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  • DE-01796 Pirna
  • 12/2012
  • Ergebnis
  • (ID 2-116026)

Finanzamt


  • 3. Preis


    Architekten
    Scherr+Klimke AG, Ulm (DE), Neu-Ulm (DE), Ingolstadt (DE) Büroprofil

    Verfasser
    Markus Mangler

    Mitarbeit
    Francisco Jose Fernandez Torres

    Preisgeld
    15.000 EUR

    Erläuterungstext
    Entwurfsidee und Städtebauliches Konzept:

    Alt- und Neubauten des Projektes ergänzen sich zu einem Ensemble und definieren gemeinsam die städtebaulich maßgebenden Kanten an der Ecke Clara-Zetkin-Straße und Schandauer Straße.
    Die Gliederung der Baukörper nimmt die Maßstäblichkeit der Umgebung auf und repariert zugleich den räumlich undefinierten Kreuzungsbereich.

    Gebäude Nord:
    Der nördliche 4-geschossige Neubau an der Schandauer Straße versteht sich städtebaulich als Ergänzung der bestehenden Waisenhausbebauung und gibt dem ausufernden Kreuzungsbereich eine räumliche Fassung.
    Der 2-geschossige Verbindungsbau zum Waisenhaus bleibt mit seiner Traufhöhe unter dem Mansarddach des Kerngebäudes und hält damit auch die Abstandsflächen zum östlichen Nachbarn ein.
    Der entstehende Innenhof wertet Alt- wie Neubau auf.
    Gebäude Süd:
    Der südliche Neubau weicht von der Clara-Zetkin Straße zurück und schafft einen Vorplatz vor dem Haupteingang und Bürgerfoyer des Finanzamtes.
    Südlich wird der Vorplatz vom Liebenauschen Vorwerk gefasst, das zusammen mit dem Blauen Hecht die Straßenflucht nach Süden definiert.
    Ausgehend vom Maßstab der Umgebungsbebauung ergibt sich für den Hauptbaukörper eine Gliederung in einen Nordteil mit öffentlichem Gesicht und Lichthof und einen “dienenden“
    südlichen Teil der hinter dem Liebenauschen Vorwerk zurückweicht.
    Dieser Versatz erlaubt große zusammenhängende Nutzflächen und bezieht die umgebenden Bestandsbauten mit ein.


    Umgang mit denkmalgeschützter Bausubstanz:

    Der Erhalt von Waisenhaus und Liebenauschem Vorwerk verankert das neue Finanzamt in der gewachsenen Stadt. Ziel von Neu- und Altbauten ist die gegenseitige Aufwertung und gleichwertige Integration zum Ensemble.
    Dies betrifft sowohl die volumetrische Gliederung als auch die Ausbildung der Fassaden der Neubauten, die den Dialog mit dem Bestand suchen.
    Die Kombination von respektvollem Anbau an das Waisenhaus und einem Verbindungsgang im 1.OG erlaubt die enge funktionale Verzahnung der Abteilungen in Neu- und Altbau.


    Funktionalität und Erschließung:

    Das Projekt trennt klar zwischen öffentlicher, städtischer Westseite mit Vorplatz und Haupteingang und infrastruktureller grüner Ostseite mit Mitarbeiter-Parkplatz und Anlieferung, wobei eine abwechslungsreiche Durchwegung für Fußgänger erhalten bleibt.
    Um die Finanzamtsgebäude gibt es fußläufige Verbindungen in Nord-Süd wie auch in Ost-West Richtung.
    70 überirdische Mitarbeiterstellplätze werden von der Seminarstraße aus erschlossen. 10 Besucherstellplätze befinden sich auf dem Vorplatz an der Clara-Zetkin-Straße.


    Interne Organisation und Raumprogramm:

    Die Verwaltungsflächen von Neu- und Altbauten gruppieren sich um eine zentrale Erschließungsachse in Nord-Süd Richtung, die die unterschiedlichen Abteilungen miteinander verknüpft und vielfältige Bezüge zur Umgebung und zu Innenhöfen herstellt.
    Über den nördlichen Neubau wird das bestehende Waisenhaus direkt angebunden. Eine Verbindungsbrücke im 1.OG verbindet das Nord- und Südgebäude.
    Der Kopfbereich des südlichen Gebäudes am Vorplatz ist die öffentliche Schnittstelle mit Haupteingang und Bürgerfoyer. Das am Lichthof liegende Treppenhaus führt Besucher in die drei Geschosse der Veranlagung, die komplett im südlichen Neubau Platz findet. Die Verwaltung liegt zentral im 1. OG des Waisenhauses zwischen Neubau Nord und Neubau Süd in der Nähe von Schulungs- und Konferenzbereich.
    Die Archivflächen liegen größtenteils im UG. Die Akten der Bewertung befinden sich gegenüber der Abteilung im Kernbereich des südlichen Neubaus.
    Im Liebenauschen Vorwerk ist neben Bücherei und Hausmeister im EG die Rechtsbehelfsstelle in den Obergeschossen untergebracht. Im Blauen Hecht befinden sich im OG Küche und Aufenthaltsraum, der durch eine Öffnung der Decke zum Dachstuhl auch die angemessene Höhe für Feierlichkeiten bekommen könnte.
    Die notwendigen Nebenflächen und Lager befinden sich im Erdgeschoss.
    Durch die verbundenen Ringstrukturen in Neu- und Altbau ergeben sich kompakte Gebäude und kurze Wege.
    Das Raumprogramm wird unter Einbeziehung der Bestandsbauten komplett abgebildet.


