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  • Anerkennung 6. Rang

    Zugangssituation

    Architekten
    Bez+Kock Architekten Generalplaner GmbH, Stuttgart (DE) Büroprofil

    In Zusammenarbeit mit:
    TGA-Fachplaner: GBI Gesellschaft Beratender Ingenieure mbH, Stutttgart (DE), Erfurt (DE), Köln (DE), Hamburg (DE)

    Preisgeld
    5.500 EUR

    Erläuterungstext
    Städtebau – zwischen Sonnenstand und baukörperlicher Setzung:

    Die Situierung des kompakten Neubaukörpers erfolgt so, dass einerseits eine Verschattung der bestehenden Gewächshäuser ausgeschlossen ist und andererseits eine angemessen repräsentative Platzsituation mit Aufenthaltsqualität im Vorfeld des Julius Kühn-Instituts entstehen kann. Die Ausrichtung des Hauses ergibt sich aus der Orthogonalität der übrigen Gebäude. Durch das dichte Heranrücken des Neubaus an den Vorplatz kann ein Maximum der Versuchsfelder weiter genutzt werden.

    Vom Zugang zum Institutsgelände aus führen die Zufahrt, sowie ein parallel geführter Fußweg, der von Bäumen begleitet wird direkt zum Gebäudeeingang. Die Parkierung erfolgt auf der Nordseite der Zufahrt in drei flankierend angeordneten Parktaschen, die Fahrradstellplätze finden sich südlich des Gebäudezugangs in der Fuge zur angrenzenden Vegetationshalle.

    Der Eingang zum Institutsneubau springt aus der äußeren Kontur des Hauses zurück und ist somit klar erkennbar und gleichzeitig wettergeschützt.

    Das Institut zeigt sich als klar geschnittenes rechteckiges Volumen, dessen vier Fassaden entsprechend der unterschiedlichen Anforderungen der vier Himmelsrichtungen differenziert ausgebildet werden:

    Die in Ost- und Westrichtung zeigenden Fassaden werden mit dunkelgrünen PV-Elementen belegt, die von der flach einfallenden Sonne profitieren. Ein Ausblick aus dem Gebäude ist hier verzichtbar, da sämtliche Nutzräume sich nach Norden oder Süden orientieren. Im Bereich angrenzender Verkehrsflächen fällt durch die auf Lücke gesetzten PV-Module gefiltertes Licht ins Innere.

    Die Nordfassade ist als bündig detaillierte Glasfassade mit bedarfsgerecht eingestreuten geschlossenen Lüftungspaneelen in dunkelgrün eloxierter Aluminiumoberfläche vorgesehen.

    Die Südfassade ist entsprechend der Nordfassade ausgebildet, mit dem Unterschied, dass Ost- und Westfassade, das Dach sowie Gitterroste auf Deckenebene hier raumhaltig überstehen und so den notwendigen außenliegenden Sonnenschutz gewährleisten. Gegebenenfalls könnte diese vorgelagerte Schicht in Analogie zur Gebäudenutzung mit wildem Wein berankt werden.

    Durch die gewählte Anordnung des Gebäudes auf dem Gelände ergibt sich von selbst eine klare Trennung des externen Vorfeldes auf der Westseite (Besucher) und der betrieblich genutzten Bereiche auf den drei übrigen Seiten des Neubaus. Personenwege und Güterströme kreuzen sich nicht. Betriebliche Zugänge zum Gebäude sind von Osten möglich, der wettergeschützte Übergang zu den angrenzenden Gewächshäusern erfolgt über einen kurzwegigen gedeckten Gang auf der Nordseite. Das Netz der internen Betriebswege wird entsprechend der neuen baulichen Situation angepasst.

    Der neue Institutsbau – die Überführung von Funktionsanforderungen in Architektur:

    Der dreigeschossige rechtwinklige Baukörper erhält durch zwei eingeschnittene Höfe eine sinnfällige und funktionalen Gesichtspunkten folgende Binnengliederung und gleichzeitig genügend Tageslicht in der Tiefe des Hauses. Die Höfe unterteilen das Gebäude in vier Quadranten, von denen jeweils der nordwestliche, dem Vorplatz zugewandte Quadrant die öffentlichkeitsrelevanten Verwaltungsbereiche beherberget. Die übrigen drei Quadranten umfassen die Laborbereiche. An der Schnittstelle von Verwaltung und Laborbereichen, also in Hausmitte, findet sich die offen geführte Haupttreppe des Hauses. Eine Ausnahme bildet der südwestliche Quadrant im Erdgeschoss, in dem der zentrale Konferenz- und Tagungsbereich unmittelbar am Hauptfoyer seinen Platz findet. Vom Tagungsraum aus ergibt sich ein schöner Blick in die südlich angrenzenden Pflanzflächen, durch einen Einschnitt ins Gebäude können Tagungspausen auch wettergeschützt im Freien verbracht werden.

