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  • DE Mülheim an der Ruhr
  • 01/2006
  • Ergebnis
  • (ID 2-3695)

Städtebaulicher Wettbewerb "Neuer Hauptbahnhof"


  • Ankauf

    Hauptbahnhof Mülheim

    Anzeige


    Landschaftsarchitekten
    Reinders Landschaftsarchitekten, Duisburg (DE)

    In Zusammenarbeit mit:
    Architekten: Nattler GmbH, Essen (DE)

    Erläuterungstext
    Städtebauliche Idee
    Dem heterogen, extrem verkehrsdominierten Bahnhofsumfeld wird die „Mülheimer Welle“ entgegen gesetzt. Sie ist der ruhende Pol, die alles übergreifende und lenkende Figur im bisher orientierungslosen ungefaßt wegfließenden Raum.
    Die perfekte Welle reagiert flexibel auf erforderliche Höhen verschiedenster Nutzung, ermöglicht Durchblicke, schafft schützende Hüllen, auskragende Vordächer und gibt großzügig Raum. Sie ist (semi-) transparent überdacht, wo Wetterschutz nötig wird, und zeigt sich nach oben offen, wo Sonne einstrahlen kann. Die klare und einfache Geometrie erleichtert jederzeit die Orientierung und verbindet geradlinig was zusammen gehört.
    Der dem Bahnhof vorgelagerte großzügige Freiraum hat zwei Gesichter: Ein städtisch geprägter „steinerner Platz“ fördert die öffentliche Wirkung der Welle - ein neuer „Stadtgarten“ schiebt ausladend breit Natur bis vor die Bahnhofs-Eingangstür, attraktive Aufenthalts-qualität und spannungsreiches Wechselspiel zwischen den Flächen schaffend.
    Städtebauliche Einbindung
    Die Interpretation eines Entree in die Innenstädte unterliegt heute besonderen Gesichtspunkten. Dem Wechsel der Verkehrsmittel kommt dabei eine immer größere Bedeutung zu. Park and Ride, Kiss and Ride, Stop and Go sind die Ereignisse, die an der Ecke Tourainer Ring und Eppinghofer Straße zu erwarten sind.
    Zentrumsnahe Parkmöglichkeiten und die Anbindung an den ÖPNV prägen den Eingang zur fußläufigen Innenstadt. Die Konzeption kommt dieser Situation entgegen. Den jeweiligen Nutzern werden adäquate Räume in der jeweils für sie günstigsten Lage angeboten (von Nord nach Süd):

    1. Neugestaltung nördliches Umfeld/ Tourainer Ring
    Der neu gestaltete Nordeingang des Bahnhofs erhält nach Rückbau der Hochstraße einen städtisch geprägten Vorplatz beidseits der Eppinghofer Straße. An diesen Vorplatz schließt im Westen die neue Grünanlage Tourainer Ring an, die die innerstädtischen Wegeverbindungen von der Löhstraße und Charlottenstraße aufnimmt und verkehrsfrei zum Bahnhofsvorplatz führt.
    Im Westen grenzt eine teilweise zweigeschossige Park and Ride-Anlage an, die die in Insellage befindliche Freifläche zwischen Tourainer Ring und Bahndamm sinnvoll nutzt und eine kreuzungsfreie Verbindung zwischen Parken und Bahnhof bietet. Konzentriert und angebunden an den neuen Tourainer Ring werden mit einer Erweiterungsoption bis zu 380 Stellplätze angeboten, Stauraum für wartende Taxis und Kurzzeitparker auf der Bahnhofseingangsebene inklusive.
    Über eine signalisierte Kreuzung kann das Parkdeck vom Tourainer Ring direkt angefahren und wieder verlassen werden. Gegebenfalls ist die komfortable Erreichbarkeit für Fahrzeuge aus Richtung Süden über eine zusätzliche Linksabbiegerspur im Tourainer Ring zu gewährleisten. Die innere Organisation erlaubt eine einfache und übersichtliche Parkplatzsuchfahrt an allen Stellplätzen vorbei. Nutzer des geplanten Parkdecks sind überwiegend Pendler. Tagtäglich anreisend in einem knapp kalkulierten Zeitrahmen ohne Reserven sind sie auf eine kürzest mögliche Verbindung zwischen Parkhaus und den Bahnsteigen der Deutschen Bahn angewiesen. Hier wird Ihnen über Treppen und Aufzüge am Nordeingang des Bahnhofs eine leistungsfähige und berechenbare Verbindung beiseite gestellt, die auch das belegte Brötchen und die Morgenzeitung am Kiosk beinhaltet. Die neue Park and Ride Anlage wird in die allee-artige Bepflanzung des Tourainer Rings eingebunden.

