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  • DE-74072 Heilbronn
  • 11/2013
  • Ergebnis
  • (ID 2-154536)

Erweiterung experimenta


  • 2. Phase

    Ansicht alt und neu vom Wasser aus, © KTP

    Architekten
    Kauffmann Theilig & Partner Freie Architekten PartGmbB, Ostfildern/ Kemnat (DE) Büroprofil

    In Zusammenarbeit mit:
    Modellbauer: Architekturmodelle Degen Modellbau, Esslingen (DE), Stuttgart (DE)

    Erläuterungstext
    Stadt- und Landschaftsraum

    Eine solitäre Figur findet auf der Neckarinsel einen sicheren Platz. Sie ist in Körnung und Maßstäblichkeit aus den Volumina der Umgebung abgeleitet.

    Das neue, schlanke Gebäude mit einer Traufhöhe von 32,8 m steht im Abstand zum bestehenden Experimenta Gebäude und bildet so einen gemeinsamen Vorplatz, einen Treffpunkt aller Wegebeziehungen.

    Die zeichenhafte Figur ist in ihrem sichtbaren Volumen reduziert und schafft es, den Landschaftsraum der Neckarinsel zu akzentuieren ohne ihn vollständig zu besetzen.

    Der im Volumen reduzierte Baukörper der neuen Experimenta belässt somit großzügigen Freiraum im Außenbereich:

    - Es entsteht ein wohldimensionierter Eingangsplatz zwischen Alt und Neu.
    - Die Uferzone im Osten bleibt unbebaut und die schönen, gestaltprägenden großen Bäume können erhalten und ergänzt werden. Ein Restaurant/Biergarten profitiert von der Atmosphäre am Fluss.
    - Blickbezüge, insbesondere in West-Ost-Richtung zwischen der westlichen Vorstadt und der Altstadt, werden sorgfältig ausgebildet.
    - Kräftige und selbstverständliche Wegebeziehungen von Ost nach West und von Süd nach Nord werden angeboten. Die bestehende Adolf-Cluss-Brücke sowie die Brücke über der Staustufe werden ganz selbstverständlich integriert, ebenso das Angebot des Parkhauses im Westen.
    - Es entsteht ein signifikantes Erscheinungsbild von Osten - der Stadt, von Süden - dem Bahnhof und dem Kurt-Schumacher-Platz, von Norden - den neuen Stadtteilen entlang des Neckars.
    - Die Neckarinsel bleibt kräftiger und wichtiger Baustein der Bundesgartenschau entlang der Flusslandschaft des Neckars.
    - Die Konzentration des Raumprogrammes auf dem nördlichen Teil des Grundstücks erlaubt wieder eine öffentliche Nutzung des südlichen Teils – als erlebbaren Auftakt der Neckarflusslandschaft im Stadtgefüge.

    Das neue Gebäude der Experimenta ist nur zur Hälfte oberirdisch entwickelt. Die oberirdischen Gebäudeteile binden in einen unterirdischen Hohlraum ein - wie eine Glühbirne in eine Fassung. Der Glühfaden der Lampe ist die Raum-Zeit-Spirale und verbindet oberirdisches mit untergeschossigem zu einem selbstverständlichen ganzen Raumerlebnis.

    Die Kugelhülle des Science Dome´s im untersten Geschoss ist omnipräsent:
    Sie wird erlebbar für den ankommenden Besucher vom Vorplatz aus;
    Sie wird sichtbar im alle Geschosse verbindenden Luftraum;
    sie wird zum Spiegelbild der skulpturalen Raum-Zeit-Spirale und gleichzeitig deren unterer Abschluss.
    Die refkletierende Oberfläche sorgt für Tageslichtqualität auch in der unteren Ebene und wird zum kräftigen Zeichen im inneren des Gebäudes und von außen und kann so mit ihrer symbolhaften Präsenz zum Kommunikations- und Identitätsträger werden.


