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  • 1. Preis


    Architekten
    Konrath und Wennemar Architekten Ingenieure, Düsseldorf (DE) Büroprofil

    Verfasser
    Harald Wennemar , Oliver Konrath

    Mitarbeit
    Johannes Lahme, Margareta Michalowska, Tim Ribbrock

    In Zusammenarbeit mit:
    Landschaftsarchitekten: FSWLA Landschaftsarchitektur GmbH, Düsseldorf (DE), Köln (DE)

    Preisgeld
    30.000 EUR

    Erläuterungstext
    Der Wohnhof - Generationengerechte Quartiersentwicklung:
    Das Gesamtlayout unseres Entwurfs ist geprägt vom Gedanken des Wohnhofs. Dabei versammelt sich eine kleine Gruppe von in der Regel drei bis vier Häusern um eine gemeinsame Mitte.
    In den verschiedenen Häusern sind unterschiedliche Grundrisstypen angeordnet, so dass es zu einer Mischung der Bewohnergruppen innerhalb der Nachbarschaft kommt. Es finden sich Wohnangebote für Familien, Paare oder Singles in allen Lebensphasen. In keinem der Häuser sind mehr als sechs Wohnungen vorgesehen. Der Wohnhof wird zur gebauten Heimat einer durchmischten und überschaubaren Nachbarschaft.
    Im Außenbereich entstehen differenziert genutzte private und gemeinsame Freiräume. Während Terrassen und Balkone im Bereich der Wohnungen zurückgezogene Privatheit bieten, wird der eigentliche Hof als gemeinschaftlich genutzte halböffentliche Freifläche zum Mittelpunkt des Wohnhofs. Der Hof ist zusätzlich gekennzeichnet durch den gemeinsamen Treffpunkt unter dem Solitärbaum.
    Die verschiedenen Höfe sind miteinander vernetzt. So entsteht über die direkte Nachbarschaft innerhalb des Wohnhofs auch ein übergreifender Quartierszusammenhang.

    life long housing:
    Die Zeiten ändern sich, die Menschen ändern sich, neue Lebensphasen bringen geänderte Anforderungen an das persönliche Wohnumfeld. Daher werden in der Nachbarschaft des Wohnhofs unterschiedlichste Wohnbedürfnisse abgebildet. So findet der einzelne Bewohner für jede seiner wechselnden Lebensphasen ein passendes Wohnungsangebot, und kann durch Umzug innerhalb des Wohnhofs so lange er möchte Teil der gewachsenen Nachbarschaft bleiben – vom Kleinkind bis zum Rentenalter.

    Das Quartier – eine Gemeinschaft von gebauten Individuen:
    Beim architektonischen Ausdruck liegt uns die Balance zwischen der Individualität des einzelnen Haustyps und dem quartiersübergreifenden Gesamtzusammenhang sehr am Herzen. Die Häuser unterscheiden sich durch Proportion und Fensteraufteilung, sie werden jedoch durch das Grundmotiv des Fensterelementes mit Falt- oder Schiebeläden zusammengehalten. Durch dieses klare Grundmotiv ergibt sich auch eine angenehm
    zurückhaltende Materialität aus geputzten Wandflächen mit einem warmen Akzent der Holzläden.
    Als Dachform schlagen wir das ortsübliche Satteldach vor.
    Nur die Sondergebäude im Bereich des Quartiersplatzes setzen sich bewusst von der Gestaltung der Wohnhäuser ab. Moderne kubische Baukörper verleihen dem Quartiersplatz ein prägnantes Gesicht, das Holz der Fassaden schlägt jedoch die Brücke zu den Holzelementen in den Fassaden der Wohngebäude.

