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  • DE-06618 Naumburg (Saale)
  • 11/2012
  • Ergebnis
  • (ID 2-107352)

Kulturinsel Reußenplatz - Bibliotheks-/Archiv-/Verwaltungsgebäude


  • 3. Preis

    Reußenplatz

    Architekten
    Bruno Fioretti Marquez Architekten, Berlin (DE) Büroprofil

    Verfasser
    Prof. Piero Bruno

    Mitarbeit
    Michael Fenske

    In Zusammenarbeit mit:
    Architekten: Atelier für Architektur & Denkmalpflege, Köthen (DE), Dessau-Roßlau (DE)
    TGA-Fachplaner: Ingenieurgesellschaft Zimmermann mbH, Berlin (DE)
    Tragwerksplaner: ifb frohloff staffa kühl ecker, Berlin (DE)

    Preisgeld
    15.000 EUR

    Erläuterungstext
    Inhalt und Bedeutung des Programms verlangen eine Strategie, die über ein situatives „Flickwerk“, über eine fragmentarische Vorgehensweise hinaus geht.
    Es handelt sich hier um eine bedeutsame öffentliche Institution, die auch durch ihre bauliche Identität und Präsenz ihre Bedeutung zum Ausdruck bringen muss. Zielsetzung des Entwurfes ist es, trotz der historischen „Einschlüsse“, trotz des heterogenen Umfelds, ein kontinuierliches Raumgebilde zu schaffen, dass den Neubau und Bestand als ein Haus erleben lässt.

    Wir schlagen eine zusammenhängende, gewebeartige Struktur vor, die sich in die kleinteilige Stadtstruktur einbettet. Ein Gewebe mit einer der Umgebung angepassten Maschenweite, das somit in der Lage ist, auf die Masstäblichkeit der Umgebung zu reagieren, sich anzupassen, ohne sich zu zerreißen, ohne den inneren Zusammenhalt zu verlieren.

    Das geneigte Dach wird zum gestaltprägenden Element: Die linear ausgerichtete Dachlandschaft, eine Reihung von gleichförmigen Satteldächern, überdeckt den gesamten Baukörper. Sie greift die Höhenentwicklung der angrenzenden Bebauung auf, senkt sich zu den Hofseiten ab und bindet beiläufig die beiden Baudenkmäler ein.
    Die ehemaligen Raumkanten des Reußenplatzes werden wieder hergestellt. Die ursprünglichen Proportionen des Strassenraums mit seinen typischen Aufweitungen und Verengungen werden wieder erfahrbar. Der sich ergebende Versatz zum Haus 6 markiert den stadträumlich wirksamen Haupteingang zur Bibliothek.

    Wie ein großer Teil der Naumburger Altstadt hat das Gebäude eine Putzfassade. Die Oberflächen werden durch eine feine vertikale Struktur, in Form eines „Flaschenputzes,“ veredelt. Sie unterstreichen das Thema unterschiedlicher Gebäudeansichten, welche durch die Kleinmaßstäblichkeit der Oberflächenstruktur und das Licht konsolidiert werden.

    Die Dachformen ermöglichen unterschiedliche Lesarten. Straßenseitig entsteht der Eindruck von giebelständigen Häusern, die, je nach Blickwinkel, unterschiedliche Ansichten erzeugen. Die gleichmäßige Reihung von Satteldächern erinnert aber auch an industrielle Bauformen und ist entsprechend auch als ein Verweis auf die ehemalige Freytagsche Lederfabrik zu sehen. Die Dachfenster gewährleisten eine optimale Ausbreitung des natürlichen Lichts im Raum und die Titanzinkeindeckung vervollständigen das Bild des Hauses.

    Die lineare Struktur der Dachformen kann in ihrer Länge den jeweiligen stadträumlichen Situationen angepasst werden. Es entstehen Hof- und Freiräume an den notwendigen Stellen: Die beiden inneren, allseitig umschlossenen Höfe binden die rückwärtigen Fassaden und Hinterbebauungen der historischen Häuser ein. Der chakteristische Galeriebau von Haus 9 bleibt erlebbar und verleiht dem Hof eine besondere Atmosphäre. Die drei äußeren, nach Süden orientierten Hofräume bieten sich als außenliegende Leseräume für die Bibliotheksnutzung an.

