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  • DE-20251 Hamburg
  • 06/2013
  • Ergebnis
  • (ID 2-147833)

Ehemaliges Krankenhaus Bethanien


  • 3. Preis

    3.Preis czerner göttsch architekten

    Architekten
    czerner göttsch architekten architektur + stadtplanung, Hamburg (DE) Büroprofil

    Verfasser
    Alexandra Czerner

    Mitarbeit
    Tim Kalka, fritz benter, Albina Wiebe, Annie Zentsch

    In Zusammenarbeit mit:
    Landschaftsarchitekten: Lichtenstein Landschaftsarchitekten, Hamburg (DE)
    Brandschutzplaner: IBP - Ingenieurgesellschaft für Brandschutzplanung mbH, Tornesch (DE)

    Erläuterungstext
    Entwurfskonzept Bestand

    Das Raumprogramm ist nur wirtschaftlich umzusetzen, wenn der Bestand an der Martinistraße bereichsweise abgebrochen wird. Im Haupthaus sind Teile des Raumprogramms zumindest in dessen Raumachse sinnvoll abzubilden. Der breite Flur ist aus funktionalen Gründen nicht zu halten. Die ungünstige Struktur des Erweiterungsbaus aus den 1920er Jahren verhindert einen Teilerhalt des Gebäudes. Lediglich die straßenseitige Außenwand bleibt bestehen. Da gemäß Auslobung der Bestand nicht unterkellert ist, wird aus technischen und wirtschaftlichen Gründen auch bei den Anbauten auf Keller verzichtet. Abstell- und Technikflächen sind oberirdisch nachgewiesen. Bestand und Erweiterung sind barrierefrei erschlossen.

    Das Haupthaus

    Das durch einen Anbau erweiterte historische Haupthaus nimmt die kulturellen und sozialen Einrichtungen auf. Im erhaltenen Bestand sind überwiegend „altbauverträgliche“ Nutzungen vorgesehen, im Anbau demgegenüber neben Erschließung und haustechnischer Infrastruktur auch die Sondernutzungen mit zugehöriger Technik sowie im Dachgeschoss die Pflegestation.

    Anbau und historisches Gebäude an der Frickestraße trennt eine präzise ausgearbeitete Fuge, indem ein in der Fluchtlinie zurückspringendes Gelenkstück eingefügt wird. Der rote Backstein und die Maßstäblichkeit des Neubaus sorgen für Kontinuität und Vertrautheit, die Formensprache der kompakten, blockartigen Erweiterung betont dessen Eigenständigkeit. So entsteht eine bauliche Einheit, die dennoch die Ablesbarkeit der unterschiedlichen Epochen betont.

    Das “Martinis-Haus“

    Die straßenseitige Fassade des Erweiterungsbaus aus den 1920er Jahren wird erhalten. Der Neubau wird mit der Außenwand konstruktiv verbunden und ermöglicht die thermisch getrennte Montage langgestreckter Balkonanlagen, die die strenge Fassadenstruktur auflösen und dem Gebäude das Gesicht eines Wohnhauses verleihen. Klar abgegrenzt von den publikumsintensiven Nutzungen entsteht somit für die Baugemeinschaft „Martinis“ ein eigenes Wohnhaus mit Grundstücksanteil, Vorgärten und Grillplatz.

    Kulturgasse und grüne Lunge

    Hinter dem Anbau des Haupthauses entsteht in Verbindung zur Gastronomie und zum Kultursaal eine belebte Gasse mit einer großzügigen Terrasse und Sitzmöglichkeiten, von Kultursaal und Gastronomie umfangreich bespielbar. Das EG ist dadurch gut belichtet und hochwertig nutzbar. Darüber befindet sich „verrückt“ das Atelier der crazy artists. Die Auskragung dieses Bauteils definiert den optischen Abschluss des Vorplatzes und den Beginn der Kulturgasse, die wiederum in die private Hof- und Gartenfläche der Baugemeinschaft „Martinis“ und den üppig bepflanzten Innenhof mündet. Bäume zur Straße und im Hof bilden die grüne Lunge. Die in der Mitte gepflanzten Apfelbäume sind gemeinschaftlich nutzbar. Die Erdgeschosse erhalten durch Hainbuchenhecken begrenzte Gärten.




    Familienwohnen 649257 Blatt2


    In den drei Neubauten des BVE bestehend aus drei Dreispännern und einem Vierspänner ist der vorgegebene Mix vollständig umgesetzt. Sämtliche Forderungen an die Grundrisse sind erfüllt. Die Einhaltung der WK-Förderrichtlinien ist durch die Möblierung nachgewiesen. Sämtliche Küchen sind direkt vom Flur aus erschlossen und genauso wie 80 % der Bäder mit Fenstern ausgestattet.