    Barrierefreiheit als flexibles Modell:
    Die Vorgabe größtmöglicher Barrierefreiheit ist heutzutage selbstverständlicher Bestandteil einer zukunftssicheren Planung. Bei mehrgeschossigen Häusern bedeutet dies neben der Grundrissaufteilung in der Regel den Einbau von Personenaufzügen, die zwar komfortabel sind, aber sowohl in der Erstinvestition als auch in den Nebenkosten zur schweren wirtschaftlichen Belastung werden können. Insbesondere bei niedrigen
    Mieten bzw. Nutzungsgebühren und wenigen Geschossen gerät die Relation zwischen Grundmiete/- nutzungsgebühr und Nebenkosten schnell aus den Fugen.
    Wir schlagen daher in einem Haustyp den flexiblen Einsatz von Treppenliften vor. Entlang der einläufigen etwas verbreiterten Treppe wird die notwendige Laufschiene für den Lift bereits vorgerüstet. Sobald sich die Notwendigkeit dazu ergibt, wird der eigentliche Lift montiert, und zwar zielgenau dort wo er benötigt wird.
    Beispiel: ein Ehepaar wohnt im Obergeschoss eines Hauses. Bei einem der Partner verschlechtert sich die Mobilität. An der Treppe zum Obergeschoss wird kurzfristig ein Treppenlift montiert, für das Auto wird ein behindertengerechter Parkplatz auf Erdgeschossniveau angeboten. Nach einiger Zeit wünscht das Paar innerhalb der Nachbarschaft des Wohnhofes den Wechsel in eine Erdgeschosswohnung. Der Treppenlift kann nun wieder demontiert werden und an anderer Stelle eingesetzt werden.
    Bei dem von uns so geplanten Haustyp ist zusätzlich die Lage für einen möglichen Aufzugschacht bereits vorgesehen, die Nachrüstung eines Aufzuges wäre also ebenfalls möglich. Die Fläche des möglichen Aufzugschachtes wird als Abstellraum auf der Ebene der Wohnung genutzt.
    Natürlich könnten auch unsere übrigen Haustypen in diesem Sinn für Treppenlifte vorgerüstet werden, um so die Kosten für Aufzüge zu sparen.

    Park statt parken:
    In geringem Umfang sind oberirdische Stellplätze verträglich und sinnvoll, z.B. für Besucherstellplätze. Sind die Grenzen der Verträglichkeit überschritten, zerstören parkende Autos jede stadträumliche Qualität. Unter den Häusern Parkraum zu schaffen ist daher ein richtiger Ansatz, allerdings führen Tiefgaragen häufig zu hohen Baukosten.
    Wir schlagen daher eine sehr alte und in Hanglagen bewährte Bauweise vor, nämlich das Aufständern der Häuser unter Ausnutzung der Topografie. Der erforderliche Erdaushub wird durch geschickte Anordnung der Häuser im Hang auf ein Minimum reduziert. Die Häuser selbst werden aufgeständert, und schaffen so den Platz für den gesuchten Parkraum. Seitenwände sind in der Parkebene nur im Bereich von Geländeabfangungen
    nötig, auf eine Bodenplatte kann verzichtet werden. Die Fahrflächen können z.B. gepflastert werden. Eine mechanische Belüftung ist nicht erforderlich, alle Bereiche sind natürlich belüftet.

    Offen für die Energiewende:
    Grundsätzlich bietet das Quartier insgesamt, aber auch die einzelnen vorgeschlagenen Haustypen durch ihre kompakte Bauform die besten Voraussetzungen für die Umsetzung von optimierten und zukunftsoffenen Energiekonzepten. Der Passivhausstandard wird sich nach Wunsch problemlos herstellen lassen. Die steil geneigten Dachflächen können leicht für die Unterbringung von Solarkollektoren oder Photovoltaikelemente
    genutzt werden. Der Platz für ein BHKW ist an geeigneter Stelle vorgehalten. Sollten Tiefenbohrungen zur Nutzung der Erdwärme in Betracht kommen, sind ausreichend Freiflächen vorhanden.

    Treffpunkt Quartiersplatz:
    Der zentrale Treffpunkt im Quartier ist der Quartiersplatz. Die Topografie des Ortes legt nah, diesen Platz im Bereich des heutigen Spielplatzes an der Straße Zum Müggenberg anzusiedeln, da hier schon heute ein durchgehend höhengleiches Platzniveau vorhanden ist. Neben den Aufenthaltsangeboten auf dem Platz selbst wird der Platz zusätzlich durch die umliegenden Nutzungen belebt. Alle Zusatzangebote des Quartiers
    – Gemeinschaftsraum, Tagespflege, Quartiersbüro und E-Mobilität – konzentrieren sich am Quartiersplatz.
    Insbesondere auch der Quartiersladen ist dem Platz zugeordnet, denn Einkaufen ist für viele Menschen nicht nur ein notwendiger logistischer Vorgang, sondern vielmehr ein wichtiger Bestandteil des täglichen sozialen Lebens und Treffpunkt mit den Nachbarn.
    Neben der sozialen Komponente gilt es für den Quartiersladen aber natürlich auch günstige Voraussetzungen für seine wirtschaftliche Betreibung zu schaffen. Er liegt daher an der Haupterschließungsstraße mit entsprechendem Angebot für Kurzparker, ohne dass diese die Atmosphäre des Quartiersplatzes beeinträchtigen.
    Eine reibungslose Abwicklung der Anlieferung ist ebenfalls sichergestellt.

