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  • DE-45470 Mülheim an der Ruhr
  • 01/2014
  • Ergebnis
  • (ID 2-148036)

Teilneubau am Max-Planck-Institut für chemische Energiekonversion


  • 1. Preis Mit der Realisierung beauftragt

    Eingangsfassade eines der neuen Gebäude für chemische Energiekonversion, © Nickl & Partner Architekten AG

    Architekten
    Nickl & Partner Architekten AG, München (DE), Berlin (DE), Zürich (CH) Büroprofil

    In Zusammenarbeit mit:
    TGA-Fachplaner: SÜSS Beratende Ingenieure GmbH & Co. KG, München (DE), Nürnberg (DE)
    Landschaftsarchitekten: Nowak Partner Landschaftsarchitekten, München (DE)
    Tragwerksplaner: Werner Sobek, Stuttgart (DE), New York, NY (US), Moscow (RU), Stuttgart (DE)
    Visualisierer: bloomimages, Hamburg (DE), Berlin (DE)

    Preisgeld
    41.666 EUR

    Erläuterungstext
    Mit dem Teilneubau am Max‐Planck‐Institut für Chemische Energiekonversion entstehen identitätsstiftende Neubauten, die ein reizvolles Wechselspiel zwischen Freiflächen und Baukörpern erzeugen sowie insgesamt ein Gebäudeensemble, das sich aufeinander bezieht und in dem dennoch jedes Element für sich eine charakteristische, zeitgemäße Form ausbildet. Den Entwurf kennzeichnet eine klare städtebauliche Ordnung, die das bestehende Institutsgelände ergänzt und dennoch eigenständige, zeitgemäße Neubauten mit klarer Architektursprache schafft. Grundlegende Idee und Chance der Anordnung der geplanten Baukörper ist es, auf städtebaulich stimmige Weise ein funktionsfähiges, lebenswertes Gesamtensemble mit Campuscharakter zu entwickeln.
    Das gesamte Areal befindet sich städtebaulich gesehen, in einem Übergangsbereich von lockerer Einzelhausbebauung im Norden zu blockrandartiger Wohnbebauung mit klaren Kanten im Südosten. Dieses Prinzip prägt den Entwurf, dessen Typologie daher dem Grundgedanken folgt, die bestehenden Institutsbauten nicht durch eine lineare Form zu ergänzen, sondern mit einzelnen, locker angeordneten Erweiterungsbauten auf die städtebauliche Situation zu antworten. Die Konturen der Neubauten sehen bewusst von orthogonalen Ecken ab und beziehen sich auf die Vielfalt der umgebenden Gebäudetypologien, an deren vielschichtigen Ausrichtungen sie sich orientieren. Die städtebauliche Figur der Neubauten reagiert damit auf die unterschiedlichen Gegebenheiten des Geländes mit sich öffnenden, einladenden Gesten in den umgebenden Stadtraum, die Wege- und Blickbeziehungen in das Institutsareal eröffnen.
    Das Gebäude des ersten Bauabschnitts beherbergt im Erdgeschoss die Reaktorhalle, Experimentierflächen und Büro, im Geschoss darüber sind Werkstätten und die Glasbläserei untergebracht. Die leicht schräg verlaufenden Kanten des Baukörpers erzeugen eine einladende, hineinleitende Geste und einen Bezug zum zweiten Bauabschnitt.
    Mit dem viergeschossigen Bürogebäude, das im zweiten Bauabschnitt realisiert wird, entsteht der Dreh- und Angelpunkt der Erweiterung des Instituts. Dies lässt sich auch in seiner städtebaulichen Anordnung und Figur ablesen: Zentral im Herzen des gesamten Areals gelegen, stellt es die Verbindung zwischen Alt und Neu her und ist zentrale Anlaufstelle.
    Der Grundriss setzt einerseits ökonomisch-rationelle Vorgaben um, schafft jedoch andererseits eine angenehme, lichte Atmosphäre mit Aufenthaltsqualität. Die Gestaltung des Grundrisses geht wesentlich auf den Anspruch zurück, größtmögliche Flexibilität im Inneren zu erreichen.
    Als neue Adresse des Max-Planck-Instituts für Chemische Energiekonversion auf dem Institutsgelände dient das Erdgeschoss als Eingangsbereich und Verteilerebene mit Büros und Kommunikationsräumen den viel frequentierten Bereichen. Besucher und Mitarbeiter betreten das Gebäude über den Haupteingang im Südwesten, an den Kommunikationsbereiche und die Erschließungszonen angegliedert sind. Von hier aus erfolgt der Zugang zu den Bürobereichen im ersten bis dritten Obergeschoss der verschiedenen Institutsabteilungen auf je einer eigenen Ebene, die sich um ein Atrium gruppieren und damit eine optimale Arbeitsplatzqualität bieten. Die Organisation des Erschließungsbereich und dienender Funktionen innerhalb einer klaren Raumgruppe ermöglicht eine klare Erschließungssituation, leichte Orientierung und kurze Wege.