    Der westliche der beiden Innenhöfe wird nur zwei Geschosse tief ins Volumen eingeschnitten, so dass im Erdgeschoss Raum für das zenital belichtete Foyer des Hauses entsteht. Gleichzeitig entsteht so eine geschützte Freifläche vor dem Sozialraum im 1.Obergeschoss. Die Bibliothek im 2.Obergeschoss blickt ebenfalls in den westlichen Innenhof, so dass hier sämtliche übergeordneten Funktionen versammelt sind. Die Haupttreppe wird als großzügige einläufige Treppe entlang des Innenhofs geführt und stellt einen übergeordneten Kommunikations- und Treffpunkt im Hause dar. Der beiläufige fachliche Austausch unter den Wissenschaftlern findet oft auch en passant im Treppenhaus statt. Die beiden notwendigen Treppen auf der Ost- und Westseite des Hauses dienen als Fluchtwege und interner Kurzschluß.

    Der östliche der beiden Innenhöfe wird bis ins Erdgeschoss hinunter geführt und sichert den notwendigen Tageslichtbezug für die hier angeordneten Innenbereiche. Durch den Verzicht auf eine Unterkellerung im Bereich dieses Hofes kann hier eine Bepflanzung erfolgen, die die Aufenthaltsqualität im Haus deutlich steigert. Der östliche Hof soll mit einer einfachen Gewächshausverglasung überdeckt werden, die im Winter geschlossen und im Sommer geöffnet werden kann. Sie fungiert somit als thermischer Puffer, reduziert im Winter die Hüllfläche des Gebäudes und erlaubt im Sommerhalbjahr dennoch die natürliche Lüftung der angrenzenden Flurbereiche. Der Hof kann als Wintergarten im Hausmassstab betrachtet werden.

    Die vertikale Gliederung des Hauses entwickelt sich unmittelbar aus der Logik der Funktionsanforderungen und sieht die gemeinschaftlich genutzten Funktionen gebündelt im Erdgeschoss vor. Das Institut für Pflanzenschutz in Obst- und Weinbau befindet sich im 1.Obergeschoss, während das Institut für Biologischen Pflanzenschutz seinen Ort im 2.Obergeschoss findet. Die jeweils zugehörigen Büros sind auf der entsprechenden Etage des Instituts situiert. Das Insektarium liegt erdgeschossig auf der Nordseite des Hauses in unmittelbarer Nähe zum Übergang zu den Gewächshäusern, der Quarantänebereich findet sich ebenfalls erdgeschossig auf kurzem Weg von außen erreichbar. Das übergeordnet genutzte S2 Labor findet seinen Platz im 1.Obergeschoss, quasi in Hausmitte.

    Durch diese einfache und klare Verteilung der Funktionsbereiche ergibt sich eine gute Orientierung im Haus mit kurzen Wegen im täglichen Betrieb. Die vorgegebene Funktionsstruktur wurde in eine deckungsgleiche Gebäudestruktur überführt.

    Die Labore folgen im Wesentlichen der in der Auslobung empfohlenen Organisations- und Erschließungsstruktur, die Flächen im Bereich der Dokumentationszone wurden auf die Größe des vorgegebenen Raumprogramms angepasst. Der Grundriss im Bereich der Labore wird von einem Wechselspiel von Stichfluren und Schächten gegliedert. Somit kann sowohl die technische als auch die fußläufige Erschließung jeweils für 2 angrenzende Arbeitsgruppen gemeinsam erfolgen.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Der Neubau fügt sich sehr selbstverständlich in die vorhandene Bebauung ein. Insbesondere die äußere Erschließung, die Hinführung zum Gebäude, zum leicht zurückversetzten
    Eingang und in das Foyer überzeugen in ihrer Klarheit und Unmissverständlichkeit. In seiner äußeren Formensprache bleibt das Gebäude unaufdringlich aber von hoher formaler Qualität. Die Fassaden sind je Himmelsrichtung differenziert und detailliert durchdacht. Die Außenanlagen im nord-westlichen Zugangsbereich mit Zuwegung und Parkierung ist einfach und dem Zweck sehr angemessen. Mit einfachen gestalterischen Mitteln wird die Hinführung zum Gelände sehr gut gelöst. Das südliche "Baumpaket" ist im Kontext zur Versuchsbepflanzung des Institutes
    als Arrondierung gedacht, aber aus Sicht des Nutzers eher zu viel des Guten.