    Funktionen

    Zwei Eingangs- und Foyegeschosse (E0 und E+1) bilden die einladende Basis für Themenwelten und Talentschmieden in den vier Obergeschossen. Die Wechselausstellung mit Werkstatt und Science Dome im unteren Geschoss sowie eine Verteil- und Verbindungsebene (E-1) ergeben die logische Struktur der Funktionsverteilung:

    - Alle Bereiche sind selbstverständlich über die Raum-Zeit-Spirale miteinander signifikant und erlebbar verbunden.
    - Die Raum-Zeit-Spirale findet ihren sicheren Platz im Schnittpunkt zwischen dem gemeinsamen Luftraum und den Talentschmieden.
    - Die Talentschmieden begleiten so den Weg der Raum-Zeit-Spirale und bilden sich als vertikale Skulptur (Kokon) im „Schaufenster“ zur Stadt Heilbronn gestaltwirksam ab.
    - Die Biosphäre ist als kristalliner Hochpunkt im Vorplatz zwischen Alter und Neuer Experimenta angeordnet. Sie leistet Signifikanz und Firmierung für alle wesentliche Blickrichtungen im Außenbereich. Sie ist Belichtung und Attraktivierung der großzügigen Wegebeziehung zwischen Neu und Alt auf der Ebene (E-1).
    - Die Funktionen des bestehenden Gebäudes werden, wie vorgeschlagen, übernommen.
    - Die Raum-Zeit-Spirale ist ergänzt um zwei Aufzüge und wird so zur dominanten und behindertengerechten Vertikalerschließung im Gebäude. Zusätzlich sind zwei (fluchtwegtaugliche) vertikal erschließende durchgängige Treppenhäuser sowie ein weiterer Personenaufzug und ein Lastenaufzug durchgängig vorgesehen.
    - Der Lastenaufzug erreicht und verbindet alle relevanten Funktionen mit einem kontrollierten Anlieferpunkt in E0 an der Nordwestseite.
    - Science Dome und Wechselausstellung sind separat erreichbar und erschließbar.
    - Die Sternwarte in der obersten und der Science Dome in der unteren Ebene sind über die Aufzugsverbindung der Raum-Zeit-Spirale gemeinsam nutzbar sowie separat erschließbar.
    - Das Restaurant in E+1 erfüllt die geforderten Funktionszusammenhänge und orientiert sich zu Vorplatz und Stadt. Eine seperate Erschließung außerhalb der Betriebszeiten der Experimenta ist gewährleistet.
    - Sehr selbstverständlich wird die historische Turbine an der Nordostecke des Grundstücks in den Ausstellungszyklus in E0 und E-1 eingebunden.


    Fassade und Erscheinungsbild

    Das kristalline Erscheinungsbild wird von den opaken Flächen im Wechsel mit transparenten Flächen geprägt. Die matt-silberne Blechfassade beinhaltet gezielte Öffnungen, die einerseits die ‚Karrosserie‘ des Gebäudes unterstützen, andererseits die Anforderungen der Innenräume erfüllen. Der schlanke Baukörper bildet ein ‚Fenster‘ zur Stadt mit dem Kokon der Talentschmieden und eine ‚Öffnung‘ im Bereich der Themenwelten zur Flußlandschaft.

    Die verglasten Gebäudeteile sind großmaßstäblich, liegend formatiert. Untergeordnete Fassadenöffnungen verschwinden hinter der perforierten Blechfassade. Diese wird in ihrer Oberfläche durch eine schuppige, narrative Struktur gegliedert. Die Sockelfigur ist in die Gesamtskulptur integriert. Die Dachflächen sind extensiv begrünt. Die hohen Gebäudeteile erhalten eine geometrisch geordnete, „intelligente“ Dachaufsicht mit der Integration von Solarelementen (als Sonnenschutz der Dachverglasung).


    Außenanlagen

    Die Experimenta fügt sich in den Landschaftsraum der Neckarinsel selbstverständlich und richtig dimensioniert ein - das ist wesentlicher Teil des Konzeptes. Der kristalline Baukörper akzentuiert diese Absicht.

    Das landschaftlich geprägte Umfeld bleibt erhalten und wird ergänzt. Das gilt für die begrünten Flächen, ebenso wie für die Wegebeziehungen:
    Befestigte Flächen (Wege und Eingang) erhalten eine kies-/sandfarbene Makadamoberfläche, der Vorplatz ist wassergebunden mit eingearbeiteten Sitzgelegenheiten.

