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  • 1. Preis Zuschlag

    © Ansicht Olgastraße

    Architekten
    Bez+Kock Architekten Generalplaner GmbH, Stuttgart (DE) Büroprofil

    Mitarbeit
    Jan Elsenhans

    Preisgeld
    17.500 EUR

    Erläuterungstext
    Städtebau - Einbindung und Prägnanz
    Der Neubau für die Bürgerdienste der Stadt Ulm fügt sich mit seiner einfachen Primärform in die längerfristigen städtebaulichen Strukturüberlegungen der Stadt Ulm ein. Seine Ausformulierung im Hausmaßstab verleiht ihm dennoch das notwendige Maß an individueller Prägnanz, um seiner öffentlichen Bedeutung gerecht zu werden.
    Über dem zweigeschossigen Sockel erhebt sich ein fünfgeschossiger Verwaltungsturm, der zur Olgastraße hin leicht abgeschrägt ist, was dem Turm zu einer sehr schlanken Proportion verhilft.
    Der Zugang erfolgt vom öffentlichen Fußweg an der Ostseite des Hauses, der als wichtige Verbindungsachse zwischen Innenstadt und Olgastraße gestärkt wird. Gemeinsam mit der gegenüberliegenden Handwerkskammer wird eine angemessen repräsentative Vorplatzsituation zwischen den beiden Häusern geschaffen. So gelingt es die Besucherströme von der Innenstadt wie von der Olgastraße gleichermaßen zu bedienen. Die gewünschte Sichtachse auf der Gebäudeostseite wird durch das bauliche Volumen freigehalten.
    Das Haus wird in seiner Erscheinung als massiver Stadtbaustein mit vertikalen Fensterformaten entwickelt. Die fein austarierte Balance von Transparenz und Massivität transportiert das Leitbild einer modernen und offenen Verwaltung und verfügt dabei gleichzeitig über die notwendige stadträumliche Kraft in einem nicht ganz einfachen Umfeld.
    Ein erdgeschossiger Einschnitt ins Gebäude macht den Zugang im Stadtraum lesbar und schafft gleichzeitig eine wettergeschützte Zugangssituation für die Besucher des Hauses. Ein separater Mitarbeiter- und Lieferanteneingang erfolgt auf kurzem Wege unmittelbar von der Keltergasse. Die Zufahrt zum PKW-Aufzug für die Dienstfahrzeuge wird im Anschluss an das westlich angrenzende Nachbargebäude vorgesehen.

    Ein Haus für den Bürgerservice
    Das Verwaltungszentrum für die Bürgerdienste ist entsprechend seiner von unten nach oben abnehmenden Besucherfrequenz gestaffelt organisiert. Die beiden Sockelgeschosse umfassen demzufolge die großflächigen Servicebereiche mit maximalem Publikumsverkehr. Beide Geschosse werden aus diesem Grund über einen zenital belichtetes Atrium und einen offenen Treppenlauf zu einer identitätsstiftenden Hausmitte verknüpft.
    Unmittelbar am Gebäudezugang befindet sich flankierend angeordnet der Tresen des INFOplus für den Erstkontakt mit den Besuchern. Von hier aus führt der Weg in den zentralen Wartebereich unter dem Oberlicht der Halle. Die umlaufenden Informationstresen geben dem Bereich eine räumliche Fassung, die Backofficezonen werden den jeweiligen Tresensituationen kurzwegig zugeordnet. Erdgeschossig finden sich Melde- und Ausweiswesen, sowie die Führerscheinstelle, während im 1.OG Ausländerbehörde, Staatsangehörigkeitswesen und die Rentenstelle untergebracht sind. Angemessen großzügig dimensionierte Wartezonen schaffen eine angenehme Aufenthaltssituation für die Kunden.
    Die weiteren Geschosse im Turm werden über zwei Aufzüge sowie ein Sicherheitstreppenhaus an der Kelterstraße erschlossen. Der Zugang zu Treppe und Aufzug erfolgt unmittelbar von der erdgeschossigen Halle, so dass auch für die übrigen Abteilungen in den Obergeschossen eine einfache Auffindbarkeit gewährleistet ist. Durch die gewählte Erschliessungssystematik ist eine Abkoppelung der Servicecenters im Sockel von den Turmgeschossen bei unterschiedlichen Öffnungszeiten sehr einfach möglich.
    Die Funktionsbereiche im Turm sind entsprechend ihrer funktionalen Beziehungen untereinander angeordnet, so dass kurze Wege den Arbeitsalltag erleichtern. Die Tatsache, dass für die Erschließung ein Sicherheitstreppenhaus gewählt wurde erspart ein zweites Erschließungselement im relativ kleinflächigen Turmbau und ist somit wesentliches Kriterium bei der Wirtschaftlichkeit des Hauses. Innerhalb des Turms können alternierend angeordnet jeweils zweigeschossige Wartezonen einen gewissen räumlichen Reichtum auf den Büroetagen generieren, es entstehen reizvolle Verknüpfungen zwischen den Etagen.
    Das 2.Obergeschoss mit den Leitungsfunktionen verfügt über einen Zugang zum Dachgarten auf dem Sockel, während in der obersten Etage eine geschützte Stadtloggia mit Blick über die Altstadt Ulms bis zum Ulmer Münster eingeschnitten ist.
    Alle wichtigen Büroräume orientieren sich nach Norden, Osten oder Westen. An der sehr engen baulichen Situation zu den südlich anschließenden Sedelhöfen an der Keltergasse sind lediglich Nebenräume sowie Erschließungselemente angeordnet. Durch den konischen Zuschnitt des Turmgrundrisses können klassische Flursituationen vermieden werden.
    Die zweigeschossige Unterkellerung des Gebäudes beschränkt sich aus konstruktiven und wirtschaftlichen Gründen auf die Kontur des Gebäudesockels, seitliche Ausstülpungen des Untergeschosses werden so vermieden.

