schwere Sitz- und Liegedecks, Lichtmasten sowie filigrane Fahrradständer und Absturzsicherung.

    Materialität | Ein ruhiger, homogener Belag mit leichten Anklängen an „Werkstatt“ und „Industrie“ prägt zukünftig den Ernst-Abbe-Platz. Dunkler anthrazitfarbener Beton bildet die Basis. Leicht angeschliffen wird er zum Stadtterrazzo, zwar griffig fest und trotzdem ausreichend glatt um im Gegenlicht einladend freundlich zu schimmern.
    Dem Beton wird zudem grobkörniger Kalksplitt beigemengt, der im Anschliff auf den zweiten Blick für ein ansprechendes dezentes gesprenkeltes Muster und gleichzeitig für eine besondere Unempfindlichkeit der Oberfläche sorgt.
    Stahlinlays markieren und sichern die Kanten des „Flachreliefs“. Ebenso aus rohem Stahl bestehen die Lamellen der Baumroste, die lichten Lichtschachtabdeckungen und die filigranen Stabgeländer der TG Abgänge.
    Strapazierfähiges wie witterungsbeständiges helles Schichtholzlaminat bildet die Basis der schweren Sitzdecks.

    Vegetationskonzept | Ein lichter Hain aus Feldahorn überstellt zuküftig den Ernst-Abbe-Platz. Die Acer erzeugen durch ihren bizarren Wuchs struppig-mediteranen Charakter und sind zudem gut für diesen besonderen Standort zwischen Schattendruck und beschränktem Wurzelraum geeignet.
    In den Randzonen werden an geschlossenen Fassadenabschnitten zudem mit Stahlseilhilfen Kletterplanzen vorgesehen.

    Lichtkonzeption | Die Beleuchtung auf dem Ernst-Abbe-Platz schafft eine angenehme Atmosphäre mit einem lockeren Licht- und Schattenspiel. LED-Strahler mit einer warmen Lichtfarbe an frei positionierten Leuchtenmasten schaffen helle Zonen und Akzente. Baumkronen und Teile der Sitzdecks werden punktuell angestrahlt, wodurch der Material-Charakter der Holzdecks zur Geltung kommt und gleichermaßen eine lauschige Atmosphäre durch die Verschattung der Bäume entsteht.
    Die Sitzdecks werden durch eine Unterleuchtung mit blauer Lichtfarbe in Szene gesetzt und prägen dezent die Lichtidentität des Ortes.
    Die Skulpturen auf dem Platz werden durch eine engstrahlende Lichtverteilung von den Leuchtenmasten aus hervorgehoben, um somit die Plastizität der Form zur Geltung zu bringen.
    An den Zugängen des Platzes steigert sich die Lichtintensität, um die Wegeführung und Orientierung zu verbessern.
    Entlang der Tramlinie wird der gleiche Leuchtentyp mit einer optimierten Lichtverteilung eingesetzt, um die Verkehrsfläche gleichmäßig auszuleuchten.
    Alle Strahler werden mit direkt strahlender LED-Technik ausgestattet. Somit wird eine wirtschaftliche Beleuchtung geschaffen und Lichtsmog weitestgehend vermieden.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Der Entwurf überrascht durch zwei Anmutugen: eine reliefartige Flächenstruktur und ein Baumdach aus Feldahorn, dass sich darüber ausbreitet. Dadurch wird ein eindrucksvoller Kontrast zur Umgebungsbebauung hergestellt.

    Die Platzoberfläche ist klar strukturiert und reliefartig sanft modelliert. Es entstehen interessante Teilräume, ohne die großzügige Gesamtfläche zu stören.

    Die Autoren schaffen es, den Raum zu gliedern und gleichzeitig in einer Einheit zusammenzufassen. Positiv hervorzuheben ist, dass die Teilräume eine variable Nutzung zulassen. Insbesondere die von Dauerschatten betroffenen Räume entlang der Goethe Galerie werden durch das Konzept sehr gut aufgenommen und integriert.

    Die Straßenbahnlinie ist sinnfällig in das Relief einbezogen. Die angeschliffenen Flächen aus großen, mit Kalksteineinstreuung versehenen Betonplatten stellt eine Beziehung zu dem ehemaligen Werkhof dar. Die helle Farbe des Belags wirkt sich günstig auf das Mikroklima aus. Die Gestaltung nimmt die vielfältigen Wegebeziehungen zwischen den Gebäuden und Zugängen auf und betont die an den niedrigsten topografischen Linien liegenden Laufrichtungen. Die Geländemodellierung begünstigt eine gute Entwässerungsführung.

    Die Stella-Skulpturen finden vor den Baumgruppen eine freizügige Aufstellung: Sie werden in einen natürlichen Kontext gesetzt und können so ihr Selbstverständnis besser entfalten. Durch die geneigte glatte Oberfläche, den natürlichen Hintergrund und die Art ihrer Aufstellung wirken sie sehr gut inszeniert.

    Die Möblierung in Form von Sitz- und Liegedecks ist stimmig an den Reliefkanten angeordnet. Das Angebot von Fahrradabstellplätzen ist deutlich zu gering.

    Der als Baum vorgesehene Feldahorn kommt dem Platzkonzept durch seinen bizarren Wuchs, seine Höhenausbildung und seine Wachstumseigenschaften entgegen.

    Das Lichtkonzept ist funktional ausgelegt, es kann allerdings der übrigen Gestaltungsqualität nicht folgen. Von der Unterleuchtung der Sitz- und Liegedecks wird deutlich abgeraten.

    Die Befahrbarkeit des Platzes ist deutlich eingeschränkt.

    Die Tiefgarageneingänge werden durch filigrane Stabgeländer in ihrer Wirkung deutlich
    zurückgenommen.

    Der Entwurf vereint die vielfältigen Nutzungsansprüche an den Platz mit einer neuen
    charakteristischen Qualität und Atmosphäre.