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  • DE-54290 Trier
  • 12/2012
  • Ergebnis
  • (ID 2-111644)

Römerbrücke und Umfeld


  • Anerkennung

    Nachtperspektive

    Landschaftsarchitekten
    Lützow 7 Cornelia Müller Jan Wehberg, Berlin (DE) Büroprofil

    In Zusammenarbeit mit:
    Architekten: urban essences, Berlin (DE)

    Preisgeld
    3.333 EUR

    Erläuterungstext
    Weltkulturerbe Trier - Römerbrücke, Umfeld und Stadt
    Das Projekt schlägt vor, im Zuge der Umwandlung der Römerbrücke und ihres Umfeldes auch sämtliche historischen Schätze Triers in einen völlig neuen Zusammenhang zu stellen und mit den neu erschlossenen, hochattraktiven Räumen an der Mosel zu einem einzigartigen Stadt- und Landschaftsraum zu vereinen. Die Stadt mit der größten Anzahl und Dichte von Weltkulturerbestätten in Deutschland erhält ihr stadtgeschichtliches Herz zurück, indem die ursprünglich römischen Hauptachsen - nicht nur das mit ihnen unmittelbar logisch verbundene Fragment der Römerbrücke - in einer völlig neuen Wertigkeit erstrahlen und wieder zum zentralen Orientierungs- und Identifikationsmerkmal der Stadt werden.
    In Ergänzung und nahtloser Weiterführung der beeindruckenden und anregenden mittelalterlich geprägten Altstadt sowie dem auratischen Palastgarten mit Konstantinbasilika und Kaiserthermen wird in einer Vision 2025+ auch die Südallee/Kaiserstraße, in deren Verlauf sich der größte Teil des sichtbaren und (noch) unsichtbaren römischen Erbes befindet,perspektivisch vom Durchgangsverkehr befreit und von einem heute eher banal und vernachlässigt wirkenden Verkehrsraum zu einer intensiv erlebbaren Promenade durch Zeit, Raum und Landschaft umgestaltet. Die im Gegensatz zur mittelalterlichen Epoche der Stadt bisher nur als - wenn auch äußerst eindrückliche - Fragmente wahrnehmbaren Orte römischen Ursprungs werden somit plötzlich als Ganzes und im Zusammenhang lesbar.
    Eine langfristige Reduktion des Verkehrsaufkommens im Verlauf von Südallee und Kaiserstraße auf ein stadtverträgliches Maß ist aus unserer Sicht die logische Konsequenz aus der bereits beschlossenen Umwandlung der Römerbrücke. Der diesen Stadtraum wie die Römerbrücke bisher buchstäbliche „überfahrende“ Autoverkehr erzeugt hier durch seine Barrierewirkung eine extrem negative Ausstrahlung auf die umliegenden Stadtbereiche - insbesondere die südwestliche (Karl-Marx-Straße) und südliche (Saarstraße) Innenstadt, deren Potenzial als urbane, lebendige Orte dadurch bei weitem nicht ausgeschöpft sind und die im Vergleich zur Altstadt momentan wie degradiert wirken. Eine Verkehrsverminderung birgt die Chance, die bisher „abgehängte“ südliche Innenstadt zu einem im Bewußtsein von Bewohnern und Besuchern Triers fest verankerten, integrierten Bestandteil des historischen Stadtkerns umzuwerten und damit auch die Ausstrahlung Triers als Großstadt zu erweitern. Der Schwerpunkt der Stadt verschiebt sich nach Süden, die Römerbrücke rückt aus ihrer momentanen Randlage wieder in die Mitte, die Balance der Stadt nähert sich dem ursprünglich römischen Format wieder an.
    Dabei sollte diese neue, auf Genuß und Muße ausgerichtete Promenade zum Fluß, die - wie der Achsbezug von Kaiserstraße und Konstantinsäule bezeugt - bereits zur Zeit ihrer
    gründerzeitlichen Anlage als solche intendiert war, kein rein touristisch geprägter „römischer Themenpark“ werden, sondern ein Raumerlebnis, welches im Grunde quer durch das Moseltal vom Amphitheater am Fuß der Weinberge im Osten durch die Innenstadt über die Römerbrücke zum wiederbelebten Bahnhof Trier-West und darüber hinaus zum geplanten Stadtteilzentrum und den daran anschließenden Zukunftsfl ächen der Stadt am Fuß der prägnanten Waldhänge im Westen des Moseltals führt und damit eine 2000-jährige Kulturlandschaft erschließt.
    Entlang dieser neuen/alten Achse befi ndet sich nicht nur die Mehrzahl der römischen Spuren der Stadtgeschichte, sondern zudem eine Vielzahl schulischer und anderer wichtiger öffentlicher Einrichtungen. Im unmittelbaren Umfeld von Südallee und Kaiserstraße fi nden sich darüber hinaus auch die Europahalle und der heute vernachlässigte Platz zwischen Rathaus und Theater. Dieser für die Identität der Stadt eigentlich so wichtige Ort könnte unter Einbeziehung einer Teilausgrabung des hier verorteten römischen Palastes erheblich aufgewertet und damit ein bereichernder Bestandteil der Innenstadt zwischen neuer Promende und dem Viehmarkt mit seinen Thermen werden.
    Es entsteht (wieder) ein Achsenkreuz als Konstituierende der Stadt, bei der die nord-südliche Achse von Porta Nigra über Neustraße zur Saarstraße ihre Funktion im Angebot von Einzelhandel und Dienstleistungen fi ndet, während die wieder herausgearbeitete ost-westliche Achse vom Amphitheater über die Südallee/Kaiserstraße und Römerbrücke bis zu Trier-West als neuer „Campus“ und „Forum“ der Stadt in hochkonzentrierter Form Geschichte, Bildung, Kultur, Repräsentation und Erholung miteinander verknüpft.
    Mosel-Park und Mosel-Platz