    All das ist eingebettet in den Neckarlandschaftsraum:
    Heimische und standortgerechte Vegetation mit solitären Bäumen und Baumgruppen umspielen die Gebäude und verbinden die südliche mit den nördlichen Grundstücksteilen. Öffentliche Wege ergänzen das selbstverständliche Angebot und beziehen nun auch die südliche Grundstückshälfte wieder ein.


    Baugrube und Gründung

    Das neue Gebäude greift mit ca. 10 m und einer zentrischen Vertiefung mit ca. 12 m in den Baugrund ein. Die Gründung erfolgt in der geologischen Schicht des Gipskeuper.
    Eine wasserdichte Schlitzwand (oder überschnittene Bohrpfahlwand) mit Rückverankerungen, bildet die vertikale Baugrube und deren Abdichtung.

    Eine horizontale Abdichtung der Baugrube ist im anstehenden Gipskeuper nicht notwendig. Eine ausreichend dichtende Wirkung macht zusätzliche Maßnahmen entbehrlich! Die wasserführenden Schichten werden mittels Ausgleichsbohrungen ausreichend entspannt – eine Maßnahme die im übrigen auch notwendig wäre bei einer Gründung knapp oberhalb der Keuperschicht.

    Die Gründung des Gebäudes erfolgt mittels einer 1,0 m starken Betonsohle. Sie verhindert den Auftrieb während der Bauzeit. Untergeschossige Versorgungsbereiche werden teilweise in die dicke Platte integriert. Ggf. leisten ergänzende Kleinbohrpfähle die notwendige Rückverankerung.
    Die Gewichtssumme aller Geschossdecken des sehr kompakten Gebäudes verhindert einen Auftrieb nach Fertigstellung.
    Alle tragenden und erdberührenden Bauteile bestehen aus Stahlbeton. (Siehe dazu Stellungnahme im Baugrundgutachten).


    Tragwerk

    Die tragenden Bauteile bestehen ebenfalls aus Stahlbeton. Der Luftraum über dem SienceDome ist stützenfrei überspannt. Die Lastabtragung erfolgt über die Außenwände/Stützen, einer Druckebene in der Dachscheibe, sowie den in diese rahmenhafte Figur eingehängten Ebenen der Themenwelten. Die Flächen der Themenwelten sind weitgehend stützenfrei überspannt und schaffen so eine maximale Flexibilität im Raumangebot.
    Die horizontale Aussteifung übernehmen die vertikalen Erschließungselemente.


    Brandschutz

    Das Gebäude ist ein Brandabschnitt. Es ist vollständig gesprinklert und mit Rauchmeldern überwacht.
    Die Entrauchung erfolgt thermisch oder mit Hilfe der Lüftungsanlage in den geschlossenen Einheiten.
    Zwei durchgängige Fluchttreppenhäuser mit Ausgängen im EG direkt ins Freie schaffen die vertikale Entfluchtung des Gebäudes. Horizontale Wege in allen Geschossen von max. 35m zu den beiden Treppenhäusern sind eingehalten.



    Energie und Nachhaltigkeit

    Das Gebäude ist energieoptimiert und nachhaltig. Der kompakte Baukörper schafft ein günstiges Verhältnis von Oberfläche zu Volumen (A/V). Der Anteil der geöffneten Flächen ist kleiner 45 %. Das Gebäude ist mit einer hohen Wärmedämmstandard für die opaken Flächen (Dach und Fassade) ausgerüstet sowie einer 3-fach Verglasung in den transparenten Bauteilen. Ein in die Glasflächen integrierter Sonnenschutz ist wirksam auf den Süd-, West- und Ostseiten angeordnet.

    Die Frischluftversorgung (Heizung/Kühlung) des Gebäudes erfolgt über einen unterirdischen Luftkanal im Gelände;
    Die natürlich vorgewärmte/vorgekühlte Frischluft wird in das Atrium eingeblasen, es ist die Lunge des Gebäudes. Von hier aus wird die Frischluft über die Deckenpakete in die tiefen der Räume gedrückt. Die Rückführung der Luft einschließlich einer hocheffizienten Wärmerückgewinnung ist zentral vorgesehen (siehe dazu Prinzipskizze). Die massiven Bauteile des Gebäudes bleiben weitgehend unverkleidet und stehen so zur Bauteilaktivierung zur Verfügung.