    2. Steinerner Platz (Bahnhofsvorplatz/ Dieter-aus-dem-Siepen-Platz)
    Er entwickelt sich vom Tourainer Ring entlang der Eppinghofer Straße bis an den Bahndamm der stillgelegten Gleistrasse. Im Norden nimmt er die Fußgängerströme aus den angrenzenden Stadtteilen Mülheims auf. Im Süden schafft er den notwendigen Distanzraum mit Vorfahrt zum Haupteingang des Mülheimer Bahnhofes. Die Schaufensterfronten der kleinen Läden links und rechts vom Bahnhofseingang unterstützen seinen städtischen Charakter.
    Durch einen einheitlichen Belag aus rechteckigen Großformat-Platten erhält der Platz einen optischen Zusammenhang. Lediglich die an dieser Stelle auf zwei Fahrspuren reduzierte Eppinghofer Straße quert den Platz. Die Max-Kölges-Straße sowie die vorhandene Wohnbebauung werden über den steinernen Platz angebunden. Zur Verstärkung der räumlichen Fassung sowie des Aufenthaltscharakters entsteht im Westen eine Doppelreihe geschnittener Kastenlinden. Sie ziehen den Platz -einer Klammer ähnlich- zusammen und blenden die privaten Stellplatzflächen am Westrand optisch aus.
    Auf der gegenüberliegenden Platzkante wird die Vorfahrt für Kiss and Ride durch die Stellung von Stelen als Multifunktionsträger für Licht, Fahnen, Projektionsleinwände und Info-Boards markiert. Die Rad- und Fußwegeverbindung auf der Trasse der ehemaligen Rheinischen Bahn wird über eine großzügige Stufenanlage an den Platz angebunden.

    3. Neuer Stadtgarten
    Mitten durch das Plangebiet führt in Hochlage die bereits stillgelegte Bahntrasse, die den überörtlichen Fuß- und Radwanderweg von der Duisburger Sechs-Seen-Platte bis zum Gruga-Park in Essen aufnehmen wird. Was zunächst als weitere Barriere im Stadtgefüge erscheint, erweist sich als wertvolles Rückgrat eines neu angelegten Stadtgartens. Aus seiner isolierten Lage befreit, entfalten sich die vorhandenen stadtökologisch bedeutsamen linienhaften Strukturen zu einem breit gefächerten Park. Der (Bahn)-Damm bricht und ergießt sich als stetiger aber sanft fallender (Grün)-Strom in die Stadt.
    Diese neue Freianlage verbindet die Flächen östlich und westlich der deutlich tiefer liegenden Eppinghofer Straße und steht im Kontrast zum städtisch-steinern geprägten Bahnhofvorplatz. Die südexponierten großen Rasenflächen, die als Rasenskulptur modelliert werden, bieten in Verbindung mit dem Großgrün der stillgelegten Bahntrasse eine hohe Nutzungs- und Aufenthaltsqualität. Bis unmittelbar an das Bahnhofsgebäude grenzt der Stadtgarten. Es entsteht ein atmosphärischer Raum, der großzügig Gastronomie und Verweilmöglichkeiten aufnehmen kann. Wie selbstverständlich gelingen die Verknüpfungen mit dem überregionalen Fuß-/Radweg mittels geneigter Ebenen und großzügiger Treppen.
    Was sich als neues bereicherndes Element im Stadtbild Mülheim zeigt, ist zugleich alternativer Zugang zur Innenstadt: Ging man bisher vom Bahnhof entweder durch das Einkaufszentrum Forum oder seitlich davon über den Kurt-Schumacher-Platz in die City, so bietet sich jetzt über den neuen Stadtgarten und der Viktoriastraße/-platz ein dritter grüner Weg an. So sind alle Voraussetzungen gegeben, dass der Stadtgarten als großzügiger qualitativer Grünraum im Zentrum Mülheims erkannt und angenommen wird.