    Die zukünftige Verschiebung des Schwerpunktes der inneren Stadt führt auch bei der Gestaltgebung der innerstädtischen Moselufer zu einer neuen Raumdefi nition, bei der die
    Römerbrücke von Irminen- und Barbarasteg in die Mitte genommen wird - als zentrales Element eines sehr urban und zugleich grün geprägten „Moselparks“. Es ergibt sich eine
    Rahmung des Flusses durch großzügige Wege und Aufenthaltsbereiche am und über dem Fluß, die als Gesamtform zugleich die zukünftige Beziehung zwischen „alter“ Stadt
    nordöstlich und „Zukunftsstadt“ südwestlich der Brücke refl ektiert.
    Die beiden Stege schaffen nicht nur äußerst vielversprechende neue Bezüge zwischen bestehenden (Altstadt, Pallien, Bahnhof Süd) und zukünftigen (Lokrichthalle, Umnutzugsfl
    ächen am Westufer) Kristallisationspunkten, sondern stellen selbst Attraktionen dar in ihrer Parkweg-artigen, großzügigen Formgebung: Ihre Aufweitung in der Mitte des Flusses mit dort vorgesehenen Sitzmöglichkeiten macht auch sie zu potenziellen Aufenthaltsorten; ihr nahtloses Anschließen an Uferwege ermöglicht das Erleben der Überschreitung des Flusses im „Derive“ einer fl ießenden, fast unbewußten Bewegung.
    Der Moselraum zwischen Irminen- und Barbara-Steg wird zugleich Park und Platz, Ort der Erholung und Treffpunkt, Landschaftserlebnis und Event-Location. Stadtfeste und
    kulturelle Festivals lassen sich entlang der um die Mosel führenden Schleife in großzügiger Weise organisieren und mit der gesamten Stadt vernetzen. Zwei Freilicht-Bühnen an den jeweils östlichen Steg-Köpfen ermöglichen - auch zur Schonung des Bereiches unmittelbar um die Römerbrücke - eine Entfl echtung großer Veranstaltungen an den beiden Polen.
    Während der Bereich südlich der Römerbrücke mit Kies-Strand und locker verteilten Grünelemeten eher die Erholungsfunktion betont („Mosel-Park“), ist der Bereich nördlich der Römerbrücke mit Freizeithafen, Gastronomie und Baumalleen tendenziell urban charakterisiert („Mosel-Platz“).
    Brücke und Brückenköpfe
    Vor dem Hintergrund eines potenziell die gesamte Innenstadt Triers verwandelnden Projektes und im Bewußtsein der einzigartigen Ausstrahlung ihres römischen Erbes erscheint die momentane Bebauung direkt auf und an den Brückenköpfen der Römerbrücke um so mehr als grotesk und unangemessen. Daher wird hier unter Berücksichtigung des Erhalts der denkmalgeschützten Gebäude eine vollkommen neue bauliche Gestalt für beide Brückenköpfe vorgeschlagen: Hauptintention ist auf beiden Seiten zu aller erst ein Raum-Geben der Römerbrücke. Ihre heute kaum erlebbare Gestalt und Prägnanz wird um so mehr sichtbar werden, je weniger „störende“ Elemente sich in ihrer unmittelbaren Nähe befi nden und je mehr freier, nicht funktional besetzter Raum um sie herrscht.
    Die vorgeschlagene Neubebauung auf beiden Seiten versteht sich nicht wie die aktuelle Bebauung als Gegenpart zur Brücke, sondern als klassische Rahmengebung für zwei
    großzügige städtische Plätze, die neben der Aufnahme und Integration der Verkehrsfunktion vor allem das Ziel haben, frei nutzbaren öffentlichen Raum zu bieten. Architektur muss hier höchsten Ansprüchen genügen und im Ensemble entwickelt werden. Die angedeutete Idee einer zeitgenössisch zu interpretierenden umlaufenden Kolonnade schafft eine besondere Beziehung zwischen Haus und Platz und stiftet eine gemeinsame Identität für diesen einzigartigen Ort.
    Die Minimierung der Anzahl und Komplexität von Gestaltelementen im Umfeld der Römerbrücke wird auch auf die Umgestaltung der Brücke im Detail übertragen: Statt der heute banal erscheinenden Brüstungselemente und Straßenleuchten wird eine minimalistische Glasbrüstung vorgeschlagen, die mittels energiesparender und fl exibel steuerbarer LEDTechnik sowohl den Raum auf der Brücke als auch die Ansichten der Brücke im Norden und Süden ausleuchtet. Im Gegensatz zu der bei historischen Monumenten weitgehend üblichen und bisher auch in Trier angewandten mystifi zierenden Spot-artigen Anstrahlung von unten soll hiermit eine eher gleichmäßige, relativ neutrale Beleuchtung von oben realisiert werden, die sich entsprechend auch auf die anderen Weltkulturerbe-Stätten der Stadt übertragen lässt und damit einen weiteren räumlichen Zusammenhang stiftet. Es geht schlicht darum, die Brücke auch abends und nachts so wahrnehmen zu können wie sie ist. Die Interpretation dieser visuellen Erfahrung bleibt dem Betrachter frei überlassen.
    Wie bei der Brücke und ihrem unmittelbaren Umfeld geht es bei der gesamten inneren Stadt vor allem um Zugänglichkeit und Sichtbarmachung. Trier besitzt eine einzigartige Fülle, Dichte und Qualität historischer Spuren, die lediglich der Integration in einen nachvollziehbaren und attraktiven Zusammenhang bedürfen. Wie bei einer lose verteilten Sammlung wertvoller Gemälde von Bildern ohne Rahmen und Ausstellungsort muss vor allem Hintergrund und Wirkraum geschaffen werden, damit die Einzelteile ihre volle Ausstrahlung entfalten können und das sie verbindende Prinzip und seine Bedeutungen für das Heute wieder lesbar werden.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Die Arbeit zeichnet sich durch zwei markante Leitideen aus.