    Die horizontale Schichtung des Programms entspricht der Forderung nach flexiblen Baustrukturen, die auch zukünftige strukturelle Veränderungen im Bibliothekswesen aufnehmen kann:
    Im Untergeschoss liegen die Archive, effizient mit Rollregalen ausgestattet.
    Das Erdgeschoss wird geprägt von der linear ausgerichteten Schottenstruktur. Das langgestreckte Foyer macht die gesamt Tiefe des Baugrundstücke erlebbar; der sich verjüngende Zuschnitt, sowie das abfallende Dach erzeugen eine suggestive perpektivische Raumwirkung. Vom Foyer aus werden die unterschiedlichen Bereichen separat erschlossen: allgemeine Freihandbereiche, und der Kinder- und Jugendbereich im OG sowie der Presenzbibliothek mit Magazinzugang und der Versammlungs- und ausstellungsbereich im EG erschlossen. Ein direkter Zugang zwischen Verwaltungstrakt und Bibliotheks-Ausleihe ist ebenfalls gewährleistet.
    Das Obergeschoss mit dem Bibliotheksbereich breitet sich unter dem prägnanten Faltwerk der Dachlandschaft aus. Ein Raumkontinuum, das die Strassen- und Hofseite verbindet und die beiden Innenhöfe umschliesst.
    Das Haus 6 am Reußenplatz nimmt die Verwaltung auf. Die Dachräume von Haus 6 und 9 werden freigräumt, die Konstruktion der hölzernen Dachstühle wird erlebbar. Gezielte Fensteröffnungen bieten von hier aus den Blick in den Luftraum der Bibliothek.


    Konstruktion und Nachhaltigkeit

    Das Konstruktionskonzept des Hauses folgt den Prinzipien der Nachhaltigkeit durch eine einfache und synergetische Konstruktion.
    Das Haus ist konsequent hoch gedämmt, was einen gezielten und sparsamen Einsatz der Technik ermöglicht.
    Das Kellergeschoss ist als Schwarz-Weiße-Wanne ausgeführt.
    Die Außenwände aus voll ausgedämmten Porenziegeln in Kombination mit eine Lage Wärmedämmputz gewährleistet eine Wärmebrückefreie Konstruktion, bei einer massiven einschaligen Außenwand.
    Die Innenverkleidung durch Bücherregale und eine schallabsorbierende Vorsatzschale im Zusammenspiel mit der Geometrie des Daches bieten eine optimale Akustik im Raum.
    Die Fenster mit Lüftungsflügel ermöglichen die natürliche Belüftung der Leseräume und eine effektive Nachtkühlung.

    Das Dachtragwerk besteht aus einem unregelmäßigen Faltwerk, das aus einzelnen Leno-Brettsperrholzplatten d=165mm gebildet wird.
    Das Faltwerk trägt mit mehreren Faltungen bei einer maximalen Spannweite von ca. 13m in den großen Raumbereichen stützenfrei.
    Im Übergang zu den schmalen Raumbereichen (links Mitte und Mitte) wird das Faltwerk an insgesamt 4 Stellen mit Sprengwerken aus Stahlprofilen zwischengestützt, die plattenbündig in den Stößen der Leno-Platten angebracht werden, also die Raumwirkung des Faltwerks nicht verletzen.
    Das Faltwerk erhält in den Kehlen und Graten und zur Schubeinleitung Stahlwinkel als Ober- und Untergurt und zur Schubübertragung an den Längsstößen der Platten untereinander weitere Stahlwinkel.


    Altbau

    Die Altbauten werden denkmalgerecht saniert bzw. rekonstruiert und energetisch saniert (Innendämmung). Das Gartenhaus bleibt als Denkmal erhalten.
    Die Struktur von Haus 9 wird für die Aufnahme eines Lesesaals ertüchtigt, die Verstärkung wird in die Bücherregale integriert. Dieses entspricht dem Bild des Lesesaals im Neubau.

    TGA

    Um den Anforderungen an moderne Bibliotheken und Archive auch aus energetischen Gesichtspunkten gerecht zu werden, soll ein Energiekonzept wie im folgenden beschrieben, Berücksichtigung finden:

    Wärmeversorgung
    Die Wärmeversorgung ist zugeschnitten auf den jeweiligen Nutzungsbereich:

    Archive
    Die Anordnung der Archive erfolgt hauptsächlich im Untergeschoß. Dadurch wird sowohl der Transmissionswärmeverlust im Winter als auch der Lasteintrag im Sommer auf ein Minimum reduziert.
    Die Beheizung dieser Räume im Winter erfolgt durch eine Flächenheizung (Betonkernaktivierung) in Verbindung mit einer Wärmepumpe, wobei die Heizenergie aus dem anliegenden Erdreich (Erdsonden oder bodennahe Erdwärmenutzung) gewonnen wird. In den Sommermonaten kann das gleiche Prinzip zur Sicherstellung der gemäß Wettbewerb geforderten Raumtemperaturparameter genutzt werden.

    Auf eine aktive Kühlung kann verzichtet werden, so dass keine aufwendigen Einbauten für Kälteaggregate und deren Rückkühler notwendig sind.

    Außerdem erhalten die Archive eine mechanische Lüftungsanlage, welche mit einem minimalen Luftwechsel (0,5 fach) den notwendigen Außenluftbedarf sicherstellt und für eine ausreichende Lüftung der Bereiche sorgt.

    Eine Klimatisierung der Räume über die zentrale Lüftungsanlage zur Sicherstellung einer Raumluftfeuchte ist wegen der hohen Investitions- und Betriebskosten nicht vorgesehen. Bei Bedarf kommen hier dezentrale Geräte zum Einsatz, wobei konzeptionell Anschlußpunkte (Strom, Wasser) berücksichtigt werden.