    Die Zuordnung des Konferenzbereiches zum Foyer ist sehr gut gelöst. Die zentrale Lage des Sozialbereiches im 1.OG ist einerseits von Vorteil, andererseits fehlt jedoch
    die vorstellbare, direkte Nähe zum Konferenzbereich im EG. Die innere Organisation ist sehr klar und übersichtlich. Bereits im EG erkennt der Nutzer die vertikalen und horizontalen Gebäudererschließungen. Die Verknüpfung des Sozialbereiches im 1.OG mit dem Freisitz erzeugt eine hohe Aufenthaltsqualität. Die in das Gebäude eingeschnittenen Lichthöfe erzeugen auch in den schmalen Flurbereichen eine angenehme Raumatmosphäre.

    Einem wirtschaftlichen Erschließungssystem im Laborbereich steht ein sehr großer Foyer- und Gemeinschaftsbereich gegenüber. Zusammen mit einer Flächenüberschreitung von ca. 12% der Nutzflächen führt dies zu einer Kostenüberschreitung von 9% zum Soll-Wert (ca. 1,6 Mio. €) Diese Kennwerte führen auch zu einer ungünstigen Flächeneffizienz.

    Das statische Konzept ist einfach und mit einer konventionellen Stahlbetonkonstruktion entworfen. Die flächenbündige Holz-Alu-Konstruktion der Fassade unterstreicht
    den edlen, zurückhaltenden Duktus der Fassade. Allerdings ist diese Konstruktion auch aufwändig und kostenintensiv. Der lamellenartige horizontale Sonnenschutz an der Südfassade unterstreicht diesen Entwurfsansatz, allerdings ist zu bezweifeln, ob die Verschattung auch in den sog. Übergangsmonaten funktioniert.

    Der Bewerber erfüllt nicht in allen Aspekten die Anforderungen des Auslobers an die Nachhaltigkeit und an das energiesparende Bauen. Die Erschließung des Neubaus wird positiv bewertet. Kommunikationsfördernde Flächen und Räume sind berücksichtigt. Diese positive Bewertung kann für den Komfort und die Gesundheit nicht durchgängig abgegeben werden. Während das Tageslicht umfassend genutzt wird, ist bedingt durch den sehr hohen Glasflächenanteil in der Südfassade ist trotz der geplanten auskragenden Geschossdecken in den daran angrenzenden Räumen eine maschinelle Kühlung erforderlich. Die Entwerfer sehen folgerichtig diese Kühlung über thermoaktive Decken vor. Schallschutzbedürftige Räume sind teilweise ungünstig orientiert.

    Die Flächeneffizienz entspricht dem Durchschnitt der Entwürfe. Hervorzuheben ist die hohe Nutzungsflexibilität. Es sind erhöhte Lebenszykluskosten durch höhere Investitionskosten
    und größere Glasflächen zu erwarten.

    Die energierelevanten Aspekte des nachhaltigen Bauens werden nur in Teilen positiv bewertet. Das betrifft sowohl den Energiebedarf für die Nutzungsphase als auch den
    Einsatz grauer Energie. Der zu erwartende Endenergiebedarf liegt über dem Durchschnitt aller Entwürfe. Die ausschließlich regenerative Wärmebereitstellung und die Nutzung erneuerbarer Energien für die Strombereitstellung lassen erwarten, dass die Anforderungen des Auslobers zur 20%-tigen Unterschreitung der EnEV2009 und zur
    Einhaltung des EEWärmeG eingehalten werden. Das betrifft auch die Anforderungen an einen hohen baulichen Wärmeschutz. Das haustechnische Konzept und das vorgeschlagene
    Energieversorgungskonzept sind plausibel und aufeinander abgestimmt.

    Insgesamt weist der Entwurf besondere Qualitäten auf, allerdings mit dem großen Nachteil von ungünstigen Gebäudekenndaten.