loading
  • Ankauf

    Perspektive

    Architekten
    Machleidt GmbH, Berlin (DE) Büroprofil

    Mitarbeit
    Mitarbeit: Benjamin Wille, Dipl.-Ing. Architektur Meinhard Moschel, Dipl.-Ing. Architektur

    In Zusammenarbeit mit:
    Landschaftsarchitekten: geskes.hack Landschaftsarchitekten GmbH, Berlin (DE)

    Erläuterungstext


    Die „Kurfürstlichen Anlagen“ – der neue zentrale Raum der Stadt

    Thesen und Grundsätze

    1. Die seit den 1950er Jahren laufende Urbanisierung der Flächen des ehemaligen Kopf-bahnhofs leidet bis heute an den Merkmalen des eher autogerechten und offenen Städtebaus der Nachkriegsmoderne.
    Der Ideenwettbewerb greift diese unbefriedigende Situation im Herzen der Stadt auf und eröffnet damit die Chance einer grundlegenden städtebaulichen Revision.

    2. Der frühere Kopfbahnhof befand sich bei seiner Gründung in der westlichen Randlage der Alten Stadt und wurde in seiner 100-jährigen Geschichte zunehmend durch die Entwicklung der Stadt nach Westen umfangen. Mit Gründung der Bahnstadt stellt der Wettbewerbsort „Kurfürstenanlage“ nunmehr definitiv die geografische und funktionale Mitte der gewachsenen Stadt dar.

    3. Der Raum der „Kurfürstenanlage“ mit seiner besonderen Eisenbahngeschichte sollte daher freigelegt und zum zentralen öffentlichen Raum der neuen Heidelberger Mitte werden. Um diesen gruppieren sich in idealtypischer Weise die Stadtteile Altstadt, Weststadt, Bergheim und Neuenheim sowie die künftige Bahnstadt.

    4. Der alte Bahnhof war achsial ausgerichtet auf Schloss und Peters-Kirche. Die „Kurfürstlichen Anlagen“ wären in Zukunft geeignet, im Zuge der Friedrich-Ebert-Anlage und der Zwinger Straße - neben dem großen Landschaftsraum des Neckar - den dominanten städ-tischen Orientierungsraum vom Bahnhof bis zum alten Schloss abzubilden und alle Stadt-teile miteinander zu verbinden.

    5. Dieser zentrale Grün- und Freiraum „Kurfürstliche Anlagen“ der prosperierenden, gastlichen und kulturbewussten Stadt sollte als großzügiger Ort der Identifikation und Selbstdartellung mit außergewöhnlichen Bauten für Kultur, Kongress, Freizeit und Hotellerie besetzt werden, um hier in bester Lage und Erreichbarkeit in alle Stadtteile hinein und wir-kungsvoll nach außen strahlen zu können.

    6. Ein zentraler Stadtpark wäre geeignet, den mit Altstadt und Schloss, Universität und Fluss verbundenen Einmaligkeiten Heidelbergs ein neues „modernes“ urbanes Motiv hinzuzufü-gen und damit den Anspruch als einmalige Stadt in zeitgenössischer Weise fortzuschreiben.

    7. Als mögliche Kulturbauten der Zukunft kommen - in Ergänzung zur traditionsreichen Stadt-halle - ein Theater-, Konzert-, Museums- oder Bibliotheksbau in Frage. Als attraktiver Komplementär wäre ein hochwertiges Kongresshotel mit Freizeiteinrichtungen und Gastronomie geeignet. Die Beispiele europäischer Städte zeigen, welche Ausstrahlung nach innen und nach außen und welche Symbolkraft diese Bauten für den Ruf einer Stadt haben.

    8. Die Freimachung des künftigen städtischen Parks „Kurfürstliche Anlagen“ kann in Stufen über einen mittelfristigen Zeitraum erfolgen. Während für die privaten Investoren auf dem Wege des Tausches die jetzigen Grünflächen an der Poststraße in gleicher Lagegunst zur Verfügung stünden, sollten die öffentlichen Verwaltungsbauten einen weniger zentralen Ort - möglicherweise in der Bahnstadt - finden.

    9. Der neue Freiraum der „Kurfürstlichen Anlagen“ wird im Süden durch die 4-geschossige Gründerzeitbebauung, im Norden durch eine 6-geschossige Geschäfts- und Wohnbebau-ung gebildet. Während die Bahnhofstraße die Intimität einer Quartiersstraße behalten und ausbauen soll, wird die Hauptverkehrsstraße im Norden in ihrem Boulevardcharakter gestärkt durch ein großzügiges Alleeprofil mit einem durchgängigen 11 m breiten Straßen-bahndamm, der ein problemfreies Überqueren möglich macht.

    10. Das Ziel der Freiraumgestaltung der „Kurfürstlichen Anlagen“ ist es, dem neu entstandenen Freiraum ein unverwechselbares Gesicht zu geben. Die zentrale Lage erfordert eine Verbindung von repräsentativen Schmuckfunktionen und der urbanen Vitalisierung der Fläche, d.h. sie muss gesamtstädtisch die Aura eines Schmuckzuges erhalten, der die Belebung und multifunktionale Nutzung durch das städtische Publikum gut verträgt und fördert.
    Die „Kurfürstlichen Anlagen“ spannen sich als eine grüne Spange zwischen den Polen der geplanten Stadtplätze auf, ihre Linearität wird durch eine offene Rasenfläche hervorgehoben, die von dominierenden Baumreihen flankiert wird.

