loading
  • DE-60325 Frankfurt/Main
  • 07/2013
  • Ergebnis
  • (ID 2-141502)

Kulturcampus Baufeld 12


  • 3. Preis Realisierungsteil

    Perspektive Nord-Ost, Kreuzung Bockenheimer Landstraße/Senckenberganlage

    Architekten
    schneider+schumacher, Frankfurt/Main (DE), Wien (AT), Tianjin (CN) Büroprofil

    Verfasser
    Till Schneider , Prof. Michael Schumacher

    Erläuterungstext
    Grundgedanke des Entwurfs für den Kulturcampus Bockenheim war es, ein eigenständiges urbanes Quartier zu gestalten. Ein verdichtetes Ensemble, das dem Anspruch eines komplexen neuen Stadtteils gerecht wird, wurde im Realisierungsteil angedacht. Im Ideenteil stand zusätzlich der ressourcenschondene Umgang mit dem Gebäudebestand des ehemaligen Universitätscampus im Mittelpunkt. Der Frage nach einer nachhaltigen und wirtschaftlichen Integration des Juridicums in den Kulturcampus wurde nachgegangen.

    Realisierungsteil

    Mit der Neustrukturierung des ehemaligen Campus Bockenheim eröffnet sich für den südlichen Teil des Kulturcampus die Chance, an der wichtigen Straßenkreuzung von Bockenheimer Landstraße und Senckenberganlage einen markanten Akzent zu setzen. Das Gebäude greift deren runde Ecken auf und interpretiert diese neu. In seiner Maßstäblichkeit orientiert sich das Gebäudeensemble an den gegenüberliegenden Gebäuden der Senckenberganlage.
    Auf einem je nach Nutzung unterschiedlich hohen Sockel mit einer dichten Kolonnadenstruktur sind die Büros und das Wohnen angeordnet. Zu den Hauptnutzungen für Büros und Wohnen in den Obergeschoßen werden im Sockel Geschäftsflächen, Ausstellungsflächen, Gastronomie und eine Kindertagesstätte vorgesehen. Alle Eingänge und Zugänge orientieren sich zum öffentlichen Raum hin. Gleiches gilt für die Tiefgaragenabfahrt, die von der Senckenberganlage aus angebunden ist. Ebenfalls wird der Zugang zur U-Bahnstation im Bereich der Ecke in das Gebäude integriert. Die Dächer werden einheitlich als Gründächer ausgebildet. In der Jügelstraße wird sich zudem eine hohe Freiraumqualität mit einer differenzierten Abfolge von Plätzen und Grünräumen entwickeln lassen.
    Bei aller Unterschiedlichkeit in Bezug auf die Anforderungen an die Fassaden, zieht ein Materialkanon aus weißen Werksteinfassaden die Nutzungen im öffentlichen Raum zusammen. Das Spiel der vertikal verspringenden konkaven und konvexen Werksteinfassadenelemente verleiht dem Gebäude seinen individuellen Ausdruck. Dieses Spiel wird durch die unterschiedliche Oberflächenbehandlung unterstützt: Die konvexen Elemente sind glatt geschalt und erscheinen leicht reflektierend, die konkaven Elemente sind gesäuert und wirken durch die Eigenverschattung deutlich dunkler als die konvexen Elemente.

    Das Energiekonzept des Entwurfs beinhaltet einerseits die passive Energiebedarfsreduzierung durch bauliche Maßnahmen und andererseits die Bereitstellung der benötigten Wärmemengen durch eine effiziente Gebäudetechnik, die gleichermaßen einen hohen Nutzerkomfort und einen geringen Energiebedarf bewirkt. Der Ursprung der Energieeinsparung liegt bereits im Entwurf selbst. Durch ein optimales Verhältnis aus Umfassungsfläche und Volumen werden die bestmöglichen Voraussetzungen für das Erreichen eines hohen Energiestandards geschaffen. Die planerische Berücksichtigung der energetischen Belange setzt sich in der Auswahl einer hochwärmedämmenden Bauteilkonstruktion fort. Auf diese Weise werden die Anforderungen des Passivhausstandards für alle Bauteile übertroffen. Im Hinblick auf die Wärmeversorgung wird der Anschluss der Gebäude an die Fernwärmeversorgung vorgesehen, da dieses eine regenerative Wärmeversorgung und geringe Investitionskosten hinsichtlich der Heizungsanlage bietet. Langfristig wird eine Versorgung zu 100% aus regenerativer Energie in Aussicht gestellt.