    4. Verkehrsknotenpunkt Hauptbahnhof / Die „Mülheimer Welle“
    Der Hauptbahnhof zeigt sich als linear hintereinander gelegte Abfolge von verschiedenen Funktionen, die zusätzlich auf wechselnden Ebenen stattfinden. Konsequenterweise vollzieht das geplante neue Bahnhofsgebäude die bandartige Reihung der Funktionen in der durchgängigen Gestalt des Baukörpers nach und transportiert diese nach außen ablesbar weiter. Den wechselnden Höhen der Nutzungsebenen angepasst, erscheint das neue Bahnhofsgebäude als auf- und absteigende Welle.
    Mit der vorgegebenen oberirdischen Zufahrt zum Busbahnhof reduziert sich die Verknüpfung mit dem Forum auf eine gedeckte wettergeschützte Anbindung unter der Außengastronomie, Fahrradständer und der Zugang zu den Fernreisebussen im Untergeschoß Platz finden. Den Innenraum des Bahnhofsgebäude betritt man erst jenseits des Übergangs. Großzügig öffnen sich die Zugänge in das Untergeschoß des U-Bahnhofes der MVG. Seitliche bodentiefe Glaswände schaffen Ausblicke (in den Stadtgarten) und lassen umgekehrt das Tageslicht tief eindringen. Die Gastronomie liegt frei als Insel in der Mitte des geradlinigen Ganges oder an der Grenze zwischen innen und außen, um diese in den Sommermonaten aufzuheben.
    Das Easy-Soft-Gebäude steht wie selbstverständlich in diesem Gefüge: Es kanalisiert und fokussiert den Weg in der Mitte. Idealerweise könnte im EG des Westflügels ein Restaurant an klimatisch begünstigter Stelle eröffnen. Flankiert von Shops auf der rechten Seite schwenkt die gegenüber liegende Fassade leicht zurück und öffnet sich in die neue Bahnhofshalle. Oberhalb sausen über eine Brücke die Radfahrer, sehen Spaziergänger in den Bahnhof hinein und werden gesehen. Aufzüge und Treppen stellen jederzeit uneingeschränkt die Verbindung sicher.
    Im Wechsel von Enge und Weite führt der Weg im vorgegebenen Tunnel zu den Bahnsteigen der Deutschen Bundesbahn und findet seinen Abschluß/Auftakt am Nordeingang unter dessen Vordach sich sanft das Parkdeck schiebt und neue Raumkanten definiert.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    \"Die Arbeit möchte das heterogene, verkehrsdominierte Umfeld durch ein wellenförmiges, 250 m langes Dach markieren. Die mit dem Bergriff ‘Mülheimer Welle’ titulierte Stahl-Glas-Konstruktion wird dabei aber nicht als identitätstiftender Eingang im Stadtgefüge wahrgenommen.
    Die fußläufige Eingangssituationen vor allem im Süden mit der Anbindung an das Forum sind weder im Maßstab noch in der Gestaltung als Hauptzugänge hervorgehoben. Das neu geschaffene Empfangsgebäude am Dieter-aus-dem Siepen-Platz hat bei Weitem nicht die Qualität und das identitätsstiftende Potenzial des bestehenden Hauptbahnhofes.
    Die Ausbildung des Grünzuges und die Anbindung an die Eppinghofer Straße werden positiv bewertet, der Ausgang aus der Stadt über eine steile Rampe wirkt großzügig. Der anschließende Stadtgarten (vor dem Easy-Gebäude) ist dagegen als städtische
    Parkanlage zu klein dimensioniert. Das angestrebte, spannungsreiche Wechselspiel zwischen den Flächen bleibt im Ansatz stecken und schafft nicht die notwendige Anbindung an die Stadt.
    Die Arbeit setzt auf den großen Wurf, eine stufenweise Umsetzung ist nicht möglich, da ein erster Bauabschnitt nur als Torso wahrgenommen würde. Aus wirtschaftlicher Sicht ist eine Realisierung nur mit erheblichem Investitionsaufwand erreichbar, wobei auch die Unterhaltungskosten überproportional hoch sein dürften.\"


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