    11. Die Figur des Rasenbandes, dessen Endpunkte mit dem Hotel- und Kulturneubau eindeutig definiert sind, wird durch eine Rasenskulptur ausformuliert: Geländemodellierungen bringen den Stadtraum in Bewegung, für Passanten und vorbeifahrende Autofahrer ein nachhaltiger Eindruck, der sich in die Abfolge der Stadträume bis zum Schloss gleichberechtigt eingliedert.
    Das Relief formt die Rasenflächen zu maximal 1,2 m hohen „Kissen“ in variierenden Ausrichtungen, deren Flächen mit dem Wechsel des Tageslichtes spielen. Diese „Kissen“ laden ebenso zum verweilenden Betrachten wie zum sinnlichen Begehen und Bespielen ein.

    12. Die „Kurfürstlichen Anlagen“ werden neben der grünen Spange durch raumgliedernde Baumreihen in 3 lineare Bereiche zoniert.
    Der Boulevard, der die Rasenskulptur nördlich flankiert, schirmt den Park gegen die Kurfürstenanlage visuell ab und greift Übergänge zum angrenzenden Stadtraum auf. Unter der Allee ist eine „schnelle“ Fuß- und Radwegeverbindung in Ost-Westrichtung möglich.
    Die Rasenskulptur erhält durch verspielte Schmuckpflanzungen (Stauden, Gräser und Rosen) einen repräsentativen Charakter, der jedoch bewusst durch das Setzten von räumlichen Akzenten Raum lässt für die Aneignung der großzügigen Rasenflächen.

    13. Im Süden schließt die Flanierzone an, die in wassergebundener Decke ausgebildet ist. Pavillons, die den Raum zwischen den Plätzen aufspannen, können unterschiedliche Nut-zungen aufnehmen (Stadt-Info, Ticketverkauf, WC- Anlagen, Gastronomie, Zeitschriften und Tabak) und beleben so mit ihren Angeboten den Raum und laden zum Verweilen ein.
    Es ist auch vorstellbar, dass vorhandene Gastronomie diesen Raum für großzügige Café-terrassen nutzt.
    Die beiden Stadtplätze werden durch eine hochwertige Ausgestaltung mit großformatigen Natursteinplatten, Wasserspielen, Sitzgelegenheiten, Pavillons und Mastleuchten zu attraktiven städtischen Räumen.

    14. Die beiden Solitäre stehen als skulpturale Bauten frei im Stadtraum und bilden die „Widerlager“ der neuen „Kurfürstenanlage“. Am Adenauerplatz sollte ein Konzert- und Schauspielhaus entstehen, am Römerkreisel das Kongresshotel mit einer Vielzahl öffentlich zugänglicher Einrichtungen.
    Beide Bauten öffnen ihr Hauptentrée zum großen Freiraum. Sie sind an ihren Seiten mit zusätzlichen Läden, Dienstleistungen und Gastronomie belegt. Hier befinden sich auch die Zufahrten zu den Tiefgaragen.

    15. Die neue Bebauung zwischen „Kurfürstenanlage“ und Poststraße bildet zusammen mit den vorhandenen Gebäuden einen Rhythmus aus, der die räumliche Verbindung nach Norden bis an den Neckar sichert. Die Bibliothek wird in die Frontbebauung integriert mit sichtbarer Adresse an der Kurfürstenanlage. Während die Frontbebauung überwiegend Läden-, Dienstleistungs- und Büronutzungen enthält, könnten die rückwärtigen lärmabgewandten Häuser überwiegend mit innerstädtischen Wohnungen belegt werden. Dabei können wesentliche Teile des Baumbestandes erhalten werden.

    Beurteilung durch das Preisgericht



    Die Arbeit überrascht durch die große Konsequenz mit der die Leitidee vorgetragen wird, einen neuen zentralen Raum in der Stadt Heidelberg zu schaffen. Diese Konzeption ist in der Lage der Kurfürsten-Anlage im Gefüge der Gesamtstadt das adäquate Gewicht zu geben und verbindet auf leichte Art alle umliegenden Stadtbereiche. Daraus begründet sich auch das Selbstbewußtsein, mit dem zwei öffentliche Bauten und ihre steinernen Plätze die prominenten Endpunkte der Anlage definieren.

    Das Schließen der nördlichen Raumkante und die Bebauung des derzeitigen Grünbereichs ist logisch und folgerichtig und gibt dem Gesamtgebilde die notwendige und eindeutige Längsausrichtung zwischen Bahnhof und Altstadt. Die Ausgestaltung der Grünfläche verspricht eine hohe Qualität und ist von unaufdringlicher Schönheit. Ebenso erfüllen die Boulevards ihre Funktion und unterstreichen die kurfürstliche Anlage als grüne Spange

    Die Vorstellung, die bebauten Grundstücke von Bebauung frei zu machen, entspricht jedoch mit Sicherheit nicht den Vorstellungen der derzeitigen Eigentümer. Ein Eintauschen des städtischen Geländes hierfür wird kaum – selbst in Stufen – über einen mittelfristigen Zeitraum realisiert werden können. Der Entwurf lebt und fasziniert jedoch von seiner Gesamtheit und seiner Konsequenz.