    Die Römerbrücke im Flussraum wird über die Gestaltung der beidseitigen Moselufer sowie zwei neue Fußgän- gerbrücken nördlich und südlich der Römerbrücke besonders inszeniert und erlebbar gemacht.

    Die zweite Leitidee entwickelt von der Römerbrücke ausgehend die Südallee zu einem neuen Erlebnisraum mit archäologischen Funden und Markierungen historischer Zeitschichten bis zu Kaiserthermen und Amphitheater.

    Die Kaiserstraße wird als neuer Fußgängerboulevard vorgeschlagen, was die Umsetzung des Mobilitätskonzepts voraussetzt. Der motorisierte Verkehr in beiden Fahrtrichtungen wird ausschließlich in der Südallee geführt. Diese Leitidee zeigt eine neue Perspektive in der Anbindung der historischen Baudenkmäler auf. Die Umsetzung wird zum Teil auf Kosten der historischen Bausubstanz geschaffen.

    Die beiden Brückenköpfe werden durch die vorgeschlagene neue Randbebauung zu neuen Platzräumen definiert. Der Platz am Brückenkopf leistet durch die zurückgesetzte Bebauung den Anschluss in die Südallee.

    Der Platz am westlichen Brückenkopf weist funktionale Mängel in der nicht bewältigten verkehrlichen Situation auf. Die Führung des ÖPNV über die Gleisanlagen wird als Spindel vorgeschlagen, die als städtebaulicher Fremdkörper wirkt und in ihren Abmessungen zu eng geführt ist.

    Die Ufergestaltung mit den beidseitig harten Kanten und befestigten Flächen wirkt im Detail nicht akzentuiert und undifferenziert. Der Abflussquerschnitt wird reduziert. Die Erlebnisqualität im Bereich südlich der Römerbrücke („Mosel als Park“) ist nicht erkennbar.

    Die Dominanz der beiden raumgreifenden Fußgängerbrücken wird in Verbindung mit der gewünschten Inszenierung der Römerbrücke kritisiert. Die städtebaulichen Anschlüsse erscheinen fragwürdig.

    Für den Anschluss und die Aufwertung der südwestlichen Innenstadt fehlen zielführende Aussagen.

    Die Arbeit weist Mängel in der Umsetzung der an sich starken Leitidee auf. Die Umsetzung erfordert einen weiten Zeithorizont.