    Sonstige Bereiche
    Durch die ausschließliche Temperierung der Archivflächen mittels Erdwärmenutzung sind die Vorgaben des EEWärmeG erfüllt, so dass die Beheizung der sonstigen Flächen mittels Erdgas-Brennwert-Heizkessel erfolgen kann.

    Elektro – Beleuchtung
    Die im Hinblick auf einen effiziente Energiehaushalt und eine maximale Tageslichtnutzung konzipierten Fassaden des Neubaus werden durch eine Beleuchtung mit Präsenz – und Helligkeitssensoren ergänzt. Die Möglichkeit des Einsatzes von energiesparenden LED-Leuchten ist im Zuge der Planung zu prüfen.

    TGA - Zusammenfassung
    Mit diesem beschriebenen Konzept soll mit einfacher Technik ein effektiver Betrieb (geringe Investitions,- Betriebs-, Bedienungs- und Wartungskosten) der Bibliothek möglich sein. Gleichzeitig finden die zu erwartenden Vorgaben der EnEV 2012 Berücksichtigung.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Der Leitgedanke des Entwurfes, ein „kontinuierliches Raumgebilde“ und somit „ein Haus“ zu schaffen, erweist sich durch die Art der Umsetzung als sehr tragfähig. Die Bestandsbauten werden selbstverständlich durch den Neubau gerahmt und die kleinteilige Dachlandschaft erlaubt die Integration in den Maßstab der Umgebung, obwohl die Reihung der Giebel für diese Region untypisch ist. Die Raumbildung folgt den historischen Fluchten und trägt so zur Aufwertung der Platzfolge bei. Der Haupteingang orientiert sich konsequent zum Reußenplatz in Bezug zum prägenden Bestandsgebäude. Die Öffnung ist ebenso wie alle anderen sparsam, doch wirkungsvoll im Zusammenhang mit der Gebäude- ecke ausformuliert. Im Blockinneren formuliert der Neubau jeweils mit den Altbauten Höfe, die recht klein erscheinen, jedoch bei der geringen Gebäudehöhe ausreichend Belichtung gewährleisten. Die verbleibenden Gartenbereiche werden leider nicht weiter ausformuliert. Das Potenzial einer Beziehung zwischen Innen- und Außenraum wird hier verschenkt.

    Die Reihung von lang gestreckten Satteldächern wird als eigenwillige Interpretation des Ortes („Fabrik“) gewürdigt, die Meinungen in der Jury über die Angemessenheit dieser Geste für ein öffentliches Gebäude gehen jedoch auseinander. Die Wahl der Materialien Putz und Zinkblech erscheinen gut gewählt, der vertikale „Flaschenputz“ ist jedoch nicht not- wendig. Überraschende Großzügigkeit entfaltet das Gebäude vor allem im 1. Obergeschoß durch das zusammenhän- gende Dachtragwerk, im Erdgeschoß überwiegt ein kleinteiliger Eindruck. Der Hof im nordöstlichen Bereich sollte in je- dem Fall überdacht werden, da die Funktionsbereiche hier sonst schlecht miteinander verbunden werden können (Café in Haus Nr. 9). Auch liegen der Veranstaltungsraum und das Stuhllager zu weit auseinander, um hier flexibel umbauen zu können. Der Freihandbereich im 2. Obergeschoß des Bestandsgebäudes Nr.6 liegt ungünstig, da er keinen Bezug zu den anderen Freihandbereichen hat. Den Denkmalschutzbelangen wird in der Nr. 6 gut Rechnung getragen, da auch das bestehende Treppenhaus durch die Ergänzung eines neuen im Süden erhalten werden kann. Die Nr. 9 kann das Café im Erdgeschoß aufnehmen, die im 2. Obergeschoß vorgeschlagene Raumstruktur ist mit dem Altbau jedoch kaum vereinbar.

    Die Sheddachlösung bietet gute Möglichkeiten zur Tageslichtversorgung. Der Verzicht auf eine aktive Kühlung ist aus ökologischen Gesichtspunkten nachvollziehbar. Zweifelhaft ist, ob die Anforderungen an die Klimabedingungen im Archivbereich eingehalten werden können. Das Wärmeversorgungskonzept ist nachvollziehbar und schlüssig. Die Wär- meübergabe im Altbau ist an das Wärmeerzeugungskonzept anzupassen. Die Verwendung dezentraler Lüftungsgeräte ist zu hinterfragen. Die Belange des Brandschutzes erfordern eine weitgehende Beachtung.

    In der Flächenbilanz liegt der Entwurf etwas über dem Mittelwert. Durch die geringe Geschossigkeit und die Verwendung einfacher Materialien kann hier jedoch kompensiert werden. Die Nutz- und Verkehrsflächenanteile werden sehr positiv bewertet. Abstandsflächen und Barrierefreiheit bedürfen der Überarbeitung.