    Das Laborgebäude des zweiten Bauabschnitts bildet den städtebaulichen Abschluss zur Kluse im Norden hin und korrespondiert gleichzeitig mit dem Sonderbau zu einer Art Torsituation zum Gelände. Durch seinen Kantenverlauf nimmt es sich jedoch auf subtile Weise zurück und gibt den Blick frei auf das zentrale Bürogebäude. Sein Haupteingang orientiert sich ebenfalls nach Südosten und unterstreicht damit seinen weniger öffentlichen Charakter. Im Erdgeschoss befinden sich hier neben Laboren, Bereiche zur Arbeitsvorbereitung der Mitarbeiter wie Umkleiden und Aufenthaltsbereiche. Das erste bis dritte Obergeschoss beherbergt analog zum Bürogebäude dann ausschließlich Labore. Ebenfalls analog zum Bürogebäude prägen den Grundriss klare Strukturen durch die Zonierung: die Anordnung der Erschließungsbereiche als gebündelte Raumgruppe innerhalb einer mittleren Zone schafft Flexibilität und Effizienz im Inneren.
    Die Um- und Neubauten des Max-Planck-Instituts für Chemische Energiekonversion werden in ihrer geometrisch, abwechslungsreichen Kubatur zum Markenzeichen. Die markante Form, der funktionale Aufbau und die hohe Aufenthaltsqualität machen das neue Institut zum charakteristischen Ort des Forschens und Arbeitens.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Städtebau
    Die Verfasser schlagen einen offenen Campus vor, der durch mehrere pavillonartige Gebäude definiert wird, die sich stadt-räumlich aufeinander beziehen. Sie nutzen damit die einmalige Chance zur Formulierung eines neuen Campus, der sich durch die Schließung der Stiftstraße darstellt. Ihnen gelingt es, maßstäbliche Beziehungen zu den Nachbargebäuden zu schaffen und intern eine anpassungsfähige und sehr leistungsfähige Struktur zu entwickeln. Besonders gelungen sind die Wegebeziehungen innerhalb des Areals, die räumliche Verbindung der beiden Institute und die fußläufige Erreichbarkeit vom Parkplatz. Es entstehen interessante und vielfältig zu nutzende Außenräume, die mit ihren Begegnungsbereichen die Idee des Campus stärken. Von wo die pavillonartigen Gebäude erschlossen werden, wird in der Jury kontrovers diskutiert. Mit geringfügigen Eingriffen wäre die Erreichbarkeit aller Gebäude von der neuen Mitte noch zu verbessern.
    Die Funktionen sind schlüssig und nachvollziehbar in den einzelnen Gebäuden untergebracht. Die Grundrisse sind sehr tief, was aber bei der Nutzung eines Laborgebäudes nachvollziehbar und richtig ist. Das Gebäude für die Elektronenmikroskopie (ELMI) ist richtig situiert.
    Die Bauten sind über Brücken miteinander verbunden. In der Jury wird über deren Nutzung kontrovers diskutiert. Funktionale Verbindungen wie vom Nutzer gewünscht und die Steigerung der Freiraumqualität, die über deren Verzicht zu erreichen wäre, stehen dabei im Widerspruch.
    Auf die Brücke zwischen dem Werkstattgebäude mit Reaktorhalle und dem Gebäude für die Elektronenmikroskopie kann verzichtet werden. Eine Freistellung der Werkstatt würde das Thema der Pavillons stärken.
    Die Grundrisse sind funktional nachvollziehbar und gut durchdacht. Die vorgeschlagene Tragwerkskonstruktion ist aufwendig und sollte zugunsten einer Flachdecke geändert werden. Damit erhöht sich die Flexibilität bei Umnutzungen. Auch auf die abgehängten Decken sollte zugunsten der Erhöhung der Speichermasse verzichtet werden. Die vorgesehenen beiden Untergeschosse sind nicht notwendig und sollten auf eines reduziert werden. Dies ist auch angesichts der hohen Grundwasserstandes und des Baugrunds sinnvoll.
    Die Verfasser schlagen nach allen Himmelsrichtungen identische Fassaden vor. Eine Differenzierung und Modifizierung in Abhängigkeit der Himmelsrichtungen und der Nutzungen würde das architektonische Konzept eher stärken. Insgesamt sind die Fassaden sehr aufwendig und schränken teilweise die Nutzbarkeit ein. Die Fassade wird als sehr wartungsintensiv eingestuft.