    Ideenteil

    Im Ideenteil stellt sich die grundsätzliche Frage nach der Finanzierbarkeit des Kulturcampuses. Als ein möglicher Lösungsansatz wird die kreative Umnutzung von Bestehendem gesehen.
    Das Juridicum stellt ein vergleichbar großes, der Wettbewerbsaufgabe adäquates Raumvolumen zur Verfügung. Damit könnte das Bestandsgebäude Juridicum nachhaltig und ressourcenschonend in den Kulturcampus integriert werden. Zwar ist das Gebäude überaltert und entspricht weder gültigen Energievorschriften noch modernen Nutzeranforderungen. Es gilt jedoch ein ausbalanciertes Maß auszuhandeln zwischen Kosten der Modernisierung und Ertüchtigung einerseits sowie prospektiven Energieeinsparungen andererseits, um vom räumlichen Angebot zu profitieren ohne Energie und Ressourcen zu vergeuden. Hierbei spielt ein sinnvoller Abgleich von Primär- zu Sekundärinvestitionskosten eine entscheidende Rolle.
    Der Kulturcampus gliedert sich in zwei Teile: Im Sockel des Bestands wird das Foyer untergebracht. Die Nebenräume, Studios und Ateliers befinden sich in den darüber liegenden Geschossen. Ganz oben wird Wohnnutzung möglich gemacht. Zur energetischen Aufrüstung der Fassade ist angedacht, die bestehende Fassade durch eine geschickte Abfolge unterschiedlicher Schichten aufzurüsten. Im Neubauteil werden die Hallen aufgrund ihres erforderlichen Höhenprofils mit einem Durchstich zur Jügelstraße angeordnet und dienen so gleichzeitig der Adressbildung für das neue, dichte Kulturcampus-Quartier. Die große Produktionshalle bietet die Option, sich zur Jügelstraße hin zu öffnen. Südlich dieser Hallen werden drei Wohnriegel angeordnet, die erhöht auf einem kleinen Sockel liegen und zur Kolonnade kleinere Ladenbüros möglich machen.
    Falls die Kulturnutzung in Frankfurt weiter dezentral organisiert warden sollte und die Flächen nicht an dieser Stelle konzentriert würden, ließe sich auf der Fläche der geplanten Hallen ein weiterer vierter Wohnriegel errichten. Über die Zukunft des bestehenden Juridicums müsste dann separat befunden werden. Im Falle eines Abrisses des Juridicums sollte man sich aber in jedem Fall auf eine geringere Ausnutzung in Bezug auf die Höhe festlegen.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Den Verfassern gelingt es, das Nutzungsprogramm für den ersten Bauabschnitt funktional überzeugend darzustellen. Dabei werden Wohngebäude und Bürogebäude durch eine Zäsur, Absenkung der Höhe des Bürogebäudes in seinem westlichen Teil wie den Wechsel der Fassadenbilder klar getrennt und in ihrer unterschiedlichen Nutzung präsentiert. Die Wohnflächen sind in ihrem Umfang allerdings relativ gering. Die Zonierung der Büronutzungen im Seitenflügel stellt einen prüfenswerten Beitrag zur Reduktion von Konflikten zwischen Büronutzung und Wohnnutzung im Blockinnenbereich dar. Hauseingänge werden dem öffentlichen Raum unmittelbar zugeordnet. Der Haupteingang des Bürogebäudes liegt an der Bockenheimer Landstraße richtig, auch wird er sinnvoll durch einen Nebeneingang von der Senckenberganlage ergänzt. Dabei wäre es wünschenswert, den Haupteingang gestalterisch hervorzuheben. Die vorhandene Treppe vor bzw. zu den U-Bahnhöfen wird in das Bürogebäude integriert – wobei dies jedoch nicht vollständig gelingt und die künstlerisch realisierte Einhausung transloziert werden muss. Der Aufwand hierfür wäre zu prüfen.

    Das Raumangebot für kulturelle Nutzungen im Erdgeschoss des Wohngebäudes entspricht den Anforderungen der Auslobung. Mit der offenen und umlaufenden Passage mit der lichten Höhe des Erdgeschosses wird ein Beitrag zur Aufwertung der Adresse der kulturellen Nutzung geleistet. Die Weiterführung der Passage auch im Bereich des Bürogebäudes (dort in der Höhe von zwei Geschossen) und im Bereich des zweiten Bauabschnittes stellt ein verbindendes Element dar, das weniger dem Witterungsschutz als einer programmatischen Aussage dient und das insofern unter Umständen in seiner Länge und Konsequenz etwas überzogen ist.

    Die Gestaltung der Fassaden ist unspektakulär. Mit dem Verzicht auf Vorbauten wie Erker und Balkone oder auf auskragende Geschosse wird eine städtische Architektur erreicht, die sich selbstverständlich einfügt. Die Vorschläge für einen zweiten Bauabschnitt weichen von der bisherigen Bewertung der vorhanden Bausubstanz seitens der Stadt Frankfurt aber auch seitens des Immobilieneigentümers ab. Sie lösen eine kontroverse Debatte im Preisgericht aus. Ob die Bausubstanz des Juridicums eine Umnutzung im Sinne des deutschen Beitrags zu Biennale 2012 rechtfertigt, muss offen bleiben. Die Anordnung einer eingeschossigen Halle auf der Westseite des Juridicums stellt ein für die „Kultur“ gut nutzbares Angebot dar. Die südlich benachbarten Gebäudezeilen mit Wohnnutzung folgen der städtebaulichen Auffassung aus der Expansionszeit des ehemaligen Universitätscampus und stellen einen spannenden Querbezug zum Juridicum dar – sind. Die Wohnqualität in den Gebäudezeilen wird auf Grund der geringen Gebäudeabständen kritisch beurteilt.

    Insgesamt handelt es sich bei der Arbeit um einen Beitrag mit guten Vorschlägen zur Entwicklung eines eigenständigen, urbanen Stadtviertels.