    Materialität, Konstruktion, Nachhaltigkeit
    Der Neubau ist als Ortbetonkonstruktion mit tragender Fassade und einigen wenigen tragenden Stützen sowie einem tragenden und aussteiffenden Kern konzipiert. Alle übrigen Wände sind nicht tragend ausgebildet, so dass ein Höchstmaß an Flexibilität für künftig sich ändernde Nutzeranforderungen gegeben ist. Dem trägt auch das gewählte Fassadenraster von 1,25m Rechnung. Die Fassade wird als kerngedämmte Ortbetonkonstruktion ausgebildet, die Sichtschale wird in einem hellen Beigeton eingefärbt, die Oberfläche vollflächig gestockt, so dass eine natursteinähnliche Haptik entsteht.
    Die Fenster werden als hell eloxiertem Aluminium mit Dreifachverglasung ausgeführt. Die Serialität des Fensterformats verspricht ein hohes Maß an Wirtschaftlichkeit in der Erstellung, der moderate Verglasungsanteil reduziert die Kosten im Betrieb. Die Fenster werden ohne Sturz ausgebildet, so dass eine maximale Tageslichtausbeute möglich wird, ein außenliegender Sonnenschutz mit Lichtlenkfunktion unterstützt dies und begrenzt zudem den sommerlichen Wärmeeintrag ins Gebäude.
    Im Gebäudeinnern werden die Wandoberflächen verputzt und weiß gestrichen, als Bodenbelag wird in Foyers und Fluren ein großformatiger heller Werksteinbelag vorgeschlagen, Büros erhalten einen Nadelvliesbelag. Der Innenausbau (Tresen, Türen, etc.) erfolgt schreinermäßig in gebleichter Eiche, die zusätzlich einen warmen Farbton ins Spiel bringt. Auf abgehängte Decken soll im Wesentlichen verzichtet werden, die massiven Decken werden als thermische Masse aktiviert.
    Es ergibt sich eine gleichermaßen robuste und angemessen hochwertige Materialkombination die eine freundliche Atmosphäre für Mitarbeiter und Besucher des Hauses schafft.
    Der hohe Dämmstandard der Fassadenhülle minimiert den verbleibenden Energiebedarf auf ein Minimum, dieser wird über den Anschluss an die Fernwärme der Stadt Ulm optimal gedeckt. Der Neubau erhält eine Quelllüftung mit Luftauslässen im Deckenbereich zur Flurtrennwand. Die Abluft wird mit einer hocheffizienten Wärmerückgewinnung ausgestattet.
    Alle Fenster erhalten besondere Beschläge, die einen umlaufenden Spalt von 6mm ermöglichen. Versicherungstechnisch gilt das Fenster als geschlossen, außerdem muss es nicht bei Regen und Sturm geschlossen werden. In der Nacht läuft dann nur der Abluftventilator und treibt die mechanische Nachtluftspülung über die 6mm Fensterspalte an. Zusätzlich können die Räume effizient über das natürliche Lüftungssystem Fenster gelüftet werden. Dieses einfache System wird zusätzlich mit konventionellen Heizkörpern komplettiert.
    Eine tageslichtabhängige Kunstlichtsteuerung maximiert die Energieeinsparung aufgrund der optimierten Tageslichtversorgung. Dies wird zusätzlich kombiniert mit der Nutzung von effizienten Leuchtmitteln.
    Der vom Auslober gewünschte Passivhausstandard lässt sich ohne weiteres realisieren, so dass das Verwaltungszentrum für die Bürgerdienste zu einer gebauten Referenz für nachhaltigen Verwaltungsbau im öffentlichen Bauen werden kann.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Die Verfasser setzen ein siebengeschossiges Gebäude klar an die östliche Grundstücksgrenze und betonen sympathisch die städtebaulich wichtige Wegeverbindung zur Innenstadt. Die Westfassade verlässt überraschend das orthogonale System.

    In der Grundrissdisposition wird die schräg verlaufende Gebäudekante geschickt genutzt, um die intensiven Kundenbereiche im EG und im 1. OG fächerförmig zu öffnen und gut von oben zu belichten. Die funktionellen Anforderungen sind überwiegend gut erfüllt.

    Die Fassadengliederung und die vorgeschlagene zweischalige Stahlbetonkonstruktion sind ein angemessener Beitrag für den innerstädtischen Standort. Die Wirtschaftlichkeit ist im Vergleich der Arbeiten sehr gut. Die sehr kompakte Lösung und robuste Konstruktion lassen langfristige Nachhaltigkeit erwarten.

    Insgesamt ist die Arbeit ein schöner Beitrag, mit der Einschränkung, dass der schräge Zuschnitt des Baukörpers keinen Bezug zum städtebaulichen Umfeld hat.