    Nachhaltigkeit
    Das Nutzflächenangebot übersteigt die Programmfläche, die Flächeneffizienz ist gering. Die Eingriffe in den Baugrund sind erheblich, insbesondere im Bereich der Tiefgarage und der doppelt unterkellerten Bauteile.
    Die Öffnungsanteile in den Fassaden sind sinnvoll, die vertikalen Fenster jedoch führen zu ungünstigen Tageslichtverhältnissen und erschweren die Möblierung der Räume; ihre Achsmaße stimmen nicht durchgängig mit den Grundrissen überein. Die Fassadengestaltung und –konstruktion ist wenig nachhaltig: scheibenintegrierter Sonnenschutz lässt hohe Aus-tauschkosten erahnen. Die perforierten, gewendelten Alubleche verschmutzen schnell, die Dachfassaden und Fassadenfensteranschlüsse werden wartungsintensiv sein.

    Technischer Gebäudeausbau
    Die Aufteilung der Nutzung in ELMI-Gebäude, Werkstatt/Reaktor, Labor- und Bürogebäude setzt zu jedem Gebäude einen unterschiedlichen technischen Schwerpunkt.
    Das ELMI-Gebäude als einzeln stehendes Bauwerk verfügt über eine Technikfläche im Keller, die zur Aufnahme der notwendigen Technik dient und eine Erschließung der sensiblen Funktionsbereiche ermöglicht.
    Das Werkstatt-/Reaktorgebäude bietet sich mit ausreichenden Technikflächen als zentraler Versorgungsschwerpunkt für die Strom- und Kälteversorgung an und berücksichtigt somit den Aufbau in zwei Bauabschnitten. Zu berücksichtigen ist, dass Flächen für Rückkühlwerke auf der Dachfläche ausgewiesen werden müssen.
    Der Aufbau mit nur zwei oberirdischen Etagen begünstigt die freie Anordnung von vertikalen Erschließungen.
    Die Zusammenlegung der zwei Untergeschosse im Laborgebäude zu einer Technikebene ist zwingend, um die lüftungstechnische Installation des Gebäudes zu ermöglichen. Schächte sind durch das Gebäude angelegt, wobei Modifikationen in Größe und Lage notwendig sein werden.
    Da der Entwurf auf eine Dachzentrale verzichtet, fehlen Aussagen zur Führung von Außen- und Fortluft über Außenkamin oder zusätzliche Schachtflächen. Das Fehlen einer Dachzentrale macht sich somit nachteilig bemerkbar und aus Sicht der technischen Installation und der Nachhaltigkeit wäre die Schaffung einer Dachzentrale sinnvoll und ratsam.
    Das Bürogebäude stellt eine technisch gering installierte Einheit dar und ist in der vorliegenden Arbeit ausreichend intern erschlossen.
    Das Konzept ist städtebaulich hervorragend geeignet zur Schaffung eines identitätsstiftenden Campusgeländes, stellt funktional eine sehr gute Lösung dar und reagiert auf die jetzigen und zukünftigen Bedürfnisse des Nutzers.