    Alle Baumaterialien ensprechen einem hohen ökologischen Standard.


    Résumé

    Das Gebäude der Experimenta wird zum signifikanten Solitär im Neckar-Landschaftsraum.

    Die Reduzierung der erlebbaren Gebäudemassen schafft Freiräume und Blickbeziehungen, erhält und akzentuiert den prägenden Landschaftsraum.
    Das gewählte Maß des Eingriffs in den Untergrund entspricht dem Bedingungen der Geologie, ist wirtschaftlich vernünftig und optimiert das Verhältnis von Aufwand und architektonischen Nutzen.

    Die äußere Gestalt und der anspruchsvolle Inhalt stehen in glaubhafter Übereinstimmung. Das Gebäude macht neugierig, ist nahbar und einladend in der Geste.
    Die inneren Raumzusammenhänge sind über den großen Luftraum und die kräftige Raum-Zeit-Spirale spannend und orientierbar zugleich. Das vorgeschlagene Energiekonzept (Heizung und Lüftung), vervollständigt den glaubhaften und nachhaltigen Ansatz.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Phase 1

    Die gewählte Baukörperform und die städtebauliche Anordnung des spannungsreich
    geformten Solitärs werden im Ensemble mit Baubestand und Biosphäre sehr positiv
    beurteilt. Aufgrund des Abrückens vom Bestand, ergibt sich eine exponierte Situation
    mit spannenden und interessanten Blickbeziehungen sowie ein attraktives und großzügiger öffentlicher Raum.

    Der Vorschlag für die Biosphäre mit seiner Signalwirkung wird ebenfalls positiv bewertet.
    Die hieraus resultierende Freihaltung des Baufelds 2 wird als Statement begrüßt.
    Die vorgeschlagene Baugrubentiefe und die Unterbringung des Science Domes
    komplett im Untergeschoss wird aus Sicht der Wirtschaftlichkeit sehr kritisch beurteilt
    und erscheint so nicht umsetzbar. Darüber hinaus ist mit der Anordnung im Untergeschoss die Signalwirkung des Science Domes ausgeschlossen. Obwohl das Problem erkannt ist und der Auslober nicht bereit ist, ein UG-Bauwerk dieser Größe im Untergrund zu akzeptieren, erhält der Verfasser eine Chance zur Überarbeitung, bei der sich möglichst kein Verlust bei der Qualität des Baukörpers und der Abstandsflächen bzw.
    Bezüge im Außenbereich ergeben sollte.


    Phase 2

    Die Arbeit hat sich in der Überarbeitung zwar weiterentwickelt, die tiefen Untergeschosse
    wurden weitgehend zu Gunsten größerer Massen in den Obergeschossen
    reduziert. Dadurch hat die Arbeit jedoch teils an ursprünglicher städtebaulicher Attraktion
    verloren. Das damalige Konzept der klaren formalen Geste ist im neuen Format
    nicht mehr nachvollziehbar. Neben organisatorischen Schwächen, wie z. B. die Ausbildung der Raum-Zeit-Spirale, der inneren Erschließung und der Lage des Lastenaufzugs, der ein Bespielen der Flächen erschwert, dürfte auch die Tagesbelichtung für ein Science Center ungeeignet sein: Große, geschlossene Fassadeflächen an den Längsseiten mit formal gesetzten Öffnungen und den offenen Stirnseiten, sorgen für extreme, kontrastierende Lichtverhältnisse. Die Anbindung an das Bestandsgebäude scheint im UG gelungen. Der Abstand zum Bestandsgebäude ist gewagt, der kristallin ausgebildete Biosphärenpavillon spannend platziert – er bildet so eine interessante Attraktion im Eingangsbereich.

    Der Entwurf vermag es nicht, die durch die städtebauliche Komposition geschaffenen
    Freiräume qualitätsvoll zu entwickeln. Der Mittelpunkt zweier Hauptwege, deren Axialität
    nur bedingt begründet ist, mündet in einen zentralen Platz ohne Kontur und räumliche
    Fassung. Der Platz schafft es nicht, eine Verbindung zwischen Alt- und Neubau
    herzustellen.