    Wirtschaftlichkeit und Energieeffizienz

    Die Lage der neuen Erschließungs- und Versorgungskerne ermöglicht eine wirtschaftliche Versorgung der Neubauflächen und die versorgungstechnische Anbindung des Waisenhauses an den Neubau Nord.
    Die Kombination aus hochgedämmter Gebäudehülle und innovativer Gebäudetechnik mit strahlungsbasierter Heizung und Kühlung (Bauteilaktivierung) führen zu niedrigen Betriebkosten.
    Eine optimal gedämmte, zweischalige Fassade und Aluminium-Fenster mit Dreifach-Wärmeschutz-Verglasung minimieren Strahlungsverluste.
    Die hinterlüftete Klinkerfassade und der außenliegende Sonnenschutz reduzieren den sommerlichen Wärmeeintrag.
    Die Kombination von Bauteilaktivierung der Betondecken und einer schnell reagierenden Heiz- und Kühlfläche im Fassadenbereich bietet die Möglichkeit, die Raumtemperaturen individuell nachzuregeln.
    Die kontrollierte Be- und Entlüftung mit niedrigen Luftwechselraten sorgt für einen wirtschaftlichen und behaglichen Luftaustausch.
    Alle Materialien, Konstruktionsprinzipien und technischen Anlagen sind bewährte bauliche Lösungen mit geringen Lebenszykluskosten und hoher Nachhaltigkeit.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Die Arbeit mit der Tarnzahl 2006 respektiert die vorhandene Bebauung sehr weitgehend und ergänzt zwei- bis viergeschossige Neubauten. Aus diesen beiden Polen gelingt den Verfassern eine tragfähige Symbiose. Verbunden werden die Einzelbaukörper durch eine rückwärtige Erschließungsachse.

    Die Gliederung und Maßstäblichkeit der eingefügten Neubauten gelingt die angestrebte Stadtreparatur in dem sehr heterogenen Umfeld. Insbesondere der zurückgesetzte, dreigeschossige Neubau an der Clara-Zetkin-Straße schafft mit der dadurch entstehenden Platzsituation einen wohlproportionierten Stadtraum. Die Anlagerung des Besuchereinganges an dieser Stelle ist folgerichtig. An der Schandauer Straße formuliert ein kräftiger Neubau eine klare Raumkante. Die Gebäudetiefe und die Viergeschossigkeit bedrängen das Waisenhaus und insbesondere dessen zweigeschossigen Seitenflügel entlang der Clara-Zetkin-Straße. Auch der beengte Innenhof und die Nichtanbindung des Vorwerkes kann funktional nicht überzeugen.

    Mit Ausnahme der Remise und dem südlichen Anbau an das Waisenhaus werden alle denkmalgeschützten Gebäude erhalten und fachgerecht saniert. Weder das Vorwerk noch der „Blaue Hecht“ werden baulich an den Neubaukomplex angebunden, was die internen Abläufe des Finanzamtes erschwert. Auch an der Schandauer Straße erfolgt keine Anbindung zwischen Alt- und Neubau. Diese offene Fuge führt in den neuen Lichthof, der keine weiteren Funktionen oder Zugänglichkeiten bietet.

    Der offene Lichthof als Bürgerfoyer wird aus datenschutzrechtlichen und klimatischen Gründen als schwierig erachtet. Weitere Kritikpunkte sind die eingeschränkte Barrierefreiheit sowie die bodentiefen Erdgeschossfenster zu den Gehwegen. Das Raumprogramm wird sehr weitgehend erfüllt. Lediglich der Aufgabenbereich „Bewertung/Grunderwerbsteuer“ sowie die Nebennutzflächen werden deutlich übererfüllt.

    Die stadträumlichen Aspekte sind bei der städtebaulichen Einordnung (Punkt 3) beschrieben. Gestalterisch werden die Fassaden der Neubauten mit Klinkern ausgeführt. Wie die Flachdächer führt dies zu einer klaren Abgrenzung zu den Putzfassaden der Altbauten. Die Materialität ist allerdings nicht ortstypisch. Insgesamt sind die Fassaden maßstäblich und klar gegliedert.

    Die Gebäudeanordnung sowie die Verbindung von Alt- und Neubauten führt zu einer grundsätzlich effizienten Bauweise. Um wenige Erschließungs- und Versorgungskerne gruppieren sich die Büros und sonstigen Nutzerbereiche. Sowohl die Errichtung und der Betrieb erscheinen wirtschaftlich tragbar. Zumindest in den Neubauten wird sich das von den Verfassern beschriebene Energiekonzept umsetzen lassen.

    Soweit erkennbar hält der Entwurf alle öffentlich-rechtlichen Anforderungen weitgehend ein. Überprüft werden müssen die Barrierefreiheit und der Brandschutz in einigen Gebäudeteilen.


INFO-BOX

Angelegt am 04.01.2013, 11:59
Zuletzt aktualisiert 15.02.2013, 14:39
Beitrags-ID 4-62343
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