    Der Quartiersplatz und das Grün:
    Der Quartiersplatz ist nicht nur wesentlicher Bestandteil der Sozialstruktur im Quartier, sondern auch das Herzstück der Freiraumplanung. Die Freiräume zwischen den Wohnhöfen verbinden sich zu zwei Grünzügen, die auf den Platz führen. Außerdem werden die Waldabschnitte nördlich der Scharnhorststraße und südöstlich der Straße Zum Müggenberg über den Quartiersplatz miteinander verbunden. Der Übergang des
    Platzes über die Straße Zum Müggenberg wird verkehrsberuhigt als „shared space“ eingerichtet, mit gleichen Rechten für alle Verkehrsteilnehmer.
    Schließlich ist auch der Anschluss an den Ruhrtalradweg hervorzuheben.
    So entsteht insgesamt ein differenziertes Geflecht von Grünräumen mit zahlreichen Angeboten für Mensch und Natur.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Die Arbeit besticht auf den ersten Blick durch das angemessene Volumen und die Geschossigkeit der Gebäude und das vielfältige, „kleinstädtische“ bzw. siedlungstypische Raumbild. Zahlreiche Wohnhöfe verbinden 3 - 4 Wohnhäuser zu überschaubaren Nachbarschaften. Das differenzierte Wohnangebot bietet die Möglichkeit, im Quartier wohnen zu bleiben, auch wenn sich die Lebensmuster und Wohnbedürfnisse zwischenzeitlich ändern.

    Die Wohngebäude sind überwiegend zweigeschossig, giebel- und traufständig zum Wohnhof gelegen und von diesem aus erschlossen. Die unterschiedliche Grundfläche ermöglicht ein Angebot vom Doppelhaus über 2 -, 3 - und 4 - Zimmerwohnungen bis hin zu Sonderformen als Senioren -WG und betreutem Wohnen. Die Satteldächer fügen sich in die Umgebung ein. Die Fassaden gestalten sich konventionell, aber nicht unangemessen.

    Der Quartiersmittelpunkt liegt im süd - östlichem Bereich. Er ist problemlos erreichbar und gut einsichtig. Quartiersbüro, Quartiersladen und Pflegeeinrichtung bilden angemessene Raumkanten für den grünen, mit einem Spielbereich ausgestatteten Platz. Am gut zonierten Quartiersplatz treffen zwei kleine Grünzüge aufeinander. Diese Grünzüge ermöglichen eine qualitätvolle ost - west Fußverbindungen durchs Quartier und vernetzen es optimal. Eine ergänzende, qualitätvolle Nord - Süd - Verbindung bietet der grüne Pfad am westlichen Quartiersrand.

    Kritsch bewertet das Preisgericht die vorgeschlageneLösung für die Parkplätze. Sieben, vergleichsweise große Parkplatzebenen werden unter den „Nachbarschaften“ platziert. Nachteilig bei dieser Lösung sind die talseitig offenen und einsichtigen „Unterwelten“. Die angedeutete Begrünung mindert diesen Nachteil zumindest optisch.

    Insgesamt überzeugt die Arbeit durch die sensible Einfügung und die angemessene Nachbarschaftsbildung. Schwächen hat die Arbeit in Bezug auf Orientierbarkeit und Unterbringung des ruhenden Verkehrs. Das Thema der generationengerechten Quartiersentwicklung findet sich vor allem in der kleinteiligen Mischung an Wohn- und Freiflächenangeboten.


INFO-BOX

Angelegt am 09.12.2013, 17:05
Zuletzt aktualisiert 27.06.2016, 12:14
Beitrags-ID 4-77656
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