    Drei urbane Gärten

    Zur Frickestraße orientiert werden zwei in den Park integrierte Gärten im Sinne eines urban gardening angeboten. Die Gärten liegen unter den besonnten Freiflächen und ermöglichen eine freie Bepflanzung. Ein dritter Garten befindet sich direkt vor dem Kultur- und Sozialzentrum. Die gegenüber dem Straßenniveau erhöhte Fläche wird zum Garten für die Tagespflege weiterentwickelt, bietet einen Rundweg und wird barrierefrei durch eine Rampe an die Tagespflege im 1. OG des Haupthauses angeschlossen. Die Rampe beginnt als „Loge“ an der Kulturgasse und mündet in den durch Bepflanzung vor Einblicken geschützten Garten. Sowohl die Teilnahme am sozialen Er-Leben, als auch ein Rückzug für die Gäste der Tagespflege wird hier ermöglicht. Dieser Garten rundet im Übrigen das Fluchtweg-System ab, da hier im Brandfall die dementen Nutzer sicher untergebracht werden und auf die Feuerwehr warten können, ohne sich zu verirren.

    Klinkerarchitektur

    Die kompakten Neubauten werden als langlebige, wartungsfreie Massivbauten errichtet. Die Dachflächen erhalten eine extensive Begrünung. Geschlossene Außenwandflächen werden mit kräftig-rotbuntem Verblendmauerwerk im wilden Verband bekleidet, vor Nebenraumfenstern als Gittermauerwerk ausgeführt. Wie beim Kultursaal, wo der Klinker kunsthandwerklich eingesetzt wird, erzeugt diese semitransparente Variante einen interessanten Tageslichteffekt und betont das von bodentiefen Fenstern und Detailmotiven im Mauerwerk geprägte Fassadenbild. In den Staffelgeschossen wird aus konstruktiven Gründen ein Klinkerriemchen im Verbund mit der Wärmedämmung vorgeschlagen. Wandpfeiler in Loggien erhalten eine Fassade aus durchgefärbten Faserzementplatten. Der Klinker nimmt 62 % der Außenwandflächen ein, die verbleibenden 38 % bilden Fenster und o.a. Faserzementplatten.

    Stellplätze

    Entlang der Martinistraße verbleiben die bestehenden Stellplätze. Dahinter ist eine zeitlich eingeschränkt nutzbare Lieferzone vorgesehen. Das Straßenprofil der Frickestraße wird zum Nachweis der benötigten Stellplätze erweitert. In der Tiefgarage unter den drei BVE-Häusern sind alle notwendigen 58 ST für PKW geplant. Die Zugänge sind barrierefrei gestaltet, bei Bedarf mit Überdachung.

    Energie
    Die Energieversorgung erfolgt über den Eisspeicher in Verbindung mit einem Wärmetauscher und einer Solarzellenanlage auf den Flachdächern. Die Beheizung sollte über Flächenheizungen mit niedrigen Vorlauftemperaturen erfolgen.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Die Architektur zeichnet sich durch ein einheitliches Material aus. Mit ihrer Formsprache geht sie sensibel auf die unterschiedlichen Nutzungen ein, ohne dabei den Zusammenhang zu verlieren. Die Nutzungsverteilung ist schlüssig und der Aufgabenstellung angemessen umgesetzt. Die Funktionalität ist besonders durch die „Kulturgasse“ gewährleistet. Die Arbeit zeichnet sich durch einen rücksichtsvollen Umgang mit dem Baumbestand aus. Lediglich das Zurücksetzen der Grundstückseinfriedung an der Frickestraße gefährdet einen Erhalt der Straßenbäume. Die Erschließungsebene der „Kulturgasse“ schafft eine neue Adresse für die kulturellen Nutzungen und eine klare Abgrenzung zu den Wohnnutzungen des BVE. Kritisch wird die nördliche, eher als Rückseite ausgebildete Hofseite gesehen, zu der die Tiefgaragenlüftung orientiert ist. Die vordere Raumachse des historischen Krankenhausgebäudes wurde erfreulicherweise erhalten. Im Gebäudeteil des Anbaus aus den 20er Jahren bleibt nur die Fassade erhalten, der horizontale Balkone vorgelagert sind, die sich gut in die historische Struktur einfügen.

    Der Freiraum entfaltet zwei unterschiedliche Qualitäten, die sich einerseits auf den Wohnungsbau, andererseits auf die kulturellen Einrichtungen beziehen, ohne sich miteinander zu vernetzen. Gut gelingt hingegen der Anschluss an das Wohnquartier, das sich im Osten anschließt. Die Erschließung, besonders der inneren zwei Wohnriegel, lässt ein klares Konzept vermissen. Es wird Rücksicht auf den erhaltenswerten Baumbestand genommen, jedoch wird durch die Umplanung der Frickestraße in die Straßenbäume und durch die Verlegung des Höhenversprungs massiv in die vorhandenen Strukturen eingegriffen. Die Öffnung von der Frickestraße, wo der Vorplatz den Auftakt zur Kulturgasse bildet, wird positiv bewertet. Der Martinihof hat dabei eine angenehme Tiefe, wird aber durch eine 3,5m hohe Mauer beeinträchtigt. Der Bereich „Vorfahrt und Anlieferung“ an der Martinistraße ist zu groß dimensioniert und bedürfte einer sensibleren Außenraumgestaltung. Insgesamt legen die Bearbeiter einen überzeugenden Entwurf vor, dessen Ansatz der „Kulturgasse“ ausdrücklich gewürdigt wird, dem es jedoch schlussendlich nicht vollends gelingt, aus dem Altbau und den Neubauten eine Einheit zu formen.